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Nr. 255___

3*1et steueret» , Die einspaltige Petttzeile für ganz Ober- tr^cn, die Kreise Wetzlar und Marburg 10 Pfg. sonst 15 Psg. Reklamen die Petitzeile 30 resp. 40 Pfg.

Lrdaknon u. Haupterpeditton: Gießen, Seltersweg 83.

Fer«sprech««schluß Rr. 362.

n Sie Gedichte von dem?" Achter haben wir nicht in Schiller und Goethe."

t die Nedalu-n Der «eneu Vedute«

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(Gisße«-r Mgevtatt) Nnabhängize Tageszeitung (Gießener Ieitnng)

für Obertzefsen und die Kreise Marburg und Wetzlar; Sokalauzeiger für Gietzen und Umgebung. Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen, des Großh. Polizeiamtes Gießen und anderer Behörden von Oberhesjen. j^jMBMBWWMIirM^MMMHMWinrnroWlJIIIHrJ1gE*,HIFWTIPPa"5!CTTWttnaaaeMIM*IM;!Ma^JII'l*l>^'^^^^^*1,l^^*'M*ft*MM,**CTinM?M^^^^l^,,,^^M?BIII?3l*,l*^^^*a^ tltMI" Vt KTi-^JW^^w^wn^.^«^ &"Vrr,,~tJ^tCZ.s» -^r»? WTJPFt

Das Gcbo der Kaiserreden.

Wenn Die Könige bauen, haben die Kärrner zu tun." Und nicht bloß, wenn sie bauen, auch wenn sie reden. Eines Kaisers Wort tönt weithin und weckt Widerklang, Zustim- mung und Einspruch. Die Presse der ganzen Welt hat mit aufmerksamen Kommentaren die Auslassungen des Kaisers bei seinem Besuch in Dresden und bei dein Prunkmahl zur Enthüllung des Moltkedenkmals begleitet, und diese Kom­mentare machen neue Erläuterungen nötig.

Es ist unverkennbar, bat, . * Kaiser in Dresden und in Berlin aus derselben Stimmung heraus gesprochen, daß er den gleichen Gaden wenergeführ' (mt. Schon das ist be- met^NÄärwi. Line Sache, die bi. Kaiser zweimal bei ver­schiedene Anlägen der Erörterung wert hält, auf die er zurückkommt,, die muß von besonderer Bedeutung sein, die muß des Kaisers Gemüt beherrschen.

9)r- Kaiser Hal >mem Volk kundtun wollen, daß der vergangene Sommer schwere Tage gehabt . Hat, verant­wortungsreiche, in denen die Frage, ob Krieg oder Frie­den, auf des Messers Schneide stand. Marokko war nicht der Grund, war nur der Vorwand, das äußere Zeichen. Nicht die Größe unseres Interesses an Marokko bildete oen Maßstab für die Bedeutung, die englisch-französischen Ma­rokko-Abkommen vom deutschen Standpunkt aus gegeben werden mußte, sondern die prinzipielle Frage, ob ^"utsch- land irgend ein ihm zustehendes Recht mißachten lasten darf, namentlich da, wo die Mißachtung beabsichtigt war und eine Demonstration bilden sollte. Deutschland entschied sich, wie es seiner Würde zukam. Die Verschwörung kleinerer und und größerer Hintertreppenpolitiker wurde aufgedeckt und durch die Aufdeckung vernichtet. Eine Bekehrung der I eigentlichen Teilnehmer an der Verschwörung hat natür­lich nich. stattgesunden. Im Gegenteil. Die tiefe Be­schämung, der sie ausgesetzt worden sind, hat ihren Groll nur vermehrt. Wir können wünschen, sogar hoffen, daß

' . m)nnrächtig bleiben wird; aber für Sicherheit 'lvjsen wir selbst sorgen, indem wir bei aller Offenheit un- .: er Absichten und Ziele unseres Visiers gerüstet bleiben, das Pulver trocken halten, das Schwert geschliffen. ' Das ist, was der Kaiser in Dresden und Berlin ge­sagt hat.

Deutschland soll seine Interessen und sein Recht überall wahrnehmen, ohne fremde Interessen und fremdes Recht zu kränken, unter Zurückweisung jeder uns beeinträchtigenden Begehrlichkeit, ohne Rücksicht auf Neid und Scheelsucht an­derer, gestützt auf seine eigene Kraft, die groß genug sein muß, um einen Angriff als bedenkliches Wagnis erscheinen zu lassen.

