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Nr. 29.

Achtzehnter Jahrgang.

Kasseler Neueste Nachrichten

1. Beilage.

Freitag, 3. Februar 1928.

Luise Roessink.

Schmiede.

Die Dasseler Neuesten Nachrichten sind der beste Geschäftsfreund für alle Inserenten!

Schmied u. a. Joseph Patlve bekannt geworden, etn Kaufmann, der mehr al- zweihundert Pfund gewogen Hobe« soll. Sein schärfster Konkurrent war David Lang, et« gewesener Matrose und dessen Sohn und Nachfolger Simon Lang, ein Weber. Etn gewisser Elliot, der im benachbar­ten Sprtegfreld ein gut florierende- HelratS- büro unterhielt, wo er in dreißig Jahren 3880 Paare etnstgnet« (die Bücher sind erhalten!), begann feine Laufbahn al- Hausdiener. Andere waren im täglichen Leben Maurer, HerbergS- wirt, Knecht oder bergt Da» Benagen der Herren pflegte nicht immer so zu sein, wie eS wohl wünschenswert gewesen wäre. Die Ueber- lieferung will, daß mancher von ihnen bet den TrauungSfeterlichkeiten so angeheitert gewesen ist, daß er kaum auf den Beinen stehen und die Namen der Ehekandidaten über die lallende Zunge bringen konnte.

Noch immer ist die Eheschließung in Schott­land ohne viel Formalitäten möglich. Das Ge­setz schreibt jedoch heut« vor, daß wenigsten- der eine der beiden Verlobten am Tag der Ehe­schließung drei Wochen in Schottland gewohnt haben muß. Seither ist e- au- mit der Blüte von Gretna Green und seiner romantischen

Aus aller Welt.

Jugendliche Totschläger.

In Berlin begann etn Prozeß gegen zwei Jugendliche, die ein seltene- Bild früher ver­brecherischer Neigung zeigte. Die beiden jun­gen Menschen, der eine ist 19, der andere 21 Jahre alt, sind angeklagt wegen Körperverlet­zung mit Todesersolg bet zwei Leuten und we» gen schwerer Körperverletzung bei zwei wette- ren. Der eine von ihnen ist schon einmal vor­bestraft und hat seit seinem fünfzehnten Le­bensjahre eine Fülle von Stellungswechseln, Gefängnisstrafen und FürsorgeerztehungSmaß. nahmen hinter sich. Er hatte es auf keiner Siel» lung ausgehalten und ist immer wieder mir dem Strafgesetzbuch in Konflikt gekommen. Zu. letzt hat er mit seinem Genossen aus einem Post- amt einen Raubübecsall auf ein junges Mäd­chen verübt, bei dem er 450 Mark erbeutete. Der andere Neunzehnjährige ist bisher noch nicht bestraft, hat aber nach seiner Angabe bis. her von Diebstählen gelebt. Die beiden jun- gen Leute stammen aus ordentlichen Verhält- nissen; der Vater bei einen ist Buchdrucker. Die Körperverletzungen sind entstanden anläß­lich einchc Schlägerei in einem Lokal. Di« An- geklagten schieben sich gegenseitig die Schuld an den bisher noch ungeklärten Vorgängen zu.

* Waffen in Kinderhänden. Der fünfjährige LandwirtSsohn Roman Böbinger und der drei- einhalbjährige Tischlermeisterssohn Joseph Schrott spielten miteinander in ihrer Wohnung in dem Fabrikort Bobingen bei- Augsburg. Den unbewachten Kindern fiel ein geladener Re­volver in die Hände, den der kleine Schrott mit den Worten zu sich nahm: .So, jetzt schieße ich

HauS unbewohnbar zu machen. In der krank­haften Sucht, die Arbeit so gründlich und nach- haltig al- möglich zu machen, war sein Zersto- rungswerk schließlich so wtit gediehen, daß ein leichter Sturm das Haus vollkommen in sich zu- sammensallen ließ.

