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Kasseler Neueste Nachrichten

Hessische Abendzeitung

Kasseler Abendzeitung

18. Jahrgang

Sonntag, 8. April 1928

Einzelpreis: Sonntags 20 Pfennig.

Nummer 84,

Einzelpreis: Wochentag« 10 Pfennig.

ensttflenmtle: Ittnbetmtfdx ®tfd)äftean*ii>enfrte mm-Betle 10 4 anSmärrt« (Sefd>äft8aniidsea die mm-BeUe 10 4. ftamtlienanidiien die mm»8ette 10 4. Stein« «uxiaen au8 Saget da» ffioit 6 4. anSwärns« klein« «nuigea die mm- Zeile 10 4. Reklamen die mm-Zeile S8 4. Ollerraebüd, 36 4 «bei Zultelluna 85 4». ReLnunaSbetrSge innerhalb 6 ragen eavldar frür di« Richngkect aller iure »trnfprediet auiaeaebenrn «nzeiaen lowir (fit Sulnadmedaien nnd Platz« kann nicht «a ran Neri werden. Äür «n,einen mH besonder» 14 roten «ent Dav tvv Prozent Suttchlaa Druckerei: LLlacb'hoUtr 9S'8O. ®ef63ft»ft«De: SdlnilLeltr 6.

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Der Blick aufs Ganze.

Rur eine fromme Osterlegende?

Nicht in bacchantisch-schäumender LebenSfülle, nicht im tausendstimmigen, sanften Wehn von Blüten, Baum und Busch, nicht im Ltchtgefunkel azurner Himmelsbläue senkt sich diesmal der Erlösersame der Auferstehung in unsere klafter­tief gefurchten Seelen: Mzulange lag die harte Faust deS Frostes, Nebels, der Winterstarre und Sturmwetter auf zartem weiß-blau-gelbem Blü­tenflaum, allzukurz nur überspülten die Sturz­bäder verjüngender Himmelsglut alle durstig aufgeschlossenen Wurzeln und Poren im schwär- zen Schoß der Mutter Erde und im roten Herzblut ihrer Kinder. Um so entzückter und be­klommener aber lauschen wir dafür jedem schluchzend-süßen Vogeltrtller, umso zärllich-be- glückter beugen wir uns hinab zu jedem golde­nen Himmelsschlüsselchen, jedem Veilchendust in Kinderhand, tauchen federnden Fußes hinab ins erste Lichrgrün hängender Weiden- und Erlen- schluchten, streben herzflopsend zu lichtumbrau- ster Höhe, schließen die Hände heißer im jubeln­den Rhythmus grenzenlosen Verstehens. Sieh, wie dieMillionen gleißender Lichtspeere dem dun­stigen schmutzgrauen Wolkendrachen in die Wei­chen fahren! Wie die Fata morgana der Spiel­zeugschachtelstadt dort unten bräutlich erglüht, wie auf den Bergkanzeln ringsum von heiligen heimlichen Osterfeuern die silbrigen Nebel hin­wallen!

Und wir AuSerwählte und Verdammte, Mei- ster und Schüler, Gestalter und Opfer dieser sieben unbegreiflich hohen Weltwunder, die der Arm eines Gottes wiegt, sollten beim Läuten der Frühlingsosterglocken nicht alles abstreifen, was morsch, faul, kleingläubig und furchtsam in unsren Stirnfalten nistete? Von unsrer dum­pfen Brust, unsrem in Groll, Neid und Bitter­nis erstarrten Menschentum sollte nicht auch ein unhemmbarer, rührender Erlösungsschret die schweren Grabplatten sprengen, daß wir wieder verklärt und geläutert, in Liebe, Vertrauen und stiller Opserbereitschaft uns unsrem Tagewerk, unsren gleich uns irrenden, ringenden, erlösten Brüdern u. Schwestern weihen können? Quillt uns nicht auch die Träne, hat unS nicht auch die Erde wieder, auf daß wir mit reinerem Herzen und Willen, mit ritterlicherer Hand und Waffe in das große Wahlabenteur reiten? Ist dieser österlich-klösterliche Burgfriede nicht tote ein Gebet vor dem Sturm, wie ein Gerichtstag über sich selbst, und vor allem ein aufrüttelndeS 93 er- söhnungSgebot. das unS alle aus die gro­ßen und unverrückbaren Ziele eint, die jeder Partei, jedem ehrlichen und gutwilligen Deut­schen voranschweben:

