Nr. 204.
Donnerstag, den 31. August 19u5
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Fer«sprecha«schl«ß Nr. 362.
_________14. Jahrgang
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Der frieden von Portsmouth.
.Die Hauptarbeit der Delegierten in Portsmouth ist getan, eine Verständigung zwischen den Legierungen von Petersburg und Tokio ist e r z i e l t, der F r i e d e n ist gesichert. Was noch aussteht, ist formale Arbeit, die immerhin noch geraume Zeit in Anspruch nehmen kann; aber das Wichtige, das die allgemeine Aufmerksamkeit Fesselnde ist erledigt. Es muß anerkannt werden, daß die Bemühungen des Präsidenten Roosevelt zur Erreichung dieses Zieles wesentlich beigetragen haben. Mit lebhaftester Unterstützung aller neutralen Mächte, namentlich Deutschlands, ist Präsident Roosevelt darauf bedacht gewesen, die Unterhändler nicht auseinandergehen zu lassen, auch dann nicht, wenn sie sich scheinbar nichts mehr zu sagen hatten. Sie soll- ken durchaus zusmmnenbleiben und weiter beraten, es sollte nicht zu einem Abbruch kommen. Das wäre vielleicht ohnehin nicht geschehen; ab^ jedenfalls ist es dankenswert, loj man den Delegierten den Entschluß des Ausharrens erleichtert hat.
Die Fricdensbedlngungen.
Nach den dreiwöchentlichen Verl>andlungeir hat Japan schließlich in den wichtigen Fragen nachgegeben, so daß Rußland, auf dem Schlachtfelde ununterbroä)en niebergcworfen, in der Tat einen bedeutenden diplomatischen Sreg errungen hat. Die hauptsächlichsten Friedensbedingungen werden sich, soweit man sie jetzt übersehen kann, folgendermaßen zu- fammenfeßen:
1. Japan erwirbt die Suprematie über Korea und hat damit festen Fuß auf dem asiatischen Festland gefaßt.
2. Die Mandschurei fällt nominell an China zurück; im wesentlichen wird sie aber in Zukunft in ihrem südlichen Teil unter japanischem, in beu nördlichen Gebieten unter russischem Einfluß stehen.
3. Rußland tritt die Pachtung der Liautang-Halbrnsel mit Port Arthur an Japan ab.
4. Sachalin fällt in seinem südlichen Teile an Japan, bte Nordhälste behält Rußland.
5. Die russische Seemacht erfährt keine Einjchränknng. Die chinesische Ostbahn wird bis Kuenshensn an Japan abgetreten.
6. Die in neutralen Häfen liegenden russischen Schiffe fallen an Rußland zurück.
7. Rußland zahlt keine Kriegsentschädigung, nur ein Verpflegungsgeld für die Gefangenen nnb Kranken.
Das Abkommen bezüglich Sachalins verpflichtet Rußland wie Japan, die Jnfel nicht für strategische Zwecke zu befestigen, und verpflichtet ferner Japan,. die La Perouse- Straße zwischen Sachalin und Hokkaido nicht zu befestigen. Außerdem ist als wesentlicher Bestandteil der Friedensbedingungen noch ber Abschluß eines Meistbcgünstigungsvcr- trages zwischen Rußland und Japan in Asien zu erwähnen. Dieser abznschließende Handelsvertrag wird im Friedensprotokoll eine hervorragende Rolle spielen.
Sieger und Besiegte.
