' Nr 256
Dienstag, den 31. Oktober 1905.
14. Jahrgang
3*fcrHoiépreii • Die einspaltige PetitzeUe für ganz Ober- pc^en, die Kreise Wetzlar und Marburg 10 W-. sonst 15 $fg.
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Redaktion u. Hauptexpedition: Gießen, Seltersweg 83. %emfpredja*f*l*ü Nr. 362.
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für berhessen und die Kreise Marburg und Wetzlar; Lokalauzeiger für Gießen und Umgebung. Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen, des Großh. Pvlizeiamtes Gießen und anderer Behörden von Oberheiien.
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Rußland ähnliche Verhältnisse eintreten, liegt n;r Nnßland und seine Regierung und seine Dynastie die größte Gefahr. £)b sie sich rioch beschwören läßt, ob ein gütiges Geschick den E-Gn Ausbruch deS Bauernaufstandes hintanzul^ । n uer- ihug, uu» sann niemand sagen, ebensowenig, lu^yui vuui b^ oc-r weiteren Entwickelung führen wird.
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Modin steuert Russland?
— Interview mit einem Staatsmann. —
Die Verhältnisse haben sich derart zugespitzt, daß allem Anschein nach jeden Augenblick eine Katastrophe eintreten kann. Dazu kommt, daß die Meldungen von jenseits der ■ östlichen Grenze durch die Einstellung des Eisenbahnver- $ kehrs völlig unkontrollierbar geworden sind. Unser Ber- ! liner ^-Mitarbeiter hat sich deshalb an einen führenden I Staatsmann mit der Bitte um Auskunft gewandt, ^m ? Folgenden ist wiedergegeben, was er erfahren hat:
Die Gefahr, in der sich Rußland befindet, oder hieb - mehr die Rußland droht, ist sehr groß, und doch wird sie nicht ihrem ganzen Umfang nach erkannt. Die Verkennung aber schreibt sich daher, daß man sie an der falschen Steue sieht. Aus den Zeitungsberichten und bis vor kurzem aus ; brieflichen Mitteilungen entnahm man nur die geräuschvollen Ereignisse in den großen Städten und Jndustrie- I zentren. Streiks und wieder Streiks und lärmende Demon- h cation, Massenkundgebungen, Konflikte mit dem Militär - oft recht blutiger Art — alles das zusammen machte ein er- i schreckendes Bild aus, das die Vermutung hervorrief, der russische Staat sei in der Auflösung begriffen, alle Autorität intergraben, die Regierung nicht mehr imstande, sei es mrch Anwendung äußerster Strenge, die vorige Ordnung wiederherzusiellen, sei es dnrch eilige Konzessionen die Ge- j iiiüter zu beruhigen und zum Gehorsam Zurückzuführen. ' Pessimisten waren der Meinung, die Zügel der Regierung schleiften völlig am Boden und könnten gar nicht mehr aus- icnommen werden; jedes Zugeständnis käme zu spät, denn Vie Forderungen, zu Beginn des Jahres noch bescheiden, ‘ hätten allmählich jedes Maß verloren und entzögen sich da» I durch der Erfüllbarkeit. Diese pessimistische Auffassung gewann naturgemäß an Verbreitung, als der Ausstand der I Eisenbahner ausbrach und sich fast über das ganze russische I Geviet ausdehnte. Gerade weil man sich gewöhn t halte, I Rußland als das Land des blinden Gehorsams a: Zusehen, I mo te es bei uns einen so tiefen Eindruck, als sich dort I L üblich die Bande frommer Scheu lösten, weit tieferen, als I beispielsweise der Streik der Eisenbahner in Italien, der allerdings nicht so allgemein war und nicht so lange währte, wie der russische. Man hat aber die Bedeutung dieser Vdr= kommnisse sehr überschätzt. Städtische Krawalle sind in der - Mgel Flacker feuer, sie mögen von den Arbeitern ausgehen oder von dein, maâ man in Rußland „die Intelligenz" n.nnt. Diese Elemente sind in Rußland viel stärker geworden, als sie früher waren, aber ihre Kraft und ihr Einfluß bleiben weit zurück hinter dem der Flachlandbewohner, t der Bauern. So lange der russische Bauer Ruhe hält, so I lm.