Was aus einem Wortwechsel entstehen kann. Vor dem Schwurgericht Neuruppin wurde der 21jährige Händler Willi Grieß zu 5 Jahren Zuchthaus verurteilt. Er hatte am 5. Dezember den Artisten Alfred Richter erschof- fen, ali dieser einen Streit zwischen feiner Schwester und der Ehefrau des Angeklagten schlichten wollte. , ,

Ein glücklicher Fund. Von besonderem Glück wurden die Gemahlin de- Grafen Ath« bone, des GeneralgouverneurS von Südafrika, Prinzesiin Alice und ihre Begleiterin Ladv Cambridge begünstigt, .flls sie die berühmten Lichtenburg-Diamantfelder besichtigten. Dir Prinzessin entdeckte in einem Kieshaufen einen Stein, der Karat wog. Der Wert de« Dia- manten betrug etwa 1400 Pfund. Rach dem Schliff dürfte er einen Wert mm 4000 Pfund haben. Lady Cambridge erhielt ihn und einen kleineren Stein vom Inhaber der Ausbeu- rungsrechte zum Geschenk. *

* Vorsicht bei der Kindernahrung. An einem Stückchen Fleisch erstickt ist In Ettlingen in Ba­den ein einjähriger Knabe, dem die Eltern zum Knabbern etwas Rauchfleisch gegeben hat­ten. Es geriet In di« Luftröhre.

flohladen, Uebergabe der Bücher und Warenbe- stände und ähnlicher Dreck. Kingsdom, der rück- grätige Mann, wird am Steuer sitzen, Doktor Lldenham sich mit einem Kasten Verbandszeug anschließen für den Fall, daß Sie beim Um- kippen butt, butt, butt, gleich da« Genick brechen Also die ganze Familie beisammen. Sorge ich für Ihr Seelenheil oder nichts Ssffsfss." Er griff in die Luft, als singe er Fliegen.

Der Gedanke, vielleicht unterwegs Gelegen­heit zu einer Aussprache mit Blanda zu finden veranlaßt« Dahlström zu erfreutem Dank. Die Frauen wurden nicht weiter gefragt. Dupom strahlte. Wieder war die Luft rein für ein zärt­liches Abenteuer. Daisv, das Engelchen, hatte ihm ihr Kommen für den heutigen Tag der- sprochen.

ES währte nicht lange, da ratterte der Mo­tor unten vor dem HauSeingang. Kingsdom winkte einen flüchtigen Gruß hinauf. BoyS trugen Proviantkörbe hinunter, und fort ging eS In eiliger Fahrt auf hügeligem Gelände und bewaldete Berge, goldgrüne Täler, buftenbe Abgründe zogen vorüber, wie ein wirrer Bil- oerflug.

Vergeben« suchte Dahlström Blanda« Blick einzufangen, sie verharrte In sprachloser Ab­wehr Sie kommt von einem frischen Grabhügel, dachte er. man muß ihr Zeit zum Ausschwingen der Gefühle gönnen. Ihre Trauer «hrt sie.

Dann schloß der Urwald seine Kuppel über sie. Immer dunkler, wilder, strotzender wurde sein Grün, eine unfaßbare BlattwildniS. Turm­hohe Odunbäume schossen empor, dazwischen Bauhinien. Borassuspalmen, Schibutterbäume, Mahagonihölzer, Gestrüpp, Gebüsch, namenloses immer dachtet, undurchdringlicher. Nur eine schmale Auwstraße, mühsam" der Wildnis ab- gerungen, hatte Luft geschaffen in diesem ver- fletteten Zweiggeschlinge, diesem Blattnetz ohne Anfang und Ende. Aber es war uneindämm- tar; zuweilen, in scharfer Baaenfab«, legten Palmenwcdel hart über die Köpfe der Insassen hinweg.

Eine Lichtung tauchte auf. Bananenhaine,

Eine rrünstleeteago-ie.

DaS Schicksal des Bildhauers Martin.

In einer Pariser Nervenheilanstalt ist der Bildhauer Raoul Martin plötzlich gestorben. Mit seinem Tod findet eine erschütternde Tra- gödie, die seinerzeit in ganz Frankreich großes Aufsehen erregt hat, ihren Abschluß. Martin war vor Jahren in Pariser Künstlerkreisen sehr angesehen. Man prophezeite dem jungen Bildhauer eine glanzvolle Zukunft. Einige fei­ner Nulpturen lenkten auch die Aufmerksam­keit des Publikums und der Kritik aus Martin, der seinem großen Meister Rodin nachzueisern bestrebt war. Aber der große Erfolg, auf den der Künstler hoffte, ließ auf sich warten.

