Nr. 176.______Erstes Blatt.
Mtttifw Wei* » Die einspalttge Petit-eile für ganz Ober» Me Kreise Wetzlar «d Marburg 10 Pfg. saust 16 Pi«- Reklamen bie Petitzeile 30 r* M Vg.
jtebaftion u. -autzterpâttia«: Gießen, Geltersmeg 81.
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Samstag, den 29. Juli 19uö.
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(Hießener Tagevtatt) Unabhängige Tageszeitung (Hrcßsner Zeitung)
■für Oberhesim und die Kreise Marburg und Wetzlar; Lokalanzeiger für Gießen und Umgebung.
Entbält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großb. Bürgermeisterei Gießen und anderer Behörden von Obertassen.
Der Krieg in Ostasien»
Die japanischen Friedensdelegierten sind bereits in Washington eingetroffen und haben dem Präsidenten Roosevelt Besuche abgestattet. Nach amtlicher Mitteilung werden die japanischen und die russischen Delegierten am 5. August an Bord des „Mayflower" in Osterbay zunächst dem Präsidenten Roosevelt und von diesem dann einander vorgesteüt werden.
Bei der Friedenskonferenz werden wahrscheinlich die Wünsche der beiderseitigen Parteien im Anfang diametral gegenüberstehen. Japan soll der Regierung der Vereinigten Staaten vertraulich mitgeteilt haben, seine Delegierten würden am ersten Konferenztage den Russen gewisse Hauptbedingungen vorlegen. Erscheinen diese den Russen unannehmbar, so würden sie ihnen erklären, daß fernere Sitzungen überflüssig feien. Man versteht in Washington unter diesen Bedingungen! Zähln, ■ der Kriegskosten, Abtretung von Sachalin und der Liautung- Halbinsel sowie der Eisenbahn bis Chardin, ferner Rückgabe der Mandschurei an China und Anerkennung des japanischen Protektorats über Korea.
Japan verzichtet auf die Befestigung Port Arthurs, falls Rußland die Neutralisierung Wladiwostoks zugestände. So wird wenigstens in amerikanischen Regierungskreisen bestimmt behauptet.
Eine neue japanische Truppenlandung
hat in der Castriesbuckt stattgefunden. Die Japaner landeten ein Bataillon, besetzten den Leuchtturm und hißten ihre Flagge. Die Bucht liegt an der sibirischen Küste gegenüber Sachalin. Die Japaner haben mit der Landung aber mals Fuß auf dem russischen Festland gefaßt und bedrohen damit die Mündung des Amur, die mehr durch natürliche Hindernisse als durch militärische Besatzung geschützt wird. Nur die nördliche Einfahrt wird durch die kleine Festung Nikolajewsk verteidigt.
Auf der Insel Sachalin kommt es nur noch zu kleinen Scharmützeln, da die schwachen russischen Streitkräfte sich gegen die Japaner nicht zu halten vermögen. Diese haben bei den letzten Zusammensikäßen iwer 200 Gefangene gemacht und verfolgen die flüchtenden Russen überall energisch.
Chinas Forderungen.
In Newyork will man wissen, China werde bei der Friedenskonferenz eine Forderung von einer Million Dollars für die in der Mandschurei angerichteten Schäden verlangen. Das Recht kann man China nicht bestreiten, Entschädigung zu verlangen, denn die Mindschurei ist schließlich ein Teil seiner Besitzungen. Aber ob die streitenden Parteien danach etwas fragen werden, ist eine andere Sache -- wer keine Macht besitzt, sein Recht zu schützen, muß gar zu häusig ^dorauf verzichten.______________________________________________
Zu unseres Kismarcks siebenjährigem Todestage.
Zum 30. Juli.
Einst fühlten wir als Preußen, als Bayern, Schwaben bloß, Als Sachsen oder Reußen, da dünkten wir uns groß; Um Hoheitsrechte härmte der kleinste Staat sich starr, Und wer für Deutschland schwärmte, der galt als halber Narr.
