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Nr. 230

Erstes Blatt

Samstag, den 30. September 1905

14. Jahrgang

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(Gießener Gagevtatt)

AAferti-uSpreis: Die einspaltige Petitzelle für ganz Ober- Hessen, die Kreise Wetzlar und Marburg 10 Pfg. sonst 16 Pfg- Reklamen die Petitzeile 30 resp. 40 Pfg.

Redaktion u. Hauptexpedition: Gießen, Seltersweg 83. Fer»sprecha«schl«ß Nr. 368»

«bouarmevtspreis: abgehott monatück .^ Pf in’t ^au» gebrockt 60 Pfg., durch die Post bezogen vierteljäbrl. M? 1.50. GratiSdeNage»: Oberhesfiscke ^amiIiea$eitKw : <tZ glich) und die Gieheuer Seifc«blase» <wöcken:Nck>

Tos Sian atd eint an alle» Wer tragen Nackmilta s.

Unabhängig« Tageszeitung

(Gießener Zeitung)

für Oberhefsm und die Kreise Marburg und Wetzlar; Lokalaazeiger für Eichen und Umgebung.

Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen, des Großh. Polizeiamtes Gießen und anderer Behörden von Oberhejsen.

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politische Rundschau,

Deutsches Reich»

* Der italienische Minister des Aeußeren Tittoni traf mit bem Reichskanzler Fürst Bülow zusammen. Die Zu,am- ! menkunft erfolgte in Baden-Baden. Wenn auch keine außergewöhnliche politische Frage zur Diskussion gestanden haben soll, betrachtet man doch den Besuch als eine neue Bestätigung des intimen Einverständnisses der Dreibund- I Lüchte.

* Bei der Reichstags-Stichwahl in Essen wurde der Zen- - trumskandidat Arbeitersekretär Johann, Giesberts mit 4:2 047 Stimmen gegen deft Sozialdemokraten Wilhelm ; Cewehr gewählt. Gewehr erhielt 38 058 Stimmen.

Kussland.

** Der in Moskau tagende Semstwo-Kongreß ist geschlos­sen worden, nachdem er ein Hauptwahlkomitee mit dem Sitz in Petersburg eingesetzt hat. Es wurde ein Wahlaufruf angenommen, in dem die Notwendigkeit einer Reform, des Volksbildungswesens, die Einführung einer Staatsarbeiter- Versicherung, die Regelung der Landpachtverhältnisse und die Zuteilung von Land an Ackerbautreibende betont wird. — In Kiew kam es in einer sozialdemokratischen Versamm­lung zu einem Zusammenstoß mit der Polizei. Vier Per­sonen wurden schwer und 11 leicht verletzt; 40 wurden ver­haftet. Ein Polizeikommissar wurde verletzt. — In Riga mehren sich die Brände in unheimlicher Weise. Die Mord­brenner suchen jetzt die Wohnungen der wohlhabenden Be­völkerung heim. — General Stössel liegt in Moskau infolge eines Schlaganfalls krank danieder. Seine linke Seite ist aelähmt.

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Nach übereinstimmenden Nachrichten bestätigt es sich, j daß der Aufstand in Deutsch^Ostafrika im Abnehmen be- I griffen ist. Viele Eingeborene liefern die Waffen ab und t unterwerfen sich. Trotzdem finden noch zahlreiche kleine I f E^lsammenstöße statt. Hauptmann Funk hat mit seinem Detachement auf dem Marsch vom Süden Kstlossa. erreicht; die Abteilung hat auf dem Marsche viele Gefechte gegen " erbitterte Gegner gehabt. Der Feind verlor viel Tote und Proviant. Die Aufständischen fechten sehr tapfer; sie beschie- . ßen Stationen und Posten fast täglich. Die Lage im Bezirk â Langeliburg scheint besser gervorden zu sein, da Oberleut- nant Klinghardt mit vier Europäern und 46 Mann As-

karis abkommon kann und einen Vorstoß von dort auf Son

^, gea zu machen im Begriff ist. Am 15. Oktober wird eine II neu formierte Kompagnie von Kilwa auf Songea marschie- * ren. Liwale soll neubesetzt werden.

