Nr. 281.
Mittwoch den 29. November 1905
14. Jahrgang
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FeensprechLnschlnß Nr. 363.
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(Hieße«-» Gsgevtatt) Anakhängige HageszeUung (Hieß^ner Betfttng)
für Oberhessen und die Kreise Marburg und Wetzlar; Lokalanzeiger für Gießen und Umgebung.
Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen, d-s Großh. Polizeiamtes Gießen und anderer Behörden von Oberbeste».
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Eröffnung der Reichstags sc Ilion.
Am Dienstag Mittag zwölf Uhr hat im weißen Saal des königlichen Schlosses die Eröffnung der Reichstagssession durch den Kaiser in Person unter dem üblichen feierlichen Ceremoniell stattgefunden. Daß der Kaiser die Thronrede selbst vorlas, obwohl es sich nicht um den Beginn einer neuen Legislaturperiode handelte, erklärt sich wohl aus der über das gewöhnliche Maß hinausragenden Bedeutung der Thronrede, die neben der Ankündigung der zur Erledigung zu bringenden gesetzgeberischen Arbeiten sehr ernste Betrachtungen über die auswärtige Politik enthielt.
Die Thronrede.
Nach der Begrüßung der Reichsboten beginnt die Thronrede mit einem Rückblick auf die Hauptleistung der vorigen Tagung, die Handelsverträge, deren Unaufschieblichkeit andere Aufgaben zurückstehen ließ. Die zurückgestellten sind jetzt in vorderste Reihe gerückt. Unter ihnen nehmen die Reichs- finanzreform und die Flottenvorlage den vornehmsten Rang ein. Beide Entwürfe, die in ihren Einzelheiten bereits bekannt sind, werden von der Thronrede kurz skizziert. Von der Finanzreform wird gesagt, daß sie den Grundsatz, die Lasten des Gemeinwesens möglichst nach der Leistungsfähigkeit zu verteilen und den notwendigen Unterhalt des Volkes freizulassen, anerkenne; die Flottengesetznovelle wird damit empfohlen, daß unsere deutschen Schiffe an Gefechtskraft nicht hinter den Schiffen anderer Stauten zurückbleiben dürfen. Die Verbesserung des V e r s o r g u n g S- wesens für Offiziere und Mannschaften des Heeres und der Marine hat den Reichstag schon in voriger Session beschäftigt; die Verabickncdung der Vorlage wird jetzt keiner Schwierigkeit begegnen. Die Börsengesetznovelle kehrt in vereinfachter Gestalt wieder, sie wird nur die dringlichsten Forderungen enthalten, die nämlich, die sich auf Beseitigung des illoyalen Einwandes von Spiel und Wette bei Börsengeschäften beziehen. Eine Reihe von Spezial- gesetzentwürfen, znm Teil von der Vereinheitlichung des gesamten ArbeiterversichernngSrechts und der Ausgestaltung der Witwen- und Waisenfürsorge, zum Teil von der erleichterten Verleihung der Rechtsfähigkeit an die gewerblichen Berufsvereme hanoetno, werden die Zeit des Reichstags erheblich in Anspruch nehmen.
Mit warmen Worten gedenkt die Thronrede der Tapferen, die in unseren afrikanischen Schutzgebieten und Kolonien dem Heldenmut der deutschen Trupren aufs neue bewährt und allem Anschein nach den Aufstand siegreich niedergerungen haben, so daß Oie friedliche Arbeit aufs neue beginnen kann. Im Zusammenhang damit wird der Vorschlag erwähnt, die $o(omalabtetlung des Auswärtigen Amts in ein Reichs-Kolonialamt zu verwandeln.
Die Darlegung der Auswärtigen Politik wird mit der Versicherung eingeleitet, baß das Deutsche Reich „zu allen Mächten in korrekten, zu den meisten in guten und freundlichen Beziehungen steht". Die offenbar absichtliche Nüchternheit dieses Ausdrucks zeigt, daß die Thronrede von jeder Schönfärberei sich freihält, daß sie die Dinge beim rechten Namen nennen will, ohne Uebertreibung und ohne gesuchte Milderung. Nach der allgemeinen Versicherung sagt die Thronrede, daß es den Kaiser „mit hoher Befriedigung" er- füUe, daß er den Präsidenten der Vereinigten Staaten in seinen erfolgreichen Bemühungen unterstützen konnte, zwischen den Monarchen von Rußland und von Japan den Frieden im fernen Osten herbeizuführen. Der Kacker fährt dann fort: „Den Eintritt Japans in die Reihe der Großmächte begleite ich mit aufrichtigen Wünschen für eine friedliche Kulturmcksion dieses hochbegabten Volkes. Meine lebhaften Sympathien gelten den Anstrengungen, die das befreundete russische Nachbarreich für die Neuordnung seiner inneren Zustände macht. Ich hoffe, daß es Seiner Majestät dem Kaiser Nikolaus vergönnt jein wird, als Bahnbrecher einer glücklichen Zukunft Rußlands die Liebe und Dankbarkeit seines Volkes zu ernten."
