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Kasseler Neueste Nachrichten

Kaffeler Abendzeitung

Hessische Abendzeitung

Nummer 108.

18. Jahrgang

Dienstag, 8. Mai 1928

Einzelpreis: Wochentags 10 Pfennig.

Einzelpreis: Sonntags 20 Pfennig.

China erhebt sich gegen Japan

ungefähr 200000 Bauern, die etwa 2600Idie Bauernpartei übergeht.

schiert. Sie marschiert, weil sie marschieren

Nationen, indem er- im jeweiligen Augenblick

muß. Darum brauchen wir auch an dem end­gültigen Erfolg nicht zu zweifeln.

Zuchlhaus für die Fkmesünver.

Stettin, 7. Mai. Am Fememorvprozeß Mit« de der Angeklagte Heines wegen Totschlags,zu fünfzehn Jahren Zuchthaus, Otto wegen Tot- ckgaqs zu vier Jahren Zuchthaus und der Ange­klagte Fräbel wegen Beihilfe zum Totschlag zu drei Jahren Zuchthaus verurteilt. Sünf Ange-i

Moskau, 7. Mai. Der Sowjet Gesandte in Warschau legte wegen des Atteutats auf den Sowjet-Handelsvechreter Lifare» entschiedenen Protest gegen die Passivität der polnischen Behör­den gegenüber den terroristischen meisten Emi- grantenorganisationen ein. Tas Attentat sei

Belgrad, 7. Mai. (Eigene Drabtmcldung.) Seit gestern nachmittag ist die Verbindung mit Bukarest unterbrochen. In Belgrad sind Ge rüchte verbreitet, daß in Alba Julia und Buka rcst schwere Ausschreitungen vorgekommen sind und datz cs zu blutigen Zusammenstößen zwischen Baucrngruppcn und Gendarmerie gekommen sei. Die Bauern sollen bereits auf dem Wege nach Bukarest und fest entschlossen sein, sich jeder Mi litärgewalt zu widersetzen und das Militär und die Gendarmerie zu entwaffnen. Einzelne mi­litärische Abteilungen sollen sich freiwillig den Bauern an geschlossen haben. Man schließt auf schwere Ereignisse, weil zwischen Bel grad und Rumänien seit gestern nachmittag jede Verbindung eingestellt wurde.

Die Regierung mutz fort!

Hundcrttausende schwören. Dramatische Szenen und Auftritte.

Alba Julia, 7. Mai. Am Sonntag hatten sich in den frühen Morgenstunden die Bauern- maflen unter dem Vorantritt von Musikkapellen sowie Frauen und Kinder in Alba Julia ein­gefunden. In den Straßen kampierten

natronMe Form. i mit aemcinc» Verbrechen zu stellen ist, geic^si" dt'vn s'rnrr-« Verbleiben in Polen die «e-

Reue Wege rn der r icd cns j lchc ru n gi z» morden, tziLznngen zu Moskau gefährdet.

Die Note wirb deutlich.

Warschau soll die Antibolschcwistrn «NStreibrn.

klagte werden freigesprochen. Während dietl. .. ...

Linkspresse die Strafen für gerecht erNärt, ver-IEigentlich gegen den Sowjet-Gesandten selbst ge­langt die Rechtspresse eine Revision, um deu! Plant gewesen. Moskau habe wiederholt vor den Motiven der Tat, die nickt auf die gleiche Sseltrrroeistischen Plänen der Emigranten gewarnt.

Der weg ins Licht.

Wo Strefemanns letzte Ziele liege«.

Heidelberg, 7. Mai. Bei Verleihung des Ehrendoktortitels führte Außenminister Strese- mann u. a. aus, daß auch eine Weltorganisation nicht ohne nationale Wurzeln möglich sei. Wer die Vereinigten Staaten von Europa aufbauen will auf irgendeinem Menschheilstypus, der sei- nent theoretischen Denken vorschwebt, der ver­kennt die realpolittsche Entwicklung der Dinge und stößt diejenigen zurück, die in der wirtschaft­lichen und politischen Verbundenheit selbständi­ger Völker einen Fortschritt zu sehen vermögen. Es ist aber noch nicht zwischen den einzelnen Staaten derjenige Ausgleich erfolgt, den die Na­tur der Dinge gebietet und der ein gleichberech- igtcs Neüeneinandcrleben gewährleistet. Eben- o müssen die Formen für den internationalen Zusammenschluß selbst noch gefunden werden. Sv ergibt sich eine doppelte Aufgabe.

reien, gleichberechtigten Deutschlands mit allen anderen Staaten zusauimen in eine stabile in,er

China klagt an.

