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Kasseler Neueste Nachrichten

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Kasseler Abendzeitung

Hessische Abendzeitung

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Nummer 125.

Einzelpreis: Wochentags 10 Pfennig.

Sonntag- 27. Mai 1928.

Einzelpreis: Sonntags 20 Pfennig.

18. Jahrgang

Der feurige Bufcft.

Pfingstgeist soll die neuen Führer erleuchten.

Noch hat uns bislang nur ein flüchtiger Früh lingskutz selig die Wange gestreift. Noch ist der Kastanien weißes und purpurnes Kerzengesun- kel nicht zur himmlischen Gloriole entglommen, der lila und weißen Fliederbüsche schwärmerisch- schmeichelnder Duft, der Akazien, Weiß- und Rotdornhecken, der Blumenbeete flammender Trunk, der Wiesenhänge smaragdenes Ge­leucht hat uns noch nicht mit der mystischen Ver­schmelzung der Sinne mit dem Weltgeist be­gnadet, dessen Ausgießung wir heute in Demut und Verzückung teilhaftig werden sollen. Noch können wir nicht in blumigen Gräserteppichen versinken, zwischen summenden Blütenkelchen den Herzschlag der Natur belauschen, noch ent­führt uns nicht der Sonne goldener Zauberman­tel zum Märchentraumflug über stahlblaue Höhen, über ltchtatmende Meere und Länder, noch schlägt uns keine silbertropfende Südwind- nacht die goldene Sternenleter. Und doch, und doch steht auch dieses brausende Weltglück schon sprungbereit und geflügelt hinter den Bergen und eines Tages wird sein Liebespfeil von klir­render Sehne abschnellen und auch deine Seele treffen.

Und auf das glaubensstarke, gebenedeite Haupt jedweden inbrünstigen Gottsuchers, in je­des sich selbst erneuernde, zum heiligen Wunder der Menschenliebe aufblühende Menschenherz fahren wieder wie vor zweitausend Jahren in sanftem Sausen oder in sturmgepeitschter Regen­slut dte feurigen Zungen des Bekennertums nie­der, das von der tiefen Verbundenheit und Einheit alles Menschentums über Par­tei- und Standesdünkel, über Zonen, Völker und Erdteile hinweg zeugt. Welcher Volksgemeinde aber ziemte dieser Läuterungs- und Genesungs- Prozeß mehr wie der unsrigen! Zwar durch das Höllental der Wahlgewitter sind die Millionen heil und unverzagt hindurchgeschrttten. Nun aber gilt es, das Vertrauen der Arbeits-, Glücks­und Friedenshungrigen nicht zu mißbrauchen, indem man mit diesem unersetzlichen Kapital Parteiwucher oder Schindluder treibt. Aechzt schon die Parlamentswalze so schwerfällig vor­wärts, daß eine vom Volkswillen htnweggefegre Regierung noch wochenlang amtieren muß, nur um nicht das Chaos unter ihren aufgescheuchten Küchlein einreißen zu lassen, so sollte man sich doch etwas einsichtsvoller dazu bequemen, ego­istische Sonderinteressen und Partei-Experimente hinter dem Staats- und Allgemeinwohl zurück­zustellen. Gerade den Linksparkdien ist heute kraft ihrer Uebermacht eine Verantwortung in die Hand gegeben wie nie einer erwählten Volks­vertretung zuvor. An ihren Früchten wird man sie erkennen, ob sie ihre maßlosen Versprechun­gen an den verarmten Zu- und Ueberläufern oder Abgesplitterten des Mittel-, Bauern- und Proletarierstandes einlösen, ob sie die offenen und heimlichen Antirepublikaner an den Staat heranbringen, ob sie den heiß erstrebten Aus­gleich zwischen Kapital und Arbeit und damit das goldene Zeitalter heraufführen können, das ihre Parteievangelien anpreisen. Ober ob sie, in blinde Parteidogmatik verrannt, mit Duldung der Geschworenen Moskaus, sofort die Errich­tung der Diktatur des Proletariats als letzte Etappe erzwingen wollen, um beim nächsten Wahlgang noch gründlicher die Rechnung zu be­zahlen als ihre Vorgänger.

