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Donnerstag, ven 29. Ium 1905.
14. Jahrgang
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Redaktion w Hauptexpedition: Gießen, SelterSweg 83. Kernsh»recha«schl«ß Nr. 868.
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für Oberhsffen und die Kreise Marburg und Wetzlar; Lokalanzeiger für Greste« und Umgebung.
Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Grokh. Bürgermeisterei Gießen und anderer Behörden von Oberhessen.
Krnste Zeiten!
st den besten Rat, nbe, der Pechvogel
Wenn der Sommer kommt und unsere Landwirte draußen im Felde von TageLgrauen bis zum Beginn der Dämmerung schaffen müssen, dann bleibt ihnen für das Lesen einer Zeitung wenig Zeit. Die Folge davon ist, daß daS sonst liebgewonnene Lokalbatt für daS Sommervierteljahr nicht bestellt wird. Man hat keine Zeit, heißt eL immer! Die augenblickliche Weltlage aber zwingt jeden Menschen, der Interesse am öffentlichen Leben hat und haben muß, sich die Zeit zum Zeitungslesen zu gönnen. Die Politik in der ganzen Welt hat sich heute so gestaltet, daß jeden Augenblick solche Ereignisse kommen können, die die Aufmerksamkeit aller beanspruchen. Wodurch will man aber stets aus dem Laufenden bleiben, wenn die Zeitung fehlt? Hat man keine Zeit, das Lokalblatt durchzulesen, so bleibt noch viel weniger Zeit, sich Auskunft beim Nachbar über wichtige politische Fragen zu holen. Wer draußen im Felde arbeitet, der nehme das Blatt mit hinaus und lese während der Frühstücks- und Vesperpausen darin. Man weiß dann, was in der weiten Welt vorgeht und kannj darüber während der Arbeit nachdenken. Wie gesagt, ernst, sehr ernst ist die allgemeine Lage, besonders für Deutschland gegenwärtig und darum muß ein jeder seine Zeitung auch im Hochsommer weiter bestellen, der sich sonst damit entschuldigt: Ich habe jetzt keine Zeit zum Lesen! Die heutige Nummer ist die vorletzte in diesem Vierteljahr. Wer sofort das etwa Versäumte nachholt, die Bestellung seinem Boten oder Briefträger ausgibt, der erleidet keine Unterbrechung in der Zustellung des Blattes.
Erkolungskerien und Reisefieber.
bolungsurlaubs. Da er in der Regel verheiratet ist, so wird er in der Wahl der Zeit doppelt beschränkt sein, nicht bloß dilrch die Rücksicht auf seinen Geschäftsbetrieb, sondern auch durch die Rücksicht auf die Kinder, die nur während der Schulferien den Schulort verlassen können. Darum ergreift in der Ferienzeit ein wahres Reisefieber einen großen ^ejl,ber ^euölferung. Wie stark dieses Fieber ist, hat sich erst jungst gezeigt, als die — falsche — Meldung verbreitet worden war, die Sondervergünstigungen für Ferienzüge usw. sollten fortfallen. In den.weitesten Kreisen trat eine augerordentliche Erregung zutage, die sich in geräuschvollen Versammlungen, in recht energischen Resolutionen und Eingaben Luft machte. Man fühlte sich in liebgewordenen Gewohnheiten _ bedroht. — Glücklicherweise war es falscher Alarm gewesen, ist die Ferienreise nicht bedroht, sollen Erholungsurlaub und Erholung nicht gekürzt werden.
Wäre es aber nicht ganz gut, wenn man sich einmal überlegen wollte, ob zur guten Ausnützung des Erholungsurlaubs, ob zur Erzielung wirklicher Erholung eine Reise unter allen Umständen erforderlich ist? „Ueberall ist's schöner als zu .tzaus, und zu Haus ist's am schönsten", sagt ein scherzhaftes Sprichwort, das — vollständig Recht hat. Der Reiz der Abwechselung läßt alles Fremde schöner erscheinen, als das Heim; aber bald findet man heraus, daß das Heim doch das schönste von allem ist. Wer Heilguellen oder einen Luftkurort aufsuchen muß, wen der Arzt verschickt, der kann sich freilich der Reise nicht entziehen, dem ist sogar das Ziel vorgeschrieben. Doch wem die Gesundheit freie Verfügung läßt, der sollte bedacht fein, Erholung ohne Reiseanstrengung, ohne Störung in der gewohnten Lebensweise und Ernährung zu suchen. Es sind ihrer nicht allzu wenige, die sich einen Urlaub gar nicht anders verwendet vorstellen können, als zu ermüdenden körperlichen Leistungen, denen ein verstärkt erholungsbedürftiger Zustand folgt. Hier wäre etwas Selbstzucht- recht wohl am Platze. Der Urlaub ist der Erholung und nicht des Reisens wegen da, auch das Reisen soll nur der Erholung dienen und nicht einen Selbstzweck bilden. Vernünftige Menschen werden auch nicht deshalb eine Reise unternehmen, weil andere dieselbe Reise g macht haben, weil die Reise gewissermaßen zum „guten Ton" gehört, noch weniger, um damit in einer gewissen Art zu renommieren. Wir sind keine Feinde des Reisens, gewiß nicht! Aber Feinde der Reiseeinbildung und des eingebildeten Reisezwanges sind wir; zu dieser Feindschaft bekennen wir uns ganz offen.
ein Echo fänden; man würde ihnen kaum die Ehre einer Zurückweisung gönnen. An Herrn Rouvier ist es jetzt, einen „guten Abgang" zu finden, wie die Schauspieler sagen, ein gutes „mot de la fin". Rin bet er das gute Schlußwort, so hat er alle Franzosen für sich, und wenn er in jedem einzelnen sachlichen Punkte nachgäbe. Und er wird es finden — sollte man es ihm selbst von Berlin aus einblasen. Noch nicht heute, noch nicht morgen, aber in absehbarer Zeit g"wiß. Das Einlenken, das zunächst dein Scherif von Ma- rckko zugâ gekommen ist, hat bereits begonnen.