— Nachwort zum Friedensschluß in Portsmouth. —
Wie die bekannt gegebenen Friedensbedingungen zeigen, haben die Japaner ungefähr bezüglich aller strittigen Punkte nachgegeben. Sie haben auf eine Strecke der man- dschurischen Bahn verzichtet; sie haben die Forderung, ihnen die in neutralen Häfen internierten russischen Kriegsschiffe auszuliefern, nicht aufrecht erhalten, sie haben sich mit der südlichen Hälfte der Insel Sachalin begnügt, und endlich haben sie von der Forderung einer Kriegskostenentschädi- gung Abstand nehmen müssen. Die Entscheidung über die schließlich bewiesene Nachgiebigkeit ist in Tokio getroffen worden, wo am Sonntag der „Rat der Alten" unter Vorsiv des Mikado Sitzung hielt. Kein Druck ist von außen am Japan geübt worden, wie seinerzeit in Shimonosen geschehen. Ob Japan vielleicht etwas mehr hätte erreichen können, ist eine müßige Frage, die niemand zu beantworten vermag, nicht einmal Herr v. Witte, der jetzt den Interviewern erzählt, er habe seinen Ohren nicht trauen wollen, als die Japaner 311 allen ihnen angesonnenen Zugeständnissen sich bereit erklärten. An Mut und Selbstvertrauen hat es den Japanern gewiß nicht gefehlt. Sie haben diese Tugenden in einem fast zweijährigen Feldzug erprobt. Aber überheblich sind sw dabei nicht geworden. Sie ließen die Wirklichkeiten und realen Möglichkeiten nicht außer Augen. Sie vergaßen nicht, daß Japan ein armes Land ist. dein für weitere finanzielle Anstrengungen leicht der Atem ausgeben kann. Sie hätten sicher auf einer Kriegskosten- entß' .dignng bestanden, wenn ihre ginan^tage ihnen gestattete, zu der bisher aufgewendeten Milliarde 9)cn eine zweite anfzuwenden. Das ist nickt der Fall, und so be- schieden sie sich. Bleibt ihnen doch die Aussicht, sich an China zu erholen, dein sie die Mandschurei bestimmt nicht kostenlos überlassen werden. Außerdem dürfen sie auf ihren
Fleiß und ihre Gewanotyeit bauen, die iijuen aus der neugewonnenen Lage und namentlich aus dem „offenen Tor" Ostasiens reiche materielle Früchte gewinnen wird.
Der Präliminarfrieden, der jetzt abgeschlossen ist und zunächst zu einem Waffenstillstand führen wird — danach erst beginnt die Ausarbeitung des eigentlichen Friedens- instruments, das wochenlange Tätigkeit beansprucht —, hat den Russen mildere Bedingungen gebracht, als sie selbst vorausgesehen haben. Die Ueberraschung, die man hierüber empfand, ist so groß gewesen, daß sie vielfach das Urteil über die Sachlage selbst verwirrt hat. Wenn man manche Zeitungen liest, sollte man glauben, die Russen hätten den Feldzug siegreich beendet, die Japaner seien geschlagen und zedemütigt. Das ist doch eine arge Verkehrung b.r tatsächlichen Verhältnisse. Die Japaner sind die Lieger, die großen Sieger! Sie haben Rußlands Heere niedergerungen, sie haben Rußlands Schiffe ins Meer versenkt oder genommen, sie haben Rußlands Festungen erobert. Das ist im Feld geschehen. Und am DiplomatenLst h haben sie erreicht, daß Rußland sich darein findet, in Ost- osien eine Macht zweiten Ranges zu sein, die Mandschurei herauszugeben, das kostspielige Port Arthur mitsamt Dalny den Japanern zu überlassen, Japan als Herrn von Korea und damit als ostasiatische Vormacht anzuerkennen und aus seine ganze bisherige ostasiatische Politik zu verzichten. Demgegenüber will es wenig bedeuten, daß Rußland die 5criee-- kcstenzahlung erspart hat. Auf die politische Gesamtstetlung im Osten Asiens wirkt das nicht ein.
Auch in moralischer Hinsicht ist das klebergewicht und der Vorteil auf der japa.niscl-cn Seite. Daß die Japaner nicht um Geldes willen den opferreichen Krieg fort".....1, daß sie nicht mit Blut Geld erkaufen mochten, während die Russen bereit waren, abermals zehntausende ihrer ©ohne und Brüder hinzuscklachten, um Geld zu sparen, das spricht für die Japaner weit mehr, als für die Russen. Denn daß die Nichtzahlung einer Kruegskostenentschädigung für Rußland ein Ehrenpunkt, ein nationaler Ehrenpunkt gewesen wäre, ist eine Redensart ohne Sinn. Rußlands nationale Ehre ist an ganz anderen Stellen und in viel empfindlicherer Weise engagiert gewesen, als durch eine Kostenzahlung geschehen konnte. Die Japaner haben eben die Erfahrung macken müssen, daß man einem Lando, das man nicht besetzt hält, keine Kriegskontribution auferlegen kann. Auch mar für ihre Nachgiebigkeit vielleicht die Meldung des Feld- nrarschalls Oyania nach Tokio entscheidend gewesen, daß man entweder alsbald Frieden schließen oder ihm zu sofortigem Vorgehen mit allen verfügbaren Mitteln gegen Lenewitsch Vollmacht geben solle, weil es sonst zum Angriff aus den immer neue Verstärkungen heranziehenden Gegner zu spät würde.
