Nr. 151.
Freitag, den 30. Juni 19u5.
14. Jahrgang
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Redaktion u. Hauptexpedtüon: Gießen, Gelter sw eg 83.
K-rusprechMtschluß 9h. 368.
(Greßenex HageStatt)
(Gießener Aeirung)
Unabhängige Tageszeitung
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für Oberhèffm und die Kreise Marburg und Wetzlar; Lskalameiger für Gießen und Umgebung
Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Grosch. Bürgermeisterei Gießen und anderer Behörden von Oberhessen.
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Wenn der Sommer kommt und unsere Landwirte draußen im Felde von Tagesgrauen bis zum Beginn der Dämmerung schaffen müssen, dann bleibt ihnen für das L sen einer Zeitung wenig 3'it Die Folge davon ist, daß das sonst liebgewonnene Lokaibatt für das Sommervierteljahr nicht bestellt wird. Man hat keine Jett, heißt es immer! Die augenblickliche Weltlage aber zwingt jeden Menschen, der Interesse am öffentlichen Leben hat und haben muß, sich die Zeit zum Zeitung«- lesen zu gönnen. Die Politik in der ganzen Welt hat sich heute so gestaltet, daß jeden Augenblick solche Ereignisse kommen können, die die Aufmerksamkeit aller beanspruchen. Wodurch will man aber stets auf dem Laufenden bleiben, wenn die Zeitung fehlt? Hat man keine Zeit, das Lokalblatt durchzulejen, so bleibt noch viel weniger Zeit, sich Auskunft beim Nachbar über wichtige politische Fragen zu holen. Wer draußen im Felde arbeitet, der nehme das Blatt mit hinaus und lese während der Frühstücks- unb Vesperpausen darin. Man weiß dann, was in der weiten Welt vorgeht und kann darüber während der Arbeit nachdenken. Wie gesagt, ernst, sehr ernst ist die allgemeine Lage, besonders füc Deutschland gegenwärtig und darum muß ein jeder seine Zeitung auch im Hochsommer weiter bestellen, der sich sonst damit entschuldigt: Ich habe jetzt keine Zeit zum Lesen! Die heutige Nummer ist die letzte in diesem Vierteljahr. Wer sofort das etwa Versäumte nachholt, die Bestellung seinem Boten oder Öriefträger ausgibt, der I erleidet keine Unterbrechung in der Zustellung des
Blattes
Die Meuterei in Odessa.
Weit schlimmer als die ersten Nachrichten lauteten, geben sich die Vorgänge zu erkennen, die im Schwarzen Meer auf der russischen Flotte vorgekommen sind. Es ist nicht eine Erneute einer Anzrchl Matrosen, sondern was vor Odessa sich dutrug, ist in der Geschichte der Marine bislang noch niemals Lagewesen.
Die Ursache der Meuterei,
I He wohl gewichtige Folgen nach sich ziehen wird, ist in all- . täglichen Dingen zu suchen. Es ist das schlechte Essen, das 6er Bemannung des Panzerschiffes „Knäs Potemkin" vor- gesetzt wurde. Ein Mattose, namens Omeltschuk, wurde '' von seinen Kameraden beauftragt, eine Beschwerde an den Endigen Ossizier zu bringen, er wurde von diesem ein- !ch niedergeschossen. Das gab das Signal zu offener
die mit Gewalttaten beginnt und mit Blutvergießen endet, namentlich da der Generalstreik ansgebrochen ist.
Hilferuf an die Schwarze Meer-Flotte.
