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Kasseler Neueste Nachrichten

Kasseler Abendzeitung

Hessische Abendzeitung

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Nummer 101

Sonntag, 29. April 1928

Einzelpreis: Wochentags 10 Pfennig.

Einzelpreis: Sonntag- 20 Pfennig.

18. Jahrgang

Frankreich schart sich um Volncare

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*

Washington

len. Offiziell sollen sie nämlich durch Regie-

mgsvertreter begr ilitärische P

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Mit königlichen Ehren

Was Washington alle« aufbieret.

NkngSvertreter begrüßt werden, woran sich eine " a r a de schließen wird. ES

Washington, 28. April DaS ganze Pro­gramm für den Fliegerempsang war zunächst darauf aufgebant, daß die Flieger Washington selbst vor dem offiziellen, für Mittwoch geplanten Empfang noch nicht bette»

mungen geräumt werden. Biele Fernleitungen sind unterbrochen, Eisenbahndämme stark beschä' digt. Ueber Menschrnverluste ist noch nichts be­kannt.

Auf dem Sprungbrett

Hintergründe des großen Diplomatenschubs.

6eH de» Lagen Bismarcks bat baS Berliner Auswärtige Amt kein so umfangreiches«er» wechselt, verwechselt das Banmchen" erlebt, wie daS setzt Öfter» amtlich vnbliziert«, über das wir «ns bereits an leitender Stell- »nsselalle»

Jedem unbefangenen und urteilsfähigen Zu» schauer will eS ledoch bedünken, daß eS unserem Ansehen und Kredit im Ausland, für das soeben erst wieder deutsche Lufthelden ihr Leben eingesetzt haben, aussschwersteschädigen ^, wenn tn dieser pöbelhaften Weise von gebildet und vorbildlich patriotisch sein wollen­der Windjackenjugend der im In» und Ausland hoch angesehene verantwortliche Leiter der deut-

2m höchsten WaWeber.

In Frankreich setzt eS Prügel. Auto nomiftenaufmarsch und andere Wahlfilme.

Rewyork, 28 April. (Durch Funkspruch.j Die gestern im Fordflugzeuq in Curtttzsield bei Rewyork gelandeten Bremenflieger wurden, obwohl man sie durch einen Hintereingang in den Penstzlvaniabahnhof brachte, von Hunder­ten von Wartenden sofort umdrängt, bejubelt und auf kurze Zeit voneinander getrennt. Aller» wärts leuchteten Blitzlichter der Photo­graphen auf. Die Bremenflieger lächelten der Menge durch ein Fenster des Zimmers des Stationsvorstehers, wo sie die Abfahrt des Zu­ges nach Washington abwarten, zu. Unterbetz wuchs die begeisterte Menschenmenge derart an, daß Polizeireserven alarmiert wer­den mußten. Die Abfahrt folgte 5,01 Uhr nachmittags.

Ein letzter Rameraöengrutz.

Jubelnder Empfang bei der heimlichen Ankunft

Washington, 28. April. Ein schwerer Orkan und Wolkenbruch machte dem Flug der Bremen- flieger hierher unmöglich. So konnten sie auch nicht der Beisetzung Bennetts beiwohnen. Sie trafen, von Hertha Junkers begleitet, abends um 10 Uhr auf dem Bahnhofe von Washington ein. Bo» einem offiziellen Empfang wurde auf ihren eigenen Wunsch abgesehen. Bei ihrer Ankunft wurden sie von dem deutschen Bot- schaftSrat Dr. Kiep und mehreren Armeeossi- zieren begrüßt, die sie nach dem Flugplatz Bol- lingfield geleiteten. Heute früh wollen sie den Rückflug nach Rewyork antreten. Obwohl große Regenmassen durch die sturmgepeitschten Stra­ßen trieben, hatte sich doch eine r i e s i q e M en. schenmenge auf dem Bahnhof versammelt, die die Flieger begeistert begrüßte. Hüncfeld teilte der Presse mit, eS sei ihnen ein Her- zensbedürfniS, dem tapseren Bennett, der sich für sie geopfert habe, einen letzten Gruß zuzuru­fen. Rach den Empfängen der letzten Woche wollen sie sich schlüssig werden, ob sie zu ihrem FlugzeugBremen" zurückflkegen oder zu- er« noch einigen der zahlreichen Einladun- g e n aus dem Mittelweften Amerikas Folge lei. flen sollen.