Denn unsere Verflechtung mit den Weltwirt- schaftsintereflen der hochkapitalistischen Länder zwingt uns zu äußerster Vorsicht und Bedacht- samkeit und einer glücklich operierenden Hand können hier ebenso ungeahnte Erfolge beschieden sein, wie ein Stümper und Phantast unabsehba­res Unheil anrichten kann. PoincarS scheint das große Stabilisierungswagnis auch ohne unsere MUlionen-Obligationen zu glücken. Hat man Vorsorge getroffen, die Dawesrevision doch noch in dieses Frank- oder in ein anderes Weltschul­dengeschäft einzuschalten? Wie und wer soll die Räumungs-Offensive ins Rollen bringen, vor der sich heute sogar schon die Pariser Sozialisten­presse bekreuzigt, wenn Stresemann weder auf der Genfer Junitagung noch die nächsten Wochen und Monate einen Finger rühren kann? Wiro man den Weltfriedensphrasen Briand-Poin- cares positive Zugeständnisse und vor allem das Faustpfand am Rhein abringen können, dessen Herausgabe schon seit Locarno fällig ist? Wird die ausgesprochene Friedens-Regierung auch einmal gegen die Klassenjustiz des Bolschewisten- Riesen, soweit sie deutsche Ingenieure betrifft, die energische Sprache wiederfinden, gestützt auf die stark angeschwollene Kommunisten - Vertretung, die sicher für ihre Blutsbrüder nicht weniger

aufrecht einstehen wie die Moskauer für die ihri­gen? Wird man überhaupt die Rapallo-Verttäge fruchtbarer gestalten und vielleicht auch den pol­nischen Bär in der Korridorfrage stellen und... zähmen können? Und soll Grotzdeutschland nur ein Traum schlafloser Nächte bleiben und der tschechische Fuchs Benesch vielleicht einen Keil in die einzige Hoffnung deutscher Weltgeltung ttei- ben? Nicht um dieser unveräußerlichen Natur- rechte und Lebensziele willen haben wir den Titanenkampf der Geister an der Wahlurne aus­gefochten. Aber neben den materiellen Sorgen,

Das Nordpolschiff in höchster Not!

Seit 24 Stunden ohne Nachricht. — Die Hilfs expedition macht sich fertig. — Notlandung im Nordkapeis oder Sibirien?

Kingsbay, 26. Mai. In der Kingsbay herrscht große Besorgnis über das Ausbleiben der Italia und darüber, daß seit Freitag vormittag der Funkapparat des Luftschiffes anhaltend schweigt. Nach 54 Flugstunden hat der Funkapparat plötz­lich zu funktionieren aufgehört, während er vor­her ununterbrochen mit dem Hilfsdampfer Cita di Milano verkehrte und jede halbe Stunde Mit­teilungen brachte. Nach den letzten Funksprüchen dürste das Luftschiff höchstens

250 Kilometer von der Kingsbay entfernt gewesen sein. Der Kommandant der Cita di Milano hat die Kohlenvorräte deS Schif­

fes ergänzen lassen, um nötigenfalls für eine Hilssexpedition aufbrechen zu können. Man hofft bei den Italienern immer noch zuversichtlich, daß General Nobile von dem heftigen Nordwestwind nach Südosten abgetrieben worden ist und ent­weder die Basis von Spitzbergen noch erreicht, oder sonst auf dem Kap-Eis oder in Nordsibirien eine Notlandung vornehmen kann.

* * *

Den obigen unkontrollierbaren Besorgnissen über das Schicksal des Nordpolschiffes wider­spricht der folgende beruhigende Funkspruch, der eine voraussichtliche Landung heute vormittag in der Kingsbay wahrscheinlich macht.

Sind sie doch in der Lust?

Ein soeben aufgefangener Funkspruch läßt

Oslo, 26. Mai. Wie ein um 2,30 Uhr in Kings­bay eingelaufener Funkspruch der Italia meldet, hatte das Polarschtff um diese Zeit vierhundert Kilometer nördlich von der Advents-Bay mit stark hemmenden Winden zu kämpfen. General Nobile hofft aber trotzdem, um 10 Uhr vormit tags in der Kingsbay niedergehen zu können.

*

Zur Stunde noch immer verschonen.

Oslo, 26. Mai. (Durch Funkspruch.) Ein heute Morgen um 8 Uhr von der Kingsbay ab-

doch noch auf glückliche Landung hoffen.

gesandtes Telegramm besagt, daß noch keine Nachrichten von der Italia vorliegen. Der Wind weht nun etwas schärfer und kommt von Norden. Das Expeditionsschiff Cita di Milano nimmt Kohle ein und wird morgen fahrtbereit sein.

Der letzte Slug eines Groß-ÄndustrieNen.

Newyork 26. Mai. (Durch Funkspruch). Hermann Doyle ein bekannter Radio-Industri­eller stürzte beim Rundslug über den Flugplatz ab und war sofort tot.

„Wir hören buch nicht mehr!"

