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Nr. 101.

Acht sinter Jahrgang.

Kasseler Neueste Nachrichten

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L Beilage

Sonntag, 29. April 1918.

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Ein Inserat

in der Rubrik Kleine Anzeigen der Kasseler Neuesten Nackrickten ist billig uud kervorrageud wirksam!

Än Sellsrher-Prozeß.

Ist Hellfehen kriminalistisch zu verwerten?

Bon

Dr. J, R 'pincer

8m 30. Avril beginnt la Insterburg der Pro­zeh gegen die Hellseherin Fran Schuldirektor Else Günther-Geklers. deren hellseherischen Fähigkeiten bei einer zurückliegenden Gerichts­verhandlung zum Teil erwiesen wurden. In­wieweit das Helllehen iür die Zwecke der Kri­minalistik dienstbar gemacht werden kann, darüber gibt im Folgenden ein erfahrener Kriminalist, der selbst schon den Versuch ge­macht Hai, mit Hellsehern zu arbeiten, einige nutzer»rdenllich interessante Aufschlüsse:

Meine Erfahrungen mit Hellsehern auf dem Gebiete der Kriminalistik haben meinen Skepti­zismus noch nicht vollkommen beseitigt, aber immerhin den Wunsch rege werden lassen, daß man einen Stab von einigermaßen zuverläsii- ?en Medien und Hellsehern, falls diese sich für riminalistische Zwecke zur Verfügung stellen, heranzieht, prüft und erprobt Prüfen und er­proben setzt aus beiden Seilen ein großes Ent­gegenkommen, Willfährigkeit und Opferwillig­keit voraus, denn man kann einem Hellseher nicht zumuten, daß er Zeit und Spesen opfert, um in einem Kreise, der ihm mit Mißtrauen «nrgegenkommt. sein« Nerven anzuspannen, um nachher, wenn er nicht oder falsch verstanden wird, mit Achselzucken entlassen zu werden. Zwei Kardinalpunkte sind mir bei bisherigen Experimenten besonders ins Auge gesallen: Das mangelhafte Ausdrucksvermögen der Hell­seher und die dadurch bedingte Unmöglichkeit, mit dem zum Ausdruck Gebrachten etwas kri­minalistisch Bedeutungsvolles anzufangen. Mit anderen Worten: der Hellseher kann das Ge­sehen« mit seinem unkriminalistischen, oft pri­mitiven Sprachschatz nicht so wiedergeben, daß der Kriminalist damit etwas anfangen kann.

Die hellseherischen Medien, die nach dem Er­wachen nicht mehr wissen, was sie sahen und was sie sprachen, haben >m Trance eine vom Flüstern bis zum Brüllen variierende Sprache, vermischt mit Seufzen, Silben und abgebroche­nen teils auch unverständlichen Sätzen, die auch der geübteste Stenograph nicht einwandfrei wiedergeben kann. Aus diesem Grunde stehe ich aus dem Standpunkt, daß keine Hellseher- Sitzung von kriminalistischer Bedeutung unter­nommen werden sollte, bei der nicht außer vom Stenographen auch noch grammophartsch di« ganzen sprachlichen Aeußerüngen ausgenommen werden, um sie nicht nur zur genauen Verarbei­tung der Spur, sondern auch im Gerichtshöfe reproduzieren zu können, und, was mir beinahe ebenso wichtig erscheint, sie auf den Angeschul- digien wörtlich einwirken zu lassen.

In einer Mordfache, die lange unaufgeklärt blieb und die ich bearbeite, wurde auf Veran­lassung der Familie ein Leipziger Hellseherin­nenpaar zugezogen. Es fanden zwei Sitzungen mit den Frauen statt, die eine in Berlin, die ander« auf dem Tatort. Wir hatten alle Vor­sichtsmaßregeln getroffen, um jede Mhstifikati- on oder Durchstecherei zu verhindern. Die Pro­tokolle wurden dreifach geführt, durchweg von Leuten, die der Sache mit der größten Skepsis, ja eher mit Ablehnung gegenüberstanden. Von vorn herein hatte ich das Material in drei Ab­teilungen eingeteilt: In das, was jeder aus der Zeitung oder dem Mordplakat wissen konnte in das, was nur der Polizei und den Experi­mentatoren bekannt war und von dem man hätte vermuten können, daß eS durch Unvorsich­tigkeit oder auf einem anderen Wege zur Kenntnis der Hellseherinnen hätte gelangen können; Endlich in alles das. waS in jedem Fall noch gänzlich unbekannt war.

