Nr. 305.
3M<iH»«*8«H8i Die etnspowze Petitzell« für geni Ober- Mca, bte «reife Wetzlar unb Marburg 10 Vfg. sonst 16 *fg. Reklamen He Petttzeile 30 resp. 40 Psg.
MeMtion u. Hauptexpeditton: Steffen, Selterlweg 88. ger«fiite*»«f*le# Nr. 86».
Freitag, den 29. Dezember 1905
Gießener
14. Jahrgang
Kb»»»e»«»t»»rets: abgebatt monatlich SOtBfg., in'S $«M« gebracht 60 Psg., durch die Post bezogen vierteljLbrl. Mk. l.âO.
Grattdbeilage« : CberbeffifAe Familienzeitung (tâgtW und die Gießener Erisenblasc» swdchenllichs.
Da« Blau erscheint an «He« Weltlagen nachmittag«.
Neueste Nachrichten
(Hießener Tagevratt)
Nnaöyängtg« Tageszeitung
(Gießener Weitung)
für Oberheffen und die Kreise Marburg und Wetzlar; Lokalanzeiger für Gietzen und Umgebung.
Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen, des Großh. Polizeiamtes Gießen und anderer Behörden »»n Oberheiir».
SMtiff : Die Körbezirke des Kreists Blèfeld.
BetannimKchung.
Mit Wiikung bcm 1 August b. 98. ob ist in Homberg eine AssisNnzveierinärarztftklle errichtet worden, w lcher folgende Orte zugeteilt sind:
Appenrod, Bleidenrod, Buhseld, Burg^ Gemünden, Danninrvd, Dlckerbach, Egringèhausen, Erbenhausen, Gontershausen, Haarhrusen, iHöiNgen, Homberg mit Wäldershausen, L-Htback. Mauibach, Nieder-Gemünden, Ruder-Ofl iden, Ober Ofleiden, Otterbach, Rülfenrod und Schadenbach
In diesiN Oden werden He Dienstgischäste dcs Krli?- vetiril ärarztes von dem Gr. Assistenzveterinärarzt Dr. Faue» bach in Hemde, g wahrgenommen; dieser gekört gemäß Art. 8 les Höigesitziè auch der Kö,komm>ssion feiner Beziils an. Hierdurch scheiden aus den seitherigen Veterinär« deziiken Alèseld und Giünberg diejenigen Gemeinden aus, welche runmebr zu dem Dienstbeziil der neugefcheff nen Assisienzmt rirä arztstelle Homberg gehören. Es ergibt sich rona6 für den Kieiè Alsseld eine Einteilung in 3 Söc» bezirke, welche von j tzl ob folgende Bezeichnung erhalten.
I
Körbezirk Alèfeld-Alsfeld.
Dieser umfaßt die Gemeinden:
Alsfeld, Altenburg, Angenrod, Arnshain, Bernsburg, Bieben, Billertshausen, Brarerschwend, Elsa, Eibenrso, Eudorf, Eulersdorf, F.schbach, Gleimenhain, Grebenau, Heidelbach, Heimertshausen, Hergersdorf, Hopfgarten, Kirtorf, Leuf-l, Liederbach, Niederbreidenbach, Oberbreidenbach, Overgleen, Obersorg, Ohmes, Rainrod, Reibertenrod, Reimenrod, Renzendorf, Romrod, Ruhlkirchen, Schwabenrod mit Münch L usel, Schwarz, Seibelsdorf, Storndorf, Strebendorf, Udenhausen, Unter- Sorg, Badem ob, Borkenrode, Wahlen, Wallersdorf und Zill.
II
Körbezirk Alsfeld-Grünberg.
Dieser umfaßt die Gemeinden :
Atzenhain, Bernèseld, E-penrod, Ermenrod, Flensungen, Groß-Feloa, Hainbach, Zlsdorf, Kestrich, Lrhnhclw, Merlau mit Kirschgarten, Ruder-Ohmen, Ober Ohmen, Ruppertenrod, Welljaasen, Windhausen und Zeitvaq.
III
Körbezirk Alsfeld-Homberg.
Dieser umfaßt die eingangs aufgeführten Orte, die zum Bezirk der Gr. Nssiflenzveleriliärarztstelle Homberg gehören.
Für den Körbezirk Alsfeld-Homberg werden besondere Körkommissionswitglieder von dem Kreistag nicht gewählt. Es haben vulmehr die für den Körbezirk Alsfeld-Grünberg gewählten Mitglieder:
Kart Gerß-Krein- Felda und Beigcorgneter Scharch-Wind- Haufen,
sowie Oie Eisatzmitgliedcr:
Jnsp.ktor R ille- Neu-Ulrichstein und Pächter Hrsfe senior. Otterbach auch für den neugebildeten Körbiz rk AlèseldHpmberg in Tätigkeit zu treten.