Deutschland ist friedfertig und der aufrichtige Freund seiner Freunde. Das hat es schon immer und namentlich seit einem Menschenalter bewiesen. Es hat sich anhaltend bemüht, alte Mißstimmungen zu beseitigen und hat dabei ein Entgegenkommen gezeigt, das nur dem Bewußtsein über­legener Stärke möglich ist. Der Erfolg hat den Erwartun­gen nicht entsprochen. , Die deutsche Zuverlässigkeit ist nicht überall in gleicher Weise vergolten worden. Es sind Intri­gen und Gehässigkeiten gerade da aufgetaucht, wo man sie am wenigsten hätte vermuten sollen. Man braucht nicht gerade sentimental zu sein, um sich durch solche Erfahrungen '.einigermaßen verstimmt zu fühlen. Es ist begreiflich, daß mannicht mehr um Liebe werben will", wie Fürst Bismarck in seiner großen Rede vom 6. Februar 1888 gesagt hat, daß man sich entschlossen hat, die anderen an sich herankom­men zu lassen.

i Deutschlands Politik ist immer sehr rücksichtsvoll ge­iwesen. Das ist mißbraucht worden, denn so mancher hat es !nicht vertragen können. Man hat nicht bloß nicht Gleiches mit Gleichem erwidert, sondern im Gegenteil sich fleißig ! bemüht, Deutschland Steine in den Weg zu legen, es zu «ärgern und zu reizen. Nicht einmal an der Absicht, Deutsch­land zu überfallen, hat es gefehlt, nur an dem Mut. Der eine wollte den andern Hetzen, es getraute sich bloß niemand, den Anfang zu machen. Darin wird so bald wohl keine Aenderung eintreten, trotz beruhigender Versicherungen, trotz aller korrekten Friedens- und Freundschaftsbeteuerungen. Darauf müssen wir uns eben einrichten. Es ändert sich da­durch nichts gegenüber dem bestehenden Verhältnis, denn Deutschland ist glücklicherweise klug genug gewesen, vorsich-

6" Meifan und kein Titelchen seiner Rüstung aufzugeben. Wir müssen bloß auf die freundliche Hoffnung verzichten, mit der wir uns geschmeichelt haben, es werde' in nicht zu langer Frist eine Zeit kommen, in der es gestattet sein würde erneu Teil der in Rüstungen festgelegten Kräfte anderweitig zu verwenden. Man kann auch ohne diese Hoffnung ganz gut leben. Unsere Rüstung hat uns noch nicht erdrückt, nicht ernnral gedrückt. Dazu sind unsere Glieder zu stark gewor­den. Unsere Politik aber wird nur leichtere Arbeit haben, wenn sie nicht nach rechts und nicht nach links rücksichtsvoll .Umsckvul zu halten hat, wenn sie bloß geradeaus vorwärts zu gehen braucht auf das Ziel zu, das sie sich jeweils ge­steckt hat. Haben wir redliche Freunde, um so besser für >sie und für uns. Aber gerade unumgänglich nötig haben ^ir sie nicht. Wir können ohne Freunde und ohne Verbün­dete auskommen Denn ein Volk von sechzig Millionen

Montag, den 30 Oktober 1905.

Lb»«,e»e«tSpreiS: abgeholt monatlich 50 Pfg., in'S HauS gebracht 60 Pfg., durch die Poft bezogen vierteljâhrl.Mk.1.5V. Gratisbeilage« : Oberhefsifche Familie«zettu«g (täglich) und die (Siegener Geifemblase» (wöchentlich).

Das Blatt erscheint an alle« Werktagen nachmittags.

Seelen, wohl ausgestattet für den Krieg und in jedem Be­tracht gerüstet, ist stark genug auch gegenüber einer Welt von Feinden, stark genug, um auch einer Koalition das Bedenken nahezulegen, daß der bessere Teil der Tapferkeit die Vorsicht sei. Wir für unser Teil wollen gern jedes freundliche Gefühl, das uns entgegengebracht wird, mit gleic m berühr, jedes unfreundliche aber mit vollkom mener Gleichgültigkeit vergelten.

Russland am Hbgrund.

Die Revolution im Zarenreiche schreitet fort. Immer weitere Teile des öffentlichen Lebens werden erfaßt, immer unleidlicher gestalten sich die Zustände. Der Zar fühlt sich persönlich gefährdet und denkt daran, sich in Sicherheit zu bringen. Das ganze weite Reich ist in furchtbarster Er­regung.

Die Revolutionäre sind augenscheinlich diesmal besser organisiert, und deshalb erscheint die jetzige Bewegung weit gefährlicher, als alle früheren Losbrüche.

Die Pläne der Revolutionäre.

