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Nr. 95.

A«v«»ed»le» Jahrgang.

Kasseler Neueste Nachrichten

2. Beilage

Sonntag, 22. April 1928.

Zn Stadt und Land liest man die

Seereise von der

an. diese Witwer)

Schicksal großen Anteil nimmt. Nehme Verbindung (der Herr ist kinderloser

werde dauernd sein.

Ich trete dieser Tage eine größere an. gebe dir später meine abreffe, um vollzogenen Scheidung Nachricht zu erhalten. Nehme an. mein Schritt wird dir angenehm

Kasseler Neuesten NachrrGten wegen ihrer großen Reichhaltigkeit und wegen ihres alle Gebiete umfassenden Inhalts mit lebhaftem Interesse.

2.

Als Dieter feine Villa betrat, herrschte im Hause Totenstille. Es war ein Viertel nach sie­ben. Das Kind schlief wohl schon.

Von der Diele auS. die sich durch zwei Stock­werke erstreckte, ging Dieter in fein Arbeitszim­mer. das zu ebener Erde laa. Er schaltete die Lampe aus seinem Schreibtisch ein

Aha ein Eilbrief aus der Schweiz von Eski.

Sonst pfleate sie um Geld stets zu drahten.

Heute ein Brief und durch Eilboten?

Dieter prüfte die Schriftzüge aus dem Um­schlag. Sie waren steil und hochmütig, tote sonst zeigten in der Ruhe und Stetigkeit der Linienführung keinerlei Erregung. Beflügelung oder Hast.

Dieter öffnet den Umschlag, entfaltete den Brief.

Dieter, aus den Zeitungen ersehe ich, daß du wohl völlig verarmt bist. Die Börsenberichte verraten niir mehr, als deine kurzen Briefe Da wir zwei seit lange schon keine inneren Bezie­hungen mehr haben, so glaube ich, dir die Lage zu erleichtern, wenn ich mich setzt von dir treu- ne. Ich komme nicht wieder. Du kannst die Scheidung wegen böswilligen Verlaffens gegen mich einleiten mich als schuldigen Teil er­kennen lassen so, daß du keine Verpflichtung gegen mich mehr hast.

Unser Kind bleibt dir. Ich bin eine schlechte Mutter überlasse Eva völlig deiner Obhut. So hast du nur für dich und das Kind fernerhin zu sorgen. Ich habe hier einen englischen Berg­werksbesitzer kennen gelernt, der an meinem

liest, so war er frei und ledig, konnte in der Welt sich ein neues Glück erobern.

Aber da war noch sein Töchterchen Eva setzt zweijährig. Und so wenig Dieter an sei­ner Pfrau hing, da» Kind war ihm ans Herz ge- wachsen. Er war nicht frei und ledig. Nun war sein blondlockiges Evchen, dieser lachende Engel, ein Bettelkind Hatte einen leichtfertigen, ver­schuldeten Vater, der, arbeitsscheu, zum Spieler geworden, all sein Gut Im Rachen deS Börsen- molochs hatte verschwinden lassen. Jetzt wird er für sich und dieser Kind arbeiten müssen.

Arbeiten et hatte es nie gelernt. Seine Sckml- und UniversitStSprüfungen waren mit Ach und Krach, spät und nur notdürftig, bestan­den worden. Trotz guter AufkaflungSgabe hatte stets unüberwindliche Arbeitsscheu ihn gehemmt Nur mit allen erdenklichen Nachhilfen war er ans Ziel gelangt und batte das Aerztedivlom er­rungen. Des Vaters Willen hatte ihn für diesen Beruf bestimmt, zu dem ihn Teinerlei Neigung zog.

Im Uebersluß erwachsen, verwöhnt und ver­weichlicht, hatte er sich nie denken können, daß er den Frondienst eines Praktischen Arztes oder den eines klinischen Assistenten leisten sollte Was er in sauren Studiensabren hierbei gelit­ten, batte ihn mit Grauen erfüllt. 6t haßte die Krankenatmosphäre und wäre auch beute, da das Wasser t6m am Halse stand, nicht darauf ver­fallen sich als Arzt zu betätigen.

Arbeiten mußte er setzt für sein Kind.

Der wirtschaftliche Niedergang deS Sandes, die Geldnot und Verarmung, die bet schreckliche Krieg jetzt so viele Jahre nach Friedensschkuß über Deutschland gebracht, diese Krise, die die Betriebe schloß, durch Abbau und Arbeitseinstel­lung Millionen brotlos machte, wo sollte sie ihm. dem Arbeitungewohnten, Unterschlupf ge­ben? Ihm, bet nichts konnte, nicht gewohnt war. sich unterzuordnen? .