Schlasmütze war und Hemde Freund Michels Wappenzier, Verlacht ward in der Fremde „das dumme deutsche Tier"; Träg lag buß Volk der Denker in Schlummerruh versenkt — Da hat der Völkerlenker den BiSmarck uns geschenkt!
Der pfiff mit hellen Weisen die Schläfer auS dem Traum, Schuf uns durch Blut und Eisen ellbogenfreien Raum; Hei, gab'S da heiße Tage und Kämpfe hart und wild — Hurra, mit einem Schlage verändert sich daS Bild!
WaS wär noch viel zu melden? Ein jeder weiß, wie'S steht, Wie seit dem Werk des Helden die Weltgeschichte geht, WaS wir, die Alten, litten im selben deutschen Bund, Und war wir scharf erstritten, tut jedes Schulbuch kund.
Bor sieben Jahren bettet' den Grdßen still der Tod, Ihn, der das Reich gerettet aus siebenfacher Not, Der unser Wegweiser zur Kaiserkrone war — Auf, bringt ihm Eichenreiser und frischen Lorbeer dar!
Georg von Rohrscheidt.
Grika.
(Zu BiSmarckS Todestage, 30. Juli.)
Von Dr. Julius Pasig.
(Nachdruck verboten.)
Alljährlich gegen Ende des Heumondes, wenn der Schnitter bei der emsigsten Arbeit ist, pflegen draußen in der Waldstille, fernab vom geräuschvollen Treiben der Welt, da, wo das Herz sich selbst wieder anzuhören
polirscbe Rundschau
Deutsches Reich.
* Di? Bedeutung der Zweikaiserbegegnung in den finnischen Schären wird von der Petersburger „Nowoje Wremja" ohne große Freundlichkeit, aber richtig beurteilt. Das genannte Blatt beginnt mit der Versicherung, daß jene Begegnung das französisch-russische Bündnis nicht zu erschüttern vermag, nachdem der Besuch der englischen Flotte in Brest und die Zusammenkunft König Eduards mit dem Präsidenten Loubet dazu nicht imstande gewesen. Diese Versicherung ist überflüssig, denn das Gegenteil ist, von deutscher Seite wenigstens, nie behauptet worden. Deutschland hat gar nicht die Absicht, in dem Bündnis mit Rußland an Frankreichs Stelle zu treten, sondern trachtet nach guten Beziehungen zu seinen beiden Nachbarn im Osten und im Westen. Das Petersburger Blatt knüpft an die überflüssige eine treffende Bemerkung, daß nämlich die Bestätigung der freundschaftlichen Beziehungen zwischen dem deutschen Kaiser und dem Zaren ein sehr wertvolles Element Zur Sicherung der Weltpolitik gegen besonders starke Schwankungen bilde, auch zur friedlichen Erledigung der Marokkofrage. Die Kaiserbegegnung sei von großer Bedeutung für die Festigung der Solidarität der europäischen Staaten. — Diese Auffassung, die man als die Auffassung der maßgebenden russischen Kreise betrachten kann, ist geeignet, die Erreichung der Ziele zu fördern, di? der deulschen Politik im allgemeinen europäischen Interesse immer vorge^chwebt haben.
* Besonders günstige Ergebnisse hat mit der Jnvasiditäts- vcrftcherung die Landesversicherungsanstalt Berlin aufzuweisen. Sie befindet sich in einer so günstigen Vermögenslage, daß der Bundesrat beschlossen hat, ihr zu gestatten, die an Familien zu zahlenden wöchentlichen Unterstützungen, deren Marimum 10 Mark betrug, bis auf 15 Mark zu erhöhen. Es handelt sich um solche Familien, deren Ernährer zur Wiederherstellung oder Kräftigung seiner Gesundheit in einem Sanatorium Aufnahme gefunden haben, und die nun, des Verdieners beraubt, vor Nahrungssorgen geschützt werden sollen.
Schweiz.