Wachsende Erregung gegen Japan.

London, 7. Mai. Der Oberbefehlshaber der nationalistischen Streitkräfte General Tschang- kaitschek hat von Tfinanfu aus an die Regie ri»na in Nanking folgendes Telegramm gesandt: Die japanischen Truppen haben uns ohne je­den Grund hcrausgefordcrt. Die Zahl unserer getöteten Beamten, Soldaten und Zivilisten be­trägt mehr als 10000. Die Bosheit der Japa­ner übersteigt jede Beschreibungsmöglichkeit. (Kn solchen Herausforderung kann ich mW nicht beugen". Die chinesischen Zeitungen und Studentcnvcrbände und selbst die chinesischen Handelskammern und die lokalen Beamten ha­ben sich zusammen geschloffen, um die chinesische Oeffentlickffeit gegen Japan mobil zu machen Ein Handelskammer-Manifest beschuldigt Ja­pan, den nattonalistischen Vormarsch zum Ste­hen gebracht und den Autzenkommiffar Kung- Ehin ermordet zu habe«. Die Japaner hätten ihm die Augen ausgestvchen und die Rase abge­schnitten. Die Meneleien, Morde und anderen Vergehen der japanischen Soldaten in Tsinanfu künden in striktem Gegensatz zu jeder Moral und seien ohne Parallele in der Geschichte der Verbrechen.

Dw Bauern: wollen regieren

Bukarest, 7. Mai.^ (Eigene Draht Meldung.» Der Kongreß der Bauernpartei in Karlsburg, an den sich eine Vcrsamn^ung unter freiem Himincl anschloß, ist ohne alle Zwischenfälle verlaufen, ebenso in Krajova, Cetnowitz, Jaffq, Braila. Die Resolutionen wendam sich überall scharf ge­gen die Liberalen und fordern, datz die Macht an

Bauernmarfch auf Bukarest?

Gerüchte von blutigen Ausschreitungen Rumänien. Militär läuft über. Fern­sprechverkehr gestört.

Besser als nichts.

Aber noch weit ab vom Einheitsstaat.

Nachdem die Bewegung zur Reorganisierung unserer Verwaltung unter dem Druck der steigen­den <stcuetm|ten ;aft das ganze Voll ergriffe« batte .konnte sich auch die Reichsregierung deni Zug der Zeit nicht entziehen. Sie ließ denn auch eine der heule fo veltevten Konferenzen aoyatten und die Ländcrvertreter gingen nach stundenlan­gen schönen Debatten und Gesten befriedigt aus­einander. Inzwischen ist natürlich alles beim Alten geblieben. Da aber der Verwalluugsappa- rat einmal in Funktion gesetzt war, beschäftigt man sich wenigstens theoretisch in den Regie­rungskanzleien mit dem großen Problem und, um der Welt zu zeigen, daß man sich wirklich der Sache angenommen habe, hat man bereits den seinerzeit im Januar eingesetzten Ausschuß für Verfassungs- und Verwaltungsreform zu einer Sitzung nach Berlin einberufen. Die Besprechung war aber rasch wieder zu Ende, man setzte zwei Unterausschüsse ein, die .Material sammeln und diskusionsreife Unterlagen für die nächste Sitzung des Ausschusses zusammenstellen sollen. Wie man sicht geht also die Angelegenheit den kor­rekten Weg weiter ,der alles nimmt, was einmal in die Hände der Bürokratie gefallen ist. Ter Ausschuß selbst hat die Probleme in drei Abtei­lungen gegliedert. Vorne an steht die Frage des Verhältnisses von Reich und Ländern. Damit man aber nicht gleich allzu große Dinge zu er­warten braucht, hat man einschränkender Weise binzugefügt, datz diese Frage insbesondere unter her Gesichtswinkel der Aufgaben- und Zuftän digkeitsverteilung geprüft werden soll. Fürs zweite will man gch mit Der Frage der kleineren und Der leistungsschwachen Länder, sowie der ter­ritorialen Flurbereinigung befassen und zum dritten sollen die allgemeinen Fragen der Ver­waltungsreform unter die Lupe genommen werden. M

