Sonntag, 5. Februar 1928.
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18. Jahrgang. — 8h. 81.
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Frauen im Dollarland.
Was ein amerikanischer Filmstar bekennt.
Mary Pickford, die berühmte Filmdarstell> Än, nennt die Amerikanerin die unverstandenste Frau der Welt, zumindest der alten Stielt. Sie wird in Europa vielfach als herzloses und geldgierige- Scheusal geschildert, oaS nur darauf aus ist, den Mann unter daS Joch und der Geschäfte zu zwingen, um selbst herrlich und in Freuden lebenSwandeln zu können.
Nun, meint Marv Pickford, diese Vorstellung die man stch vielfach von der Amerikanerin macht, ist ungefähr die dümmste von allen ewi. gen Vorstellungen, dte alle miteinander in der Regel nicht sehr gescheit sind. Im Lande der Freiheit erfreut sich die Frau natürlich auch vollständiger Freizügigkeit. Mit Vermännlichung hat diese Freizügigkeit jedoch nichts zu tun und darf nichts mit ihr zu tun haben. Tatsachen beweisen: Der FrauentypuS der dem Geschmack der Nation entspricht, ist wie ick in aller Bescheidenheit bemerken darf, doch Wohl der, den die Filmgewaltigen am liebsten enga- giren. Nun: hat man jemals eine männlich geartete Frau in der Hauptrolle eines amerikanischen FilmS gesehen?
Die Verehrung der echten und unverfälschten Weiblichkeit ist vielleicht nirgends so groß wie gerade in der Union. Daß die junge Amerikanerin allein auf Reisen geht und auch in der Mmat keines „Elefanten", keiner Anstandsdame bedarf, hat mit ihrer Weiblichkeit natürlich nichts zu tun. Unter unS gesagt: Ich glaube, die sogenannte Emanzipation der Amerikanerin besteht darin, daß ihre Weiblichkeit eher zu stark alS zu wenig ausgebildet ist. Wer „Blondinen bevorzugt", das sensationelle Buch meiner Freundin Anita Loos gelesen hat — und wer bat es nicht gelesen? — wird wohl derselben Meinung sein Natürlich muß die 'Frau unter allen Umständen Frau bleiben. Wir wollen dem soaenannten starken Geschlecht in keiner Weile nacheifern Wir sind sehr stolz aus unsere Schwäche. Denn gerade dattn liegt unsere weltbewegende Kraft. Mary Pickford.
Die letzte Rettung.
Junggesellen, die den Frauen entfliehen.
Irgendwo in den Vereinigten Staaten gibt eS eine Stelle, wo die Frau nicht herrscht, wo sie nicht wie sonst überall von den Schneebergen Washingtons bis zu den Palmen Fwridas Tun und Handeln, Ansichten und Denken bestimmt und den Mann vor ihren Triumphwagen spannt. Allerdings würde man diese Stelle schwerlich auf dem Festland finden, denn sie besteht in einer Kolonie von Hausbooten, die in Dock Street bei Terminal Island, da, wo Los Angeles aufhört, ihre Bojen haben. Dort ist die letzte Zuflucht männlicher Freiheit und Unabhängigkeit.
Es ist ein Paradies, sagen die 21 Männer, die sich mit Feldarbeit und gelegentlicher Stati- stentätigkeit im Film ihr Brot erwerben, ein wahres Paradies, denn keine Eva kann uns daraus vertreiben. Gewiß, bisweilen empfängt der eine oder andere weiblichen Besuch, und dann
kastrier Sonntags-MLerlmgen.
Mit Blitzlicht «nd Kamera quer durch die Stadt.