** Vom Zionistenkongreß in Basel wurde Ma^ Nordau, Paris, zum Präsidenten, Wolfsohn, Köln, zum Vizepräsidenten gewählt. Als Nordau sich für die Wahl bedankte, wurde er wiederholt von den unzufriedenen russischen Dele^ gierten unterbrochen.
frankreich«
** Die Nachricht, daß Präsident Lonbet schon vor Ablauf fe uer Amtszeit zurücktreten wolle, damit die Präsidentenwahl schon im November, also vor den für Januar anb?- raumten Senatswahlen stattfinden könne, wird als unrichtig bezeichnet. Die Regierung soll den Tag für die Präsidentenwahl auf den 26. Januar 1906 festgesetzt haben.
lernt und das Gemüt seine duftigsten Blüten treibt, jene lieblichen, rosa angehauchten Blumenkelche sich schüchtern zu erschließen, die, bald in überreicher Fülle prangend, dem Waldboden ein rosiges Ansehen verleihen, Erika, Heidekraut!
Gestern war ich wiederum im duftigen Walde, und siehe da, auf weitschauender Bergeshöh, wachgeküßt vom Strahle der eben zur Rüste gehenden Sonne, leuchteten sie mir aufs neue zum erstenmal in diesem Jahre entgegen, die violett-roten Glöckchen meiner Erika! Bismarcks, unsers einzigen, unvergeßlichen, großen Bismarcks Lieblingsblume — warum macht sie sich gerade um diese Jahreszeit auf, uns zu grüßen mit ihrer stummen Sprache? Will sie uns in den Tagen, da wir des Heimganges des großen Toten gedenken, erinnern an den unersetzlichen Verlust, den wir in seinem Tode erlitten ? Will sie uns ermahnen, treu an dem herrlichen Erbe festzuhalten, das uns fein Genius in heißem Ringen erstritten ? Will sie erinnern, ihm, dem großen Toten, Dankbarkeit und Treue zu halten auch über das Grab hinaus? Wir haben sie dem Lebenden gehalten, trotz aller Anfeindungen kleiner Geister, die den großen nicht verstanden und nicht verstehen wollten, und wir halten sie dem Toten bis zum letzten Atemzuge!
Erika — seit wir in den herrlichen Briefen des Entschlafenen, die er an seine Braut und Gattin gerichtet hat, die vollgültigsten Beweise für daS unendlich tiefe, kindliche Gemüt des „eisernen" Kanzlers haben, ist uns der Große doppelt groß und doppelt — lieb geworden. Aber sagt unS Erika nicht dasselbe? Solche Blume konnte sich zur Lieblingsblume doch eben nur ein Gemüt wie das unseres Bismarcks erküren. Ueber- reich sind seine Briefe an Bezugnahmen auf das so unscheinbare Heidekraut, und wenn der gereifte Mann in den spätern Jahren, da des Dienstes ewig gleichgestellte Uhr ihn im steten Geleise hielt, der goldnen Jugendzeit oder der ländlichen Gespielen in Kniephof und Schönhausen gedachte, da war es ihm nach eigenem Geständ-
Cngland«
Der englische Oberkommissar für Südafrika Lord Sel- bornZ erklärte einer Burenabordnung aus der Oranjekolonie, es sei k e i n e Hoffnung vorhanden, daß die Kolonie in nächster Zeit eine Verfassung erhalte. Die Buren beginnen sich Ui organisieren und die Führer in Transvaal und Oranje beraten üb?r ein gemeinsames Vorgehen.
Skandinavien»
** Eine Volksabstimmung über die Trennung von Schweden will die norwegische Regierung herbeiführen, ^n der Sitzung des Storthings legte die Regierung den Ent wurf vor. Die Abstimmung soll am 13. August nach den Wahllisten für die letzte Storthingswahl abgehalten werden Ter Regiermigsentwurf wurde einem Sonderausschuß überwiesen, welcher sofort zusammengetreten ist.
'Cürhei.
** Die türkischen Truppen unter Marschall Ahmed Feisi Pascha haben einen neuen Sieg über die Aufständischen in Semen errungen. Den Truppen gelang es, die Aufständischen aus dem befestigten Platz Tie im Sandschak Assir zu vertreiben und in Jbha einzumarschieren, wo die Aufständischen seit der Belagerung an tausend Mann verloren haben. 50 ihrer Führer wurden gefangen genommen. Auch aus anderen Ortschaften wurden die Aufständischen mit vielen Verlusten vertrieben. Die Truppen hatten nur unbedeutende Verluste.