^e braucht die Regierung keine Besorgnis zu hegen. Sie Rhat nicht einmal nötig, besondere Anstrengungen zu machen. I Es genügt, daß sie abwartet. Der städtische Lärm geht vorüber, die Aufregung verflüchtigt sich, die „Intelligenz" lauge, lange Zeit von der Erleichterung, die sie sich : durch den ungewol n Genuß der freien Rede verscha? t hat. Auch der Streik der Eisenbahner ist für die russische ; Regierung nicht schlimm. Eher das Gegenteil. Graf Witte I bat das den Führern der Velvegung sehr treffend gesagt. C Wird der Verkehr empfindlich gestört, so daß die regelmäßige Erwerbsmöglichkeit aufhört, so hat der Aufstand sich zahllose Feinde in den Kreisen gemacht, auf deren Hilfe und Sympathie er rechnete. Wird gar die Zufuhr von I Lebensmitteln gehemmt und die Ernährung in Frage ge= teilt, so werden die ^mngernben oder vom Hunger Bedrohten zu mitleidlosen Gegnern der „Bewegung". Es wird nicht lange dauern, und man wird sagen, die russische" Regierung selbst habe den Eisenbahnerstreik angesuftet, um die Bürgerschaft zu Bundesgenossen und Kämpfern gegen die Störer der öffentlichen Ordnung zu gewinnen In dieser Beziehung also überschätzt man die Bedrohlichkeit der I Loge. Derarrige äußere Störungen werden durch Geduld Überwunden, sie regeln sich beinahe von selbst. Viel schliin- mer liegen die Dinge auf dem flachen Lande, von denen - man i. ts oder nur in weiten Zwischenräumen gelegentlich hört. Es sind sehr dringende Anzeichen dafür vorhanden, daß der russische Bauer dicht daran ist, seine ' Schwerfälligkeit zu überwinden und seine Zähigkeit auf ein Ziel zu lenken, das in seiner Vorstellung ein ganz positives Ziel ist, in der Wirkung auf die Staatsordnung aber zerstörende Negation darstellt. Das ist keine russische Eigenheit, das ist überall der Fall, wo in einem Lande bie Landwirtschaft überwiegt, die Industrialisierung noch keine großen Fortschritte gemacht hat. Die Pariser haben sich im ? Jahre 1789 wohl eingebildet, die Revolution sei ihr Werk. J Die Erstürmung der Bastille wäre ein bedeutungsloser j Zwischenfall geblieben, wenn nicht die Bastillenstürmer sich ! aus den Elementen rekrutiert hätten, die durch die Not vom Sachen Lande in die großen Städte getrieben worden waren.
1 Und der Sieg jener Revolution datiert von den Jacqnerren, ] den wilden Banernaufständen, die die Schlösser in Brand J steckten, die Grundbesitzer vertrieben ober erschlugen und I dann die Städte terrorisierten. In der Möglichkeit, daß in
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Du letzten Creignikfe.
f ' Irkins weiter zieht die Erregung ihre Kreise. Je weiter die Stockung des Verkehrs sich ausdehnt, desto schwieriger wird die Lage, und die einzelnen, auf sich angewiesenen Ortschaften werden zu neuen Herden der Revolution. Den Mittelpunkt der Bewegung bilden Petersburg, Moskau, Warschau, Lodz und Odessa. Dazu wird allem Anschein nach demnächst Finnland treten, wo ebenfalls große Streiks wichtiger Lebensberufe zum Aufstande überleiten sollen. Da das Land stark von Truppen entblößt und auf die Reservisten überhaupt kein Verlaß mehr ist, so ist die Bewegung in Finnland durchaus nicht aussichtslos. In Lodz feiern an 100 OüO Arbeiter, verschiedentlich sind Bomben-Nieder- lagen entdeckt worden. In Odessa ist es zu schweren Straßenkämpfen gekommen. Dort sind Barrikaden errichtet. Auf denselben sind Studenten, Gymnasiasten und junge Mädchen im Verein mit den Arbeitern im Kamvf gefallen. Warschau gleicht einem Kriegslager. Die Straßenwagen, die noch verkehrten, wurden umgeworsen und angezündet.
In Petersburg hat die Vewegiuig eine fes ' GestAt angenommen.
I Die Forderungen der Revolusionäre.