Da schuf Martin ent Napoleon-Relies, ba­den großen Imperator ganz abweichend von der zur Schablone gewordenen Auffassung der vielen Künstler, die seine Figur gemei­ßelt oder gemalt hatten, in einem ganz neu­artigen Milieu zeigte. Diese- Kunstwerk, von dem sich Martin Ruhm und materiellen Er­folg versprochen hat, fand keine Beachtung. Die Enttäuschung wirkte derart aus da- Gemüt des Künstlers ein, daß er eines Tages einen Tob« suchtsansall bekam und von seinen Verwandten in eine geschlossen« Heilanstalt nach Jssodum gebracht wurde. Hier war die Pflege de- Pa­tienten einem bewahrtem Fachmann, dem Pri­marius Gouilpin, anvertraut. Der Patient empfand von Anfang an eine gewisse Abnei­gung gegen den Arzt: ein Umstand, dem man allerdings keine besondere Bedeutung im Spi­tal zuschrieb. Martin äußerte sich den anderen Pattenten gegenüber immer wieder dahin, daß Gouilpin ihn gar nicht hellen wolle, sondern lebenslänglich im Krankenhaus zu behalten be­absichtige. Eines Tages, als der Arzt das Krankenzimmer des Bildhauer- betrat zog die­ser plötzlich einen Revolver und feuerte zwei Schüsse gegen ihn ab. Gouilpin sank tödlich ge­troffen zu Boden.

Der Bildhauer wurde verhaftet und vorS Gericht gestellt. Da da- Gutachten der Aerzte dahin ging, daß er unzurechnungsfähig sei, wurde er trotz feines Protestes und seiner Be­teuerung, er habe sich an seinem Todfeind rä­chen wollen, freigesprochen und in einer Irren­anstalt in Paris interniert. Martin blieb auch in der Heilanstalt bis auf die letzten Tage künstlerisch tätig und soll mehrere wertvolle Werke geschaffen haben.

DleHochzeltsschmlebe.

Gretna Green» ein Denkmal der Liebesromantik.

Stet i« Schottland gereift bat, wkd nicht eet« fehlt baden, Gretna Green antmlmbe». Hart hinter der englilche» Grenze findet der Tonrift »och heute dieses merkwürdige Dorf, da- in der Geschichte der Ltebesromaniik stets eine» beson­dere» Platz einnedme» wird. SS liegt a» der Laadstrah« «ach Glasgow; gleich Mater dem Gremflnh Lark steht «och immer di« berstbmt« Schmied« von Greta« ®tee», beste freilich in et« Musen« amgewaadelt.

Roch im vorigen Jahrhundert herrschten auf dem Gebiet der Eheschließung in England, mehr noch in Schottland, Zustände, die uns heute tote ein schlechter Witz Vorkommen wollen. Waren in England immerhin noch gewisse Formalitäten zu beobachten, so konnten in Schottland die Pärchen vom Fleck wog, ehelich verbunden wer­den, ohne andere Bedingung al- di« dafür üb­lichen Gebühren. Die Eheschließung brauchte auch nicht vom Geistlichen vorgenommen zu werden; unter dem Einfluß konservativer Ge­bräuche war e- soweit gekommen, daß jeder »gute Christ" feinen Mitmenschen recht-güUig in den Stand der Ehe versetzen konnte, wenn er im Besitze einer Vollmacht der kirchlichen Be­hörde war. Mil diesen Vollmachten wurde zeit- weise ein förmlicher Handel getrieben. Da die Eheschließung in Schottland noch leichter war al- in England, wußten Pärchen, die Eile hat­ten, nichts Besseres zu tun, als zur schottischen Grenze zu fahren, wo sie im Handumdrehen zu Mann und Frau gemacht wurden.