Unsere guten Freunde in aller Welt werden nicht verfehlen, an das Wort von der „gelben Gefahr" zu erinnern und es in Gegensatz zu bringen zu der Gründlichkeit, mit der hier des „hochbegabten japanischen Volkes" gedacht wird. Ein solcher Gegensatz existiert »in Wirklichkeit gar nicht. Man kann ihn blos künstlich konstruieren, wenn man außer Acht läßt, daß der Kaiser „eine friedliche Kulturmcksion" Japans aufrichtig „wünscht". Dieser Wunsch schließt eine Besorgnis vor der „gelben Gefahr" nicht aus. An neu Japanern ist es, die Besorgnis zu beseitigen. An der erforderlichen Begabung fehlt es ihnen nicht. Ist der Ton der Thronrede Japan gegenüber freundlich, so ist er Rußland gegenüber herzlich. Der Inhalt der dem russischen Reich und seinem Herrscher gewidmeten Worte der Thronrede widerlegt die Fabeln, die man bezüglich der angeblich von Berlin aus nach Petersburg erteilten Ratschläge verbreitet hat.
An eine Beglückwünschung der Regierung und des Volkes von Norwegen „zur Wahl des erlauchten Königspaares," dem der Kaiser „in freundschaftlicher Gesinnung ver- "^den" ist. knüpft sich eine ernste Betrachtung: „Ein Blick auf Deutschlands eigene internationale Stellung darf sich der Wahrnehmung nicht verschließen, daß wir fortdauernd mit
Gießener
Verkennung deutscher Sinnesart und Vorurteilen gegen die Fortschritte deutschen Fleißes zu rechnen haben. Die Schwierigkeiten, die zwischen uns und Frankreich in der marokkanischen Frage entstanden waren, hatten keine andere Quelle, als eine Neigung, Angelegenheiten, in denen auch das Deutsche Reich Interessen zu wahren hat, ohne unsere Mitwirkung zu erledigen. Solche Strömungen können, an einem Punkte unterdrückt, an einem anderen wiederkehren. Zu meiner Befriedigung ist in der marrokkanischen Frage mit diplomatischen Mitteln unter Schonung der Interessen und der Ehre beider Teile eine Verständigung über die Einberufung und das Programm einer neuen Marrokko-Konferenz erzielt worden. Es ist mir eine heilige Sache um den Frieden des deutschen Volkes. Aber die Zeichen der Zeit machen es der Nation zur Pflicht, ihre Schutzwehr gegen ungerechte Angriffe zu verstärken. Um so sicherer mag es dann gelingen, die friedlichen Ziele des bewährten Bündnisses mit den Herrschern Oesterreich-Ungarns und Italiens auch fernerhin zu verwirklichen."
D' 'e atze bedürfen keines Kommentars. Sie werden in au., ^oelt richtig verstanden werden, zuerst vom deutschen Volk und vom deutschen Reichstag.
Mit einem Wunsch für gutes Gelingen der Arbeiten des Reichstages zu des Reiches Wohlfahrt, Ehre und Frieden schließt die Thronrede.
Gute Hussichten in Südwestafrha.
Der neue Gouverneur des südafrikanischen Schutzgebiets, Herr von Lindequist, tritt unter günstigen Bedingungen das Regiment an. Die Unterwerfung der Witboihottentotten ist nach der Waffenstreckung ihres Kapitäns Samuel Isaak eine Tatsacbe. Unter welchen Bedingungen die Uebergabe erfolgte, ist noch nicht bekannt, jedenfalls ist das Ausscheiden des Sohnes und Erben Hendrik Witbois ein großer Erfolg für die deutsche Sache. Das Ende des Hottentotten- Aufftandes steht bevor.