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* Im gothaifchen Landtag hat sich der Staatsminister Richter über die Fleischteucrung ausgesprochen. Der Mi- I nistet erklärte, daß eine Fleischnot nicht existiere, sondern ; nur eine Fleischteuerung, die auf die vorjährige Futternot |Unrütf3ufübten sei. Er sei bereit, etwaige im Bundesrat f ■ unternommene Schritte zur Behebung der Teuerung zu £ unterstützen, doch sprächen große Bedenken gegen eine Oeff- p ti ung der Grenzen für ausländisches Vieh. — Die Ein- I Berufung des deutschen außerordentlichen Städtetages I wegen der Fleischteuerung ist gesichert, da der Berliner g Magistrat dem Stadtverordnetenbeschluß beigetreten ist. Die meisten größeren Städte haben ihre Beteiligung zrlgesagt.

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* Ter in Köln verhaftete niederländische Anarchist Do- mela Nienwenhnis ist au§ dem Polizeigewahrsam entlasten * und nach der niederländischen Grenze abgeschoben Woroen.

* In Berlin beabsichtigt die sozialdemokratische Partei I eine festere örtliche Organisation zu schaffen. Ein Verband I der sozialdemokratischen Wahlvereine für Berlin und Um- ' gegend ist in der Bildung begriffen. Die seit Jahren ge* : führten Verhandlinigen wegen der stärkeren Zentralisation ? haben zu dem Resultate geführt, daß die Kommission ein £ Verbandsstatut vorgelegt hat. Der Verband soll alle Ber­liner Kreise und die zwei Kreise Teltow-Beeskow und Nie­derbarnim umfassen.

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* Die oldenburgischen Landtagswahlen haben keine wesentliche Verschiebung der Parteiverhältnisse gebracht. Die Sozialdemokraten haben eine starke Zunahme der Wählerstimmen zu verzeichnen, werden aber im neuen Land-

Hinge höchstens ein Mandat mehr haben, als im alten.

Ocstcrreicb-Ungam

** Man nimmt allgemein an, daß Fcjervnry abermals zum ungarischen Ministerpräsidenten ernannt werden wird. Fejervary hat bezüglich des Rechtes Ungarns auf Er­reichung eines selbständigen Zollgebietes, das im Programm des Königs eine sehr einschränkende Auslegung erfahren hat, eine richtigstellende Erklärung abgegeben. Es hat das einen guten Eindruck in Ungarn hervorgerufen. In der Erklärung heißt es, Fejervary habe sich davon überzeugt, daß die Krone niemals die Absicht hatte, den durch die Ver­fassung und durch die Gesetze gesicherten Rechtskreis der un­garischen Gesetzgebung irgendwie zu beschränken.

England.

*- Die britische Regierung hält fortgesetzt die Befestigung ihres indischen Besitzes gegen die russischen Ausbreitungs­gelüste im Auge. Sie hat jetzt an der Grenze von Afgha­nistan ein Gebiet erworben zur Errichtung eines verschanzten Lagers. Auch in Ostasien macht England Fortschritte. Die chinesische Regierung gab ihre Zustimmung zur Offen­haltung von Wei-hai-wei. Errgland beginnt den Ausbau des Hafens.

JSowcgetii

•• Nach dem Abschluß des Abkommens von Karlstad wer­den die Truppenansammlungen rückgängig gemacht. Der größte Teil der 'Wachttruppen an der Grenze wird heim­gesandt.

hör und Gesellschaft.

»% Der Kaiser beabsichtigt, mit der Kaiserin und der Prinzessin Victoria Luise das Jagdschloß Rominten am 7. Oktober zu verlassen. Im Anschluß an einen kurzen Be­such bei seinem Grenadier-Regiment Nr. 3 in Königsberg i. Pr. gedenkt der Kaiser die Leib-Husaren-Brigade in Langfuhr zu besuchen und dann das alte Ordensschloß in Marienburg zu besichtigen.

*** Dem Professor Andreas Achenbach wurde an­läßlich seines 90. Geburtstages vom Kaiser der Stern zum Roten Adlerorden zweiter Klasse mit einem Glückwunsch­schreiben übersandt. In Düsseldorf, dem Wohnsitze des Iw bilars, der auch Ehrenbürger Düsseldorfs ist, wurde dem Künstler, der mit Rücksicht auf seine Gesundheit eine öffent­liche Feier abgelehnt hatte. durch Ausschmückung der Straßen in der Umgebung seines Ahnung eine CH- ung bereitet.

Soziales Leben.