Wohl bewaffnet stehen die Aufständischen bereit, ihre Kräfte mit den Truppen zu messen. Sie lassen verlaut­baren, daß sie alles vermeiden möchten, was zu Blutver­gießen führen könnte, daß sie aber rücksichtslos alles auf- bieten würden, um Petersburg und Peterhof, den Sitz des Zaren und seiner Familie, auszuhungern. Auf der an­deren Seite hat Trepow eine große Truppenmacht zu­sammengezogen. Maschinengewehre sind in Petersburg verteilt, um bei einem Straßenkampfe zur Anwendung zu gelangen. Dabei ist Petersburg vollständig von der Außen­welt abgeschnitten, nachdem auch die sinländische Bahn den Verkehr eingestellt hat. Alle Unterhandlungen über die rus­sische Kreditoperation sind, einer Erklärung des Finanz- ministers an die Bankiers zufolge, aufgeschoben. Der Be- völkerung hat der Generalgouverneur Trepow bestimmte Räume zur Abhaltung von Versammlungen angewiesen. Gleichwohl fanden in der Universität großartige Meetings statt, an denen Personen aller Stände, Gelehrte und Ar­beiter und auch Offtziere in Uniform teilnahmen.

Ebenso schlimm und mehrfach noch schlimmer sieht es in anderen Teilen des Zarenreiches aus. Vielfach ist die Be­leuchtung der Städte abgeschnitten. Feuersbrünste sind an der Tagesordnung. So ist in; Reval das Stadttheater niedergebrannt, und die Volksmenge, die sich mit Gewehren und Revolvern aus den von ihr erstürmten Waffenläden bewaffnet hatte, verhinderte die Feuerwehr gewaltsam, den Brand zu löschen. Ueber Warschau und andere Städte ist der Belagerungszustand, über Charkow der Kriegszustand verhängt.

Die prsvisorische Regierjung.

Schon droht dem offenen Abfall von der Zarenherrschaft die Einsetzung von Gegen-Regierungen zu folgen. Es wird darüber in Telegrammen, die über London kommen, ge­meldet-

In Moskau haben die dort vertretenen politischen Parteien beschlossen, sich zu vereinigen, eine eigene Re­gierung zn wählen und selbständig zu handeln. Die Organisation der Revolutionäre ist bereit, die Regie- rung 31t übernehmen, sobald die jetzige Regierung ge­stürzt ist. Es sind auch förmliche Gerichtshöfe eingesetzt, die über hochstehende Persönlichkeiten, die den Auf­ständischen in die Hände falle«, aburteilen sollen.

Bereits ist ein solcher Fall vorgekommen. In Charkow wurde der Generalgouverneur von den Revolutionären ge« fangen genommen, und man befürchtet, ba& er zum Tode verurteilt und hingerichtet werden könnte. Man sieht, die russischen Revolutionäre haben von der großen französischen Umwälzung anno 1789 gelernt und handeln nach Leren Muster.

Des Zaren Flucht nach Deutschland?

Die Gerüchte, daß der Zar die Absicht hege, in daS Aus- nd sich zu begeben, erhalten sich. Es tauchen ganz be- umte Angaben auf, denen zufolge ein Mitglied der Um- hornig des Zaren Befehl gegeben habe, die kaiserliche Jacht ^Polarstern" unter Dampf zu halten. Auch haben mehrere

Hctjiffe Ordre erhalten, sich für alle Fälle zur Beglei-

1 der Jacht bereit zu machen, falls der Zar sich zur Ab- -^ nach LMschland entschließen sollte.

politische Rundschau.

Deutsches Reich,

* Kaiser Wilhelm hat einen bemerkenswerten Schritt zur Siegelung der europäischen und deutschen Beziehungen zu China getan. Der deutsche Gesandte in Peking teilte dem Kaiser und der Kaiserin-Regentin von China in einer Audienz mit, daß der deutsche Kaiser mit der Ratifikation des Friedens von Portsmouth die Zeit für gekommen er­achte. um die noch in Tschili stehenden fremden Besatulngen zurückzuziehen. Kaiser Wilhelm werde den beteiligten

14. Jahrgang

Staatsoberhäuptern ohne Verzug einen dahin gehenden Zugloch ö ü hat Freiherr v. Mumm

Entschluß des Kaisers angekündigt, die seiner­zeit auv Anlaß von Unruhen in Schantung von Tsingtau aus nach Kaumi und der chinesischen Kreisstadt Kiautschou vorgelchobenen Posten einziehen zu lassen,

*

Reichskanzler Fürst Bulow hat Herrn Oberbürger- menter Kirschner in Berlin benachrichtigen lassen, daß er

^en Vorstand des deutschen Städtetages am « -. Oktober zu empfangen. Es handelt sich dabei um Vor­stellungen der Städtevertreter zur Fleischteuerung.

rkr

* Unmittelbar nach seinem Zusammentritt soll beut Reichstag eine vom Reichsamt des Innern ausgearbeitete Denkschrift über die Fleischteucrung zugehen. Ferner wird sich der Reichstag mit dem vom Bundesrat verab- Redeten Entwurf einer neuen Maß- und Gewicht s- o r d n u n g , sowie mit einer Vorlage über die Entschädi­gung der durch den Aufstand betroffenen Ansiedler in Deutsch-Südwestafrika beschäftigen.