-Der tote Bennett steht nicht zurück.

Rewyork, 28. April Die Seiche deS Fliegers BennettS wurde bei der Ankunft am Rewnorker Zcntralbahnhof mit allen milrtärjschen Ehren empfangen und auf einem Protz en wagen noch der Waffenholle gebracht. Deutsche und iri. sche Botschaftsvertreter drückten der Familie des Verstorbenen ihr Beileid aus. Mit großem Gefolge wurde dann die Leiche noch Washing­ton überführt. Bennett wird in seiner Marine- uniform bestattet werden.

Paris, 28. April. Die Erregung deS Wahl- kampses steigert sich. Gestern kam es schon gii Zwischenfällen. So wurde in Cannes der de- kannte Finanzmann Homberg von zweihundert Anhängern eines Gegenkandidaten überfallen und mit Steinen beworfen, sodaß Gendarmerie ihn schützen mußte. In Mühlhausen dran­gen Anhänger deS Rechtsanwalts Krähling in eine Wahlversammlung ein «. mißhandelten den linkSrepubktkanischen Kandidaten. Die Automo- misten veranstalteten eine Kundgebung vor dem Bürgermeisteramt. In Lyon trat Herriot für einen radikalen Abgeordnete« ein.

* * *

Sie wählen wie 1924.

Das nationale Frankreich kehrt wieder.

Paris, 28. April. Die französische Presse er- wartet, daß sich die neue Sammer nicht allzu­sehr von der des Jahres 1924 unterscheiden wird. Sie wird es ermöglichen, daS Experiment der nationalen Einigung zu Ende zu führen. Ei« Blatt macht folgende Boraussage:

Ein Dutzend Konservative, etoa zehn Kommu­nisten, eine durch den Verzicht der Radikalen in der Stichwahl verstärkte sozialistische Gruppe, eine leicht geschwächte radikal-sozia­listische Gruppe, i« ganzen also etwa 190 Sitze. Diesen wird eine leicht verstärkte radikale Linke, eine republikanische Gemeinschaft und eine etwa gleichbleibende Gruppe Demokraten gegenüber­stehen.

wie sinö einverstanden.

Beitritt zum KriegSächtimg-patt.

Berlin, 28. April. Wie in politischen Kreisen verlautet, dürfte die gestern überreichte Antwort- »ote an die Vereinigten Staaten nicht vor näch­sten Dienstag veröffentlicht werden, da die Rote erst in Washington eingetroffen sein muß. Deutschland war gefragt worden, ob eS bereit sei. dem Kelloggschen KriegsächtungSpakt b e i zu- treten. Diese Frage dürfte, wie sich schon aus der bisherigen Stellungnahme zu dem amerikani- scheu Vorschlag schließen läßt, in der deutschen Rote zustimmend beantwortet worden sei«.

immer die Finger im Topf. Außenseiter ist auch der Gesandte ur Oslo. Ministerialdirektor Wallrath, der vor seiner Berufung ins Auswärtige Amt kurz nach der Staatsumwälzung Syndikus der Handelskammer Lübeck war. Als solcher ist er natürlich einer bet besten Kennet aller skan­dinavischen Wirtschaftsfragen. Sein Rachfolger wird Herr von Dirksen, ein Sohn bet in der vJerjtner Gesellschaft bekannten Erzellen; von Dtrkscn. Ihm prophezeit man einen ebenso «neuen weiteren Aufstieg wie b-s. her. Man sieht in ihm in eingeweihten Steifen den zukünftigen Staatssekretär des Auswärii- gen Amtes ober ben nächsten deutschen Bot­schafter in Moskau. Daß man in die Lei. tiing der Presseabteilung der Reicksr-gieruna seit dem Rücktritt des Ministerialdirektors Eviecker nur noch zünsttge Beamte und keine 3* u rn ali sie n setzt, geschieht vielleicht mcht ohne Absicht Chef der Presseabteilung ist zur» zeit der aus dem Konsulardienst stammende Äinlstertaldirektor Zechlin, der wie die Gesand­ten Köster. Adolf Müller und Rauscher zu der

kleinen Zahl von Sozialdemokraten i-u Bereich des Auswärtigen Amtes gehört Der Pressechef bält auch täglich dem Reichspräsidenten einen kurzen Vortrag übet die wichttasten Er» eignisse im In- und Ausland und ihre Deband» lung in bet Presse. Sein Vertreter Herr von Baliganb ist jetzt zum Gesandten in Lis»

Döse Beispiele...