4= Die Streitigkeiten in der Berliner Elektrizitäts- lndustrie. Von maßgebender Stelle erfahren wir, daß das von den Arbeitern angerufene Gewervegericht noch keine Aufforderung an die Arbeitgeber zurr Erscheinen zwecks Einigungsverhandlungen gerichtet hat. Die Arbeitgeber legen, wie verlautet, keinen Wert auf die Intervention des Gewerbegerichts. Sie würden sich höchstens vor dem Gericht vertreten lassen, um zu zeigen, daß der Streit lediglich durch die Arbeitnehmer herbeigeführt sei. Sie beharren auf der beschlossenen Aussperrung, falls die Arbeiter nicht nach­geben.

See? flotte.

Stupcllmif cinrs Linienschiffes. In Wilhelmshaven lief das neu erbaute Linienschiff P vom Stapel. Die Fürstin von Inn- und Knyphausen taufte auf Befehl des Kaisers das Schiff „Hannover".

psab und fern.

t Von der Cholera. In der Nähe von Berlin ist ein neuer verdächtiger Fall gemeldet. In die Villa des Sani- tätsrats Dr. Jacobi in Friedrichshagen, die vom Besitzer für die Unterbringung etwaiger Cholerakranker zur Ver- fügung gestellt ist, wurde ein Arbeiter von den. städtischen Wasserwerken am Müggelsee eingeliefert. Auch in die Jso- li acke des Krankenhauses in Brandellburg a. H. ist ein Schiffer gebracht, der unter verdächtigen Symptomen erkrankt war. — Der französische Gesundheits-Ausschuß hat den Beschluß gefaßt, im Hinblick auf die in Deutschland ge­troffenen Maßregeln davon abzusehen, den aus Deutschland kommenden Reisenden und Waren Beschränkungen aufzu- erlegen.

t Das neue Dresdener Rathaus. In Dresden fand in Gegenwart des Königs und des Hofes die feierliche Grund­steinlegung des neuen Rathauses statt. Oberbürgermeister Beutler gab bekannt, daß der Staatsininister von Metzsch zum Ehrenbürger der Stadt Dresden ernannt sei.

t Gasvergiftung im Krankenhause. In dem poliklinischen Institut der Universität Leipzig inurde ein dort als Patient weilender Buchhändler durch Kohlengase vergiftet. _ Die giftigen Dünste entströmten einem schlecht verschlossenen Ofen.

t Großer Fabrikbvand. Die Holzwollefabrik von Ge­brüder Tönnissen in Neustadt bei Coburg ist vollständig niedergebrannt. Das Feuer entstand in der Fabrik für Kunstholzwolle, es wütete die ganze Nacht und vernichtete auch das Holzlager.

t Ein Hundertjähriger als Selbstmörder. In Melun hat ein hundert Jahre alter pensionierter Major seinem Leben durch Erhängen ein Ende gemacht. Ein paar Tage nach seinem hundertsten Geburtstage glitt der alte Herr aus und brach das Bein. Er erlitt dadurch so viel Schmerzen, daß er sich am Fenster mittelst der Gardinenschnur erhängte.

t Vom Zuge überfahren. Bei Osterode wurden die Pferde vor dem Gespann des Majors Köppel vor einem Eisenbahn- zuge scheu und gingen durch. Die Frau des Majors wurde lebensgefährlich, dieser selber und sein Kind leichter verletzt.

t In der Polizeiwache erstickt. Von einem galizischen Auswanderer-Transport wurden in Ratibor vier Personen, eine alte Frau und eine Mutter mit drei Kindern, von dem Weitertransport ausgeschlossen, weil sie mit einer anstecken­den Augenkrankheit behaftet waren, und im Polizeigewahr, sam für die Nacht untergebracht. Sie hatten, wohl weil das Licht der Gaslampe sie blendete, diese ausgeschlagen und, da sie mit den Einrichtungen nicht vertraut waren, den Hahn nicht geschlossen. Das ausströmende Gas hatte die Er­stickung von vier der Eingeschlossenen bewirkt. Man fand sie am Morgen tot vor, und nur bei einem Knaben hatten die Wiederbelebungsversuche Erfolg.

t Erdbeben in Schottland. Wiederholt ist in der letzten Zeit die Bevölkerung der Grafschaften Perthshire und Stir- lingshire in Schottland durch Erdstöße beunruhigt worden. In der Stadt Stirlingshire rief die Erschütterung der Häuser bei einigen Bewohnern Uebelkeit hervor. Möbel wurden hin und her geschleudert. Die Leute sprangen entsetzt aus . den Betten und liefen auf die Straße. In einigen Dörfern entstand eine Panik, die die Bewohner aus den Häusern auf das freie Land trieb. In Aoa hörte man in dem Hügel­gelände ein gewaltiges Getöse wie von einer Dynamit- explosion. Die Erschütterung war dabei nur gering.