*

* Regierungsrat Martin, der Verfasser der Broschüie über die Fiuauzverhältnisse Rußlands, ist mit einem schrift­lichen Verweis, von feiner Dojr gefegten, Mhjörde bestraft worden. Beanstandung soll die Reklanie gefunden haben, mit der die Abbandliing auf den Markt geworfen wurde. ^ egen den Pmuciv_ hat Regierungsrat Martin dem Ver­nehmen nach Protest durch eine Beschwerde beim Reichs­kanzler eingelegt

*

* Der gemeinschaftliche Landtag der Herzogtümer Sachsen-Koburg und Gotha genehmigte den Lotterievertrag mit Preußen und anderen Bundesstaaten. Der Entwurf zu einem neuen Lotteriegesetz für die beiden Herzogtümer fand ebenfalls die Zustimmung des Landtages.

I *

' * Die Zwischenfälle an der deutsch-russischen Grenze meh­ren sich. Der Landrat aus Kattowiy nahm Untersuchungen vor über den letzten Myslowitzer Grenzzwischenfall. Es wurde dabei festgestellt, daß der russische Grenzposten zwei junge Deutsche unter Drohungen genötigt hat, russisches Ge­biet zu betreten. Der gleiche russische Grenzposten drohte nun bei der Untersuchung, den Landrat und seine Begleitung festzunehmen, falls sie der Grenze zu nahe kommen würden. Ein energisches Eingreifen gegenüber diesen anhaltenden Be­lästigungen durch unkultivierte russische Grenzsoldaten ist wirklich Gin Platze.

Schweden.

Der nunmehr beendete Unionsstreit hat zur Demission des schwedischen Ministeriums gerührt. Sämtliche Mitglie­der des Kabinetts haben dem König ihr Entlassungsgesuch eingereicht.

' C paniert

** Nacher Ameise d^s Präsidenten Laut t, der sich nach Portugal begab, i eine indirekte Mittisteukrifis ailsg.i ro­hen. Die Ministe: haben sich zur Verfügung ihres Prä­identen gestellt, der dem König die Entscheidung anheim- wb. Der Ministerpräsident erklärte, die Regierung beab- 'i'chtige nur, nach der Neuwahl der Kammern das Kabinett so umzugestalten, daß alle Richtungen Der Majorität darin vertreten seien.

I CiirheL

** Tie Pforte setzt ihren Widerstand gegen die Bestreb',m- gen der europäischen Mächte in der mazedonischen Frage fort Da der Sultan den beantragten Kollektioempfang der Botschafter in der Angelegenheit bekanntlich abgelehnt hat, soll beschlossen worden sein, der Pforte ein Ultimatum zu überreichen, in dem im strengen Tone auf strikte Dirch­führung des Verlangens der Mächte hingewiesen wird. Sollte das Ultimatum ohne Wirkung bleiben, so wird mit der internationalen Flotwndemonstration begonnen werden. An dieser Demonstration sollen sich England, Frankreich, Italien, Oesterreich-Unga"n und Rußland beteiligen. Von einer Beteiligung Deutschlands ist vorläufig nicht die Rede. Die Ablehnung der gemeinschaftlichen Audienz wird damit motiviert, daß die Pforte die Finanzangelegenheiten allein ordnen müsse und keine Einmischung dulden könne. Genen Einzelaudienzen der Botschafter herrschten keine Bedeuten. Der Gesandte der Vereinigten Staaten in Konstantinovel überreichte der Pforte eine scharfe Note wegen des über den amerikanischen Staatsangehörigen Barkanian verhängten Todesurteils.

Hmcrika.

** Auf seiner Reise in den füdlichen Teil der Union hat Präsident Roosevelt einen gefährlichen Schisfsnnsoll erst tat ber aber ohne weitere schlimme Folgen ablief. Der Dampfer Magnolia", auf dem sich ber Präsident mit seinen Be­gleitern befand, stien in der Nacht auf dem Mississippi mit bem Dbftbampfer , Sparta" zusammen. DieMagnolia" mußte schwer beschädigt auf bei. -mb laufen. Das nächst erreichbare Fahrzeug war der ShIvy": er lag vierzig Meilen entfernt bei Pilottown. Bis zur Ankunft docIvy"