Bo« Stresemann zu vtiand. Allerlei Wahl- Phantasten. Und der Weltfriede?

Biele mögen de« Kops geschüttelt haben, als Stresemann seinen Wahlpegasus für Bayern sattelte, um den bajuvatischen Dickhäutern das Evangelium der Verständigung nach außen und die Länderrejorm und RetchSeinheit nach innen einzuhämmern. Damit hatte sich der Meister des Warles und der Diplomatie ein fast gigantisches, rubmeSwerieS Ziel gesteckt, das freilich, wenn überhaupt einem Zeitgenossen, fo nur seiner Schwungkraft und Geistesschärfe er­reichbar und Vorbehalten erscheint. Wenn stch also der streitbare Locarnoschöpfer und uner» mndliche Parleiwerber stch an diese fast Übet» menschlicheHerkulestat verschwendete, so lockt« ihn dabei mehr die historische Mission eines Volksverziehers und ReichSwaffenschmiedS als der kleine Prosit eines Parlaments-Krippenpöst- chens. Und doch hatte er sich diesmal in der oft mit prahlerischer Eigenliebe und Ueberheblich- keit zur Schau getragenen bayrischen »Ord­nungszelle- verrechnet und den Volttischen An» stand, Disziplin und Vernunft seiner verbohr­testen Gegner weit überschätzt. Vielleicht bilden stch sogar die tadaulustigen Hitlergarden noch auf die traurige Berühmtheit etwas ei«, im Bürgerbäukellet den prominentesten Ver­treter der deutschen Außenpolitik niedergejohlt und ausgepsisfen zu haben, indem sie ihre eige- nett und aller deutschen Herzensheiligtümer: Deutschlandlied und Wacht am Rhein genau wie die Rothemden ihre Internationale zur Wahl­farce erniedrigten.

Herr Solf wird erst noch seinen Nachfolger, Dr. Voretzsch-Liflabon, in Tokio einarbeiten, ehe er stch in Berlin die Zipfelmütze übers Ohr zie­hen wird. Der ehrgeizige Dr. Solf, der im Ok­tober sechsundsechzig Jahre wird, hat sich wohl den Abschluß seines Lebens anders gedacht. Wollte er doch, als Eberet noch lebte, dessen Rachsolger als Reichspräsident wer­den, und nm feilte Kandidatur in Ruhe vorzu« bereiten, Botfchaster in London werden. In­dessen entfchied sich der erste deutsche Reichsprä­sident sür Sthamer, armer Willy Solf, der im Vornovember so viel Glück hatte. Nur durch den Zufall, daß er gerade auf Heimatsur­laub war, als Lindequist nach einem Krach mit Kiderlen ganz plötzlich gehen mußte, wurde er im Dezember 1911 Staatssekretär des Reichs- kolonialamtS, »von Fahrplans Gnaden* tote Harde« spottete. Durch einen weiteren Zufall wurde er dann in BademaxenS Kabinett Staatssekretär deS Auswärttgen Amts. Doch mußte er nach der Staatsumwälzung sei­nen Ehrgeiz stark zurückstecken. Nicht er, sondern Graf Brockdorfs-Rantzau wurde Leiter der auswärtigen Politik des neuen Deutsch­land. Ein anderer Fehlschlag. Seine Wahl als demokratischer Abgeordneter zur Nationalver­sammlung mißlang. Und dann statt London Tokio, das soweit vom Schutz lag. Inzwischen trat der evangelische Herr Solf dem Zentrum bei. Aber auch dieser