Aus dem Landhaus ist leider nichts geworben. Als die Gewinnliste der Ludwigsteinloite- rie erschien, mußte ich zu meinem Bedauern feststellen, daß sich dieser holde Zukunftstraum tu eine stachle Stickschere verwandelt hatte. Auch die Hoffnung auf sie habe ich aufgeben müssen, als ich versuchte, diesen kümmerlichen Larrdhaus- ersatz am Fknkenherd abzuholen. Denn es sah da aus wie in der Kriegszeit vor der Brotkartenausgabestelle. Eine regellose breite Schlange Mensch kroch über dem Fuldastrand am Finkenherd entlang (Bild oben rechts) und harrte des Einlasses. Es half natürlich nichts, daß gesagt wurde, die Gewinnausgabe dauere ja ganze vierzehn Tage. Anscheinend hat jeder sofortige Verwendung für die Stickschere oder die Bratpfanne, hat nur ein Los gekauft, um feinen Hausstand zu ergänzen. Wso stürmte man am ersten Tage mit Hurra die Barrikaden des Finkenherdes und schrie nach den Stickscheren. Was die glücklichen Gewinner eines Taschenmessers in den grausen Verdacht kommen laßt, sie hätten die Lose nicht gekauft, um der Jugendburg zu helfen, sondern ... um einmal Polonaise nach einem Taschenmesser zu stehen. Aber vielleicht überlegt es stch nun manch einer, der noch seinen Gewinn dort unten abzuholen hat, wartet ein paar Tage und bereitet nicht durch stnnlosen Ansturm sich selbst und den unermüdlichen Helfern der Jugendburg unnötigen Aerger und Verdruß. Es konnte nicht jeder das Glück haben, ein Landhaus zu gewinnen, das man ihm schlüsselfertig irgendwo hinfetzt.
Ueber persönliches Glück läßt sich ja immer streiten und es ist sozusagen eine individuelle relative Sache Ein sonderbarer Fall eines so persönlichen Glücks ereignete sich bei der letzten Frostperiode in der Nähe Kassels. DaS große Lastauto einer Kasseler Firma geriet auf der völlig vereisten Sttaße in der Nähe von Marsberg im waldeckischen in der Dunkelheit ins Rückwärtsrutschen, Bremsen, Einschalten, nichts half, hilflos rutschte Der Wagen aus der abschüssigen Straße rückwärts zu Tal, fuhr über die Böschung und blieb — o Wunder — im letzten Augenblick in halsbrecherischer Situation an einem zehn Meter hohen Abhang hängen. (Bild oben links.) Ich kann mir denken, daß es den Chauffeur heiß und kalt überlaufen hat, als er am andern Morgen bei Tageslicht die Bescherung sah und den Wagen stützen ließ . . . aber niemand wird bestreiten, daß hier in Wirklichkeit ein selten günstiger SiÄltzeugel über Mann und Wagen geschwebt hat.
Ein sonderbarer Schutzengel aber ist es, der einen alten Kaffelaner ab und zu immer in die Mauern feiner Vaterstadt geleitet Vom alten Ephesus ist hier die Rede, dem Kameraden der längst verstorbenen Kupille, der in den letzten Tagen wieder in Kassel auftauchte und nach
Absolvierung sämtlicher Wirtschaften, in denen ihn Bekannte freudig begrüßten und begossen, in fragwürdigem Zustande im Zufluchtsheim schützende Aufnahme fand. Und am andern Morgen marschierte dann Georg Jäger, wie Freund Ephesus mit seinem bürgerlichen Namen heißt, wieder in feine geliebte Altstadt hinein (Bild unten links), wo er (zu feinem eigenen Nachteil) überall freie Runden findet. Was aber die schrankenlose Zecherei für einen jetzt zweiundsechzigjährigen bedeutet, darüber ist sich wohl jeder im Klaren. Und so gern wir dem Ephesus, dem mit seiner Vaterstadt so eng verbundenen Original, die Freiheit gönnen, in seinem eigenen Interesse wäre zu fordern, daß ihm in Zukunft diese Extratouren unmöglich gemacht würden... ein Ende im Straßendreck wird ihm doch keiner wünschen, der sich ferner und der Kupille gern und freudig erinnert
Aber klapperig wie der alte Ephesus ist auch seine Heimat, die Altstadt. Zu den vielen baufälligen Häufern gefettte sich nun ein neues, bereits recht bedenklich fortgeschrittenes: die Essiggafle mußte für den Fuhrwerksverkehr gesperrt werden, weil das mehrstöckige Haus Nr. Z so baufällig geworden ist, daß den darin wohnenden Familien sofortige Räumung dringend anempfohlen wurde. (Bild unten rechts.) Vorläufig stützen noch schwere Balken die Stockwerke, aber wahrscheinlich wird der täte Kasten, an- dessen Kellern unratgeschwängerte Lust herausdringt, der ein Paradies für Ratten und Ungeziefer ist, bis zum Grund niedergelegt werden, gewiß ein trauriges Kapitel aus dem großen Drama unserer Altstadt, das die Vögel von allen Dächern pfeifen.
