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Nr. 230.

Zweites Blatt

Samstag, den 30 September 1905.

14. Jahrgang

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3*fertio*$tteid t Die einspaltige Petitzeile für ganz Ober- Men, die Kreise Wetzlar und Marburg 10 Pfg. sonst 15 Pfg. Reklamen die Petitzeile 30 resp. 40 Pfg.

Redaktion u. Haupterpedition: Gießen, Seltersweg 83.

Ferufprechauschluß Nr. 862.

AvssuemestSpreiS: abgebott monatlich üOPfq. in'S Haus gebracht uO Pfg., durch die Post bezogen vierteljährl. Mk 1.50. Gratisbeilage«: Qberhesfische Familienzeitung (täglich) und die Gictzeuer Seiseublall « (wöchentlich.

DaS Blatt erscheint an äßen Weltlagen nachmittags

(Gießener Tageölatt)

Unabhängige Tageszeitung

(Gießener Zeitung)

für Oberheffen und die Kreise Marburg unb Wetzlar; Lokalanzeiger für Gießen und Umgebung.

Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen, des Großh. Polizeiamtes Gießen und anderer Behörden von Oberhessen.

Liegen oder brechen.

lPolitische Wochenschau.)

Der wirtschaftliche Streit zwischen Arbeitgebern Unb Arbeitern ist nachgerade auch im Bewußtsein der nicht un­mittelbar Beteiligten zu einem bauernben und anerkannten Zustand geworden, der sich weder durch Wohlwollen auf dcr einen, noch durch Bescheidenheit der Ansprüche auf der an­deren Seite beseitigen läßt. Es liegen eben Interessen vor, die verschiedenartig bleiben, auch wenn von Zeit zu Zeit eine Brücke der Verständigung geschlagen wird. Was hellte als eine annehmbare Grundlage der Vereinbarung an- gehoben wird, das kann morgen schon seine Geltung verloren haben. Daraus ist aber nicht zu folgern, daß man auf das Bestreben zur Herbeiführung freundlichen Einvernehmens al? vergeblich zu verzichten habe. Im Gegenteil envächst daraus die Verpflichtung zu unausgesetzter Erneuerung der Bkmiihung, ein Gleichgewicht der Interessen, sozusagen, »-immer wieder zu konstruieren. Einmal kommt doch ber Tag, der die ersehnte lückenlose Uebereinstimmung bringt und die auf Zusammenwirken angewiesenen Gegner zu - Freunden und Bundesgenossen macht. Das Ziel des vollen sozialen Friedens mag noch so oft dem Blick sich entziehen . - die Pflicht hört nicht auf, ihm immer wieder nachzu^agen. Und sollte selbst der endgültige Frieden unerreichbar fein, so ist schon der längere Waffenstillstand ein beachtenswerter 'teüinn. Es klingt freilich sehr männlich und entschlossen, Èwenn manbiegen oder brechen" zum Feldgeschrei macht; es ist aber im höchsten Grade unklug, wenn man danach gondelt, während keine Aussicht auf Erfolg winkt, oder der erreichbare Erfolg außer Verhältnis zu dem möglicherweise erfangbaren Vorteil steht. Der Festigkeit der Ueberzeugung täte es keinen Eintrag, daß man davon absteht, sich gegen dos Uebergewicht realer Tatsachen aufzulehnen. Denn bei solchem Auflehnen sammelt man nur Erfahrungen, deren Bitternis erhöht wird durch das Bewußtsein, daß man sie sich hätte ersparen können. Und die Folge der Bitternis isi