Hfrika»
Die marokkanische Regierung hat der Firma Borgeand- Kreutemann die Erbauung eines Landungssteges in Tanger übertragen. Der Vertrag, vom Sultan unterzeichnet, ist deir deutschen Gesandten Grafen Tattenbach überreicht worden. Die Arbeiten werden für Rechnung der maroffanifdxn Regierung ausgesührt, die sie ratenweise bezahlen wird. Dei ganze Betrag beläuft sich auf 76 000 Pfd. Sterl.
fieer und flotte.
Neue deutsche Torpedo-Versuchsstation. Da die Station bvi H o e r u P in der Nähe von Sonderburp fertiggestellt ist werden die Uebungen schon Mitte August beginnen.
Dockbautcn in Wilhelmshafen. Die Dockanlagen bei Knegshasens werden um drei neue Docks erweitert. Jede!» mirb so groß, daß es auch das größte Linienschiff aufnehmer könnte. Eins der neuen Docks ist bis aus die Ausmauerung bereits fertig. Es ist 190 Meter lang und die Sohle lieg! 10 Meter unter dem Wasserspiegel, so daß es auch leckge word?ne Kriegsschisfe ausnehrnen kann, die teilweise vol' Wasser gelaufen sind und deshalb tiefer wie gewöhnlicl liegen.
Englische Kriegsschiffe in ber Ostsee. Das englisch Kanalgeschwader wird wäbrend der Monate Auaust uni
nisse immer zu Mute „wie Heidekraut und Wiesenblumen". Ja, in der üppigen Pflanzenpracht des Südens, wo der gewaltige Mann mit dem großen Kinderherzen alle die fremdartigen Eindrücke einer grandiosen Naturumgrbung mit tiefem Verständnisse in ' 1 j er beS schlichten WaldkrauteS,
von ihm ^geliebten Pflanze".
862 wurde BiSmarck zum preußischen
grandiosen Rarurumgei sich aufnahm, gedachte der Erika, als der von ,
Am 23. Mai 1862 wurde BiSmarck zum preubischen Gesandten in Paris ernannt, von wo er am^25. 3ult jene hochinteressante und zugleich politisch' bedeutung^ volle Reise nach dem Südwesten Frankreichs bis nach Spanien hinein unternahm, die für die spatere Ge- staltung unseres Verhältnisses zur kaiserlichen französischen Regierung von hoher Wichtigkeit war unb in ben Gesprächen Bismarcks mit Napoleon II . am Strande von Biarritz ihr politisches Kolorit erhielt. Aber dabei vergaß der Diplomat nicht, sich dem Knuffe der henlrchen Natur zu widmen, wie aus zahlreichen, an die Gattin und Schwester gerichteten Briefen hervorgeht. So kommt er u. a. am 27. Juli auf den Besuch des Schlosses Chambord zu sprechen, wo er von der Führerin, die im stillen gerührt eine Träne zerdrückte, als sie ihm die kleine Kanone ihres Herrn zeigte, für einen sranzüsischen Legitimisten gehalten wurde. WaS nimmt, als er vom hohen Schloßturme die Aussicht genießt, seine Aus- merksamkeit vor allem in Anspruch? Etwa politische Resterionen über das Einst und Jetzt, an.nüpfend an das, was sein Auge erschaute? Nichts von o^dem- Die Aussicht zeigte, wie er schreibt, zwar "keine Stadt, kein Dorf, keinen Bauernhof, weder am Schloß noch im Umkreis," dagegen „nach allen «èn /chwe,genden Wald un» Heidekraut bis an den Horizont. Um aber der geliebten Gattin in der Ferne zu^ zeigen, wodurch seine Gedanken nach der teuern nordischen Heimat ge- rprtft werden weiß er kein besseres Mittel, als einiges — Heidekraut dem Briefe beizulegen : „AuS beiliegenden Proben von Heidekraut," schreibt er dazu, .wirst Du jjcht mehr erkennen, wie purpurn die von mir geliebte