Welcher Selbst- und Pflichtbewußte wollte nicht endlich wieder auf freiem Grund mit freiem Volke stehn, welcher Verständige ntchi bald einmal das Ende absehn, wo der Mtlliar- den-BlutzinS im Sckweiße des Angesichts erar- beitet ist. Nnd zerschneidet nicht jedem von unS Schaffenden, Genießenden, AuftoSrtsschreitenden die stumme Qual der alten und jungen Zeit- und Wirtschaftsopfer daS Herz? Sollte nicht jedem Gerechtdenkenden und jedem Klarblicken­den daran gelegen sein, daß auch dem Bauern nicht Kuh und Pflug versteigert, daß der Arbei­ter auskömlich am Produktionsprozeß beteiligt und daß überhaupt die heute wieder tiefer klaf­fende Kluft zwischen Kapital und Arbeit mit Weitblick und weiser Beschränkung von beiden Seiten geschlossen wird. Nicht daß die Partei wächst, sondern daß das Staats- und Volkswohl gesundet, nicht daß dieser oder jener Stand seine Trümpfe im Parlament auSsptelt, sondern daß die gemeinsamen lebenswichtigen Angelegenbetten der Nation rasch nud gründlich geordnet und stabilisiert werden, ist jetzt erste und letzte Bürger- und VolkSvertreterpflicht. Man soll vor allem auch die Hände von der Staatsform und ebenso das Geschrei um ste oder diese oder jene Flagge lassen, solange Michel noch auf Krüken geht und nicht weiß, wie er seine Kinder ernähren, wo sein Haupt hinlegen soll. Auch dünkt es uns wichtiger, ernsthaft und energisch dem Länder- und Verwaltungslurus zu Leibe zu gehen, das Steuerchaos zu meistern, das Straf- und Eherecht unter Doch und Fach zu bringen. Wirtschaftsauswüchse zu beschneiden und vor nrfem den noch immer ungeheuerlichen Druck nach außen zu lockern, sowie den im Par­teisumpf versinkenden Massen wieder den Blick

Sticht einmal gegen Geld!

Wie man den Chauvinisten die Räumung schmackhaft machen mutz.

PariS, 7. April. (Eigene Drahtmeldung.- Das Parteiorgan der Radikalen polemifiert heute in schärfster Weise gegen den reaktionärenFi­garo", der die Frage der Nutzbarmachung der DaweS-Obligationen nicht mit der Frage der vorzeitigen RheinlandrSumung verknüpfen will. Das Blatt schreibt: Keine deutsche Regierung wird der öffentlichen Meinung in Deutschland die gewaltigen Anstrengungen aufzwingen, die für Deutschland die Aufgabe der Transfer-Ga- rantieflausel mit sich bringt, wenn ste diese Ope­ration nicht alS ein Mittel zur Befreiung der Rheinlande hinstellt. Diejenigen, die versuchen, sich verzweifelt an die theoretische Unterscheidung zwischen DaweSplan und Rheinlandbesetzung an­zuklammern, vergessen zu leicht, datz die Be­setzung im Versailler Vertrag als Pfand für die Ausführung der Reparationen gedacht war, ste vergessen auch die Vorgeschichte von Thoiry, deren direkte Konsequenz die Kombination ist, der Poinrars nunmehr seine prinzipielle Zustim­mung gegeben hat.

©le können den Krieg nicht vergessen.

PariS, 7. April. Der Bürgermeister von Lille wird am Sonntag ein Denkmal sür die hundert

Opfer der Explosion vom Jahre 1916 einweihen wo ein deutsches Munitionslager in die Lust ge­sprengt wurde.

530 000 ausgesperrt.

Generalstreik in der Metallindustrie?

Braunschweig, 7. April. Die Metallarbeiter- Organisationen von Braunschweig und Hannover beschlossen, falls am 12. April in Sachsen die Aussperrung der 330 000 Metallarbeiter erfolgt, sofort eine SolidaritätSerklärung herbeizuführen. Die Antwort auf die sächsische Aussperrung werde der Generalstreik in der deutschen Metallindustrie sein.

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Keine hvheren Löhne in Overfchieflen.

Kattowitz, 7. April. Im ostoberschlefischen Bergbau wurde gestern nach eingehender Erwä­gung ein Schiedsspruch gefällt, der das Verlan­gen nach Lohnerhöhung ablehnt und die Forderungen nach Ausgleich der Löhne usw. einem Sonderausschuß überweist. Man nimmt an, daß der Schiedsspruch von den Gewerkschaf­ten, wenn auch unter Protest, angenommen wird.

Ofterflug nach Rewyork?

Heute oder morgen muß stchS entscheiden.

London, 7. April. (Eigene Drahtmeldung.) In der vergangenen Nacht wurde von dem Flug­platz Baldonell gemeldet, daß das Flugzeug Bremen" voraussichtlich in den nächsten achtund­vierzig Stunden starten wird.