Zum großen Erstaunen wurde das Material der ersten beiden Kategorien ziemlich einwand­frei, Wenn auch sprachlich sehr defekt, wiederge­geben: drei Getreidediebe erschlugen mit einem Feldstein einen Gutsinspektor, der sie verhaf­tet und bei einem Fluchtversuch angeschoffen hatte. Jeder Schuß des Inspektors sei ein Tref-

ser gewesen; der Metstgetrofsene hab« dem jun­gen Schützen, dem man keinen Hund mitgege­ben hatte, den Kopf zerschmettert. Von völlig Unbekanntem wurde in beiden Sitzungen nur relativ wenig mitgeteilt: Von den drei Män­nern seien zwei Brüder, einer davon habe einen Namen, der mit W. beginne. Sie hätten dem Toten seinen Karabiner Wegnehmen wollen, aber der eine habe davon abgeraten. Die Fluchtrichtung der ziemlich schwer verwundeten Männer wurde einigermaßen richttg angegeben Das war alles.

Für die Kriminalpolizei war mit diesen An- gaben so gut wie nichts anzufangen. Als aber Monate darauf die Schuldigen gefaßt wurden, stellte es sich heraus, daß die wenigen gemach­ten Angaben der dritten Kategorie vollkommen richtig waren. Zur Verfolgung einer Spur aber waren sie nicht genügend, wenn sie auch zwei­fellos als hellseherischer Erfolg zu buchen sind

Der praktische Mißerfolg liegt wohl nicht zu­letzt daran daß die beiden Hellseherinnen krimi­nalistisch zu ungebildet waren; die eine, um zu fragen, bte andere, um Gesehenes ohne Schreckensäußerungen überwuchernder Art wie­derzugeben, ganz abgesehen von ihrem Dialekt der für die Teilnehmer der Sitzung nur schwer verständlich war Dazu kommt eine nicht immer gleichmäßige Dispo sttton der Medien, wie bei allen nervös-intellektuellen Prozessen, und die mangelnde Einstellung von uns allen, die wir vielleicht übermäßig skeptisch arbeiteten.

Aus aller Well

Der Todessturz in die Tiefe.

Auf dem Flugfeld von Monte Celio bei Rom ist der 48 Jahre alte Generalleutnant Alessandro Guidoni, der technische Vorsteher des italienischen Militärflugwesens, bei einem Fallschirmerperiment tödlich verunglückt. Er war mit dem Flieger Freri aufgestiegen, um einen der Fallschirme zu erproben, die in der italieni­schen Luftschiffahrt gewöhnlich verwendet wer­den. Der Absprung erfolgt« aus 100o Meter Höhe. Der Fallschirm versagte aber, sodaß Gui­don' zur Erde stürzte und getötet wurde. Ter Pilot Frec: berichtete, er habe den Eindruck ge­habt, der Generalleutnant sei zu hastig okge- fpi litaen, sodaß sich die Schnüre des Fall- jch rm4 i m den Körper Guidonis verwickelt unv dadurch die Oeffnung des Schirmes verhindert hätten. Nach über 2000 Versuchen mit Ballast ist dies das erste Mal, daß sich der verwandte Fallschirm nicht geöffnet hat. Guidoni war nicht verpflichtet, dieses Erperiment selbst vor­zunehmen. Er gehörte zu den besten Technikern deS italienischen Militärflugwesens.

*

Aufmarsch im Hanauer Bankprozt-.

Vor dem erweiterten Schöffengericht Hanau begann die Verhandlung gegen die früheren Vorstandsmitglieder der Hanauer Gewerbebank die Direktoren Simon und Schnitzer sowie gegen die früheren Angestellten Hochler und Lamb Dem Direktor S wird Wechsel- und Bürg- schaftsfälschung, Untreue usw. zur Last gelegt. Rach der Anklage soll er als Bevollmächtigter der Gewerbebank über Forderungen und andere

Vermögensstücke der Bank verfügt haben, um sich einen Vermögensvorteil zu verschaffen, Wechsel und Bürgschastsurkunden fälschlich an- gefcrtigt und zum Zwecke einer Täuschung von ihnen Gebrauch gemacht und den Stand der Ge­nossenschaft 1925 u 1926 unwahr dargestellt ha­ben Den andern wird Mithilfe zur Last ge­legt Nach dem Ergebnis der Ermittelungen ist durch unsachgemäße Geschäst-sührung, insbeson­dere durch strafbare Handlungen der beiden Di­rektoren, die Gewerbebank bereits 1926 in Schwierigkeiten geraten, die sich immer mehr verschärften, sodaß Anfang November 1927 die Zahlungseinstellung und nach vergeblichen Ver­suchen, zu einem Vergleiche zu gelangen, im De­zember 1927 die Eröffnung des Konkurses er­folgte. S. soll 21 Wechsel gefälscht, fingierte Konten angelegt wertlose Bürgschaften hinter­legt. und leichtfertig Kredite gegeben haben.