Hiergegen bleibt die Zustäiidigke t der Köikommijsion Alsfeto-Atsfeld auf btej<nigtn O.te beschränkt, welche nach obiger Einteilung von jetzt ab noch dem unter 1 genannten Bezirk ungeübten.
Alsfeld, den 18. Dezember 1905.
Großh Krrisomt Alsfeld.
Dr. Me lior.
Die Zeugen vor Gericht.
In den Wartezimmern unserer Gcrichtsgeväude findet sich — in der Regel als einziger Wandschmuck — ein Plakat, das mit schönen Worten auseinandersetzt, welche hohe Ehrenpflicht der Zeuge zu erfüllen hat. Wer mit dem bänglichen Gefühl, das den Ortsungewohnten in der Nähe der mit feierlicher Robe angetanen Herren unwillkürlich beschleicht, dieses Plakat liest, der fühlt sich alsbald gehoben und blickt mit selbstbewußter Zuversicht auf die ängstlich kahlen Wände unb den von der Amtswürde allein Anschein nach untrenn- baren Mangel an Komfort. Doch der Stolz legt sich sehr schnell wieder und schwindet so dauernd, daß für allezeit die Ueberzeugung zurückbleibt: es möge wohl eine Ehre sein, vo« Gericht als Zeuge gerufen zu werden, ein Vergnügen
ibcr sei es nicht. Nun wäre wohl der Einwand denkbar, daß in aller Welt auch gar nicht die Absicht herrsche, die Erfüllung üner Pflicht zum Vergnügen zu machen und es etwa dahin zu dringen, daß man sich zur Zeugenschaft vor Gericht drängt und üch darum wie um eine Ehre und Auszeichnung bewirbt. Der Einwand mag gelten; nur mag ihm entgegengehalten Derben, daß das andere Extrem ebensowenig ratsam erscheint, daß der Zeuge nicht durchaus zitternd vor den Richter treten muß, dem er doch als vornehmstes Werkzeug zur Ermittelung der Wahrheit binnen soll, daß der Zeuge schaudernd an die Pflichterfüllung denken unb ihr förmlich entgegenzittern muß. Was fragt nicht alles der Richter, was fragen nicht alles Staats- und Rechtsanwälte I Ein regelrechtes Sünden- bekenntnis wird in aller Oeffentlichkeit verlangt, und keine Verjährung gilt. Nebertretungen, Vergehen, Verbrechen, alles verjährt, selbst der Mord, und das verlährte bleibt der Strafe entzogen — aber die erlittene Strafe, das verbüßte Vergehen ist unvcrjäbrbnr unb muß offen bekannt werden, „in Erfüllung höchster Ehrenpflicht", wie es auf dem oben erwähnten Plakat heißt. Das ist eine unverständliche und unverständige Grausamkeit; denn die Zeugenpflicht duldet kein Entrinnen; der Zeuge. der in bezug auf seine eigene Person eine falsche Angabe macht oder etwas verschweigt — falsche Angabe oder Verschweigung mögen für die zur Verhandlung stehende Angelegenheit noch so belanglos sein — macht sich des Meineids schuldig I Gewiß ist es unter Umständen für die Bewertung einer Zeugenaussage von Gewicht, zu wiffen, ob der Zeuge als zuverlässig angesehen werden kann. Deshalb müssen wohl Fragen gestattet fein, die hierüber Aufklärung bringen können. Hat der Zeuge schon einmal nachweislich Meineid geleistet, so wird seine Aussage als minderwertig betrachtet werden dürfen. Ist er aber des Meineids verdächtig, weil er irgend wann irgend eine andere Straftat begangen hat? Es hat somit gar keinen Zweck, den Zeugen nach einer anderen Bestrafung als nach der wegen Meineids zu fragen. Hinsichtlich seiner Personalien sollte der Zeuge auch nicht unnütz befragt werden. Wen geht es etwas an, wie alt er ist? Frauen, um ein Beispiel anzulübren, geben nicht gern ihr richtiges Alter an. Schon manche hat die entschuldbare Eitelkeit, sich mit Worten zu vergnügen, hart und überhart gebüßt, denn ihre Eitelkeitslüge, von ihr als Zeugin vor Gericht ausgesprochen, ist nach den, Bnchstaben des Gesetzes ein Meineid. Nicht jede Zeugin hat die Gewandtheit, auf die Frage des Richters nach ihrem Alter zu antworten: sie sei „eidesmündig". Sie war die Frau eines Staatsanwalts, der ihr die kluge Ausweichung wohl souffliert hatte. Mit ihrer Erwiderung hat sie den Nagel auf den Kopf getroffen. Auf die Eidesmündigkeit allein kommt es bei der Frage nach dem Alter des Zeugen an. Die Frage wird zur Farce, wann sie an einen offenbar erwachsenen Menschen gerichtet wird; sie wird zum Schrecken, wenn die ganz nebensächliche falsche Beantwortung der Frage nach der Zahl der Lebensjahre den Antwortenden meineidig macht.