Noch em Dimer fliegt mit

Rewyork, 7. April. (Durch Funkspruch.) Wi- auS Dublin verlautet wurde dem irischen Flug­leiter Fritzmaariee gestattet, den TranSozeanflug an Bord derBremen" mitzumachen.

Der Franzose gleich hinterher.

Paris, 7. April. (Eigene Drahtmeldung.) Leutnant Paris Hai die Absicht, in etwa vierzehn Tagen einen Ozeanflug zu unternehmen. DaS Wasserflugzeug ist mit zwei Motoren zn 500 PS. ausgerüstet. Die Flügelspannweite beträgt zwanzig Meter. Die Tanks fassen 5200 Liter Benzin. Dieser Tage werden die ersten Ber- suchLflüge unternommen werden.

ÄN kaum 40 Minuten

Abend ließ der Sturm nach, sodaß man endlich des Feuers Herr werden konnte. Riedergebrannt sindachtzehnGebäude, darunter acht Fa­rn ilienwohnhäuser, ferner Stallungen, Speicher usw. Ein Brandmeister rettete unter Lebensge-

Ein gewaltiges Feuer vernichtete am Gründon ncrstag etwa vier Fünftel deS DorfeS Groß- herzogSwalde bei Deutsch-Ehlau. Es brach im Schweinestall eines gräflichen GuteS infolge FnnkenauswursS des Kartoffel­dämpfers aus. Bei dem heftigen Südweft-, v

sturm stand in kaum vierzig Minuten fast daS I fahr ein Lind.

, . . haben Sturm und Flammen ein Dorf verzehrt. Ein erschütterndes Osterdrama. Königsberg t. Pr., 7. April. (Privattelegr.) ganze Dorf in Flammen. Bei dem heftigen Fun- it gewaltiges Feuer vernichtete am Gründon- kenflug waren die Wehren machtlos. Gegen

Mit Booten von Hous zu Hous.

Trübe Feiertage im Hochwasser.

Mafland, 7. April. (Eigene Drahtmeldung.i In der Provinz Tremona hat daS Hochwasser deS Po und des Oglio Ueberschwemmungen an­gerichtet. Biele Bauernhäuser mußten geräumt werden. Der Verkehr kann nur mit Booten auf­recht erhalten werden.

Bo« Srwnlveven noch nicht vorüber.

Angora, 7. April. (Funkdienst.) Gestern abend und heute morgen traten in Torbali zwei neue heftige Erdstöße ein, die wenn auch schwach, auch in Smyrna bemerkbar waren. Neue Zer­störungen wurden nicht angerichtet

Drüben ist alles anders.

Der wärmste und kälteste Karfreitag zugleich.

Rewyork, 7. April. (Durch Funkspruch.) Wäh rend sich Rewyork mit 73 Grad Fahrenheit des wärmsten 6. April seit 18 Jahren erfreute,

tete in RebraSka schwerster Schneesturm ,der in Omaha die Stromversorgung und somit den gesamten Verkehr unterband.

Massensturz infolge «teuerbmchs.

Brünn, 7. April. (Eigene Drahtmeldung. - Kurz vor der Eisenbahnbrücke geriet ein mit achtzehn Personen besetzter AutobuS infolge Bruchs deS Lenkradhebels nach links au8 der Fahrbahn und überschlug sich. Alle Passagiere trugen mehr ober minder schwere Verletzungen davon.

Srfluitin Sleltze hat e« doch geschafft I

London, 7. April. (Eigene Drahtmeldung. Aus Gibraltar wird gemeldet, daß die Schwim merin Gleiche gestern die Meerenge von Gibral tar durchschwommen hat. Sie brach um 8,50 Uhr morgens bei Tarifa an der spanischen Küste auf uni kam um 9,40 Uhr abends bei Ceuta an.

aufs Ganze, den Glauben an die noch uner-1 unfruchtbaren Panei-, Lohn- und Klassenkäm- schlossenen, unversiegbaren Kräfte der deutschen pfen zur Freude Dritter aufreiben, oder ob wir

Seele wiederzugeben, wichtiger, meinen wir, als

mit Rivalitäten, Jnlriguen, großen und Heinen

Wahlmätzchen kostbarstes deutsches Menschengut

der vorerst nur fromm und zaghaft angestimmtet. Osterlegende Fleisch. Blut und Gestalt geben und

t sie auS dem Reich nebelhafter Unzulänglichkeiten mürbe und matt zu machen. An jedem Einzel- !n den heiteren sieghaften Ostermittagsglanz der neu von unS wird eS also liegen, ob wir unS in Gegenwart emporheben, F. R.

Lieber den Tod hinaus

Das größte Geheimnis deS Lebens.