Vor der städtischen Duma in Petersburg erschien eine Deputation der Arbeiter und stellte folgende sechs Punkte auf, in denen sich deren Forderungen konzentrieren:
1. Die bekannten Freiheitsrechte; 2. die Stadt soll i für die Dauer des Ausstandes für die Ernährung der Arbeiter sorgen; 3. die sofortige Entfernung der die Wasserleitung beschützenden Truppen; geschieht dies nicht, so soll die Leitung zerstört werden; 4. die Stadt soll künftig nicht mehr die Kosten für die staatliche Polizei und für die gegen die Bürger verwandten Kosaken tragen; 5. die Stadt soll für die persönliche Sicherheit der Delegierten bürgen; 6. die Stadt soll den Arbeitern Waisen geben und eine Bürgermiliz errichten, dann würden die Arbeiter für Sicherheit, Ruhe und Ordnung garantieren.
Inzwischen sind schon Maueranschläge erschienen, in denen der Sturz der Regierung angekündigt und die R?vu- blil proklamiert wird. Immer von neuem wird das Erscheinen eines Manifestes des Boron vorausgesagt, in dem angeblich Witte zum Ministerpräsidenten ernannt, das liberale Programm angenommen der Neichsduma weite gesetzgebende Neckte und eine ausgedehnte Vollmacht für die Duma :> währt werden solle.
Die Armee und die Revolution,
Immer zahlreicher werden die Fälle, in denen Offiziere 1 iu> Soldaten sich der aufrührerischen Belvegung anschließen.
So erschienen bei dem Vorstande des Advokatenvereins in Petersburg vier Offiziere, die die Bitte aussprachen, ihnen b i der Organisierung einer freiheitlichen Bewegung in der Armee behilflich zu sein. In Odessa traten in einer PoU - Versammlung zwei Offiziere und vier Soldaten auf und ersuchten im Namen ihrer Regimenter die-Studenten und die Arbeiter, nicht auf die Truppen zu schießen. Di'- Truppen versprachen dafür, in die Luft zu schießen. Mit Ausnahme der Kosaken schießen die Truppen dort in der Tat nicht auf die Menge. In Lodz wurden Soldaten massenhaft verhafte , weil üe auf Kommando der Polizei nicht auf das VoE feuern loollten.
Die Schwierigkeit des Verkehrs
wird auch durch amtliche Maßnahmen deutlich gekErlnzelch- net. So ist für die Zeit^der Verkehrsstörungen vom Finanz- minister der Zoll aus Fleisch, das auf dem Seewege aus dem Auslande eingeführt werden soll, ausgehoben. Es ist jedoch für jeden einzelnen Fall die Erteilung einer beson- : ereil Erlaubnis vorbehalten. Von Kiel sind die Torpedoboote D 7 und S 131 zunächst nach Memel in See gegangen, um den nach Deutschland beurlaubt geweseiH-n Marine- Attachee bei der BoZchaft in Petersburg, Korvetten-Kapitän ^mtze, zurückzubringen. Auch Petersburg ist jetzt so aut wie ganz von der Außenwelt abaefchlosien, da dort die Telegrapbenbea)n1eu in den Streik getreten sind und keinerlei Depeschen von Petersburg ins Ausland befö dert werden.
Der Streik der Dienstmädchen.
Damit in dem furchtbar ernsten Trauerspiele auch das komische Element nicht fehle, haben in Witebsk die Dienst- mädcken einen Ausstand entriert. Eine große Anzahl von Dienstmädck)en wanderte von Haus zu Haus, drang in die Privatwohnungcn ein und forderte die Mädchen energisch auf, ihre Stellen aufzugeben, widrigenfalls sie blutig geschlagen würden. Die Polizei verhas ete 18 Dienstmädchen. Sie wurden vom Gouverneur zu 1 ^ Monaten Gefängnis und zu späterer Ausweisung aus dem Gouvernement Witebsk verurteilt.
politische Rundschau.
Deutsches Rrcb«
* Die deutsche Regierung teilte in der Angelegenheit der internationalen Arbeitcrschutz-Vereinbarungcn dem Bundesrat der Schweiz mit, daß sie mit dem Plane der Ein- berufung einer k idiomatischen Konferenz zur Beratung des Projekts eivverstülcken sei. . ?