der militärischen Niederem,Mng eines fremden Staatswesens die Auswertung der machtpoli­tisch gegebnen Möglichkeiten .auf ein Maß be­schränkte, das nach mcnschl«sier Erwägung ein späteres Zusammenarbeiten mtt dem Gegner von heute gestatte. Bismarck habe eine Zerschmette­rung Frankreichs 1870 klug ckbgelehnt. Die Ge- neration nach Bismarck hat setne Politik nicht mehr verstanden. Und irat Weltkrieg hat das gegtnfcUigc Mißtrauen inj? riesenhafte ver­größert, er hat aber zugleich in allen Völkern die Erkenntnis zur Reife gcbräM daß es

so nickt weitergeht,

und daß die Menschheit und insbesondere das alte Europa rettungslos der Seslbstzersleischung verfallen würden, wenn es nicht fgelingen sollte, aus Vein System der internattontalen Anarchie, der unbeschränkten Herrschaft deis nationalen Egoismus der Bündnisse und' Grgenbündnifle hermrszukommen. Die Welt mrrß sich klar darüber werden, daß in Zukunft ein solches Hand-in-Hand-Arbeiten nur möglich ist zwischen Mächten, die einander ganz allaemiüp auf dem Fuße der Gleichberechtigung bebanMt Gerade jetzt muß man den breitesten Schichten «klar machen, daß eine Störung in der Friedens arbeit die Entwicklung der Menschheit um Jchhre zurück- toerfen könnte Möchten wir verstehan, daß die Weite des Gesichtskreises, die Kenntnjis anderer Völker und anderer Menschen eine Erweiterung unsere- nationalen Arbeitsfeldes ist mnb möchte die studentische Jugend so dazu beitragen, tn der großen

geistigen Republik der Welt dem Deutschen die Stelle wieder mitzuerobern, auf die es ein Anrecht hat auf Grund seiner Geschichte und seiner Entwicklung. Die Rede klang in einen Friedensappell an die Wellt aus, um ein freies, in seiner Souveränität nicht be­schränktes, den Frieden und der Fortentwick­lung der Menschheit bienendes, geistig mitfüh­rendes Deutschland zu schaffen. Starker Beifall.

Gemeinden vertraten und 160 Musikkapellen mit sich führten. Auf großen Plakaten wurde über­all dar Rücktritt der Regierung gefor­dert. Eine Resolution stellte fest, daß die Re­gierung durch einen Staatsstreich an die Macht gelangt sei und ihre Herrschaft verfassungs- und gesetzwidrig sei. Auf dem großen MichaelSplatz sprachen alsdann zu gleicher Zeit sechs Redner deren Rehen mit ungeheuerer Begeisterung aus- geiiommen, wurden. Ueberall vurbe die Reso­lution angenommen, worauf die Bauern einen feierlickppi Eid in die Hönde der Pfarrer ablegten, in dem sie schworen, daß sie ihren Kampf gegen die gegenwärtige Regierung nicht aufgeben warben, die am Totenbett des Königs Ferdinand dem König ein Dekret ent­lockt habe und die noch dem Tode Ionel Bra- tianus zur Schmach des rumänischen Volkes geworden sei. Der Zweck des Kampfes sei, ein freies Rumänien zu schaffen. Abg. Dr. Dobrescu forderte sie dann auf, sich für den Marsch nach Bukarest bereit zu halten. Einzelne Bauerngruppen drangen inzwischen in die Stadlämter eßn und erzwangen das Hissen der Flagge.

Die Regierung geht nicht von ofletn

Bukarest, 7. Mai. Der Präsident der natio­nalen Bauernpartei Julius Maniu hat dem Re- gcntschaftSrat die Beschlüsse des Kongresses von Alba Julia vorgelegt. Die Regierung erklärte, bestehe für fie kein Grund zum Rücktritt.

Auzeiaeupreite: Ifctnbetmttoe (SdäfiftSametaen btt mm-Setle M) 4 anteärtte* (SetoaftSatneieen bie mn»3eile 10 4. ftamUtenanseiaen die mm«."teile 10 4 Kleine Anzeigen an» Kassel da» «ort 6 4. auswärnge kleine Anzeigen bie mm» Seile 10 4. Reklame» die mm.Seile 88 4. Offertoebübr 96 4 bet Sufteflun» 36 41. SRed>nona8beträge Innerhalb 5 Tagen zahlbar ftur bte Stiibnafw afier durch Setnfnretber aufaeaebenen Anzeigen foroie für Aufnabmebaien und Tlabe kau» nicht garantiert werden. Äür flnieiaen mH besonders WiTOtenaem Da8 1OP Prozent Aufschlag. Druckerei: Schlachidofitt. 98'30. GeilbäfkSsselle: Söluifckestr 6

Das Ziel iss klar.