Im übrigen können die Japaner wohl zufrieden sein, daß sie Korea bekommen haben, das sie a(s ihre unentbehrliche Reiskammer bezeichneten, daß sie die südliche Mandschurei und das südliche Sachalin gewonnen haben Auch cm Geld wird es ihnen nicht fehlen, da in dem von ihnen gewonnenen Lande reiche und leicht erschließbare Bodenschätze stecken. Außerdem haben sie kein Reckt, sich etwa zu beklagen, denn niemand hat sich eingemischt. Unter allen Umständen ist es hocherfreulich, daß der Krieg zu Ende gebt unb die Friedensarbeit wieder beginnen kann. Die Zahl )er Großmächte hat sich um eine vermehrt: und Japan ist nicht an die letzte Stelle unter ihnen getreten.
Das Cobo.
•— Was die Welt zum Friedensschluß sagt. —•
In den bedeutenden Preßorganen aller Länder äußert sich lebhafte Befriedigung über das Zustandekommen deZ Friedens. Der japanisch Mäßigung wird rückhaltlose Anerkennung gezollt.
In Petersburg
brachte der Friedensschluß in den leitenden Kreisen, sowie in der Bevölkerung eine völlige Ueberraschung. Man wußte daß der Zar burd/aus sich auf keine Knegsentschüdignno einlassen wolle, und man glaubte an keine Nachgiebigkeit der Japaner in diesem Punkte. Dazu kam, daß das Alp dringen des Generals Lenewitsch eine der Fortsetzung bet Krieges günstige Stimmung in den leitenden Kreisen er zeugt hatte, die sich auch auf die breiteren Volksschichter zu übertragen begann, wo ein gesteigertes Nationalgefüh' von einem „faulen Frieden" nichts wissen wollte. So ir es zu erklären, daß sich in die Genugtuung darüber, daß bat Blutvergießen ein Ende nimmt, und die zur Fahne Aus- gehobenen zurückkehren werden, doch auch unzufrieden« Stimmen einmischen. Es wird unverhohlen von den Wunden gesprochen, die dem russischen Nativnalgefühl irno del Eigenliebe des Volkes, sowie der kriegerischen Würde bet Reiches, zugefügt seien, und daraus die Lehre gezogen bat ein neues Rußland gesessen werden müsse, dem eme gleich Demütigung in Zukunft erspart bleibe.
Die Stimmung in Japan.
nach Eintreffen der Nachricht von dem Friedensschluß wm geteilt Die Temperamentvollen, zugleich Unkundigen, wa «n enttäusch und bestürzt. Die Einsichtigen, zugterch Sach.
kündigen sind zufrieden. Sie meinen, Japan habe den eig-entlicken Zweck des Krieges erreicht. Es hat Rußland von der südlicl^en Mandschurei verdrängt unb Korea von dem Einfluß des Zarenreichs befreit. Außerdem entspräche das Verhalten der japanischen Regierung ganz bem Geist des Ritters, der für seine Ehre unb sein Vaterland, aber nie- mals für Geld sein Gut und Blick einsetzt. Diese Ansicht wird mich von jedem gebildeten Europäer geteilt.
Die Aufnahme in Deutschland.
Aufrichtig und herzlich wird der Friede begrüßt. Im allgemeinen aber blieb die Bevölkerung in den großen Zentren ziemlich kühl, als die Friedensdepeschen in später Abendstunde bekannt wurden. Die ungezählten, sich stets widersprechenden Nachrichten der letzten Wochen hatten ein Nachlassen der Spannung bewirkt, so daß der tatsächliche Abschluß zwar sehr beifällig besprochen wurde, aber keine große Erregung hervorrief.
Der französische Freund.
In Frankreich loben einige nationalistische Blätter den Kaiser von Rußland in überschwänglicher Weise und schreiben seiner Weisheit das günstige Resultat der beendeten Verhandlungen zu. Aber auch Japan wird Anerkennung gezollt, wie man nicht weniger freundlich der Initiative des Präsidenten Roosevelt gedenkt. Von der ehemaligen Russen- schwärmerei ist aber nicht mehr viel zu bemerken: der Zusammenbruch des Alliierten, von dem man ehemals w viel erhoffte, hat die Empfindungen für ihn sehr herabgesiimmt.
