Kasseler Neueste Nachrichten
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Kasseler Abendzeitung
Hessische Abendzeitung
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Nummer 83.
Frettag, 6. April 1928
Einzelpreis: Wochentag- 10 Pfennig.
Einzelpreis: Sonntags 20 Pfennig.
18. Jahrgang
Freie Bahn für die Dawes-Revision!
Wer Weg liegt fett.
Gigantisches Ringen gegen . . . Poincart. Von
Folgst Du nicht willig...
Weil Aegypten nicht pariert, bleibt eS unter Englands Knute.
Wer tägliches Opfer.
Das auf Golgatha aber ist das größte.
Von
Staatssekretär Frhr. v. Rheinbaben, M. d. R.
Wie man weiß, hat Poincari, der Unersetzliche, aus der Frankretter-Posttion heraus wiederum den maßgeblichen Einfluß auf die Leitung der französischen Außenpolitik zu nehmen vermocht und hat jetzt in Carcalson- ne Farbe bekannt. Wie sehen seine Pläne aus?
Zunächst ein paar Worte über die parlamentarischen Träger der kommenden Außenpolitik hiiben und drüben. Die Franzosen haben ein Wahl- und Parteien-Svstem, das bet aller Kompliziertheit unendlich biegsamer und für die praktische Politik brauchbarer ist, als das unsere und starke Persönlichkeiten auch trotz schwerster Mißgriffe immer wieder ans Ruder bringt. Es ist wohl kaum noch ein Zweifel daran erlaubt, daß Herr Poincare auch der Chef der nach st en Regierung in Frankreich sein wird, daß sich um ihn bis weit nach links und rechts in der neuen französischen Kammer genügend Kräfte gruppieren werden, die ihm für die Verwirklichung seiner nächsten Ziele eine große Mehrheit sichert. Er war klug genug, die endgültige Stabilisierung des Franken hinauszuschieben und er hat gerade soeben als Ausgabe der kommenden vierjährigen Legislaturveriode bezeichnet den Abschluß der inneren Konsolidierung Frankreichs herbeizu- fiihren. Niemand wird es auf absehbare Zeit hinaus ernsthaft wagen, ihm bei dieser Arbeit in den Arm zu fallen. In logischer Weiterentwicklung dieses seine- Hauptzieles hat Herr Poincarö nunmehr den Zusammenhang zwischen sranzösischer Finanzierung, deutschen Reparationszahlungey u. interalliierten Schulden klar erkannt, und in den Vordergrund der Weltdiskussion gerückt. Auch im günstigsten Falle für uns stehen wir somit vor einer erneuten Periode schwierigster internationaler Finanzverhandlungen, bei der wir ohne militärische Macht und mit unserer starken Abhängigkeit vom internationalen Finanzmarkt am kürzeren Hebel sitzen. Es muß sich also auch bei uns, ebenso wie drüben, eine starke Konzentration auf eine nüchterne und unsere finanziellen und wirtschaftlichen Jnteresien mit aller Energie wahrnehmende Realpolitik vollziehen, die sich rechts und links von unnützen und unfruchtbaren Gefühlsmomenten frei macht.
Was will Herr PoincarL? Er will sich erneut an die Spitze einer den rechten und linken Flügel anslafsenden großen Mehrheit setzen und mit ihr Frankreichs Jnteresien in dem angebahnten Prozeß der „general clearing*, d. h. eines allgemeinen Schulden- und Re- parati onsanSgleichS in gewohnter Zähigkeit und Energie wahrnehmen. Er wünscht in den beginnenden Prozeß einer Revision des DaweSplanes das Pfand der Rheinland- b e s e tz u n. g hineinzuwerfen und eS sich so teuer wie möglich abkaufen zu lassen. Er will gleichzeitig die französischen Schulden an England und Amerika möglichst los werden und darüber Jinans eine Anzahl deutscher Goldmtl- iarden in bar erhalten. Er ist sich selbst- verständlich über die ungeheuren Schwierigkeiten solcher weltfinanzieller Transaktionen klar. Er weiß genau, daß ohne die Mithilfe Ame- r i k a s über diese Dinge überhaupt nicht ernsthaft zu verhandeln und vor dem Amtsantritt des neuen Präsidenten wenig zu machen ist. Er stellt gleichwohl in vorsichtiger Form schon jetzt die Forderungen Frankreichs auf, um für die vielleicht die nächsten zwei bis drei Jahre aus- füllenden Verhandlungen eine gute Anfangs- Position — und eine gute Wahlparole zu haben. Herr Prtand bat ihm in der Schaffung der notwendigen politischen Atmosphäre trefflich vorgearbeitet. Er wird Wohl PoincarsS Außenminister bleiben — aber die Zeichen der Zeit lassen darauf schließen, daß schon wegen des Verschiebens bedeutendster finanzieller Inter- eflen Herr Poincarsselbst die volle Zügelführung für diesen wichtigsten Teil der nächsten deutsch-französischen Politik ergreifen wird.