JnS Ausland konnte er nicht mit dem Kinde Hier vegetieren, von Gläuhiaern bedrückt und verfolgt, nein, keine Möglichkeit, solchem Le­ben einen Reiz ab,«gewinnen.

So stand er überlegend im Schneegestöber Was nun? Ihm war das Herz zum Bersten voll. Aufhenlen hätte er mögen.

Wohin? Et hatte Angst vor feinem Seim in dem fein Töchterchen war und die Bedien­steten vor allem Schwester Ruth Evis Pflegerin. Die sah ibn fett Wochen schon so prüfend an alS ahne sie den Abgrund, vor dem et stand Rein jetzt nicht nach Hause! Er mochte den trügerischen Glanz seiner Villa setzt nicht sehen diesen Prunk auf Abbntch Mochte nicht setzt in diese schweigenden Räume, in denen Vergangenheit und Zukunft drohend und beängstigend ihn anfielen.

Vielleicht wußte sein Vetter Schombttrg einen Rat. Karl Schombttrg war klug und gefällig, wollte ihm wohl. War Direktor der großen ElektrizitätSgefellschaft.

Wildbrunn sab auf die Armbanduhr. Es war möglich, daß er de» Vetter in dessen Büro noch erwischte. Er rief ein Auto an, sprang hinein

Im BertoaltuNgsgebSude der ElektrizitätSge- fellschgst schickte et seine Karte zum Direktor Schomburg hinein. Der stets verbindliche Vet­ter kam mit hochrotem Kops sogleich ins Warte­zimmer. Sagte, er sei gerade bei einer wichti­gen Besprechung, die wohl noch eine halbe Stunde währen könnte.

»Hast du so lange Zeit, Dieter? Oder wol­len wir einen anderen Tag bestimmen? Ich muß freilich morgen auf eine Woche nach Köln und Brüssel.«

warte lieber, Karl."

.Gut alfo, Dieter, bann lies hier die Blätter unb verlier nicht die Geduld, wenn's ein biß­chen länger bauert. Ich muß wirklich wichtige Dinge besprechen."

Er eilte fort

Dieter setzte sich in eine Ecke des leeren War- teraumes.

Wie er den Vetter beneidete!

Der saß in der Arbeit man sah es. War über und über beschäftigt. Hatte jede Minute besetzt

Dieter wurde das Herr immer schwerer Denn er jetzt diesem unablässig strebsamen und Fleißigen seine verzweifelte Lage beichten sollte, so würde ba8 ein niederdrückendes Schuldbe-

fetn. -

WaS von meinen Sachen noch dort ist, soll Schwester Ruth haben. Ich hoffe, sie bleibt bei dem Kinde.

Wir beide du unb ich ftnb keine Freun- be von Gesühlsausbrüchen beshalb sage ich dir jetzt nur schlicht: Lebewohl. Effi."

Dieter lachte bitter auf.

Schlicht sehr schlickt - in der Tat.

Ratten, bie das finkende Schiff verlassen, fiel- len meist keine gemütvollen Betrachtungen an.

Hm . . . Effi schied also aus seinem Leben. Hatte schon anderweit angeknüpft.

Adresse folgt später zur Empfangnahme des Scheidungsdokumentes.

Tas Ktnd blieb ihm.

Fertig.

Allright.

Schon echt amerikanifch all das . . .

Er blieb zurück, um hier bie Masse zu liqui­dieren. Villa, Möbel, Bilder, Teppiche erst versiegeln, dann versteigern zu sehen. Durste sich von unbezahlten Lieferanten beschimpfen lassen, die Rackbarn würden mit Fingern auf ihn weisen Rach ein paar Wochen, von hier vertrieben, sein armes Kind an der Hand, als Bettler tn die Welt laufen seinen Packen selbstverschuldeten Elends auf dem Rücken.

Wohin? Keine Ahnung.

Rein dazu besaß er keine Neigung.

Auf dem Heimweg hatte er einen ungefähren tteberfchlag gemacht er würde nach Lösung seiner Verpflichtungen und nach Verkauf seines Besitzes Villa. Auto. Bilder, Möbel, so un­gefähr bretoiertet Millionen Mark ber Bank jchulbig fein. Eine Summe, die zurückzuerstat- ten er nie im Leben mehr fähig sein würde.

Er war am Ende so ober so. Hatte ver­spielt, in jeder Beziehung. Hatte fremdes Ei­gentum verbracht die Ehre verloren ein verbrecherisches Genießerleben bis heute geführt --sah jetzt keine Lösung, alS den Tob. Er sprang auf, ging mehrmals im Zimmer auf unb ab, trat an bie Bibliothek heran, zog ein paar schwere Bände ans dem Schrank, öffnete die kleine Eifentür deS Geheimfaches in ber Wand, holte die Pistole hervor . Sie war geladen. In Ordnung.