Parteiwechfel hat nicht mehr gezogen. Herr Solf mit seinem interessanten Kopf, halb Caesar und halb Börsenmakler, tritt endgültig von der polittschen Bühne ab. Daß man den sozialdemokratischen Gesandten Dr. Köster von Riga nach einem der wenigen nach den Stürmen des Welttrieges noch übrig gebliebe« nen Königshöfe geschickt hat, nämlich nach Bel­grad, ist in deutschnationalen Kreisen stark be­mängelt worden. Man vergißt dort, daß sich mlßerdeutsche Könige an den höfischen Verkehr mit Sozialisten längst gewöhnt haben u. daß Sozialisten früher jahrelang als führende Minister die Escarpins des Hofparketts getra­gen haben. So werden denn

Herr und Frau Köster ihre Hofreferenz im Belgrader Konak mit derselben Grazie ma­chen, wie die anderen dort akkredterten Ehepaa- re. Nachfolger Dr. Adolf Kösters in Riga wird Dr. Friedrich Stieve, der, tote sein Vorgänger der Journalistik entstammt, dem als Presseattachee in Stockholm der Sprung in die diplomatische Karriere geglückt ist, nicht zum mindesten dank den Bemühungen seiner klu» 1e n Gattin, die, trotzdem sie Schwedt« von Geburt ist. stets eine außerordentliche Geschick- uchkeit in der Beurteilung deutscher Verhältnisse gezeigt hat. Der Gattin des Außenministers Dr. Stresemann freundschaftlich nahestehend, half sie dieser bei manchen großen Veranstaltungen und hatte daher wie man in England zu sagen pflegt

folgt dann ein Empfang durch den Präsiden­ten und ein Frübsinck im Weißen Hause. Nach dem Besuch des Grabes vom unbekannten Soldaten, werden im KonareßgebLnde Vizeprä­sident DaweS und ein Volksvertreter Anspra­chen balten. Am Abend gibt sowohl die deut­sche Botschaft wie die irische Gesandschaft ein Festessen, dem ein Empfang durch die Unter- staatssekretäre für Luftfahrt und von drei Mi­nisterien mit ihren leitenden Beamten folgen soll Am Donnerstag ftüh erfolgt die Rückkehr nach Newyork.

Wafhington, 28. April. (Privattelearamm) Bei der Beisetzung BennettS, im Beisein vieler bachsiehender Persönlichkeiten, hatte die Witwe BennettS in dem Privatautvmobil deS Präsi­denten Cooltdge Platz genommen.

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Drüben braust der Tornado.

Wilde Stnrmkonzerie und Wolkenbrüche Gerade an der Küste.

Washington, 28. April. Bon Atlantic City biS Boston werden Sturmwarnungen gesandt Heute morgen erreichte der Sturm bei Rewyork feine volle Stärke. In Atlanta und Georgia, wo der Sturm den Charkter eines Tornados an­nahm und von Wolkenbrüchen begleitet war, fo- wie im ganzen Süden von ArkanfaS biS Florida sind große Verheerungen auf den Feldern und an Gebäuden angerichtet worden. Mehrere Ort­schaften mußten Infolge vlötzlicher Ueberickwem-

zu schroffe Hegemonie- und FronvoatSgelüste den Zorn der Geldgeber in Wallstreet herauf, zubeschwören, die er für die Folgezeit mehr braucht alS irgend ein Staatsmann der Welt. Man munkelt auch schon von C a i l l a u r als seinem Platzhalter im Finanzministersessel, eine Vermutung, an die stch natürlich die gewagte» sten Kombinationen knüpfen. Der FrühlingS-

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Sie öarf nicht ozeanfliegen.

Amerika liefert unserer Fliegerin kein Flugzeug.

Rewyork, 28. April. Wie au» Detroit gemel. bet wirb, hat eine Flugbau-Gesellschaft einen Anzahlungsscheck In Höhe von dreitausend Dollar der deutschen Fliegerin Thea Rasche zurück- gehen taffen, mit der Begründung, baß sie keine Apparate zu Flügen über ben Ozean verkaufen wolle Jonbern im Gegenteil von derartigen ttn- ternehmungen, die an Selb f. mord grenzten abzuraten suche.

wind scheint also auch jenseits des Rheins seit- ,'ame Dinge ins Land zu tragen, beim bem deutschen Herzenswunsch, baß Briand-Stre- semann «lieber über alle Bitternis unb Ma­chenschaften hinweg ben Friebensbunb zum Vesten Europ s überprüfen, verbessern unb stärken möchten, scheint bieSmal keine Erfüllung zu winken. F. R.