Tragödie einer Lehrersfamilie. In Beier­feld (Sachsen) kam die Frau eines Oberlehrers dem Ofen zu nahe. Dabei fingen ihre Kleider Feuer, und sie zog sich so fchwere Brandwunden zu, daß sie starb. Der anwesende Ehemann konnte ihr nicht helfen, da er blind ist.

Zum Tode verurteilt. Das Schwurgericht in Oppeln verurteilte den Arbeiter August Moc- zpgemba und feine Schwester, die Arbeiterfrau Gawlik, zum Tode. Auf Anstiftung feiner Schwe­ster hatte Moczygemba deren Ehemann aus dem Hinterhalt uiedergefchoffen.

Eine seltsame Sekte. In Jtrany (Tschecho­slowakei) hat sich eine neue religiös« Sekt« gebil­det, deren Anhänger in ihren Gärten alle Obst- bäume vernichten, weil der Obstgenuß sündig sei. In Krankheitsfällen rufen sie ferner keinen Arzt hinzu, da Krankheiten als göttliche Fü­gungen nicht vereitelt werden dürften Schließ­lich dürfen die Mitglieder weder rauchen noch fluchen. Die Behörden sperrten einige der Füh­rer ins Irrenhaus, mußten sie aber bald wie­der entlassen.

Fliegertragödie. In Neusatz (Serbien) er­eignete sich ein schweres Flugzeug-Unglück. Zwei Militärflugzeuge, die vom Neusatzer Flugfeld gestartet waren, unternahmen Uebungsslüge Durch einen unglücklichen Zufall stießen die bei­den Apparate in einer Höhe von 50 Meter zu­sammen. Der eine Apparat stürzte brennend zu Boden und verbrannte vollständig. Der andere Aeroplan fiel in einen Kanal und wurde eben­falls zertrümmert. Beide Piloten, ein Flieger­hauptmann und ein Feldwebel, waren auf der Stelle tot.

Abenteuerlustige Engländerinnen. Die Ko­penhagener Polizei hat eine junge Engländerin auSgewiefen, die sich vor kurzer Zeit auf einem Heuerkontor als .junger Seemann" verheuern wollte. ES stellte sich bann heraus, daß sie ihrem Elternhaus fortgelaufen war. Vor wenigen Wochen finb übrigens schon drei anbere junge Gngfänberinncn abgefaßt Worben, als sie sich als Matrosen auf englischen Dampfern an­heuern ließen.

* Ein gefährlicher Kochherd. Durch Explo­sion eines frisch angelieferten Benzinkochherdes, an dem von einem Nürnberger Monteur eine ausgetretene Störung beseitigt werden sollte.

brach in der Küche des kriegsinvaliden Nacht- vächters Zwinge! in Fürth Feuer aus, daS asch um sich griff, daS Stiegenhaus in Brand setzte und den Dachstuhl vollständig zerstörte. Ter Monteur und di« in her Küche anwesend« Ehefrau Zwinge! sowie der herbeigeeilte Ehe­mann Zwinge! wurden vorn Feuer ersaßt und flüchteten brennend in den Hof. Dort wurden sie mit schweren Brandwunden bedeckt aufge­funden.

* Unter schwerem Verdacht. In Wien wurde die fünfjährige Antonia Halascher in der elter­lichen Wohnung tot aufgesunden. Die Eltern sind auf Grund der Aussagen der Nachbarn unter dem Verdacht, das Kind zu Tode miß­handelt zu haben, verhaftet Worben. Als das Ehepaar dem Bezirkskommissar überführt wurde, durchbrach die Menge den Polizeikordon und stürzte sich aus den Wagen. Die Polizei hatte Mühe, die Verhafteten vor einer Lynch­justiz zu schützen. Die Leiche des Kindes Wurde im gerichtsmedizinischen Institut obduziert. DaS Ergebnis war ein Bruch der Wirbelsäule und ein schwerer Beckenbruch.