Ja, fein Weg lag offen vor ihm.

Roch tn dieser Nacht wollte er ihn gehen.

Aber Eva sein Müdelchen?

Es schlief oben in seinem weißen Bett.

Er nahm sein Kind mit in den Tod. Ohne Frage. Selbstverständlich!

Was sollte ein vater- unb mutterloses Kind, für dessen Erziehung keine Mittel vorhanden waren, allein auf dieser Welt? Vor folckem Ungemach es zu bewahren, war feine Pflicht. Er wirb Eva heute Nacht in fein Bett nehmen, bem schlafenden Kind die Kugel tn die Schläfe jagen. Dann sich selbst auf die gleiche Art zur Ruhe bringen.

Zur Ruhe himmlischer Gedanke mit einem Schüsse unter alles einen Schlußpunkt zu setzen.

Er sühnte entsühnte sich.

Mehr konnten bte Menschen, bie er geschä- bigi, nicht von ihm forbern. als daß er sich richtete.

Ja ein- seine Hausangestellten.

Er zog die Brieftasche, entnahm ihr die letz­ten Scheine, tat seinen Trauring, die Armband­uhr, die Perlennabel aus seiner Krawatte dazu, steckte alles in einen Briefumschliw, verschloß ihn. Schrieb barauf: »Für meine Hausangestell­ten. Die zurückgelassenen Sachen meiner Frau gehören Schwester Ruch."

Die Wanduhr schlug neun.

Dieter vernichtete Effis Brief, desgleichen itoch einige Schriftstücke, Die er feiner Schreib­mappe entnahm.

Jetzt ging er zur Tür und klingelte.

Das Hausmädchen kam.

Herr Doktor wünschen?'

»Bitte, Bertha, bringen Sie mir aus dem Keller eine Flasche Sekt herauf!"

.Sogleich!' (Fortsetzung folgt.)

kenntnis werden. Was wollte er also von fei­nem Vetter?

Keinen Blick warf Dieter auf die Zeitungen, bte vor im lagen. Er versenkte sich tief in seine Grübeleien, fuhr erschreckt hoch, als jetzt endlich ber Diener meldete:

»Der Herr Direktor läßt bitten.'

Dieter betrat des Vetters großes Arbeits­zimmer, nahm tm Klubsessel Platz. Karl Schom- bltrg ihm gegenüber. Der Direktor entschuldigte sich, baß er Dieter so lange hatte warten lassen, sah mübe unb abgespannt aus. Jetzt richtete er einen prüfenden Blick auf Wildbrunn fah die Verstörung tn dessen Gesicht.

.Rn Dieter, ich kann mir denken, daß bei dir Einsturz ist. Die Börse schloß ja heute zu den tiefsten Kursen Es herrschte eine Panik, wie sie feit Jabren nickt erlebt wurde. ES hat dich wohl furchtbar gepackt?'

.Bin total ruiniert, Karl, lieber unb über uerschulbet. Sie nehmen mir HauS unb Möbel Ick bin zum Bettler geworben.'

Dieter sah zu Boben. Eine Wette war eS ganz still im Zimmer. Dieter fragte: .Weißt bu einen Rat für mich, Karl?'

Schomburg strich fein ergrauendes Haar zu­rück.

.Ja was soll ich ba raten? Ich weiß es nickt. Die Zeit ist schwer. Die Wirtschaftskrise tontet. Stein Tag ohne Zusammenbrüche: Selbst­morde! Es ist ein Grauen!'

Selbstmorde das Wort ging Dieter ins Herz.

Da ba hatte r ia einen Rat.

Den besten, den cs für ihn gab

.WaS meint denn deine Frau, Dieter? Hast du dich mit ibr beraten?"

Dieter lächelte. Er sah ganz geistesabwe­send mtS

.Effi ist in ber Sckweiz. Und unterhält sick porznalick. Ja. wahrhaftig. Ob dus glaubst ober nicht, Karl!'

Der schüttelte den Kopf. Rein, da? be­griff er nicht.

Pause.

Dieter Wildbrunn war aufgesprungen. Fühlte sich völlig entblößt oor diesem korrekten Manne ber Arbeit.

Schomburg sah ibn an, erkannte die ganze Verzweiflung, sagte leise: .Du, Dieter, kann ick dir mit einigem Gelbe vielleicht beisiehen?"

Da schluchzte Dieter Wildbruun auf, im näch­sten Augenblick iagte er aus ber Tür. Er raste btirck bie jetzt stillen Gänge des Verwaltunasge- bättdes und flüchtete an dem erstaunt aufblicken. den Tsirwarte vorüber auf bie Straße in den wirbelnden Schneesturm hinaus . . .

Arbeiten aber was?