Die letzten düsteren Funksprüche. — Weit nach Suche. — Stecken

Kingsbay, 26. Mai. (Durch Funkspruch.) Die Funker des Dampfers Cita di Milano sen­den ununterbrochen Funksprüche aus mit den Worten: Wir hören Euch nicht mehr. Wir hö­ren immer auf mittleren und kleineren Wellen, antwortet auf Wellenlängen von 30—50 Meter. Das Schicksal des Generals Nobile und der Italia j^unruhigt die Italiener mehr und mehr. Auf Grund des letzten Funkspruchs der Italia sucht man die Stelle zu erreichen, an der sich das Luftschiff befand, als Freitag morgen gegen VAX Uhr der Funkdienst aufhörte. Freitag morgen 3J4 Uhr hatte General Nobile berechnet, noch hundert Meilen von der Insel Moffen entfernt zu fein, die sich ungefähr auf dem achtzigsten

Osten abgetrieben. — Das Hilfsschiff auf der sie im Polareis?

Breitengrad im Norden von Spitzbergen befin­det. Daß die Fahrt immer schwieriger wurde, beweisen die

letzten lakonischen Funksprüche, die dringlichst empfehlen, unbedingt jede halbe Stunde von der Cita di Milano funkentelegra­phische Signale zur Korrektur des Kurses abzu­geben. Die letzten Funksprüche lassen deutlich er­kennen, daß das Luftschiff von Südwesten immer nochnachO,.en gedrängt wurde. Jedenfalls herrschte auch am Freitag sehr starker Westwind. Man tröstet sich mit.der Tatsache, daß das Luft­schiff für eine Notlandung im Polargebtet ausgerüstet sei und Lebensmittel für einen Mo­nat an Bord habe.

Abgefchosfene... Flugzeuge.

Der erste Versuch geglückt. — Wien macht Opel und Raab-Katzenstein Konkurrenz.

Men, 26. Mai. Im UeberschwemmungSge- biet der Donau fand gestern der erste Probeflug eines von dem Ingenieur Frey, Direktor Mül­ler und Aurelius Bisail hergestellten Raketen- slugzeugmodevs statt. Das Flugzeug ist ganz aus l e i ch t e m Metall hergestellt. Als Trieb­kraft finden Raketen Verwendung. Das Mo­dell erreichte bei den Versuchen eine Geschwindig­keit von 150 Kilometer. Nach dem ersten Probeflug erlitt es eine kleine Beschädigung, die jedoch an Ort und Stelle behoben werden konnte. Die Erbauer beabsichtigen, demnächst ein grS- ßereS Modell herzustellen.

Wie sich Litauen verjüngt.

Eine moderne Verfassung. — Aber daS ge­raubte Wilna bleibt Hauptstadt. — Eine bit­tere Pille für Polen.

Kowno, 26. Mai. In Litauen wurde heute eilte neue Staatsverfassung verkündet. Hiernach

wird der Präsident der Republik auf fünf Jahre gewählt. Die Kabinettsminister sind dem Parla­ment verantwortlich und müssen bei einem Miß­trauensvotum von drei Fünftel aller Mitglie­der des Parlaments zurücktreten. Das von Po­len besetzte Wilna ist die Hauptstadt Li­tauens (!) und eine provisorische Hauptstadt kann nur durch besondere Gesetzesvcrfügung an­derweitig errichtet werden. Weitere Bestimmun­gen betreffen Wahlen, StaatSrat ufw.

Japan« Fußangeln lür den Kelloggpoft.

London, 26. Mai. Wie aus Tokio verlautet, stimmte Japan dem KriegSverzichtpakt Kelloggs unter der Voraussetzung, daß der geplante Vor­schlag nicht irgend einen militärischen Schritt beeinflussen wird, den Japan für seine Selbst Verteidigung für notwendig erachtet (!) bereit­willig zu. Japan ist zu einer Konferenz bereit Bölkerbundssatzung und Locarnoverträge wer­den dadurch nicht berührt.

die diesmal die Millionen nach links abtrieben, werden die erwählten Picniere uns in erster Linie durch diese Urwalddickichte eine Gasse schla­gen müssen, ehe wir den Fuß ans Gestade son­nigerer Tage werden setzen können. Möge das Pfingstseuer vom Himmel auch auf Häupter und Zungen der neuen Jünger niederfahren ,daß sie wenigstens in diesen Dingen alle nur in einer Sprache zeugen und der Geist der Gemeinschaft, Brüderlichkeit und Menschenliebe wie der feurige Busch des Herrn vor ihnen herwandelt, dem Kanaan einer neuen Morgenröte entgegen, r. R.

Das Glück in uns.

Der neue Mensch ist jetzt erwacht.

Von

Arthur Brausewetter.

Archidiakonus von St. Marien-Danzig. „Wenn der alte Mensch zerstäubt, Wird der neue wach!"