Verbitterung, die das Urteil trübt und den Sinn für Ge­rechtigkeit beeinträchtigt. Wer mit dem Kopf durch die Wand rennen will, beweist in den meisten Fällen außer dem eigenen Eigensinn in der Regel nur, daß sein Kopf der Wand gegenüber nicht der klügere Teil gewesen, gerade weil er erst nach der Bedeckung mit Beulen und Wunden nach­gegeben hat. Ein Teil der Berliner Elektrizi­tät sarbeiter, etwa 500 Mann, glaubte Ursache zur Unzufriedenheit zu haben. Mit Unrecht, so behaupten die Arbeitgeber. Aber selbst wenn die Unzufriedenheit noch so gut begründet wäre, bleibt es doch ein verhängnisvoller Fehlgriff, daraus den Anlaß zu einem Streit zu machen, der viele Zehntausende fleißiger Arbeiter dem Elend der Erwerbslosigkeit Preisgibt. Die vereinigten Elektrizitäts­werke, die ihre Betriebe einzustellen sich drohend bereit erklärt haben, sind offenbar in der Lage, den Stillstand gerade jetzt gut auszuhalten. Die streikenden und ausge-

sperrten Arbeiter dagegen können im besten Fall die Er

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ertragen, und die Streikkasseil

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bereitet Daß die Elektrizitätsarbeiter in London zugleich mit denen von Berlin streiken wollen, zeugt von lebendigem Solidaritätsgefühl-, doch die Gemeinsamkeit der Not bringt seine Linderung. Die vereinigten Elektrizitätswerke finö unzweifelhaft stärker, sie sind besser vorbereitet. Darum wäre es unklug und leichtfertig von den Arbeitern, einen Streit zu beginnen, von dem man weiß, daß ihm der Erfolg versagt bleiben muß, daß er ihnen nur Wunden bringen kann.Biegen oder brechen" darf zum Wahlspruch nur wer­den, wenn man eben keine Wahl mehr hat, wenn es sich darum handelt, mit Ehren unterzugehen. In jedem anderen Fall bedeutet er nichts als eine heroische Torheit, wobei die Torheit noch viel größer ist als der Heroismus. Das scheint man auch bei den Beteiligten zu empfinden, da von feiten der Arbeiter das Gewerbegericht als Einigungsamt an­gerufen worden ist. Ob die beteiligten Firmen dem Rufe des Gewerbegerichts Folge leisten werden, ist allerdings fraglich, zumal der Verband Berliner Metallindustriellen sich zur Schließung der sämtlichen Verbandsbetriebe bereit erklärt hat, um die Elektrizitätswerke zu unterstützen. Da­durch würden mehr wie 60 000 Arbeiter beschäftigungslos.

Wie klug hat die französische Negierung gehandelt, al; sie in der Erledigung der M a r o k k o f r a g e sich von dem Telcassäschen Rezept lossagte, das auch zwischen Bregen uni Brechen die Wahl lassen wollte! In monatelangen Ver­handlungen, die jetzt erst zum Abschluß gekommen sind, hai man eine freundliche Verständigung gefunden, die durct manchen Verhetzungsversuch nicht gerade erleichtert worden war. Mit ruhiger Festigkeit, die sich auch durch das begreif­liche Gefühl der Ungeduld nicht beirren ließ, hat Deutsch­land seine der Gerechtigkeit und Billigkeit entsprechenden Wünsche durchgesetzt, und sehr bald wird man in Frank- reich selbst erkennen, daß man bei den Zugeständnissen nicht- verloren hat. Nicht ohne komischen Beigeschmack ist es, das; ein Teil der Pariser Presse dem russischen Minister v. Witte das Verdienst zugeschrieben hat, in erfolgreicher Vermittler- tätigkeit Deutschland und Frankreich in der Marokkofrage zur Einigkeit zu bringen. Herr v. Witte war nicht in der Notwendigkeit und nicht einmal in der Möglichkeit, hier feine Vermittelungskunst zu bewähren; denn als er in der ver­gangenen Woche nach Berlin kam, war die Marokkoangele- genbeit tatsächlich bereits erledigt.