* Nach einer Aufstellung über unsere GesamtvcAnst^ im siidwestafrikanischen Aufstand betragen diese 1842 Seelen. Die militärischen Verluste beziffern sich aus 1025 Tote und 596 Verwundete. Wegen Krankheit heimgesandt sind außerdem 750 Offiziere und Mannschaften. Von der Gesamtverlustzahl der Truppen kommen rund 900 Mann auf das Jahr 1904, der Rest auf das laufende Jahr. Der Gefechtsverlust der Truppen an Toten und Verwundeten beläuft sich insgesamt aus 1009 Mann; darunter sind 110 Offiziere, also der zehnte Teil. Gefallen vor dem Feinde sind 443 Mann. An Krankheiten gestorben sind 477, darunter 15 Offiziere, 2 Sanitätsoffiziere, 4 Beamte, 06 Unteroffiziere und 390 Mann, vermißt 46 Mann, tödlich verunglückt 3 Offiziere, 5 Unteroffiziere und 22 M um, sonst verunglückt 30 Mann. Die an Krankheiten Geworbenen sind meist an Typhus und an den Folgen von Ueber» anstrengung gestorben.
* Besonders glanzvoll gestaltete sich der Em'"g des Fürsten Leopold in Detmold. Der Fürst kam von em Jagdschloß Lopshorn. Der neun Kilometer lange Weg vac auf be hen Seiten von dichten Menschentnassen flankiert. Die Straße selbst war durch Ehrenpforten und Guirla' den geschmückt. Gegen ^6 Uhr trat der Fürst mit GemaGin, dem Er "Rnzen ui.d seinen Brüdern und Schwestern am Palais ein, begrüßt von jubelnden Zurufen. Wenige cJti= nmen später betrat der Fürst den Balkon und hielt von dort aus eine Ansprache an das Volk, dem er für die Ehrungen dankte. Tie Menge antwortete mit Hoch- und Hu ra- rufen, die sich besonders kundgaben, als der Fürst mit dem Meinen Erbprinzen auf den Armen erschien.
* Die Mißhelligkeiten in der Redaktion des ,.Zon ärG", des Berliner sozialdenwkratischen Zentralorgans, haben zur sofortigen Entlassung der sechs in Kündigung stehci den Redakteure geführt. Parteivorstand und Preßrommis on haben den sechs Herren mitgeteilt, daß man auf ihre Dir ge vom 29. Oktober ab verzichte.
* Der Landtag des Herzogtums Sachsen-Meiui:ngen ic= nehmigte den Lotterie-Vertrag mit Preußen und den anderen Bundesstaaten, ebenso den Entwurf zu einem neuen Lotleriegesetz. Der Bau einer Eisenbahn Eichicht-Loben- stein fand in der gleichen Sitzung die Zustimmung des Landtags.
Oerterretcb-CIngarn
I ** Einer Deputation von Wählern gab der Mini' w- Präsident Fejervary Erklärungen über sein Programm für die Regelung der Dinge in Ungarn. An der Spitze siche das allgemeine, geheime, nach Gemeinden und unmittelbar ausübende Wahlrecht. Er werde dem Abgeordneten» Hanse nach seinem Zusammentritt sofort den fertigen Gesetzentwurf vorlegen. Bezüglich der militärischen Fragen i ie» der holte Baron Fejervary die früheren Zugeständnisse und fügte hinzu, daß die Regierung an der zweijährigen Dienstzeit sesthalte. Mit Rücksicht auf die Handelsverträge wird das Zollbündnis mit Oesterreich bis zum Jahre 1917 aufrecht erhalten, jedoch soll das Land durch eine kraftvolle Wirtschaftspolitik dafür vorbereitet werden, sich wirtschaftlich selbständig einrichten zu können. — Wenn nur die Regierung die nötige Kraft im Kampfe gegen das übermütige Magyarentum findet, um dieses Programm auch durchzu- suyren.
I Schwefe«
** Die Nationalratswohlcn haben den Sozialdemokra.en eine heftige Niederlage gebracht. Die bisherige freisinnig- demokratische Mehrheit bleibt bestehen. Die Sozialdemokraten, die bisher sechs Sitze innehatten, werden voraussichtlich nur zwei Sitze behalten. In Zürich und Winterthur, den Brennpunkten des Wahlkampfes, find die Sozialdemokraten unterlegen. 18 Stichwahlen, die am 5. No- bember stattsinden, können am Ergebnis nichts Wesentliches m:hr ändern.
Schweden,
** <^n Stockholm haben die Verhandlungen über den neuen ^kutsch-schwedischen Handelsvertrag gestern begonnen. Die deiiiwm Unterhändler find sämtlich in der schwedischen Hauptstadt eingetroffen.
ßalhan-Staatcn*
** Ein umfangreicher Militärsknidal scheint sich in Rumänien zu entwickeln. ^ . bedeutender Unterschleife in