DaS auch ein besonderer, Ihnen allen wohl- bekannter Vogel mehr als einmal in den Spalten dieses Blattes gesungen hat, zu Leid und Freud der Beteiligten. Ein Vogel seltener Art, in keinem Lehrbuch der Zoologie zu finden, in keinem Lexikon verzeichnet . . . und doch vom Zauberauge der Kamera, von der Photographie, von der es heißt, sie sei unbestechlich und lüge nicht, hier eingefangen: der Spottvogel, der mit dem heutigen Tage sein zweites „Zwan- *ig" erreicht hat; im Klang der Saxophone von Tahiti, irn Rummel des Schützenfestes im faschingstrunkenen Kassel hinübertritt über die Schnelle eines Lebensabschnittes, von dem Bösartige behaupten, die Weisheit käme nun nicht mehr wenn sie bis dato nicht erworben fei. Hier ist sein Steckbrief (Bild unten Mitte), allen Tombolaloseverkäuferinnen auf sämtlichen Maskenbällen des heutigen Tages sei er dringend aus Herz gelegt, keine Riete möge ihm verkauft werden, wie aus dem Pressefest im Ja- nitar, sondern einen guicksidelen Tahiti-Affen als Gewinn wünscht seinem alten Spottvogel der Kamerabummler.
zeigt man voll Stolz, tote gut die Hausboote gehalten sind, wie schön es sich kochen läßt, wie nett man wohnt. Und höflich geleitet man die Damen wieder hinaus, denn bleiben follen sie nicht. WaS würde aus den gemütlichen Kartenabenden, aus den.prächtigen Fahrten zum Fischfang, aus den köstlichen, selbst zubereiteten Mahlzeiten? Und wenn wirklich Frauen den Einfall haben sollten, ebenfalls Hausboote noch Dock Street zu bringen, nun, dann würde die Junggesellen- kolonie das Feld räumen und in See stechen, auf der Suche nach einer frauenlosen Küste.
Sonnenschein in Pillen.
Wieder eine Bitamin-Entdeckung.
Die englische chemische Industrie will nach den Angaben, die der britische Sekretär des Schatzamtes, A. M. Samuel, kürzlich in einer Rede machte, eine große Entdeckung vollbracht haben, durch die sie der deutschen den Rang abläuft. Es handelt sich um die Erzeugung bio- chemifcher Produkte, in denen das für den Knochenaufbau des Menschen so wichtige Vitamin D enthalten ist. Dieses auf künstlichem Wege hergestellte Vitamin wird sowohl in flüssigem als auch in festem Zustande in den Handel gebracht, und da es in der Natur hauptsächlich durch die ultravioletten Strahlen der Sonne hervorgerufen wird, sprechen Londoner Blätter davon, daß man jetzt Sonnenschein in Flaschen und in Pillen laufen kann. Auch unsere Wissenschaft beschäftigt stch feit einiger Zeit eingehend mit diesem für die Ernährung so überaus wich- tigen Stoff. Aber das englische National-Jn- ftitut für ärztliche Untersuchungen hat die industrielle Verwertung der bisher gewonnenen Ergebnisse in großem Maßstab unternommen.
Der Stoff, der durch die Sonnenstrahlen zu dem Vitamin D umgewandelt wird, ist das sog. Ergosterol. Dieser wird bereits von einer Londoner Fabrik hergestellt, gereinigt und mit ultraviolettem Licht bestrahlt. Das bestrahlte Ergosterol, das das Vitamin D darstellt, hat den Namen „Radiostol" erhalten. Dies künstliche Vitamin, das in kleinen Pillen verkauft wird, schmeckt süß wie Schokolade und wird am besten in der Form von „Radiomalz" genommen. „Radiomalz", so erklärt der Fabrikant Hill in der Times, „ist ein Stofs, der der gewöhnlichen Verbindung von Lebertran und Malz ähnelt, aber sehr leicht verdaulich ist. Das Radiostol läßt stch auch bei der Herstellung von Margarine verwenden, die dadurch denselben Vitamingehalt wie die Butter erhält. Damit ist die Erzeugung vollwertiger künstlicher Butter geglückt. Das Vitamin D wird ebenso für die Herstellung von Bisguits, Schokoladen ufto. benutzt und kann so in jeder Form der Nahrung beigefügt werden. Man hofft, daß es auf diese Weise möglich sein wird, die englische Krankheit unter den Kindern überhaupt auszurotten, und man will auch den werdenden Müttern solche Vitarnin-Oreiche Nahrung zuführen, damit der Knochenbau des Kindes schon vor der Ge- burt gestärkt wird.______________________________
Das Lieblmgsblatt der Frau: Kasseler Neueste Nachrichten.