Das Martyrium einer Mutter.

Eine Ehetragödi« vor Gericht.

Wie die noch unbestrafte Handschuhnäherin Anna Bauch in Chemnitz unter der Beschuldi­gung des verursachten Totschlags vor das Schwurgericht kam, erzählte die Angeklagte tn schlichter Weise, die ihr das Mitgefühl der Zu­hörer sicherte. Sie wohnte bis zum Jahre 1919 in Hartmannsdorf. Dort lernte sie auch ihren jetzigen Ehemann, der Färbereiarbeiter ist, ken­nen. Sie heirateten 1915, nachdem schon zwei Kinder da waren; die Ehe war dann mit wei­teren zwei Kindern gesegnet.

Die Ehe war nicht recht glücklich von Anfang, an. Die Frau war schwächlich, der Mann ging viel aus, verdiente wenig und quälte außerdem die Frau mit unbegründeter Eifersucht. Er kränkte sie auch oft mit dem Vorwurfe, das erste Kind sei gar nicht von ihm. Einmal schlug er sie. Schon vor längerer Zeit ist ihr einmal der Gedanke gekommen, freiwillig aus der Welt zu scheiden, sie hat aber immer gehofft, daß ei bes­ser werde. Die Hoffnung war trügerisch. Der Mann sprach fast nichts mehr mit der Frau, ging stets allein fort und fagte nicht Wohin. Das kränkte sie ungemein, und im Juli v. I. entschloß sie sich, der Qual ein Ende zu machen. Aber nicht nur sich, sondern auch die drei Kin­der, die sie zu Hause hatten, Wollte sie mit aus dem Leben in den Tod befördern, damit sie nicht unter einer Stiefmutter leiden sollten. Also kaufte die Frau einen langen Gummi­schlauch und schritt abends als sich ihr Mann wieder wortlos entfernt hatte, zur Tat. Sie legte sich mit den Kindern schlafen, nachdem sie den Schlauch an die geöffnete Gasleitung in der Wohnstube gesteckt und durch einen Tür­spalt nach den Betten geführt hatte.

Als der Ehemann nach Hause kam, fand et Frau und Kinder bewußtlos vor. Er kam ge­rade noch zur . achten Zeit, um sie vor dem si­cheren Tode zu retten. Im Krankenhause gena­sen sie wieder vollMndig und werden keinen dauernden Nachteil von dem Tötungsversuche haben. Die Tat hatte das Gute im Gefolge, daß der Mann in sich gegangen ist und seine Frau besser behandelt. Die Beweisaufnahme ergab, daß die Angeklagte sehr gut beleumundet ist. Die Sachverständigen bekundeten, daß krank­hafte Störungen bei der Angeklagten nicht vor­liegen, auch die freie Willensbestimmung ist zur Zeit der Tat nicht ausgeschlossen gewesen. Gleichlautend mit der Anklage nahm das Ge­richt an, daß die Angeklagte die Tat vorsätzlich, aber nicht mit Ueberlegung begangen hat. Das Urteil lautete auf 2 Monate Gefängnis. Da die Tat nicht aus verbrecherifcher Neigung be­gangen worden ist, billigte das Gericht der Angeklagten eine 3jährige Bewährungsfrist zu.

tzvas Entführung

Roman von Hans Land.

7)

Dieter, als er jetzt wieder gegen den lebhaf­ten Einspruch seiner alten Freundin, den lof- ferbeschwerten Handwagen zu ziehen begann über bekannte Feldwege vom Bahnhof Odinshoj zur Dünenhöhe herüber, Vie Wald- und villengekrönt den herrlichen Blick aus bic See unb die scharf« Linie der schwedischen Kul- tenberge dort bruven freigab Dann ging cs

fen hie'l das Wägelchen an der Rückseite beim Abstiege fest, sodaß es nicht zu stark ins Rollen kam. Dabei lachten sie beide und plauderten.

Froeken Gregersen berichtete, Doktor Wild­brunn sei feit einem Jahrzehnt Wieder ihr erster Wintergast.

Die Stadtleute kämen gar nicht aus den Ge« danken, wie schön der Winter hier draußen sei, ober es sei ihr ganz recht, daß die Kopenhage­ner ihr die Winterruhe ließen.