Was folgt au8 dem allen für Deutschland? Dürfte auch das Schlagwort von der entscheidenden Wendung durch die großen Wahlen 1928*29 eitel Illusion bleiben, so ist doch dir weitere Linie der deutschen Außenpolitik ganz klar zu erkennen. Die für uns dringendsten außenpolitischen Probleme sind und bleiben die Rheinlandräumung, die Dawesrevtsion und die Stützung der Ostmark gegenüber Polen unter Aufrechterhaltung unseres Anspruchs auf Grenzrevision. Wir halten unverrückt an ihnen fest, wenn der Fortschritt bisher auch langsam und mühselig genug war. Auch die Kritiker sollten doch nicht vergessen, datz die vor uns liegenden
Kairo, 5. April. (Durch Funkspruch.) In der heute an Aegypten überreichten Note wird erklärt, daß Großbritannien Aegyptens Aussicht von de» Verpflichtungen für beide Teile nicht als zutreffend anerkennen kann. England habe in seiner Deklaration von 1922 die Unabhängigkeit Aegyptens von vier Vorbehalten abhängig gemacht, bei denen es folgende Fragen gänzlich nach eigener Entscheidung regeln wollte: 1. Den Schutz der britischen Verkehrswege in Aegypten; 2. die Verteidigung Aegyptens gegen Angriffe und Einmischungsversuche vom Ausland her; 3. Schutz der ausländischen Interessen in Aegypten, sowie der Minderheiten; 4. die Frage des Sudans. Diese Vorbehalte sollten bis zu einer festen Vereinbarung in Straft bleiben. Da aber der angebotene Vertrag von Aegypten Kurüügewiesen worden sei, bleibe der Status quo ante bestehen, und die englische Regierung behalte sich hinsichtlich der vier angeführten Punkte jede Entsck^ioung vor Aegypten könne nur unabhängig werden, roCntt es den englischen Wünschen nachkomme.
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9fir alle Sülle ..
London, 5. April. Ein Blatt meldet gestern aus Portsmouth, datz dort dreizehn Schiffe zur Verstärkung der englischen Mittelmeer- flotte nach Gidraltar ausgelaufen sind.
Die Dawesrevrfton reift tzeean
Parker Gilbert auf PoincaröS Spuren.
Paris, 5. Arpil. Nach Verhandlungen in London und Paris ist laut Preffenotiz der Re- parationSagent Parker Gilbert nach Rom abgereist, um das Reparations- und Kriegsschuldenproblem mit dem italienischen Finanz- Minister zu erörtern. Parker Gilbert wisse, datz Deutschland die erste Gelegenheit ergreifen werde, die Revision deS Dawesplanes zu fordern, wenn die Zahl der Dawesannnitäten nicht begrenzt würde. Auch werde sich die französische Regierung dieser Begrenzung nicht widersetzen unter der Bedingung, datz gleichzeitig eine Regelung der Kriegsschulden erfolge. Bor den amerikanischen Wahlen könne man zwai; noch nicht die Modalitäten dieser Regelung ins Auge fassen, jedoch die Ansichten der interessierten Regierungen kennen lernen.
Arrr ein Deutscher...
Zn den Prügeln auch noch die Strafe.
Marienbad, 5. April (Privattelegramm.) Der Chefredakteur Poeschel der Bäderzeitung wurde vor einigen Tagen von dem Flieger Arlgt im Gebäude der BezirkSverwaltung gemttzyan- bclt, kurz darauf auch von dem Sohne deS Ho-
tclbefitzerS Rauscher. Arigt und Poeschel sind jetzt zu je vierzehn Tagen Arrest verurteitc worden
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So schikaniert man Deutscher
Prag, S. April. (Eigene Drahtmeldung.) In einem Prozeß wurde dem Kläger aufgetragrn, die gesamten Akten intschechischerUeber- setzung dem Gericht vorzulegen. Diese Akte» haben einen solchen Umfang, datz bei achtstündiger Arbeitszeit eine Person etwa vier bis fünf Jahre zu übersetzen hätte.
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Ein Freibrief iflr Istvtebles,
Kattowltz, 5. April. Die drei Aufständischen, die den deutschen Sejm-Abgeordneten Kunstdorf auf dem Heimweg von einer Versammlung überfallen und schwer mißhandelt hatten, wurden zu fünf Tagen Gefängnis verurteil.