Wie kommen wir zu Kolonien? 1 Von Re chskolonialmtnisier a. D. Dx. Bell.

»ein Volk kann ebne S-lanie» leben.. Darum t beschäftigt alle Regierenden nub Rc,,ert-n die

Lebensfrage am tiefsten, eb Deutfchlaub Moto« nialbesstz erstreben ober ob es versuchen soll, d>e ihm entzogenen «»Ionien wieder «n gewinnen. Wir haben eine An,-bl berufener Persönlich, ketten aufgesordert. ,nm Problem bet »olonml« poliiik Stellung zu nehmen nnb veröffentliche» an dieser nnb anderen Stellen die betteffenben

t Aenhernngen .ohne selbst in den Streit der

Meinungen eingreifen in «ollen.

Gewiß bewahren uns herbe Enttäuschungen - der Vergangenheit vor optimistischem Zukunsis- i blick. Aber es ist doch jetzt durch den Völkerbiind und durch den Sih in der Mandatskommission ein Forum gegeben, vor dem wir als glcichbc- ; rechtigter und gleichwertiger Faktor keine Gcle- : genheit versäumen dürfen und werden, unsere berechtigten Kolonialansprüche mit Nachdrnch zur

; Geltung zu bringen. Darüber hinaus dürfte es ' im gegenwärtigen Zeitpunkte ebenso zwecklos 1 wie bcb enklich sein, sich auf konkrete For­mulierungen unserer Ansprüche festzulegen. Hier

' gilt es für die Reichsregierung, ihr diplomati- sches Meisterstück zu erbringen und den alten Er­fahrungssatzPolitik ist die Kunst des Errcichba- ren* dergestalt zur Geltung zu bringen, datz wir eine für Deutschlands Zukunftsgestaltung mög­lichst ersprießliche Lösung herbeiführen. Wann dieser Zeitpunkt gekommen sein wird, welche be­stimmten Kolonien wir dann für uns bcansvru- chen sollen, ob wir dabei unbedingt auf der frü­heren Kolonialhoheit bestehen ober uns aus praktischen Erwägungen wenigstens einstwei­len mit Mandaten begnügen sollen, wird we­sentlich abhängen von der Gestaltung der Ver­handlungen, der gesamtpolitischen Konstellation und der Entwicklung des Völkerbundes.

eins ist jetzt schon zu beloneu: uns mit n . o« fern, abgelegenem und unwirtschaftlichem Moli» nialterrain abspetsen zu lassen, das müssen

wir unter allen Umständen ablehnen.

Das erste Bedenken, wir könnten durch Kolonial­politik mit anderen Ländern in Konflikt geraten, dürfte im Zeitalter des Völkerbundes doch an unserer festgelegten Gleichberechtigung mit von anderen Ländern, die auf Kolonialpolilik keines­wegs verzichten wollen, fcheitern. Und vonIm- pertalismus" kann int Vergleich mit der kolo­nialen Ausdehungn anderer Länder überhaupt keine Rede sein. Der drille Einwand, Deutsch­lands Kolonialbesitz habe sich nicht rentiert, wi­derlegt sich durch die wirtschaftlichen und finan­ziellen Feststellungen über unseren in verhältnis­mäßig kurzer Zeit vollzogenen kolonialen Auf- schwuttg bis Kriegsausbruch. Unser Interesse, aus eigenem Kolonialbesitz einen Teil unserer benötigten Rohstoffe und Nahrungsmittel unter erträglichen Bedingungen zu beziehen und ei» geeignetes Absatzgebiet für unsere Fertigfabr:» täte zu erhalten, ist unverkennbar. Dem bienen Einwande, daß der gesamten Kolontalgebarun.z angesichts der immer stärker in die Erscheinung tretenden Bestrebungen der Eingeborenen nach

