Nr. 26. Dienstag, den 31. Januar 1905. 14 Jahrgang.
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âoaniyn u. Huuptezvebt war Gießen, Selteröweg
UervsprechnBschLisH Nr. SO. W Das Blatt erscheint an eilen Werktagen nachmittags-.
(chießerrer TageSürtt)
Mnaöhângige Tageszeitung
(Gießener Ieitnng)
für Oberhesim und die Kreist Maârg und Wetzlar; Lokalameiger für Meßen und Umgebung.
Enthält all» lmMche» Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen und anderer Behörden »en Oberhesten.
Nie neuen Handelsverträge.
Obâüch in der Veröffientlichung der neuen Handels- bertrüge ausdrücklich betont worden ist daß die neuen Han- belZabkonunen mit den Vertragsstaaten nur eine Fortsetzung *er alten Verträge darstellten, so enthalten die neuen ^Ab- chlüsse doch eine ganze Reihe von organischen Neuerungen, tot der Charakteristik in dem amtlichen Blatte will die Ne- Fnrung nur betonen, daß der Charakter, der Meistbegünsti- sjungsverträae nicht verändert worden ist, wgs aber eine pmze Reihe von ^Säuberungen technischer Natur im Inhalte der Verträge nicht ausschließt. Eine wesentliche Aenderung besteht schon darin, daß syswmattsch die Schiedsgerichtsklausel zur Verhütung bezw. zur Ausgleichung von wrifarischen Dleinungsverschiedenheiten eingeführt worden ist. Der einzige Staat, der hierauf nicht einging, war Rußland — offenbar weil er in der Anerkennung bes SchiedS- zerichtswesens zugleich eine Abschwächung der absolutisti- jchen Regierungsform erblickt.
Die Zolltariffätze sind außerordentlich geändert und spezialisiert worden. Auch hat man neuerdings — und das ist ein sehr augenfälliges Merkmal der neuen Verträge — Wert darauf gelegt, daß die durch den einfachen Mitgenuß ber Meistbegünstigung erzielten Vorteile auch ziffernmäßig in dem Zolltarifschema kftgelcgt werden. So sind beispiels- Weise in dem Handelsvertrag mit Italien alle der Schweiz gemährten Begünstigungen, an denen wir als meistbegünstigter Staat ohne weiteres teilnehmen, noch ausdrücklich in Ziffern zum Ausdruck gebracht.
Durchweg zeigen die neuen Verträge das Bild einer scharfen Erhöhung der Zollsätze, das am wenigsten noch bei den Verträgen mit Italien und den Balkanstaaten, am schärfsten aber bei dern unter bem Drucke von Hochschutzzöllnern zustande gekommenen Vertrag mit der habsburgischen Monarchie hervortritt. Durch die Veröffentlichung der Verträge ist mit einem Schlage auch der Darstellung ein Ende gemacht, als ob das Doutsche Reich mit den Zollerhöhungen der angreifende Teil gewesen wäre. Das Gegenteil ist richtig. Der neue autonome Tarif von 1901 war förmlich eine Waffe der Verteidigung', ohne ihn würden wir voraussichtlich sehr schlecht abgeschnitten haben.
Es ist oben bereits hervorgehoben worden, daß der ungünstigste Vertrag mit Oesterreich-Ungarn abgeschlossen worden ist. Wir haben uns diesem Staate gegenüber auch nur bei den Zollsätzen auf Agrarprodukte schadlos halten können. Das Gleiche trifft bei dem Vertrag mit Rußland zu. Der Schweiz gegenüber wurde das System der relativen Ausgleiche für die Jndusttiezölle in der Weise angewandt, daß einer Erhöhung der Zölle für unsere Einfuhr eine gleich- Dertige Erhöhung der Zölle für die schweizerische Ausfuhr mtgegengestellt wurde. Die höchste Mehrbelastung bei unserer Ausfuhr hat das Eifen mit seinen Produkten erfahren, inad sich sehr leicht aus dem Bestreben der Vertrags- floaten erklärt, im eigenen Gebiet eine lebhafte Industrie- tätigtest groß zu ziehen. Demgemäß sind auch diejenigen Räuber, die entweder geringe Rohstoffe haben, oder hauptsächlich die gewerbliche Veredelung pflegen — und dies sind die Schweiz, Italien und die Balkanstaaten — mit ihren Zollsätzen noch am weitesten entgegenkommen. Einen förmlichen Siegeslauf aber hat die chemische Industrie angetre- ^n, deren Produkte fast drirchweg zollfrei eingeführt werden. Es ist dies ein Zeugnis für den Stand der deutschen
^^ ^^ eurem Gebiete, wo die Wissenschaft und die Technik einander berühren, so daß also die neuen Handels- ^â)ließlich auch eine Anerkennung für das deutsche Geistesleben enthalten
! F v g „P^ kâg in Öftesten.