Ist in diesem Goechcwort nicht die eigent­liche Pfingstidee enthalten? Und das eigentliche Pfingstwunder: Das Werden des neuen Men­schen? Wie Vieles aber muß erst zerstäuben, da­mit Raum für das Wachwerden des neuen werde. Ein neuer Mensch: Wie viel Sehnsucht liegt in diesem Worte und wie viel Verheißung!

Pfingsten ist es geworden. Der Geist kommt im Brausen gezogen. Nein, er kommt nicht wie früher einmal im sanften Säuseln jungbelaub­ter Birken, im weichen Lied gefiederter Sänger. Hart ist die Zeit, heiß der Kampf. Sturm heißt die Harfe, auf der er spielt. Beugen will er und brechen, damit das Alte weicht und Raum werde für das Neue: Der neue Mensch, das ist seine Losung und sein Ziel. Das ist auch unsere Sebnsucht, unser Ziel.

Mer wie wird der neue Mensch?

Durch Einkehr bei sich selber.

Das deutsche Volk ist immer am stärksten ge- wesen, wenn es sich "is sich selbst besann, auf die Wurzeln seiner Kraft und seiner Würde. Dies AufsichseMtbesinnen war es, das uns wie­der aufwärts führte, neuen, tirnkil Hachen ent­gegen. als vor über hundert Jahren die schwer­sten Zeiten über uns gekommen waren. Wenn wir uns beute auf uns selbst besinnen, auf unsere Kraft und unseren Willen, wenn wir den Mut haben werden, aufzuhören mit dem Zagen und Zweifeln an uns selber, dann wird es wiederum auf- und lichtwärts mit uns geilen. Dazu will der Pfingstgeist uns rufen und Wecken.

Wenn wir nur erst den ernsten Willen zum Großen und Guten haben, treu gegen uns selber sind und dem' Ideale unserer Selbst mit bin* gebender und unermüdlicher Liebe nachstreben, dann werden wir die Kraft des wundertätigen Pfingstgeistes in uns spüren und erleben. Dann werden wir in der Kraft dieses Neuen Geistes unserem darniederliegenden Vaterlande dienen und es aufrichten können. „Wenn jeder nur als Einzelner seine Pflicht tut und jeder nur in dem Kreise seines nächsten Berufes brav und tüchtig ist, dann wird es um das Wohl des Ganzen gut stehen-, meint Goethe zu Eckermann (1631)

Man muß nur den Mut haben, ganz selbst zu sein. „ „

Warum wir den Pstngstgeist bitten wollen? Daß er uns zu uns selber zurückführe! Viel haben wir verloren. Viel werden wir verlieren. Und es wird nicht unwiderbringlich sein. Nur wenn wir uns selbst verlieren, haben wir alles verloren.

Manch einer fühlt es mit tiefem Leid, daß er sich selbst verloren hat und findet trotz aller Anstrengung den Weg zu sich selber nicht zurück. Da setzt der Pfingstgeist ein. „Siche, ich mache alles neu!“ heißt seine Losung. „Werde, der Du bist st' sagt der alte Pindar.

In unseres Volkes Seele ruhen gesunde und güte Kräfte. Aber wie der Einzelne, so kann auch ein Volk sich verlieren. Dann muß es zu sich selber zurückkehren, zu den Wurzeln seiner Kraft und seiner Tüchtigkeit. Tut es das, so ist cS genesen und gerettet. Auch dazu erbitten wir die Kraft des Heiligen Pfingstgeistes und den Glauben an ihn, ohne den nichts Gutes und Großes werden kann.

Ein neuer Mensch! Das heißt ein solcher, der zu sich selber zurückkchrt, sich auf sich selber zu stellen vermag. Was ist das Grundübel, an dem wir heute kranken? Daß sich keiner auf sich selber stellen mag, daß es so wenige Menschen gibt, die Verantwortung auf sich nehmen wollen. Je mehr einer aber in der Ausübmig seiner Tätigkeit nach rechts und links schielt, je eifri­ger er sich bemüht, es allen recht zu machen, um so weniger wird er dem Ganzen nützen, seinem Wohle dienen.

Wer dies will, der mutz zuallererst nur auf seinen eigenen Weg sehen, muß wirken und schaffen, als gäbe es außer ihm niemand auf der Welt. Die Hauptsache, will man das Ganze fördern, ist immer: alles auf seine eigenen Schultern nehmen, sich auch nicht durch senti­mentale und weichliche Rücksichten ans der einmal als recht erkannten Bahn bringen lassen, sondern keinen Richter über sich anerkennen als Gott und sich selber.

Das Verantwortungsgefühl ist das erste Er» sordernis für den wahren Diener des Allgemein«