Steel Attentate gegen Dalkan-Demokralen
Belgrad, 5. April. In Sitschowo wurde gegen den Demokratenführer Nikolic, ein Revolverattentat verübt. Nikolic wurde schwer verwundet. Der Täter entkam. Der Umstand, datz vor einigen Tagen ein Demokrat bei einem Attentat getötet wurde, läßt vermuten, datz es sich um parteipolitische Racheakte handelt, waS ^nter iv-r Demokraten große Erregung hervor- tifft.
Gr will ihnen <m -en Kragen.
Dramatischer Zwischenfall im Unterhaus.
London, 5. April. Als in der Debatte über die Vertrustung der Presse ein Arbeitervertreter den Journalisten den Rat gab, sich zum Schutz gegen die Kapitalistengruppen, die Besitzer der Zeitungstrusts find, znsammenzuschlie- tzcn, fing ein Tribünenbesucher zu schreien an, überkletterte die Scheidewand und bewegte flch dann auf die Abgeordnetensitze zu. Er wurde von den Parlamentsbeamten überwältigt und aus dem Sitzungssaal entfernt. Ein Abgeordneter, der Arzt isi, untersuchte ihn und stellte fest, datz er hochgradig neurasthenisch ist.
Der erste Pyrenäen - Tunnel.
Ein großes Ereignis für Spanien.
Paris, 5. Avril. Der erste transpyrenäische Tunnel wird im Laufe dieses Sommers in Anwesenheit des Königs von Spanien ringe, weiht werden. Die neue Eisenbahn wird Sebous in Frankreich mit der spanischen Stadt Jara verbinden. Der Haupttunnel ist acht Kilometer lang. Außerdem gibt eS noch 13 weitere Tunnels.
Fetzt werden Filme... telegraphiert.
Die erste elektrische Fernübertragung geglückt.
Rewyork, 8. April. Die Telegraphen-Gesell- schast berichtet, daß die fernphotographische Uebermittelnng eines Filmes geglückt fei. Die 10 Fuß lange Filmaufnahme wurde von Chi-
Ikago aus in kurzen Stücken durch die Telephonleitungen nach Rewyork gedrahtet, wo sie wie- der zusammengestellt und neu photographiert wurde. Der gesamte Vorgang beanspruchte 4 Stunden Zeit.
Fedes Land hat seinen Skandal.
Millionen-Unterschlagungen eine- Industriellen
Mailand, 5. April. «Bifl. Drahtbericht.) Der angesehene Turiner Industrielle Ernesto Pröda ist wegen Unterschlagungen im Be-
I trage von ein und einer halben Million Lire zum Schaden einer von ihm verwalteten Gesellschaft verhaftet worden. Er wird auch der Fälschung beschuldigt.
finanziellen und wirtschaftlichen Verhandlungen internationaler Natur nur dann für Deutschland ein erträgliches Ergebnis haben können, wenn politisch zuvor zwischen den entscheidenden Großmächten ein solches Verhältnis hergestellt worden ist, das ein genügendes Matz gegenfei» tigen Vertrauens in sich birgt. Vier Zähre haben wir über London, Locarno, Thotry und Genf daran gearbeitet. Das war manchem zu lang und zu wenig ergebnisreich. Wir haben auch — nicht immer ohne eigene Schuld — manche Täuschung erleben müssen. Und doch war diese Arbeit für die Vorbereitung einer helleren Zukunft Deutschlands unbedingt notwendig! PotncarL hat vor ,in und nach dem Kriege unsägliches Elend über Deutschland gebracht und gleichzeitig seinem eigenen Land schwer gescha
det. Er scheint nunmehr dazu berufen, in trockener Klarheit und unter Ausnützung aller Macht- Möglichkeiten die Entwirrung bei finanziellen ChaoS vermöge seiner neu gewonnenen Autorität vielleicht schneller vorwärts zu treiben, als die Schönrederei manch anderen französischen Politikers er bisher vermocht hat. Aber — wappnen wir uns gerade ihm gegeünber mit Geduld und Zähigkeit. Suchen wir in Vertretung unserer deutschen Jnteresien nach Män- nren und Methoden, die einem PoincarS eben, bärtig sind und lassen wir angesichts eines solchen Mannes und eines so zielbewutzten und nüchternenaußen- poli tisch en Willens die parteipolitischen Klopffecklereien auS unse- remeigenenWahlkampsheraus!