^ie russische Offensive am Hunho ist überraschend schnell ^tttn Stillstand gekommen. Marschall Oyama hat mit anscheinend überlegenen Kräften so energische (Gegenangriffe gemacht, daß die Rollen vertauscht sind und ^urobatFinS Truppen, wenigstens an einzelnen Punkten, aus Angreisern Verfolgte geworden sind.
So wird die Sachlage wenigstens in den Berichten bar- gestellt die aus dem Manischen Hauptquartier nach Tokio gelangt sind. Marchall Oyania meldet, daß jid)
die Russen auf dem Rückzug befinden und bereits wieder aus das rechte Hier b^e Hunho zurückgegangen sind. Sein letzter Bericht oom »y L,rS lautet:
Eine japanische Abteilung, die Liutiaoku besetzte, hat in der letzten Nacht den mit überlegenen feindlichen straften ausgeführten Angriff ab gewiesen. Heute bei Tagesanbruch griff eine andere japanische Abteilung 12 Kilometer nördlich Heikaitai an und besetzte die feindliche Stellung. Die Nusfen machten in vergangener Nacht einen heftigen Gegenangriff, die Abteilung, die Heikaitai
angegriffen hatte, wurde aber
völlig zu rü ckge sch l ag en
Heute befehlen unsere Truppen die Umgegend von Hei-
kaitai. Der
in der Richtung auf Liatiaoku
und Heikaitai stand, hat sich auf das rechte Ufer des Hunho Zurückgezogen,' unsere Truppen nahmen die Verfolgung auf. Tie russischen Treppen gehörten zum 8. und 10. Armeekorps, umfaßten ferner das erste Armeekorps und ein gemischtes Korps, bestehend aus Infanterie und einer Division Kavallerie unter General Mitschtschenko. Wir haben 500 Gefangene gemacht. Die Verluste werden festgestellt.
Zuerst waren die Operationen für die Russen günstig verlaufen. Ein wesentliches Moment dafür bildeten nach dem Bericht eines Reuterkorrespondenten
heftige Schneestürme,
die den Japanern ins Gesicht bliesen. Am 27. Januar, so heißt es in der Schilderung, wurde der japanische linke Flügel, der durch General Nogis Truppen verstärkt war, während eines Schneesturmes heftig beschossen. Der russische Angriff richtete sich gegen einen Punkt 10 Werst westlich der Station Schaho. Die Truppen räumten zwei Orte, die von den Russen bleist wurden. Am 28. wuchs die Kälte und der Schneesturm, die Kanonade wurde aufrechterhalten. Wind und Schneesturm sind nach ihrer Richtung den Russen günstig. Aus den Meldungen vom 28. geht hervor, daß die Japaner weiter zurückgingen. Die russische Kavallerie wurde angeblich um 16 Kilometer vorgeschoben. Am 27. flog ein japanischer Papierdrachen in die russischen Linien, er war mit Photographien bedeckt, welche zeigten, wie gut die Gefangenen in Japan behandelt würden.
Später hat sich dann das Blättchen augenscheinlich gewendet. Die Russen mußten mehrere Positionen aufgeben. Es wird russischerseits zugegeben, daß sich auch die wichtige Stellung
Sandcpu wieder in japanischen Händen
befindet. Die Petersburger TelegUaphen-Agentur meldet darüber aus Sachetun vom 20. Januar: Die Kolonne, welche am 26. d. M. Sandepu angriff, bemächtigte sich abends zum größten Teil des befestigten Dorfes. Hierbei verlor sie 24 Offiziere und 1600 Tote bezw. Verwundete. Es erwies sich aber, daß der am stärksten befestigte nordöstliche Teil des Dorfes durch das Feuer der Russen nicht gelitten hatte und die Geschütze und Maschinengewehre daraus gegen die russischen Truppen wirken konnten. Letztere räumten daher Sandepu und nahmen dann das Artil- leriefeuer wieder auf.