Den weitaus meisten Zulauf hatte da- am schnellsten erreichbare Gretna Green und in die­sem wieder die hart hinter der Grenze liegende Schmiede. Diese war stets das Ziel, wenn sich die Geliebten auf der Flucht befanden. Manches Idyll deS vorigen Jahrhunderts, das mtt Rofen- buft und Mondschein begann, dann aber unter strenge« elterlichen Maßnahmen hinzustechen drohte, endete in einer Fahrt mit der Extrapost nach der schottischen Grenze zu der in ganz Eng­land berühmten Schmiede. Mit dampfenden Pferden kam man dort an, und in eiligen Fäl- len, d. h. wenn die Versager hart auf den Fer- fen waren, nahm der Schmied sogleich seinen schwarzen Rock vom Nagel und schloß die Ehe binnen fünf Minuten nach der Ankunft.

Die Schmiede ist etn niedriger, lange« Ge­bäude mit weißgetunchlen Mauern und hohem Dach, tote man st« allerwege im südlichen Schott- land ontiifft. Noch hängt ein romantischer Schimmer zwischen den Weißen Wänden. Hier stürzten die vor Erregung zitternden Bräute und ihre sich nach geglüater Flucht tote1 Helden füh­lenden Verlobten herein. Der Wärter zeigte tie beiden Stühle, auf denen zwei der bekanntesten priesterlichen Schmiede, Dickson und Johnstone, zu sitzen pflegten. Auch die Ambosse, von denen einer stets als Altar gebraucht wurde, und der Blasebalg sind noch vorhanden. Nicht selten hatte Thomas Johnstone seinen Rausch vom vorigen Tage noch nicht ausgeschlafeu. Dann schickte er seine Tochter als Vertreterin, die zu diesem Zweck Vaters Kleider anzog. Maskerade war in Gretna Green auch sonst an der Tages­ordnung; nicht selten begab sich ein Brautpaar vornehmer (oder wenigstens zur Hälfte vorneh­mer) Geburt vermummt in die Schmied«, so daß nur der Einsegnende selbst die Namen erfuhr. In der Blütezeit von Gretna Green wurde in der HochzeitSschmiede täglich wenigstens eine Ehe geschloffen.

UebrigenS war diese Schmiede keineswegs der einzige Ort, wo man in Gretna Green heiraten konnte. Das Dorf zählte viele Geschäftsläoen und einen Gasthof; auch hier spielte sich manche Hochzeitszeremonie ab. Selbst gleich am Zoll­wärterhaus auf der Brücke über die Sark wur­den die Paare getraut Man war nicht wähle­risch, weder hinsichtlich des Ortes noch des Laienpfarrers. Als solcher ist neben dem

dich tot*. Der Schuß knallte, und der fünf­jährige Böbinger brach lautlos zusammen. Trotz einer soso« tiotgenommen Operation er­lag dar Kind nach einer quawollen Nacht feine« schweren Verletzungen.

Ein« sensationelle Beschuldigung. Beim Untersuchungsrichter bei Landgerichte Nürn­berg schwebt zur Zeit eine Voruntersuchung ge­gen den sich gegenwärtig in Straschast befind­lichen Kommerzienrat und früheren Konsul Guggenheimer wegen Anstiftung zum Morde. Guggenheimer soll einen Zellengenossen namens Woll, zuletzt Kaufmann in Nürnberg ange- stiftet haben, den nationalsozialistischen Land- tagSabgeordneten und früheren Stavtrat und Hauptlehrer Julius Streicher gegen eine Ent­lohnung von 25000 Mark aus dem Wege zu schaffen. Diese Abmachung soll ein anderer Zellengenosse, etn Lehrer Amen von auswärts, mit angehört haben.

Der Hungerstreik war nutzlos. Die Hoch­zeit deS 50jährigen Thronerben deS indischen Staates Udaipur mit der siebzehnjährigen Toch­ter eines kleinen Fürsten von Jodhpur wurde mit großem Pomp gefeiert. Der Hungerstreik hat also der armen Braut nichts genutzt, und sie ist nun die Frau des verkrüppelten Despoten, der fchon zwei Frauen befiel. Die Konvention war stärker als sie, und so mußte sie auf fest- lich geschmücktem Elefanten unter dem Jubel der Hochzeitspauken und dem Segen der Lo­tosblüten in ihr Unglück retten.

DaS Schwein Ist loSl Ein seltener Vor. fall hat sich in der Stadt CluseS in den fran­zösischen Alpen abgespielt. Ein wahrscheinlich verfolgtes Wildschwein drang während bet Marktzeit in die Stadt ein, warf einen Rad. fobrer und einen Fußgänger um und verletzte eine dritte Person durch einen Biß in die Hand. DaS Wildschwein konnte schließlich außerhalb der Stadt erlegt werden.