Angesichts der steigenden Erregung der Bevölkerung ergriff der Bürgermeister von Odessa die Flucht. Er entlief nach Moskau und forderte von dort aus die Bürger Odessas telegraphisch auf, sich zu beruhigen und „die Ruhestörungen einzustellen". Mehr Mut bewies der Gouverneur bon Odessa. Er hatte die Geistesgegenwart, an den Kommandierenden der Schwarzen Meerslotte zu telegraphieren und diese her- Mizurusen. Sobald man auf dem „Knäs Potemkin" von der Annäherung der Flotte erfuhr, richtete man dort die Kanonen auf die Hasenanlaaen und in die Stadt. . Das Feuern verursachte empfindlichen Schaden. Granaten töteten 4 Kosaken und verwundeten 14. Jetzt fehlt bloß noch, daß die Schwarze Meerflotte den Hafen von Odessa belagert und dort die Lorbeeren zu gewinnen sucht, die sich bei der Vec- teidigung von Port Arthur nicht gewinnen ließen.
*
Das revolutionierte Russland.
Lienewitsch geht zurück.
Aus Tokio wird berichtet, daß General Lienewitsch nunmehr seine erste Verteidigungslinie aufzugeben beschlossen habe, die Japaner würden daher in allernächster Zeit Hai- lungtscheng besetzen. Nach einer anderen Meldung soll das Gros der russischen Armee in Nord-Ostkorea sich hinter den Tumenfluß zurückgezogen haben.
In Rußland mobilisiert man weiter.
Ein kaiserlicher Erlaß ordnet die Einberufung der Reservisten in den aktiven Dienst in 109 Kreisen der Militärbezirke Petersburg, Moskau, Kiew, Warschau an.
Admiral Nebogatow vor dem Kriegsgericht.
Der Generalstab teilt mit, daß der Konteradmiral Nebogatow und die Kommandanten der Schiffe seiner Division bei ihrer Rückkehr nach Rußland in Anklagezustand versetzt werden werden, unter der Anschuldigung eines Verbrechens. Die Schuldigbefundenen werden dort mit Dienstentlassung und Degradation oder Todesstrafe bedroht. — Generaladjutant General Gripenberg wurde zum Generalinspekteur der Infanterie ernannt.
(Eigener Bericht.)
Petersburg, 29. Suhl
«q. Meuterei der gesamten Bemannung. Sie fiel über den lk âsMsM' Mitän und die Offiziere her und ertränkte alle bis auf , " »cht, die sich mit den Meuterern verbunden hatten. Dann
Wit fuhr der „Knäs Potemkin", ein Kriegsschiff ersten Ranges,
12 500 Lons groß und von 10 000 Pferdekräften, gefolgt von einem Torpedoboote, in den Hafen von Odessa ein und nahm diesen sörmlich in Besitz. Die Bevölkerung aber jubelte den Meuterern zu. Das zeigte sich an dem
Kultus mit der Leiche Omeltschuks.
Unter den Ratgebern des Zaren haben noch immer die das Ohr des Selbstherrschers, die von gewaltsamem Vorgehen und blutigem Niederwersen — nicht der Japaner, sondern des eigenen Volkes — alles Heil und die Rettung für das „gottgewollte seMherrscherliche Regiment" versprechen. Dieselben Ratgeber sind es auch, die die Fortsetzung des Krieges mit Japan betreiben. Ter innere Zusammenhang ist leicht erkennbar: Die Fortsetzung des Krieges verlangt neue Aushebungen, und diese gestatten, ja verlangen unter Umständen ein rücksichtsloses Vorgehen, für das somit auch da ein Vorwand gefunben ist, wo gar keine Aushebungen in Frage stehen.
Tatsächlich ist ein großer Teil Rußlands bereits völlig revolutioniert, nicht bloß in der Gesinnung. Im westlichen Rußland, den ehemals polnischen LandeSteilen, hat es angefangen, obwohl aitffallenderweise bisher eine eigentlich national- polnische Bewegung nirgend hervorgetreten ist. Hier in Petersburg selbst ist die Sicherheit auch nicht musterhaft. Ein Revieraufseher ist in voriger Nacht durch Nevolverschüsse getötet worden. Ter Mörder entkam ebenso wiâex Vombenwerier von Ezeustochau. Vor dem Winterpalais, dem derzeitigen Aufenthalt der Großfürsten, sind zwei angebliche Arbeiter verhaftet worden, bei denen man Bomben fand.