Arthur Brause Wetter
Wir alle kennen noch die Geschichte der Opferung Isaaks auf Morijg Ein Gott, der von einem Vater verlangt, daß er seinen einzigen Sohn ihm opfern soll. Ein Vater, der ViNgehr, diesen Einzigen tote ein Opferlamm zu schlachten, der ohne Frage ihm dar Herz mit bent Messer durchbohrt hätte, wenn nicht tin allerletzten Augenblick das befreiende Wart Gottes an tfftt "ergangen wäre — das mag Gehorsam sein auf der höchsten Höhe, mag Glauben fein, wie er opferbereiter nicht gebracht werden kann Aber unser Gefühl und unser sittliches Empfinden lehnen sich dagegen auf. Tie Geschichte gibt uns nichts. Sie stößt unS ab.
Vielleicht — weil wir sie nicht recht verstehen. Denn ihre Bedeutung liegt nicht in ihrem Geschehen, nicht in dem Tatsächlichen ihre- Inhalts Sondern in einer ganz anderen Richtung Sie ist symbolisch, kann nur als Gleichnis betrachtet und begriffen werden. Ihr Symbol ist voransfa.gender Art, weist auf e:n anderes Opfer hin, ein größeres und bleibendes
Monja heißt der Berg, auf dem Abraham seinen Sobn schlachten soll. Morija aber bedeutet: von Gc-ft ersehen Es ist derselbe 53er,i, auf dem später Jerusalem und Salomos Tem- pel sich erhob Ebendort liegt auch Golgatha.
Ein Vater der des eigenen Sohnes nicht schont. Da.', der Grundgedanke der Jsaaksae- schichte Ein Vater, der des eigenen SohneS nicht schonet, sondern ihn hin gibt in den Tod aus Siebe zu irrenden, verlorenen Menschen daS der Grundgedanke der Karfrei-agstat auf Golgatha.
Und doch — welche Unterschiede: Der Ab- schlutz der alttestamentlichen Geschichte ist versöhnender Natur. Just in dem Augenblick, alS Abraham seinen Sohn auf dem erbauten Altar gebunden hat, alS er das Messer zücken will, greift Gott ein. heißt ihn. seine Hand von dem Knaben zu lassen und statt seiner einen Widder zu schlachten, dessen Opfer Gott alS wohlgefällig annimmt.
Wir haben eS hier mit eine Art abbiegender Tragik zu tun. Die letzte Konsequenz ‘ wird nicht gezogen. Auf dem Höhepunkt der Span- mtng wendet sich die Tragödie. Die Absicht wird statt der Tat genommen. Gewiß, darin liegt etwas Beruhigendes. Das Schauerliche des Motivs wird befänftiat, die hochflehenden Wogen durch daS Oel lindernder Barmherzigkeit Plötzlich geglättet.
Darin liegt aber zugleich das Unechte. DaS Opfer wird angeboten, aber nicht angenommen Das Ganze war nur eine Prüfung und — darüber kommen wir nicht hinweg — ein Schein, ein Spiel. Freilich die Ovsernng Isaak? wäre zwecklos gewesen. WeShalb? Wozu? Ein anderer Schluß der iouchtig einsetzen- den Tragödie wäre garnicht denkbar gewesen.
So geschah eS in Morija.
Und in Golgatha? Da ist alles heiliger Ernst, alles unerbittliche Konsequenz bis zum Ende.
Christus ist sich vom Ersten Augenblicke an bewußt, daß er das freiwillig erwählte Opfer bringen, daß er nach dem Willen seines VaterS sterben muß. Ein Abbiegen von dem eingeschla- genen Leidensweg liegt außer dem Bericht der Möglichkeit.
Zwar ringt er in Gethsemane noch einmal mit seinem Vater im Himmel um dieS Opfer: »Vater, ist es möglich, so gehe dieser Kelch von mir!" Zwar bringt auf dem Höhepunkte seiner Qual der erschütterndste Rus von seinen brechenden Lippen, der sich ie einem Menfchenher- zen entrungen: „Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen?*
Aber das sind Augenblicke, herrliche, heilige in all ihrem Seid, die wir nie missen möchten, weil sie unS daS echt und überwältigend Menschliche in Christus offenbaren. Durch sie hindurch geht er so sehend, so still und stark bewußt in seinen Tod. weiß so genau, daß dieser Tod unbedingte und unerbittliche Notwendigkeit ist, die Menschheit zu erlösen, daß ein anderer Abschluß hier geradezu Unmöglichkeit wird.
Gebunden wie ein Lamm. daS zur Schlachtbank-geführt wird, darin liegt Beides: das unumgänglich Notwendifle seines Sterbens und die Notwendigkeit mit der es aus sich genommen wird Darin zugleich die Lösung durch do? Größte, was ein Mensch geben kann: sich selber. * Niemand hat größere Siebe denn die, daß er fein Leben gebe für feine Freunde.*
Ä» der vollendeten Tragik GolzatHas liegt