Der Millionenbetrug bei bet Zugspitzbahn Die Privatsekretärin des verhafteten Präsiden­ten Stern der österreichischen Zugspitzbahn, Anna Strauß, flüchtete mit Unterstützung der Angehörigen der Verhafteten nach Bayern. Die gesamten Schulden der Gemeinde Reutt« belan­gen sich auf elf Millionen Schilling. Weitere Verhaftungen sollen bevorstehen.

* Ein elfjähriger Mörder. In Zirl (Tirol) erschlug der lljährlge Franz Kain, die 8jährige Agnes Hofer mit einer Eisenstange im Streit um einen Hund, den das Mädchen führte.

* Ungewöhnlich« Tat eine« Sonderlings In Krawarn im Hultschiner Ländchen Ist das HauS eines Junggesellen, der als Sonderling bekannt ist, ungestürzt. Die Ursache bet Kata­strophe ist Wohl einzig dastehender Art. Der Hauseigentümer, der feit Jahren ein vollkom­menes Eremitendasetn lebt, wurde von irgend jemanden dadurch aufs äußerste erschreckt, daß er ihm sagte, er könne von den Behörden ge­zwungen werden, einen Mieter in sein Hau« auszunehmen. In seiner Angst, mit anderen Menschen in einem Hause wohnen zu müssen, sägte er sämtliche Tragballen de« massiven HauseS stark an und «ß die Fußböden aus den Wohnräumen heraus, um so einerseits das

abgebrannte Baumbestände beuteten auf Men- fchennäbc. Eilfertig fprang ber hinten am Wa­gen sitzende Boy ab, schlug Tisch und Klavp- stühle aus, schleppte Eßkötbe herbei. Zu Füßen eines gewaltigen Borzeitriesen, eines Afsen- brotbaumeS, nahm man eine Mahlzeit ein.

Ringsumher wucherten wllbphantastische Wurzeln und Wipfeln, Gummilianen und klet- ternbe Sirophantus, saftige Schmarotzer, sie um­wanden natterngleich btc Stämme, hingen tau- sendarmig, in selsamstcn Verknüpfungen, wie Striche von den Baumkronen bis zur Erde her­ab. Dumpf, feucht kühl war die Lust. Irgend- wo Plätscherten Wasser.

»Hier bürste man sich nicht verirren," sagte Modeste und blickte mit gelindem Schauder in die weglos« Finsternis.

»DaS ist mir zuweilen im Primären Urwald in Kamerun Passiert," erzählte Kingsdom. »Zwar besaß Ich einen Kompaß, aber bie Baumkuppel der Harthölzer über mir schloß sich so dicht, daß ich keine Himmel-Achtung ablesen konnte. Es war reichlich ungemütlich."

»Ich wußte eS. Mein Beileid."

»Sie wußten es?" fragte sie entsetzt. »Ich ahnte es," verbesserte er sich. Aber woher denn?"

»Tokror Gordon war den Anforderungen der Tropen nicht gewachsen. Er schien mir fchon eine Ruine, al- ich ihn kennen lernt«."

»Den Eindruck besaßen wir nicht von ihm," bemerkte Modeste

Ein drückende- Schwelgen schwebte nieder wie eine dunkle Wolle. Nach einer Pause setzte Blanda hlnzu: »Er ist vergiftet worden."

»Von toem?*

»Wir wissen eS nicht."

»Wer stellte «- fest?"

»Die Sektion ergab diesen Befund."

Meine Wünsche? dachte Dahlström. Verwirk­lichten sie sich? Rahmen Gestalt an, wandelten sich in ein todbringendes Gift? Nein, so et­was gibt es nicht. Er entzündete sich eine Zi­garette. »Sie gestatten?"

Blanda musterte Ihn wie einen Fremden. Wer bist du? dachte sie in schmerzlichem Er­staunen Dieser Tod drückte ein flammende-, schwarze- Siegel auf mein Geschick, dich be­rührt die Tragik eine- solchen Sterben- nicht, Du rauchst . ?