Meine Osterbotschaft für 1928.

Von

Arthur Braufewetter.

WaS ist daS Leben? Ein unergründlicher Geheimnis, hinter das Wir um fv weniger kommen, je älter wir werden. Die Rechnung, die nie ausgeht mögen wir unS über ihr auch Kopf und Herz zergrübeln.

In das Leben tritt der Tob ülS neues Rät­sel, wird das Maß aller Dinge und aller Men. scheu, sodaß nur Wer ihn versteht, auch daS Leben verstehen kann. Er erst gibt dem Leben die Gestalt, die Farbe und das Wesen. Ein Künstler ist der Tod mit dem unaufhaltsamen Schaffensdrang.

Tod und Leben sind ein Liebespaar, daS sich zum Reigen umschlingt Und in dem wirbeln­den Tanz, den sie ausführen, kann man bald nicht mehr unterscheiden, wer der Führer und wer der Geführte ist.

So werden beide zu dem großen unergründ­lichen Geheimnis allen Werdens und Vergehens in der Welt. BiS sich über dieser Welt mit ihren bunten Erscheinungen, ihren verwirrenden Kräften eine andere erhebt, stumm, erhaben, ehern gefügt eine Welt, die man mit diesen Augen nicht sehen, mit diesen Händen nicht fassen kann, in die nur daS Auge der Hoffnung, der Fingerzeig der Hoffnung führt, die aber wahrer und wirklicher ist, als diese Welt der Täuschungen und des Scheins.

Die Pforten dieser Welt erschließt Ostern. Dadurch wird es das Fest deS Lebens und der Freude. Mehr: Die Lösung deS dumpfen Rät- sels, daS oft so lastend auf unS gelegen. In feinem Lichte erscheint das Leben nicht mehr als ein Bruch, der nicht aufgeht, sondern als etwas Gelöstes, Harmonisches. Der Tod ver­schlungen in den Sieg und daS Leben, das ist die Osterbotschaft. Es gibt einen, der stärker ist, als der Tod, der seinen Stachel bricht und das Leben triumphieren heißt.

Aber das wäre etwas Unmögliches? Etwas, daS man nicht ausdenken kann; das wider alle Natur ist?

Ganz im Gegenteil.

Oder wie? Ist denn, datz ein Gestorbener den Tod überwindet, so viel verwunderlicher, als daß ein zum Leben geborener Mensch stirbt? Ist der Tod etwas anderes als die große Verwandelung unseres stets in Verwan- delung begriffenen Lebens? Ist eS nicht ge­rade der Tod, der der Seele di« ureigene Ge­stalt und die Entfaltung aller in ihr ruhender Möglichkeiten gibt, die das Leben so oft unter­drückte oder zerstörte? Führt er unS nicht in letzter Vollendung den Weg zu unserem eigent­lichen Selbst, wird damit die Lösung deS großen »Stirb und Werde" oder deS PindarworteS: »Werde, der Du bist!"?

Ostern . . . Freude, Leben, Sieg alles schließt daS Wort in feinen hellen Feierklang. Der Tod als solcher wesenSloS geworden. Eins nur gibt eS: das Leben und sein durch Ostern gelöster Geheimnis. Jesus hat es durch sein Auferstehen erschlossen. Selbst der große deutsche Denker Kant konnte sich daS Ideal Gottes nicht anders vorstellen als unter der Idee eines Menschen, der nicht allein alle Menicbenpflicht selbst auS- zuüben, sondern auch alle Leiden bis zum schmählichen Tode um des Weltbesten willen zu übernehmen bereit wäre. Und im praktischen Glauben an den Sohn Gottes nur könne der Mensch hoffen, Gott wohlgefällig, danach auch selig zu werden.

Und wir? Inmitten aller Errungenschaften der Technik, inmitten aller Fragen und Sorgen deS TageS, aller Verwirrungen und Verirrun­gen unseres öffentlichen und sittlichen Lebens, aller Demütigung und Knechtung unseres Va­terlandes, fangen wir an. daS Leben nicht mehr unter rein zeitlichem und vergänglichem, son­dern unter dem Gesichtspunkt der Ewigkeit zu sehen. Wir suchen den Lebendigen nicht mehr bei den Toten, suchen hinter den flüchtigen Er« scheinungen nach dem Dinge an sich, dem Uri gründ alles Bestehenden.

Darin erst besteht die eigentliche Idee und das Geheimnis des Lebens, daß wir uns dieS als ein unaufhörlich schöpferisches und fortwir­kendes denken müssen.

»Glaubt Ihr, ein Sarg könne mir imponie­ren?" fragt Goethe einmal. »Kein tüchtiger