Und nun erst das Kreuzverhör I Es ist bei uns noch lange nicht so schlimm, wie etwa in England ; aber es ist immer schon schlimm genug. Wer verleumdet oder beleidigt worden ist und den Verleumder oder Beleidiger verklagt, der kann gewärtig fein, daß er von dem Angeklagten als Zetige berufen wird, um unter dem Zwang des Eides gegen sich selbst auszusagen I Wenn es sich dabei nicht um eine Straftat handelt, so darf er nicht einmal das Zeugnis verweigern, und wenn er das Recht der Zeuguisverweigerung in Anspruch nimmt, so hat er gestanden, so gut wie gestanden! Der Beleidigte oder Verleumdete darf nicht etwa verlangen, daß der Verleumder den Beweis für feine Behauptung zur Hand habe — nein, er muß ihm Zeit zur Heranholung des Beweises lassen, er muß ihm zur Erbringung des Beweises sogar als Zeuge die Hand bieten 1 Und bet dem Beweisversuch, von dem der Verleumder selbst weiß, daß er gar nicht gelingen kann, bietet sich unendliche Gelegenheit, dem Zeugen, der zugleich der Verletzte und der Kläger ist, bis aufs Hemd auszufragen, ihn zu beschämen und in arge Verlegenheit zu bringen. Wir alle sind keine Engel, fast jeder hat etwas zu verbergen, nicht weil er sich dessen zu schämen hätte, sondern weil er Schani besitzt, und dieses natürliche, wohl zu pflegende Gefühl darf bei dem Zeugen vor Gericht jeder schamlose Frager ungestraft verletzen. Es Wirb dem Zeugen nach >->lch.-n Erfahiungen nicht ganz Hwt sein, die Erfüllung der Zeuzenpflicht noch ferner als die Erfüllung einer höchsten Ehrenpflicht anzuscheu.
Bei der bemnädjftigen Reform des Strafprozesses sollen hierin Aenderungen getroffen werden. Nach den von der vorberatenden Kommission gemachten Vorschlägen will man dem Zeugen besseren Schutz gewähren. Merkwürdigerweise soll der Schutz nur dem Belastungszeugen, nicht auch dem Entlastungszeugen gelten. Wir gestehen, daß uns das Verständnis für diese verschiedene Klassifizierung der Zeugen fehlt. Man wird damit auch kein Glück haben. Im übrigen wird der Zeuge,lschutz wesentlich in das Belieben des Vorsitzenden nelegt, also gewissermaßen fakultativ gemacht. Das genügt nicht. Der Zeuge hat absoluten Anspruch auf Schutz davor, daß die Erfüllung der Zeugenpflicht ihm nicht zum Verderben gereiche.
Die Straßenhämpfe in f^oshau. (Bericht eines Augenzeuge n.)
Moskau, 26. Dezember.
Zwei Tage des Schreckens liegen hinter uns. In der Zeit, die für das westliche Europa Tage des Friedens und her Freude waren, hat Moskau Entsetzliches erlebt! Die blutigen Ereignisse setzten vorgestern ein. D>c Massen der ölusständifchen halten sich organisiert und begannen ihr Revo- tutlonswerk mit der Plünderung zweier großen Waffcillädcn. Auf der Sadowaja, einer die Stadt im Halbkreis umziehenden Straße, bauten sie Barrikaden mit Telcgraphcnpfählen, Eiscu- Werkdrählen und Planken. Die einzelnen Stadtteile waren von einander getrennt, da die Verbindungen unterbrochen wurden. Die Rebellen gaben Rakelensignnle von den umliegenden Höhen, die durch die auf bem Sucharewturm ausgestellten Scheinwerfer der Regierung beleuchtet wurden. Arlillerie trat in Aktion, und das Geschütz euer dauerte fast auf allen Selten an. Die Nlilrailleusen beschossen die Sadowaja. Die Zahl der Toten blieb ulibeknnnt, ist jedoch beträchtlich. In der Twerskaja, die vollständig von Truppen eingeschlossen war, wurden an der Ecke der Sadowaja, in der Nähe der alten Triumphpforle, von den Attfsländischcu errichtete Barrikaden von den Truppen genommen.