Private 9t'ndir Wen aus London, die das vollständige Mißlingen der Umgelmugsbewegung Kuropatkins gegen den linken japanischen Flügel melden, beziffern die Verluste der Japaner auf 5000, da der Russen auf 10 000 Mann.
Die öcbUcbt am Dimbo«
^ Berlin, 30. Januar.
Wenn die bisher vorliegenden Berichte auch noch kein zweifelloses Bild von der strategischen Lage am Hunho ergeben, so tritt doch fd)on klar zu Tage, daß Kuropatkins Offensive vorläufig zum Stillstand gekommen ist. An einzelnen Stellen scheint die Vorwärtsbewegung sogar in einen beschleunigten Rückzug umgeschlagen zu sein.
Der Schauplatz der letzten Gefechte ist rings um Tschan- Wn zu suchen, einer Stadt, die am Hunho liegt, etwa füns- undvierzig Kilometer südwestlich von Mukden. In Tschantan selbst soll nach einer Tokioer Depesche General Kuropatkin stehen. Das Oertchen Sandepu, gegen das sich die in den Gefechten engagiert gewesenen Trrlppen konzentriert zu haben f deinen, ist etwa fünf Kilometer südöstlich von Tschantan, also zwischen dem Hunho und dem Schaho gelegen. Daß der erste Vorstoß der Russen von Erfolg begleitet war, ist eigentlich ganz selbstverständlich. Die Japaner zogen eben, als sie den Charakter des Vorstoßes als Einleitung zu einer größeren Aktion erkannten, ihre vorgeschobenen Truppen, die die erste Wucht des Angriffes traf, auf die Hauptstellungen zurück. Das ist eine ganz folgerichtige Er° scheinung und kein Sieg der Russen, sonderck ein bloßer Manövererfolg. Erst an ben Hauptstellungen konnte man erproben, ob die russische Angriffsbewegung genügend kräftig angesetzt war.
Dazu ist es aber gar nicht erst gekommen, sondern Marschall Oyama hat die Offensive der Russen sofort mit einem Vormärsche beantwortet und, wie er nach Tokio meldet, den Feind aus das rechte Ufer des Hunho zurückgeworfen. Ob nun den Absichten Kuropatkins damit endgültig ein Paroli geboten ist, kann man im Augenblick nicht beurteilen. Man weiß zu menig Positives von der Aufstellung und Stärke der beiden Armeen. Sollte es aber zu einer neuen Vorwärtsbewegung der Russen kommen, so darf man neugierig sein, wie dabei die russische Armee die im modernen Krieep die Hauptrolle fbicknben Erdarbeiten bewältigen wird. Eine Temperatur vor —16 Grad, wie sie jetzt auf dem Kriegsschauplatz herrscht, bedeutet in der Mandschurei bereits ein Nachlassen ber Kälte, daß aber der Boden nach der vorausgegangeuen viel strengeren Kälte noch immer sehr tief und sehr fest gefroren ist erscheint selbstverständlich.
diesem Boden Schützengräben anShelen, Schanzen aufwerfen, Positionen für die Artillerie herstellen, heißt dem
Arme des Mannes, der i^n Spaten führt, eine titanische Aufgabe stellen, lleberdies, wenn schon einmal die Schanze aufg einer feit ist bilden die gefrorenen Erdschollen ein unzu- saminenhängendes Gemengsel, das man erst neuerdings anftaucn müßte, um daraus eine halbwegs kompakte Schanze zu bilden. Anders, als durch llcbergiegen mit reichlichen heißen Wassennassen, wäre diese Ausgabe kaum zu lösen. Von einer Erstürmung der im Herbste von den Japanern geschaffenen Stellungen ist wohl kaum die Rede; ist doch monatelang versichert worden, daß beide Armeen, auf das festeste verschanzt, am Schaho einander gegenüber- stehen
Unser Kolonialkrieg.
Die Känrpfe in Deutschsüdwestafrika vollziehen sich in der bekannten Weise. Sowohl im Herero-Lande wie im Witboi-- Gebiet sind unsere Truppen dem Feinde auf den Fersen, und deren Bestreben ist nur darauf gerichtet, durch die Umklammerung durchzubrechen und sich in Sicherheit zu bringen. Neuerdings haben die unfrigen gelernt, das Beginnen der Schwarzen in dem weitschichtigen Gelände zu vereiteln, und jedenfalls kostet jeder Durchbruch dem Feind weitere Verluste.