Vor dein Aushang eines Bankgeschäftes stand Doktor Dieter Wilbbrunn, ein eleganter schlan­ker Dreißiger, glatt rasiert, im schwarzen Geh­pelz unb starrte mit angstgeweiteetn Augen auf bie Ziffern, bie ihm Unheil verkünbeten Hatte sich bock der Rückgang der Kurse; die schon seit Wochen zur Schwäche neigten, in schärfstem Tempo fortgesetzt.

Heute war aerabczu ein .schwarzer Tag'. In einigen führenden Spekulation-papieren war gar kein Kurs zustande gekommen da dem Angebot keinerlei Nachfrage pegenüberftanb.

Mit zusammengepreßten Lippen starrte bet Mann ben Börsenbericht an. Heute früh halte er den eingeschriebenen Bries seiner Bank erhal­ten, indem sie mitteilte, daß In folge bet feit lan­get Zeit stetig sinkenben Starte bte Deckung deS Herrn Doktor Wildbrunn nicht mehr hinrei­chend sei.

Sie sehe sich mithin genötigt, an der nächsten Börse also heute seine Papiere zum ersten Kurse zu verkaufen. Und gerade für die ZwangS- verkäuse, die heute an seinem Besitze vollzogen worden waten, hatte das feindliche Geschick die­sen schwarzen Tag gesandt.

Wildbrunn mackte in seinem wirbelnden Kopfe einen Ueberscklag und sah er war voll­kommen ruiniert. War ber Bank, nach vollzoge­ner Abrechnung, große Summen sckuldig.

Billa. Auto, Möbel, Teppiche, Bibliothek - alles war zum Teufel. Die Gläubiger würden binnen kürzester Frist den ganzen Kram versie­geln und Pfänden.

Er hatte etwa fünfbunbert Mark in ber Ta­sche. Wäre er nur frei und ledig er ließe aller hier stehen und liegen unb führe ins Ausland.

Er war jung, Arzt von Fach eS würde ihn geradezu reizen, vor seinen Schulden nach Ame­rika zu flüchten, dort den Kampf frohgemut auf- zuneymen. Er zweifelt« nicht, er würde ihn be­stehen. Würde fick wieder hocharheiten in ein paar Jahren dollarbeschwert heimkehren und seine Schulden hier begleichen . . .

Aber . . .

Er war nicht frei. Nicht ledig. Hatte den Unsinn begangen, ein arme- Mädel zu heiraten, bie verwöhnte Tochter einer ebenso verwöhnten Witwe die leichtlebige Effi die vor den herandrängenden Gesckäft-sorgen tn diesem fal­len Februar nach einem Schweizer Modekuröti geflüchtet war, oon wo aus sie alle paar Tage um Geld drahtete.

Dieses Luxusgeschöpf hatte Wildbrunn vor drei Jahren geheiratet, als er trt Inflationszei­ten ein kaum in Zahlen auszudrückendes Pa­piermarkvermögen befaß sich einen Krösus dilnkte.

Bei der Marfstabilisierung gingen ihm dann die Augen auf fein Vermögen war jetzt leich­ter zu berechnen. eS belief sich auf eine knappe achtel Mrllion Mark. Das war nun übrig vom großen Millionenerbe deS VaterS, der auch Spe­kulant gewesen unb von all dem Börsenspiel, dar der Sohn tm Jnslationstaumel leichtsinnig gewagt Wenig über hunderttausend Goldmark.

Er erschrak. Wie er jetzt lebte, war ba« in knapp zwei Jahren ansgebrauckt. Also mußte man daran denken, hinzuzuverdienen. So hatte er sich benn erneut bem Börsensvtel zugewandt. Und auch bamit war es jetzt zu Ende.

Ja seufzte er, Wer jetzt frei wäre unb le­dig! Eine SckisfSkarte nach Rewyork unb dort neu begonnen. Irgendwie. Mit irgendet­was. Beim Film konnte man sich vielleicht ver­suchen. Er war elegant unb ansehnlich. Als Tbauffeur war« zu riskieren. Er hatte seinen Wagen oft unb gern selbst gefahren.

Es gab tausend Möglichkeiten, wenn man nur frei wäre . . .

Aber er hatte eine junge, verwöhnte Frau . . Sie würde fich schließlich wohl selber helfen. Innerlich waren sie längst nicht mehr sonderlich miteinander verwachsen Effi war nur unter glücklichen Lebensumständen brauchbar. Dieter Wildbrunn hatte das bestimmte Gefühl, sie sah sich schon letzt anderweit um. Wenn eine gute Gelegenheit sich bot. er zweifelte nicht, dann ging sie ihm durch. In ben Schweizer Luxus­hotels suchte sie sicher so etwas unb wußte aut: ES ging mit ihrem Manne in Berlin rasch »ergab. Wenn er also Effi ihrem Schicksal über­