Die gestrigen Ereignisse bildeten eine traurige Fortsetzung der vorgestrigen. An allen Punkten der Stadt, wo Samstag die Barrikaden zerstört wurden, wurden von den Ausständischen neue errichtet. Die Brenstraße war bis zum Bahnhof voll von Barrikaden. Auf dein Slrastnojplatz wurden gestern wieder Ges Nütze aufgefabren. An, Patriarchen- teidt, in der Bromajastraßc, beim Karetnh-Rjad, in der Zentrawkastraße und der Twerskaja wechselten die Auf- ftänbifdien mit den Truppen Schüsse. In dem ansgeraubten Waffenladen von Thor beet explodierte gestern nachts eine Höllenmaschine, wodurch das angrenzende Hotel Metropole in Brand gesteckt wurde. Das Feuer wurde jedoch bald gelöscht. Es wurde auch der Versuch gemacht, den Waffenladen Brabetz zu plündern, doch hatte der Angriff keinen Erfolg.
Besonders erbittert wüteten die Kämpfe um die Bahnhöfe Moskaus. Als gegen 11 Uhr vormittags von der Station Perowo der Moskau-Kasaner Bahn 300 Mann revolutionärer Miliz in einem Sonderzug hier ein= trafen, versammelten sich im Lokomotivdevot des Bahnhofes 2000 ausständige Arbeiter, worunter sich einige hundert Mann revolutionärer Miliz befanden. Die Akenge bemächtigte sich eines benachbarten Viktualie,ila'dsns und beschoß die beim Bahnhof stehenden Truppen, b>e hierauf ein Geschütz- feuer eröffneten. Um 1 Uhr nachmittags brannte das Gebäude nieder, in dem sich der Viktualienladen befand. Der in der Nähe liegende Nikolai-Bahnhoc war inzwischen von Revolutionären aus den Werkstätten der Jaroslaivbahn beschossen worden; eine Grcliadicrabtcilung antwortete vom Dache des Bahnhofes. Die revolutionäre Miliz, etwa 60000 Mann stark, besteht aus Studierenden, darunter solchen aus Charkow und Odeffn, aus sogenannten „ewigen Studenten", die längst die Hochschule verlassen haben, aus einer unbedeutenden Zahl von Arbeitern der mechanischen Fabriken und einer großen Anzahl unbeschäftigter Arbeiter aus bett Fabriken in der Umgebung unterer Stadt. Sie verfügen ü jer 6 Maschinengeschütze neuester Konstruktion. Sie kämpfen i 3 Abteilungen, in deren Reihen sich die Frauen durch mheit und Todesverachtung auszeichneli und durch Grau- jc. eit auffallen.
Spätere Nachrichten aus Moskau deuten auf ein N-ach lasten in der Energie der Revolutionäre hin. Wenn auch noch immer Barrikaden gebaut werden und die Allfständischen verzweifelt auf die Truppen anstürmen, so schwächt sich der Kampf doch dadurch ab, daß die gemässigten Arbeiter ihre Absicht dahin kundgeben, daß sie die Arbeit wieder aufzunehmen gewillt seien. Vorderhand sieht es in Moskau sehr schlimm aus. Die Stadt brennt infolge des furchtbaren Artilleriefeuers an verschiedenen Stellen. Das Militär ist erschöpft, doch sind frische Truppen von Petersburg unterwegs. — In Petersburg herrscht verhältnismäßige Ruhe. Auch an anderen Orten find die Arbeiter für die Wiederaufnahme des Bahnverkehrs. — Schliinme Nachrichten komnien aus Odessa. Dort haben die Extremen wieder die Oberhand, die Stadt liegt in Dunkel gehüllt, und verschiedentlich sind Bomben geworfen worden. Auch in den Ostseeprovinzen breitet sich der Auistand mit feinen Greuelszenen aus. Vielfach sind Züge zum Entgleisen gebracht. — In dem polnischen Kreisstädtchen Whso kie - Mazowiecki brach eine bewaffnete Bande ein, besetzte den Marktplatz, sprengte die Tür zur Kreiskasse und raubte 486 000 Rubel. Dann flüchteten die Räuber nach verschiedenen Richtungen, nachdem sie die Telegraphenleitung durchschnitten hatten.
politische Rundschau.
Deutsches Reidt.
* In einem Berliner Berichte des Pariser „Temps" wird über eine bemerkenswerte Aeußerung des Kaciers zu Gunsten des Friedens berichtet. Danach hat der Kaiser die Behauptung als Unwahrheit bezeichnet, daß in seiner Umgebung eine Kriegspartei bestehe. Aber selbst wenn sie