Der ganze Stamm der Witbois mit den verbündeten Veldschoendragers hat sich freilich noch nicht unterworfen. Hendrik Witboi stand zuletzt an der Spitze mehrerer hundert Mann. Wenn aber sein Sohn und ^Nachfolger, der Unterkapitän und 17 Großleute, dazu der Kapitän der Veldschoendragers das Zeichen zur Unterwerfung gegeben haben, ist nicht daran zu zweifeln, daß der Rest dem Beispiele folgen wird. Wahrscheinlich werden die zersprengten Leute sich allmählich einfinden, um die Waffen abzuliefern, soweit die Stammesangehörigen nicht über die englische Grenze gegangen sind. Der Tod Hendrik WitboiL bedeutete für die Witbois und die Veldschoendragers ^ Ende ihrer Hoffnungen, zumal sie einseben inußten, keinen ernsthaften Widerstand mehr leisten zu können.
Die Möglichkeit einer allerdings beschränkten Fortdauer des Aufstandes ist trotz der günstigen Wendung freilich nicht ausgeschlossen. Der talentierte Jakob Morenga steht noch gerüstet im Felde. Er ist Meister im Kleinkriege, was er oft genug zum Schaden unserer Truppen bewiesen hat. Schließt er sich der Unterwerfung nicht an, so darf einstweilen an eine vollständige Beruhigung noch nicht gedacht werden. Cornelius, der Kapitän der Nordbethanier, wird sich schwerlich freiwillig ergeben, da er manches auf dem Kerbholze hat. Aber er kommt weniger in Betracht und dürfte allein bald jeden Halt verlieren. Auch die Unterwerfung der Herero ist noch nicht vollständig durchgeführt, obwohl auch von ihnen einzelne Großleute mit ihrem Anhang sich schon freiwillig ergeben haben.
Wahrscheinlich wird der als anständiger Mann geltende Morengo die llèutzlosigkeit weiteren Kampfes einsehen und seinen Frieden mit der deutschen Herrschaft machen. Damit würden für die Kolonie, die unersetzliche Opfer an Blut und große Kostenaufwendungen verschlungen hat, bessere Tage anbrechen. Unsere braven Kämpfer könnten in die Heimat zurückkehren, und Aufgabe einer vernünftigen Verwaltung wäre es, die bezwungenen Schwarzen durch weise Mäßigung und peinlich-gerechte Behandlung zu friedlichen und zufriedenen Menschen zu machen.
Habsburgische Sorgen.
(Eig. Bericht.) Wien, 28. November.
Hier wickelte sich heute die geplante Demonstration für das allgemeine Wahlrecht ab. Um 8 Uhr morgens begann das Zusammenströmen der Menschenmaffen gegen den Karlsplatz und die anschließenden Telle des Wien- Boulevards. Vielfach wurden rote Fahnen und Embleme getragen. Längs des Zuges bewegte sich ein Spalier von 3000 Ordnern. Polizei war nicht aufgeboten. Die Kaufläden waren zumeist geschlossen. Die Sttaßenbahn mußte den Verkehr einstellen. Nach zehn Uhr langte die Spitze des Zuges vor dem Parlament an. Dort überreichte eine Deputation den Präsidenten beider Häuser des Reichsrates und dem Ministerpräsidenten eine Petition, in der die Einführung des allgemeinen Wahlrechts verlangt wird. Freiherr von Gautsch erwiderte mit de. Erklärung, daß die Regierung im Begriffe sei, in kürzester Zeit dem Abgeordnetenhaus eine Vorlaae. das allgemeine Wahlrecht betreffend, vorzulegen. I
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Den albernen Märchen über deutsche JnservèntionS-' gelüste gegenüber den russisch - polnischen Unruhen tritt nun auch die Wiener Presse entgegen. So schreibt das Fremdenblatt: „Vor kurzem brachten polnische Blätter die Nachricht von einer in Galizien im Zuge befindlichen Mobilisierung, deren Zweck es fei, Deutschland, dem eine Einmischung in russisch-polnische Angelegenheiten zugemutet werde, ein Gegengewicht zu bieten. Von autoritativer Seite erhalten wir zu dieser Nachricht die Mitteilnng, daß sie vollinhaltlich erfunden ist. Weder in Galizien noch sonstwo in der Monarchie spielt sich eine Mobilisierung oder irgend eine ähnliche militärische Maßregel ab. Es sind daher auch alle an die fragliche Meldung geknüpften Kombinationen über den Zweck einer solchen Maßregel erfunden."