Die fiaflet« Neaellen Rachrichte» erscheinen wSchentlich le-HSwat «»mittag«. Dn «bonnemeiitsvrei, beträgt Iflt de» Monat».- 4 bet freier Zustellung n» h» der <8efd>äft8fteae aboebolt IJO A Dur» die vo» monarli» ». A auSichlietzli» fiullellungSgebübr. tteroloretber »51 und 952. ftllr unverlangt etngefanbte Beiträge kann die Redaktion eine Verantwortung oder Gewähr in keinem Falle lldernedmen. Rücttahlnng de» vezagSgelde» oder Snforü»e wegen ertnatget nicht ordnnngSmäfvger Siefemng tft andgeichlolle». VoftsLeckkonw nranffurt a. M Nummer 6880 Einzelnummer 10 4 Sonntag« Nummer 20 4

Als unsere Ozeanhelden kamen

Wie ein Lauffeuer ging eS durch die Stadt. Im Zuge nach Washington.

scheu Außenpolitik einfach brüskiert und am Re­den verhindert wird. Jeden wahren Volks­freund, gleichviel welcher Partei, muß es auch beunruhigen unb geradezu beschämen, wenn er beobachtet, tote in der über das Sündenbabel Berlin derSaupreußen* sich erhaben dünken- den Bayernmetropole ein Verfall der Wahl» litten einzureißen droht, wie er fataler nicht in Ballan» oder Chinesenvierteln, unter der Fa­schisten- ober Bolschewistengeißel gebucht wer­den kann. Erregte Zu- und Zwischenrufe können wohl einer gepreßten Menschenseele Luft ma­chen. Aber die R e d e f r e i h e i t, die man dem eigenen Schutzpatron unb Parteipapst zubilligt, sollte im hochentwickelten Deutschland auch bem schärfsten Gegner vornehmstes Gesetz sein unb, toemt es sein muß, von ber Staatsgewalt mit allen Mitteln erzwungen werben.

Vielleicht könnte ber so übereifrige, über- wachsame Reichspalladin von Keubell in Isar-Athen würbigere unb billigere Lorbeeren ernten, wenn er seinem Ministerkollegen bas freie Wort wahrt, als baß er sich im Wasserkopf Berlin in ftuchtlosem Kamps mit ben Rotver­bänden aufreibt. Die kindliche Methode durch leere Demonstrationen daS Mißtrauen der zum letzten Wahlschlag ausholenden Rheinbedrücker ouzustacheln und dadurch Wasser auf Poincares Wühlen zu leiten, follten wir uns eigentlich abgewöhnl haben. Wir follten dem argwöhni- fchen Kriegsfanatiker auch daS moralifche Fiasko überlassen, das er sich trotz deS gro­ßen Wahl-StimmenfangS bei feinen Dollar- gläubigem imrch feine heuchlerifche Antikriegs- taktik eingebrockt hat. Leider wird an der eiser­nen Stirn des MilitärdiftatorS von Europa so­gar die Kriegsverdammung der Rewyorker WeltsinanzierS scheitern. Denn in bas zum Schluß übrig bleibenbe Kompromiß werben die Auguren Poincarö-Chamberlain so geschickt ihre Militär» unb Kriegsbünbnisse hineinge- toebt haben, baß sie jeben Tag ihre Morb- maschinen gegen wehrlose Opfer in Bewegung fetzen können.

Ein kaum zu übertotnbenber Verlust wird für bte europäischen Friebenssreunb« vor allem bas Ausscheiben bes größten französi­schen Staatsmanns ber Nachkriegszeit, Brianb, sein, ber sich zwar leiblich «lieber hochgerappelt hat, für ben aber im neuen Kabinett Poincarc kaum Platz sein bürste. Vielmehr bürste ber Wahlsieger von morgen, P o i n c a r t, selbst «lieber bie Zügel ber Außenpolitik ergreifen, um bas große Stabilisierungs», Schulben» und Räumungsgeschäst nach seinen eigenen Dikta- turplänen abwickeln zu können. Der sinstre Advokat hat seit den Tagen des Ruhreinbruchs manches gelernt unb wirb sich hüten, durch all-