In Oesterreich-Ungarn haben sich die Verhält­nisse bedauerlich zugespitzt.' Kaiser Franz Josef hat die Füh- rer der ungarischen oppositionellen Koalition schroff zurück- und zurechtgewiesen.Biegen oder brechen" ist dort wirk­lich zur Parole geworden. Die Opposition nimmt den Mund recht voll und gebärdet sich, als fei sie sicher, das ganze Ungarland hinter sich zu haben. Doch der weit aufgetane Mund hat keine unbedingt beweisende Kraft. Es sind An­zeichen vorhanden, als fühle die ungarische Opposition das Bedürfnis, Bundesgenossen zu erwerben, unter Umständen zu erlisten, und sogar durch Betrug zu gewinnen. Vor eini­ger Zeit wurde von ungarischen Politikern eine lügnerische Broschüre verbreitet, die von hohenzollernschen Plänen auf Ungarn fabelte. Der Zweck der Broschüre war, Mißtrauen gegen den deutschen Verbündeten in der Wiener Hofburg âu säen und dadurch eine Stimmuna der Nachgiebigkeit

gegenüber den angeblichunrworbenen" Ungarn hervor- prüfen. Der Streich mißlang. Tie Intrigue war zu plump angelegt. Ueberdws wurde erwiesen, daß die Bro- schüre, die ein deutscher Professor verfaßt haben sollte, ton einem früheren ungarischen Ministerpräsidenten und jetzigen Führer der Opposilcon veranlaßt unb verbreitet worden war. Jetzt hat man den Versuch nach der entgeoengesepten Richtung erneuert. Der Vizepräsident des Klubs der Un­abhängigen Gheza Polonyi in Pest hat durch eine Zeitung bekannt machen lassen, der Widerstand des Kaisers Franz Josef gegen die Einführung der ungarischen Kommando- spräche sei von Berlin aus eingegeben. Der deutsche Bot­schafter in Wien, Graf Wedel, habe den Kaiser Franz Josef in einer langen Audienz gegen die Forderungen der unga­rischen Opposition fest gemacht. Damit noch nicht genug. Deutschland habe auch sonst feindselige Gesinnung gegen Ungarn an den Tag gelegt, indem es zwei bescheidene unga­rische Wünsche schroff ablehnte. Der eine Wunsch war der, daß Deutschland in seinem Handelsvertrag mit Oesterreich- Ungarn auf eine Meistbegünstigung für den Fall verzichte, daß Ungarn wirtschaftliche Selbständigkeit erlange und ein Sonderabkommen mit Oesterreich treffe. Der andere Wunsch bestand darin, daß Deutschland den Handelsvertrag über- Haupt nicht mit Oesterreich-Ungarn als einer wirtschaft­lichen Einheit, sondern mit Oesterreich und Ungarn geson­dert abschließe. Solche Feindseligkeit müsse die ungarische Deutschfreundlichkeit auslöschen und die Ungarn ins sla­wische Fahrwasser treiben. Dieser erneute Verdächtigungs­versuch ist womöglich noch plumper als der vorige. Die beidenbescheidenen" ungarischen Wünsche sind amtlich nie an Deutschland gekommen und konnten es auch gar nicht. Denn für Deutschland gibt es nur eine österreichisch-unga­rische Gesamtmonarchie und darf es nichts anderes geben, so lange nicht Oesterreich-Ungarn selbst seine Reichsverfas­sung gewechselt hat. Sollte aber irgend ein unberufener und skrupelloser Ungar privatim die Taktlosigkeit gehabt haben, mit Wünschen der angebeuteten Art an die deutsche Regierung heranzutreten, so ist es selbstverständlich, daß man ihn unzweideutig und entschieden hat abfallen lassen. ; Es kann nicht gut um das Selbstbewußtsein und die innere Kraft einer Partei bestellt sein, die zu so kläglichen Mitteln greift. Der deutsche Botschafter Graf Wedel er­klärt übrigens die ganzen Gerüchte für absolut er­funden.

In Norwege n regt sich der Republikanismus. Man möchte dort am liebsten die Republik ausrufen und gar keinen König wählen. Aber nur, wenn Europa es nicht übel nimmt. Wünscht Europa durchaus einen König für die Norweger, so sind diese bereit, sich auch weiter monar­chisch einzurichten. Man sieht: starre Republikaner sind die Norweger nicht, und zu dem GrundsatzBiegen oder brechen" bekennen sie sich wenigstens nicht immer

Seelische Effekte als Heilmittel.

(Von unserem medizinischen Mitarbeiter.)

Der Behandlung mancher Krankheiten durch Einwirkung auf Geist und Empfinden wird in neuerer Zeit ziemlicher

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Gießen, den 25 September 1905.

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