Na jo", rief Dieter,unb nun muß auch

Nein" eiferte Froeken Gregersen. dürfen Sie gar nicht reden. Ihr Besuch eine große Freude und wenn er

Stuben- und Küchenmädchen. Heut fuhr L'lle> mor früh schon, ehe Ihr Anruf kam, zum Gtn=

Ar Besuch ist mir

, _______ ________ nn er wirklich nicht

gar zu kurz währte, so wäre ich gewiß sehr froh Denn Gesellschaft haben wir ja im Winter sehr wenig hier draußen".

Arn Strandweg unten angekommen, der vom Telegraphendraht umsponnen, nicht sehr breit links gegen das Wäldchen die Horn- baeker Plantage, rechts der Küste geschwun­gen folgend, an beiden Seiten mit jetzt verlasse­nen Sommerhäufern sich hinzog, bogen sie links ab mit ihrem Wägelchen, daS in die dünne Schneedecke eine leicht« Räderspur schnitt.

Dieter sah sich freudig um.Alles wie frü­her hier Gott fei Dank. Genau so, wie ichS mir oft in Gedanken vorgestellt'

Jetzt hielten die Zwei mit dem Handwagen vor der Einfahrt, einer zweiflügeligen Holz­pforte, aus rohen Baumstämmen und Testen im Blockhausstil zusammengefügt.

Haufen Sie wirklich die ganze lange Win­terszeit hier allein, Froeken?"

Ach Gott fei Dank nein, lieber Herr Dok­tor Meine Nickte, Lillemor Tboresen. ist bei mir. Gin neunzehnjähriges Mädel - Meiner Schwester Tockter. Sie ist meine rechte Hand in Wirtschaft, Ställen unb Garten und korn- tnanbiert im Sommer die kleine Armee der

terlicher wurde die Landschaft. Eine leichte Schneedecke lag auf den Feldern. Der Sund drüben lag still und glatt--grau schimmerte die schwedische Küste herüber -- grau im Dunst lag Kullens Granitkap mit der scharfen Sil­houette seiner Berge, die so stark an Capri er­innert.

Jetzt OdenShoj ---endlich! Der Zug hielt.

Dieter öffnete den Schlag, sprang aus dem Wa­gen. Im nächsten Moment umarmte ihn das Fräulein Gregersen. Im Pelzmantel und Mütze frisch und rosig stand sie vor ihm. Das weiß« Haar war noch schneeiger geworden.

Willkommen! Willkommen!' rief das Fräu­lein mit vor Freude und Rührung zitternder Stimme. Sah Dieter immer wieder strahlend an fagte bann leise:Ganz ganz unver- ändert sind der Herr Doktor. Sehen aus alS wären Sie erst gestern von hier fortgereist und doch finb »olle vier Jahre vergangen, seit Sie hier waren"

Und was für Jahre!' feufzte Dieter.

Schümm, Herr Doktor?"

Er nickt«. Sie sah ihm wieder prüfend ins Gesicht und jetzt bemerkte sie die fckarfen bit­teren Züge, die den Mund ihres Gastes um­gaben.

Ja sie sah er hatte wohl Schweres erlebt.

Dieter faßte die Deichfel des kleinen Hand­wagens, den Froeken Gregersen mitgebracht, legte feine Handtasche darauf, fuhr den Wagen Notz Froeken Gregersens Einspruch an den Ge­päckwagen heran, ließ sich vom Zugführer den großen Schrankkofser auf daS Wägelchen laden

Generalprobe fürs Sausknecktsamt dachte

Mark geliehenen Barvermögens in der Tasche vonmeinem Kinde durch Notariatsvertrag auf Lebenszeit getrennt von meiner Frau verlas­sen stehe ich hier vor dem Bahnhof in Ko­penhagen, auf dem Sprunge, mich in der win­terlichen Einöde von Hellebaek zu vergraben und weiß vor Vergnügtheit nicht, wohin.

Da muß doch in mir etwas stecken, waS so leickt nicht tot zu kriegen ist. Ein ganz unbän­diger Lebenswille obwohl ich erst vor drei Tagen Schluß machen Wollte.