Selbständigmachung der Untergang drohe, begegnen zwei Tatsachen: einmal, daß fein einziger Kolonialstaat seine Politik auf solche Er- Wägungen einstellt, und weiter, daß für derartige Befürchtungen in letzter Linie der für Deutsch- lands Kolonialinteressen wohl ausschließlich ver­wertbare Erdteil Afrika, dessen gesamte Äolonial- frage noch immer ungelöst ist, in Betracht kom- men wurde. Fünfter Einwand: Deutschland könne angesichts seiner militärischen Qhnmaütt Kolonialbesitz nicht mehr schützen. Auch dieses Bedenken wird Deutschlands Stellung im Pötter- bung und seiner Zukunftsgestaltung nicht gerecht. Alles in allem genommen laute Deutschlands Ko­lonialparole: frei von überschwänglichem Opti­mismus und von Ueberfpannung unerfüllbarer Ansprüche, aber auch frei von unfruchtbarem Pessimismus, zielklare W irklichk e t ts- p o l i ti k, gerichtet auf rechtzeitige und taffräf« tige Verwertung vaterländischer Interessen.

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Man Will dabci vorläufig auf dem Wege der Evolution, b. h. der Entwicklung von innen heraus zum Ziele kommen und wagt es nicht, grundlegende Aenberungcn etwa in der Rich- tung auf den Einheitsstaat zu allzu heftig in Angriff zu nehmen. Wie man vermuten kann, sind Reichsregierungen und Länder schon damit zufrieden, wenn es ihnen gelingt, auf dem Gc- blete der Aufgaben- und Zustelligkeitsverteilung postiive Ergebnisse zu erreichen. An sich ist das natürlich herzlich wenig und wird die große Bewegung, die inzwischen im deutschen Volke entfacht worden ist, nicht ersticken können. Es ist selbstverständlich, daß eine grundlegende Aenderung des Verhältnisses zwischen Reich und Lander nur organisch vorgcnommen werden kann und daß man unter allen Umständen ver­meiden muß, mit Gewalt ober Zwang über die Wunsche der Bevölkerung Der einzelnen hinweg ru gehen. Immerhin läßt sich aber auch auf bie» fern Wege ein Fortschritt erreichen, wenn man wirklich an den Kern der Sache faßt und nicht die Zeit damit vertrödelt, an Symtome» borumzukurieren. Eine große Gefahr aber birgt Sie ganze Methode, nach der man die Verwob tungsreform vornehmen will, in sich. Da unter dem Drucke der finanziellen Entwicklung gerade bei den kleineren und leistungsschwachen Län­dern sich sicher in absehbarer Zeit ein Anschluß' bedürfnis geltend machm dürfte, ist es sehr leicht möglich, daß, wenn dieser Anschluß zwi­schen Ländern geschieht, eine organische Rege- nmg ber ganzen Frage ausgeschaltet wird. Zwischen den übrig bleibenden Staaten würde sich die Rivalität in einem folchen Falle noch weiter ausbaucn und, da die Größenverhält- n-sse vermutlich eine wesenttiche Verschiebung nach der Seite hin erfahren würden, daß die großen Länder noch größer wurden, wäre eine Vertiefung der jetzt schon beslcbenden Klüfte die nächste Folge. Es heißt also, ssolch-», Anfängen vom Grunde auf zu wiederstehcn.

Etwas anderes ist es natürlich mit der soge­nannten territorialen Flurbereinigung. In dieser Beziehung kann Wandel geschaffen werden, ohne daß wichtigere Belange gefährdet werden. Sic können die 128 Enklaven, die wir in Deutfchlanb haben, ohne weiteres ver­schwinden. ja sie müssen verschwinden, schon wegen der mancherlei wfit seltsamen, ja teilwei­se sogar lächerlichen Verhältrrisse, zu denen diese Zerrissenheit geführt hat. Bei einiger» maßen gutem Willen ist hier sehr schnell ein Modus vivendi zu finden. Bei der allgemei­nen Vcrwaltungsreform bandelt es sich VF: ul» lern darum, die Ueberschneidungen her Aufga- benkreise auszufchlachfen und den Leerlauf zu beseitigen Alles in Allem genommen wird man 1 aber nach den Erfehrungen, die man mit der Behandlung solcher Fragen durch die Bürokra­tie gemacht hat, doch gut dran tun, sich nicht $u=

viel von all den Konferenzen und Ausfchüssen hat erst Bismarck befebvitten. Bismarck stellte zu versprechen. Immerhin aber ist schon das die Machtpolitik in den Dienst einer planmäßi- ein günstiges Omen, daß die Reichsreform mar- gen Förderung des Zusammenlebens der