Einen wirklich revolutionären Charakter nehmen die Dinge in Ungarn an. So bedeutet es eine tatsächliche Revolutionshandlung, daß die Budapester Komitatsvertrettmg die Ernennung des Grafen Laßberg zum Obergejpan nicht zur Kenntnis genommen hat. Sie hat vielmehr einen neuen Vizegespanstellvertreter, den Grafen Vigyazo, gewählt, obwohl Graf Laßberg bereits vor zwei Tagen Herrn Römer zum stellvertretenden Vizegespan ernannt hat. Graf Vigyazo nahm die Wahl an und leistete rasch den Eid, und so besitzt jetzt das Komitat zwei Vizegespanstellvertreter, einen von der Regierung und einen von der Fronde ernannten. Der Minister des Innern hat den Vizegespan des Kaschauer Komitatsrats abgesetzt, weil dieser sich weigerte, zur Einführung des neuen Obergespans eine Generalversammlung einzuberufen. Ernste Unruhen entstanden auf den Straßen, auf denen Volksversammlungen gegen die widerspensttgen Obstruktionsparteien demonstrierten. Von einem Neubau wurden Ziegelsteine auf Polizisten geschleudert und einer von ihnen töttich verwundet. Die Polizei erstürmte den Neubau, spaltete einem Arbeiter den Schädel und verwundete zwei schwer. Auf dem Josefsring machten 100 berittene Polizisten wiederholt Attacken auf die Volksmenge, wobei aus der Menge mehrere Revolverschüsse fielen und viele Verwundungen vorkamen.
Diesseits und jenseits der Leitha haben die verantwortlichen Männer ihre Sorgen, und dem greifen Herrscher Franz Joseph ist kein ruhiger Lebensabend beschieden.
politische Rundschau.
Deutsches Reich«
* Die Gesamtzahlen des Neichshaushalt-Etats sind jetzt zu übersehen. Der ordeniiiche und außerordentliche Etat schließt in Einnahmen und Ausgaben mit 2 400 274 999 M. ab. Das sind 191042 G38 M. mehr wie im Vorjahr. Im ordentlichen Etat betragen die fortdauernden Ausgaben 1 898 421 152 M., die einmaligen Ausgaben 248 221 248 M.; im außerordentlichen Etat betrögt die Ausgabe 259 632 599 M. Bei der Balancierung des Etats ist von der Einstellung der Zuschußanleihen abgesehen worden. Dafür ist der voraussichtliche Ertrag der neueinzuführenden Steuern als Einnahmeposten herangezogen worden.
* Die auf dem deutschen Stüdtetage zuni Vorschlag gebrachte Resolution in Sachen der Fleischteuerung wurde in ihren entscheidenden Punkten einstimmig angenommen; g^gen den Absatz, der eine möglichst ungehinderte Einftchr von Vieh aus dem Auslande verlangt, stimmten die antvesenden Sozialdemokraten, die eine unbedingte Oeschung der Grenzen und Aufhebung aller Sperren und Zölle fordern; der Absatz, der die Behandlung der Fleischfrage durch die Regierungen als eine schwere Schädigung der Nation erklärt, fand sieben Stimmen gegen sich. Bei der Schlußabstimmung über die ganze Resolution stimmte nur der Bürgermeister Wadehn von Weißenburg mit Nein. Dieser war auch in der Debatte scharf gegen die Resolution ausgetreten und hatte mit seinen Darlegungen entschiedenen Widerspruch entfesselt, während die Sozialdemokraten Singer und Ulrich - Offenbach die Resolution für lange nicht weit genug gehend erachteten. Es wurde sodann Berlin als Ort für die Zentralstelle des Städtetages gewählt. In den Vorstand und den Hailpt- ausschuß wurden die bisherigen Mitglieder wiedergewählt. Dann erfolgte der Schluß des Städtetages, zu dem sich von den in Frage kommenden 147 Städten mit mehr als 25 000 Einwohnern 144 ihren Beitritt erklärt haben. Abends fand im Hotel Kaiserhof ein Festessen statt.
* In der in Berlin abgehaltenen zehnten Hauptversammlung des Bundes der Industriellen wurde eine Resolution angenommen, die einen schnelleren Ausbau der deutschen Flotte für unbedingt notwendig erklärt und diese Notwendigkeit durch die Novelle zum Flottengesetz nicht genügend berücksichtigt erachtet. Ferner wurde beschlossen, eine angerordentliche Generalversammlung jes Bundes bet Industriellen in Sachen der Fleisch^nerung ab' .uten. Nach Schluß bet Verhandlungen vereinigten sich die Mitglieder zu einem Festesten im Hotel de Russie.
* Der Abschluß der deutsch-schwedischen Handelsvertragsverhandlungen steht in kurzer Zeit bevor. Die Verhandlungen haben ein Einverständnis in fast allen wesentlichen Punkten herbeigeführt.