Englische Stimmen.
Vereinzelt wird in Londoner Blättern hervorgehoben, daß die Fortführung des Krieges besser gewesen wäre. Im allgemeinen erklärt man sich aber mit der Herstellung des Friedens einverstanden. Japans Mäßigung wird warm gepriesen, ebenso Roosevelt als ehrlicher Makler. Im Interesse der Erhaltung des europäischen Gleichgewichts hält man es teilweise für recht wünschenswert, daß eine weitere Schwächung Rußlands vermieden wird.
Ein Geheimvertrag?
Weil der Friedensschluß manchen überraschend kam und — unerwünscht ist, suchen sie in Mutmaßungen Erklärung unb finden in Verdächtigungen Trost. Ein englisches Blat! .,erfährt" von einem Mitglieds der japanischen Mission, der geheime Grund für Japans Entgegenkommen liege in der Klausel, betreffend die Zahlung für den Unterhalt der :ussischen Gefangenen. Die dafür vereinbarte Summe würde wahrscheinlich ungefähr jenen Betrag erreichen, den Japan As Entschädigung fordern zu müssen glaubte.
Dank dem Vermittler!
Witte hat dem Präsidenten Roosevelt in einem Tele- jramm zum Ausdruck gebracht, daß die Geschichte ihm den Ruhm des Friedens von Portsmouth zuschreiben und wie rufrichtig seitens Rußlands die Initiative des Präsidenten zeschätzt wird. Nomura hat zuerst von den Bevollmächtigten Den Präsidenten von dem Ausgang der Konferenz in Kenntnis gesetzt, aber er hat sich auf die einfache Tatsache des Uebereinkommens beschränkt. Der Präsident hat daraus kn beide Dank- und Glückwunschtelegramme gesandt.
Die letzte Sitzung,
— Intimes von der Friedens-Konferenz.—^
Fieberhafte Spannung; — das ist der einzige Ausdruck für bie Stimmung, die alle Gemüter in bem kleinen, zu einem welthistorischen Platze gewordenen amerikanischen Hafenstädtchen Portsmouth erfüllte, als die russischen und die japanischen Unterhändler zur letzten Sitzung zusammen- traten. Denn daß es die letzte sein werde, erklärte Witte sofort beim Zusammentreffen der beiderseitigen Delegierten.
Jetzt kann man es ja sagen, und die russischen Friedensunterhändler machen gar kein Hehl mehr daraus: Sie hatten die Koffer gepackt. Sie hielten die Sache für aussichtslos und eine Verständigung für ausgeschlossen. So unüberbrückbar erschienen die Meinungsverschiedenheiten. . Starr bestanden die Japaner auf ihren Forderungen: Kriegsent- fchäbigung, Abtretung von Sachalin event. Rückkauf der nördlichen Hälfte der Insel, Sefchränfung der russischen Seemacht in Ostasien, Auslieferung der in fremde Hafen geflüchteten und dort internierten russischen Kriegsschrfte. Mit der gleichen Starrheit lehnten die Russen diese ^-orde- rungen ab. Hier schien alle Mühe, auch die Anstrengung Roosevelts, vergeblich. _
©0 standen die Dinge, als die letzte Sitzung ihren Anfang nahm. Trotz der eisigen Miene, hinter der die geschulten Diplomaten ihre Erregung zu verbergen bemüh waren, merkte man auch ihnen an, daß sie von dem OriU ber entscheidungsvollen Stunde erfüllt Wien, ^"chmal- vertraten die Japaner ihren Standpunkt: in geänderte , teilweise gemilderter Form hielt Komura ihre Forderungen oÄ Sofort stellte Wille fest, doß der neue Vorschlag der Gegenpartei nur eine Zusammenziehung der vier |tr sigen Punkte bedeute, und dast da. ommose Wor^ - d GrimaenffWäbiauna — darin nickt fehle. Nuno uno neu erklärte Witte die Ablehnung dieser Forderungen
mußte die Entscheidung fallen, und sie zeitigte eme wahrhaft" ramatische ^ne. Die Erregung hatte d-e Dele-