In Moskau ist ein Kongreß von 117 Vertretern aller über 50 000 Einwohner zählenden Städte Rußlands vom Moskauer Stadthaupt eröffnet worden. Ter Kongreß beschäftigte sich mit dem Verfassungsentwurf des Ministers des Innern Bulygin für eine russische Volksvertretung. Der Kongreß beauftragte sein Bureau, Gegenvorschläge auszuarbeiten, die denr städtischen Element in dem kommenden Semski Sobor geziemenden Raum sichern sollen.
Das erschreckendste Zeichen für die Revolutionierung Rußlands ist aber darin zu erblicken, daß die Regierung weder Heer noch Marine fest in der Hand hat. Schon früher ist bekannt geworden, daß ganze Offizierkorps und Offiziergruppen offen den Geharsam verweigerten, Henkersdienste nicht verrichten zu wollen erklärten. Wie wenig man den Offizieren, auch den höheren, traut, darauf deutet auch die Reubesetzung hin, die man, wie verlautet, im Petersburger Militärbezirk in allen maßgebenden KommandosMen durch Bergftnig vpn auswärts vornehmen will. . .^^•.
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Diese wurde in Odessa an Land gebracht und auf der ^ole aufgebahrt. Auf der Brust der Leiche lag ein Zettel, ^i den Hergang bezeugte. Tausende gingen an dem Leich- ^m vorbei, zu dessen Häupten eine Sammelbüchse zur Bereitung der Beerdigungskosten stand. Die Büchse, füllte schnell. Ein Versuch der^Ortsbehörden, den Leichnam fortzuholen, wurde mit bewaffneter Hand abgewiesen. Das
j >5Panzerschiff zog eine rote Flagge auf, schickte einen Teil } 'biner Besatzung von Dampfer zu Dampfer und — die Ar-
ML wurde überall eingestellt, auf allen Schiffen und in den ^Fabriken, Die Kohlenzieher brachten Nahrungsmittel auf M Panzerschiff. Dem Matrosen Omeltschuk wird ein feier- pS Leichenbegängnis vorbereitet.
„ Kriegsrecht und Generalstreik.
Stimmung in Odessa war am Donnerstag trostlos.
-ur f^W z ^en ruhte alle Arbeit, und seine ganze Umgebung war l Mehrere hundert Schüsse sind gefallen, die
le r ' sind teilweise niedergebrannt. Viele Schiffe
■ in Vrnud gesetzt. Später trat Ruhe ein; das Kriegs-
' • ^' Mk ist verhängt worden. Im Innern der Stadt sind alle
' JI? Monger Sorge ergriffen, ob nicht die Meuterei auf dem cnodBfl^ ’ ^ Potemkin" eine allgemeine Anarchie auslösen werde,
, Rode, S°o I
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Der Krieg in Ostasien.
Noch immer liegen keine bestimmten Nachrichten vor, ob das Zustandekommen des Friedens oder wenigstens eines Waffenstillstandes gesichert erscheint. Allem Anschein nach aber drängen die Ereignisse doch zu einem Einlenken der widerstrebenden Kriegspartei in Rußland.
Die Friedensverhandlungen
in Washington sollen ganz geheim gehalten werden, auch die Instruktionen der Unterhändler werden in keiner Weise bekannt gemacht. Rußland soll sich gegen Washington als Konferenzort gesträubt haben, weil es befürchtete, die japan- freundliche Umgebung werde die Beratungen in für Rußland ungünstigem Sinne beeinflussen. Erst als Japan sich verpflichtete, seinen Bevollmächtigten jede Bekanntgabe ihrer Instruktionen, der gegnerischen Forderungen, der nachge- suchten Zugeständnisse oder der Wege, auf die man zum Ziele gelangt fei, zu verbieten, erklärte die Petersburger Regierung sich mit Washington einverstanden.
Die japanischen Forderungen
werden sich wahrscheinlich in dem Rahmen bewegen, den die konstitutionelle Partei in Tokio aufstellte. Sie verlangt zur Herstellung des Friedens in Ostasien auf einer dauernden Grundlage die Abtretung von Gebiet unb die Erstattung von Kriegskosten und klare und endgültige Regelung der koreanischen und mandschurischen Fragen.