Das geht auch aus einer Meldung des Generals v. Trotha über
ein erfolgreiches Gefecht hervor, das ein Teil der Abteilung Meister bestand. Die dazu gehörige 7. Kompagnie des Regiments Nr. 2 war auf dem Marsch von Stramprietfontein nach Lidfontein in Schürfpenz eingetroffen. Dort machte sich bald die Annäherung von feindlichen Scharen bemerklich, zu deren Enrpfang bie unfrigen geeignete Stellungen einnahmen. Bald zeigte es sich, daß ein Haufe von 200 Witbois den Versuch machte, über den Anob nach Westen durchzubrechen. Sie konnten ihren Plan nicht zur Durchführung bringen. Denn von Artillerie- und Jnfanteriefeuer empfangen, gingen sie in panikartiger Flucht nach Osten auf Nunub zurück.
Die Ursachen dieser Verzweiflungskämpfe der Schwarzen werden sehr anschaulich in dem Briefe eines alten Südwestafrikaners gekennzeichnet, der schon im ersten Witboi-Auf- stande mitgekämpft hat. Er steht den jetzigen Vorgängen als völlig unbefangener Beobachter gegenüber und schildert
die Kampfesart der Schwarzen
in anschaulicher und für den augenblicklichen Stand des Kolonialkrieges lehrreicherweise wie folgt:
Es gibt immer noch Leute, die selbst den ausgemachtesten Erfolg unserer südwestafrikanischen Truppen als Pyrrhussieg hinzustellen versuchen. Im allgemeinen herrscht die Ansicht, daß es doch unbedingt gelingen müßte, den Feind zu umzingeln und ihn zur Uebergabe zu zwingen. Diese Meinung ist vollkommen irrig. Selbst wenn eine Umstellung in vollkommenstem Sinne möglich wäre, würde es doch immer einem Teil des Feindes gelingen, durchzubrechen, denn selbst bei Treibjagden gelingt es so manchem Meister Lampe, die Schützenlinie glücklich zu passieren. Hinzu kommt, daß diese Eingeborenen — und namentlich in der jetzigen Zeit schwerer Kämpfe, denen Mord- und Schandtaten vorausgingen — um ihr Leben bis zum äußersten kämpfen und alle ihre Findigkeit äufammennehmen, einen Weg zur Flucht zu suchen.
Kein Pardon!
Man weiß, daß sowohl Herero als Hottentott im Kriege Pardon nicht gibt, weder uns, noch seinen asi'ikanischen Feinden, Gefangene wurden von jeher scheußlich gemartert, ZU Tode gequält. Denselben Martern glaubt sich der Afrikaner bei uns ausgesetzt und sammt daher bis aufs Messer, sofern irgend noch die geringste Aussicht hierzu vorhanden ist. So fand ich einst einen Herero nach dem Sturm auf eine Werft beim Absuchen des Dorfes vor einer Hütte liegen. Mit gräßlich verdrehten Ringen stierte er mich an, dabei schwache Bewegungen nach seinem vor ihm liegenden Gewehr machend, er wollte sich noch verteidigen. Ein schneller Sprung, und ich war im Besitz des Martini Henry-Gewehres. Wiederaufschauend sah ich, daß der Schwarze seinen Kopf zur Seite geneigt hatte, er war tot! Geschüttelt vor Entsetzen habe ich mich and) indes, als ich bei näherer Betrachtung den Körper des toten «Herero sah. Ein Vollgeschoß des Feldgeschützes tvar ihm mitten durch die Brust gefahren, im Kopf saßen zwei Gewehrschüsse, und mit dieser entsetzlichen Verletzung, im letzten Moment seines verwirkten Lebens, dachte der Herero noch an Verteidigung, an Rache.
Das Kairenleben der Hottentotten.
Später gelang es uns einmal, einen flüchtenden Hottentotten aufzugreifen, welcher trotz eines vollständig zerschmetterten Knies noch an Flucht dachte, auf allen Vieren kriechend. Wir brachten ihn zum nahen Lager, wo er entkleidet und imtersucht wurde. Nicht weniger als zehn schwere Verletzungen, von denen acht beinahe vernarbt waren, da sie der Hottentott zirka sechs Wochen vorher bei Siegfeld — nördlich Gobabis — davongetragen hatte, wies der Körper des Gefangenen auf. Nach Anlegung eines Notverbandes auf seine jüngsten Verwundungen wurde er 311m Verhör gebracht. Doch nichts hätte vermocht, diesen verstockten Nama .nuu