Inzwischen hatte Henri Dupont seine Mo« gentoiiette veendet und stellte sich ein, einen ver- alieten Operettenschlager pfeifend. In übertrie- bener Herzlichkeit umarmte er den Chemiker, trompfte breit und geräuschvoll durch- Zimmer. Was sagen Sie. Teuerster, bald stehen wir in Reih' und Glied an der Reeling und blasen den AbschtcdSmrrsch, räterätäh . .. Verstimmt weshalb? Ach Percy Gordon. Oh, lala Be­ster, einmal müssen wir all- in- GraS beißen. Und nun hören Sie, tch hab« schon wieder eine geradezu überirdische Idee. Ich mietete für heute vaS Regierungsauto. ES soll mein al­lerliebstes, goldenes Frauchen und meine sehr verehrte Schwägerin noch einmal durch Urwal« und Swann« vagen Da werden Sie meine Damen begleiten. Mich erdgebundenen Fron- fklaven fesseln kiber Arbeiten in meinem Sand.

Modeste zuckte mutlos die Achsel und sah Blanda anSchwieriges Unterfangen. Mein Gott was ist dir?"

DaS Gesicht ber Angeredeten war urplötzlich mit wächserner Blässe überzogen, ihre leicht ge­öffneten Lippen blieben stumm, ein Ausdruck von Wahnsinn stand in ihren Blicken; mit beiden Händen griff sie in die Schläfen, al« sie auf« sprang und jetzt dem Meer entaegentouinelte, wo sie, wie vom Blitz gefäflt, im Ufersand zusam- menbrach.

Eine Nervenüberreizung," sagte Modeste tu den beiden Herren gewandt »Die unauSblriblt- che Folge. ES stürmte zu vieles aus sie ein." Sic eilte ihr nach, beugte sich über sie.

Blanda schlug die Augen auf. Sturmglocken läuteten in ihrer Seele. »Wcr mich liebt mutz sterben!"

Allan Dahlström war früh wach. Noch lauerte eine geduckte Glut unter blauweißem Himmel, die Stunden bet rieselnden Hitze, bet vollen Ent­faltung, waren nqch nicht ba.

Der Chemiker zählte bie sliehenben Minute« Zn brandender Ungeduld Blanda wlte Wiedel in Sogbekulu. Gestern abend fpät war ihm die Nachricht von Gom'oa zugetraacn worben. Am liebsten wäre er fchon jetzt nach Duponts HauS gewandert, aber er mußte eine schicklichere Seit ebtoarten

Um acht Uhr hielt es ihn nicht länger, er ftütp* le den Korkhelm auf und verließ die Wohnung

Er sand Blanda und Modeste anwesend, Du- Pont schlief wohl noch seinen Rausch auS Gleich bet Augenblick ber Begrüßung überraschte ihn. beide Damen hatten blasse, verzagte Gesichter unb jenen Ausdruck ber Stumpfheit und Leere in den Augen, wie ihn solche besitzen, die von vielem Weinen blind geworden sind

Fremd auch lag Blandas Hand in seiner aus- aestreckten Rechten. »Mein Verlobter lst tot.- sagte die junge Frau.

»Ich habe den Urwald bezwungen," sagte Dahlström.Mit zwanzig braven Tragern. Wir bauten Hängebrücken und durchwateten Gewäs­ser mit Schlammkrokodilen. Manchmal hatte man das Gefühl, als müsse man ersticken. In dcn morastigen Gründen wimmelte eS von Schlangen Skorpionen und dcn gefährlichen Hundertfüßlern. ES war doch schön."

Sie schwiegen eine ganze Weile. Jeder hing eigenen Gedanken nach.

Dann meinte KingSdom:Schade, daß Monsieur Dupont nicht unter uns weilt. Iw bewundere Immer seine Geschwätzigkeit. Ich brauche sie für meine Nerven. Während er redet, kann man so schön dasitzen und an gar nichts denken, gerade so, wie am Secstrand, wenn die Wellen plätschern."

Reger aus dem Walddorf kamen eilfertig herbeiaelaufen und blieben dann in achtnnas- voller Entfernung sieben. Kleine Kinder kreisch­ten bitterlich; diese weißen Teufel wäre» auch zu surchtcrrrgend. lFonsetzung folgt.)