Die russische Sront auf dem Kriegsschauplätze verschiebt sich währenddessen stetig nach rückwärts.
politische Rundschau.
Deutsches Reich.
* Vom deutschen Botschafter ist das deutsch-spanische Handelsabkommen von 1899 auf den 1. Juli 1906 in Madrid gekündigt worden.
* Ter Finanzausschuß deutscher Eisenbahnen hat in Eisenach feine Beratungen begonnen. Die Gegenstände der Verhandlungen werden vorläufig geheim gehalten.
Ueber den Inhalt der in Paris überreichten deutschen Note zur Marvktofrage erfährt man, daß in verbindlichster Form Punkt für Punkt der französischen Denkschrift durchgesprochen und das Uebereinstimmende hervorgehoben wird. An der Konferenz wird unbedingt festgehalten und vorherige Vereinbarungen als nicht angängig bezeichnet, schon aus Rücksicht auf den Sultan von Marokko. Frankreich wird eine bevorzugte Stellung in Marokko zugestanden, da sie sich aus der Nachbarschaft Algeriens ergebe. Die Durchführung der Reformen soll von der Entschließung aller Signatarmächte abhängig gemacht werden. In unterrichteten Kreisen verlautet, daß der französische Ministerpräsident die Antwort auf die deutsche Note alsbald dem Ministerrat vorlegen und dem deutschen Botschafter mitteilen werde. Die Antwort werde zweifellos in der endgültigen Annahme des! Prinzips der Konferenz bestehen. In Fez bei Hofe des Sultans entstandene Befürchtungen, Deutschland könne Marokko seinen Interessen anderswo opfern, veranlaßten den Grafen Tattenbach, seine Versicherung zu wiederholen, daß Deutschland für die Unverletzlichkeit und Unabhängigkeit Marokkos einstehe und nicht die Absicht habe, den Sultan im Stich zu lassen. Donnerstag morgen hat Reichskanzler Fürst Bülow den französischen Botschafter Bihourd abermals empfangen. Der Bot- smafter überbrachte im Auftrage seiner Regierung eine Mitteilung, die man als einen weiteren bedeutsamen Schritt zur Beilegung der in der Marokkofrage noch schwebenden Meinungsverschiedenheiten betrachten darf. Das Z u - sta ndekommen der Konferenz erscheint gesichert,
Niederlande.
*♦ Mit dem Wahlerfolg der antiklerikalen Parteien wird sich der Rücktritt des Ministeriums Kupper notoenbig Aachen. Die Königin gedenkt den liberalen Senator Pynakermit der Bildung des neuen Kabinetts zu beauftragen.
f)of und Gesellschaft.
.' Der Kaiser und die Kaiserin pflegen in Kiel regen Verkehr mit den dort sich aufhaltenden Fürstlichkeiten. So nahmen beide an einem Gartenfest bei dem Prinzen und der Prinzessin Heinrich teil. Eine besondere Auszeichnung hat der Kaiser dem Admiral von Köster, dem Ches der aktiven Schlachtflotte zu teil werden lassen, indem er ihn zum Großadmiral ernannte. Vom Präsidenten Roose- oelt lief bei dem Kaiser ein Telegramm ein, in dem der Präsident anläßlich seiner Anwesenheit bei der Studienschlußfeier der Harvard'Universität sich sehr warm für den Zusammenschluß des deutschen und des amerikanischen Volkes ausspttcht.
Hab und fort*
4« Von der Prinzessin Luise von Kobnrg. Das Wiener Oberhofmelsteramt hat jetzt die Kuratel über die Prinzessin Luise endgültig aufgehoben. Der Gemahl der Prinzessin hat nunmehr die Ehescheidungsklage eingeleUet und bis zur Entscheidung die Auszahlung der Apanage von 72 000 Kronen jährlich eingestellt.