t Feuer an der russischen Grenze. In der russischen, an der Grenze Schlesiens liegenden Ortschaft Modrzejew wur- den durch Brandstiftung neun Scheuern mit voller Ernte eingeäschert. Durch den Brand war der meist aus hölzernen Häusern bestehende Ort stark gefährdet. Die von deutscher Seite aus Myslowitz, Rosdzin, Schoppinitz und Bogutschütz zu Hilfe eilenden Wehren wurden von den russischen Grenz­behörden glatt über die Grenze gelassen ohne die sonst selbst bei derartigen Gelegenheiten übliche Paßschererei.

t Der Orieut-Expreß-Zug entgleist. Der von Ostende kommende Erpreß-Zug entgleiste in Belgien bei der Grenz­station Mouseron. Zwei Reisende sind tot, eine größere Anzahl erlitt Verwundungen.

t Juweleudiebstahl im Hotel. Dem Juwelier Bauer aus Wien wurden in einem Hotel in Budapest bedeutende Schätz^ an Juwelen gestohlen. Er logierte mit seinem Bruder m einem Zimmer des Hotels, in dem ein Musterkoffer und drer Handtasck)en mit den Kostbarkeiten sich befanden. Beim Be­lassen des Zimmers hatten die Brüder es abgeschlossen und noch ein Vorhängeschloß vorgelegt. Als sie zurückkamen. war das Schloß fort und die Tür mit einem NaMchlüssel geöffnet. Die drei Handtaschen fehlten, und aus dem Kof­fer waren Pretiosen im Werte von 20 000 Kronen ver­schwunden. Der Portier und das Stubenmädchen hatten einen Mann mit Handtaschen das Hotel verlassen sehen, indessen angenommen, daß es der Diener eines Gastes sei.

t Eis in See. Der in Newyork eingetroffene Dampfer „St. Paul" berichtet, daß er mit genauer Not der Gefahr entgangen ist, vor den Bänken von Neufundland durch Eis­berge zermalmt zu werden. Der „St. Paul" geriet dort in ein gewaltiges Eisfeld, und es war ein Glück, duß er durch eine 5rursänderung das freie Wasser zu erreichen ver» mochte. Während der gefährlichen Fahrt wurde eine halbe Meile vom Schiff entfernt ein Eisberg von 200 Fuß be­obachtet, während auf der anderen Seite eine ganze Anzahl von Eisbergen von etwa 100 Fuß Höhe passiert wurden.

t Bei der Bootsfahrt ertrunken. Bei Ering wollten sieben Personen in einem Boot über den Inn übersetzen. Das Boot schlug um. Sechs Personen ertranken, nur eine wurde gerettet.

f Die Sprengung int Suez-Kanal. Bei der Sprengung des die Passage im Suez-Kanal hindernden Dampfers „Chatham" wurde das Ostufer des Kanals auf eine Strecke von 600 Fuß beschädigt. Der Dampfer ist ganz in âcke gesprengt. Die Forträurnung der Trümmer wird einige Zeit in Anspruch nehmen.

4 Feuer in der Raketenfabrik. In der großen Raketen­fabrik zu Orta bei Neapel brach Feuer aus. Als die Ar­beiter entsetzt ins Freie flohen, erfolgte an den Türen ein schreckliches Gedränge. In diesem Augenblick erfolgte eine furchtbare Explosion, das Dach stürzte ein, gelbe Flammen -uckten aus den Fenstern. Aus dem Innern des brennenden Gebäudes ertönten schauerliche Hilferufe. Niemand aber wagte sich näher heran, und gleich daraus erfolgten fünf weitere Erplosionen. Dann bildete die Fabrik nur noch einen rmichenden Trümmerhaufen, in dem fünf Arbeiter den Tod gefunden hatten.

4 Die feindlichen Dörfer. In Pormgal gibt es zwei Dörfer Estribeira und Abrigada, die seit alten Seiten in âer auf Blutrache sich gründenden Feindschaft^lebten.Es sicTi zu einem erbitterten Kampfe, an dem ,chließ- lich alle Einwohner der beiden Ortschaften, Männer, Frauen und Kinder, mit allen möglichen Waffen teilnahmen. Fünf

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