Nun nehme ich aber doch noch einmal den Kamps mit dem Dasein ans. Ich habe noch Schönes zu erleben. Und jetzt jetzt erst soll das Allerbeste für mich kommen. Eine Freude, die ich noch nicht gekostet habe: die Arbeit. Roch nie hab ichs damit verflicht. Jetzt verspüre ick ihren Reiz Jetzt will ich zu arbeiten beginnen. Möglichst auf einfache Art. Am liebsten rein kör­perlich. Bin entschlossen, mir hier irn kleinen Dänemark ein bißchen Welb-West-Amerika vorzugaukeln Mochte Sahbarbeit machen mit Spaten, Hacke und Pflug. Habe zwar Pflügen nicht gelernt Denke mir aber es kann so schwer nicht sein. Hei in freier Luft will ich arbeiten. Mich dem Urmenschen wieder nä­hern. Nicht Wie die Blaßgesichter in der Groß­stadt in Büros und ähnlichen Giftbuden. Draußen Dieter draußen auf dänischem Acker das Meer womöglich am Horizont, ober nock näher hurra ich freue mich darauf.

Vielleicht vielleicht werde ich Hausknecht tn Froeken Brita Gregersens schönem Pensionat. Ein Hausknecht mit Doktortitel. Mal waS Neues Ein Hausknecht mit interessanter Vergangenheit. Ach tote gern werde ich die Schühchen der klei­nen Kopenhagenerinnen jeden Morgen blank put­zen unb die Stiesel der Herren Väter und Ehemänner auch. Bin zu allem bereit. Los!

Bis Helsingsoer der Hamletstadt ging der D-Zug, bann mußte Dieter auf die Klein­bahn. Als er darin faß. fiel ihm ein. es fei ein Unrecht, daß er zweiter Klasse fuhr. Wohl auch der erste Anwärter auf eine Hausknechtsstellung im Iommervensionat, der in Odinshoj zweiter Klasse ankam. -

Je höher Dieter nach Norden fuhr, desto Win­

Dieter ging ins erstbeste Kaffee, bestellte fein Frühstück und meldete ein Telephongespräch nach Hellebaek an. Mit Herzklopfen Wartete er die Herstellung der Verbindung ab. Denn sollte das Fräulein Gregersen nicht mehr am Leben fein dann ja dann War die ganze Reife nach Dänemark vergeblich gewesen.

Dieter lauschte mit hämmernden Pulsen ins Hörrohr hinein... Da eine helle, gar nicht greisenhafte Stimme:Hier Brita Gregersen!"

Hurra! Sie war es. lebte, sprach mit ihm. Dieter rasst« den ganzen noch vorhandenen dä­nischen Sprachschatz zusammen, sagte langsam: Sie erraten gewiß nicht, wer Sie von Kopen­hagen aus anruft. Es ist Dieter Wildbrunn. Doktor Wildbrunn aus Berlin!"

Ein Freudenschrei!Ist es möglich?! Rein wahrhaftig mein lieber Doktor! Sie?! DaS ist ja - ist ja reizend!"

Froeken Gregersen, ich komme mit dem näch­sten Zuge. Bin gegen elf auf Station Odinshoj. Kann ich ein paar Wochen bei Ihnen bleiben?

Ein paar Jahre, mein lieber Freund wenn Sie wollen." ,

Gut," rief Dieter,abgemacht! Gleich ein paar Jahre!"

Kommt Ihre Frau mit, Herr Doktor? Und Ihr Evchen auch?" , .

Ach nein, Froeken Gregersen! Ich kom­me ganz allein." ,

Gut! Ich erwarte Sie an der Station.

Dieter hina den Hörer an. Ihm war auf einmal viel leichter ums Herz. Vor sich hmsum- mend bezahlte er im Kaffee - ging zum Bahn- Hos hinüber, ließ seinen Kosfer nach odinshoj überschreiben und trat laut pfeifend auf den Plan vor dem Bahnhof

Mein Gott, backte Dteter. weshalb bin tw eigentlich so vergnügt? Total verkracht, landes­flüchtiger Gemeinschulbner vor drei Tagen noS dicht vor dem Selbstmord unb dem Kindes- piorbe, und heute mit ganzen neunhundert

von dem baumbestandenen Höhenrücken in kauf nach Hornbeak mit dem Rade, sonst hätte schröoem Abfall mm Strandwea hinunter Die- sie unS bei dieser Kosserfuhrc geholfen Sie ter bremste den Kosserwagen, indem er sich scsi!ahnt gar nicht, daß Wir inzwischen so lieben gegen die Deichsel stemmte. Fräulein Greger-iBesuch bekamen". (Fortsetzung folgt)

noch so ein schrecklicher Deutscher kommen, um Ihnen Ihr Idyll hier rücksichtslos zu stören". Nein" eiferte Froeken Gregersen.so