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In immer weiterer Ausdehnung bestreben sich Staat und ktadt und Private, E r h o l il n g s f e r i e.n einzuführen. &r öffentliche höhere Beamte hat solche Ferien schon immer lehobt, wennschon nicht alljährlich in gleicher Ausdehnung, v doch in einer gewissen periodischen Wiederkehr. Allmäh- P ist öas auch für die kleinen und kleinsten Beamten die geworden. Was Staat und Stadt getan, das haben m Privaten sich zum Muster genommen. Auch den priva- p Angestellten, den Privatbeamten, wie man sagt, .sind Fe- eingMumt worden. Und dabei bleibt man nicht Mn. Es ist die Anregung gegeben worden, daß den Hand- Dertern ebenso wie den kaufmännischen Angestellten ein Wiener Erholungsurlaub gegeben werde, ein Erholungs- während dessen der Lohn weitergezahlt wird. Na- kann von solchem Vorzug nur dem Arbeiter gegenüber Aede fern, der nicht von Monat zu Monat seinen Platz Welt, sondern jahrelang an einer Arbeitsstätte aushält.
~er Grundgedanke dabei ist der, daß eine Erholungs- W in der Jahresarbeit, eine Zugspannung aus der geahnten Tätigkeit, überaus wohltuend, kräftigend wirkt, die Uperliche wie die seelische Gesundheit hebt und erhält/und M diese guten Wirkungen reichlich den unmittelbaren Ar- mtsausfall auSgleichen. Das Versäumte wird schnell nach- icholt und kommt dem Arbeitgeber mit.zugute, so daß dieser M)ks übriges tut, wenn er zu den Erholungskosten bei-
Die Hufnabme der deutschen JVote.
(Eig. Bericht.)
Paris, 28. Juni
Gewiß steht der Verallgemeinerung in der Praxis noch Hindernis im Weg, und man darf nicht mit Sicherst: annehinen, daß sie alle sich werden beseitigen lassen. « Fortschritte in der angedeuteten Richtung sind schon zu Allelen. Hierfür bürgen die Fortschritte, die bereits ge- sind. Für den jungen Kaufmann von heute, für bis ^Masterin, Korrespondentin, Verkäuferin, ist der jährlich £,Py^renbe Erholungsurlaub ganz selbstverständlich. Je- ^âwltgeber ist darauf eingerichtet und legt Wert daraui.
Angestellten von dem Urlaub angemessenen Ge- . VN. . Vor fünfzig, ja vor dreißig Jahren kanutc r: no^ mM Der völlige Wandel der Anschauungen,
L Wrudjez Gewohnheiten hat sich also innerhalb eines ein- » D^enschenalters vollzogen. Wenn man das bedenkt. ^" H st^ ^kchk getrauen zu behaupten, daß eine wei-
i ^stvickelung in derselben Richtung ausgeschlossen und auszudenken wäre.
Erholungsurlaub ist sozusagen ne nationale Jnsti- , ,,^^orden. Da er als den Angestellten zukommend
Fll /^^br anerkannt ist, so liegt es in der Natur der L„5 ^ auch der Anstellmde ihn für sich in Anspruch ^ , t E M xm,t üoUem Recht. Der Arbeitgeber, er be-
,k*-. n.l* ' § n «lÄii ^9°.?"'« Personen oder bewahre nur für sich
^ u ^ F't Arbeitsselbständinkeit. bedarf gare gewiß deÄ Er-
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bSr11 M ™cl) machen.
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Die deutsche Antwort auf die Rouviersche Note in der Marokkoaffäre ist eingetroffen und nach Landesbrauch mit vielem Augenzwinkern und Geheimnisbetcnerungen sofort in allen Einzelheiten in die Oeffentlichkeit gebracht worden, so daß sich Fürst Bülow die Gebühren für die den Marokkokonferenzmächten von 1890 zuoedackten Abschriften hätte ersparen können. „Was hat er gesagt?" — Diese Frage c gestern abend schon von Mund zu Mund, und niemand fragte vergeblich. Vor allem wurde konstatiert, daß „er", nämlich Fürst Bülow, sehr „höflich" gewesen sei, sehr „verbindlich" sogar, und das mürbe so lieblich empfunden, das ging so süß ein, daß man kaum einen bitteren ober auch nur herben Nachgeschmack empfand, als man weiter zugestehen mußte: „er", nämlich Fürst Bülow, habe in der Sckche nicht das geringste Zugeständnis gemacht. Die einmal hervorgerufene gute Laune beeinflußte das Urteil so sehr, daß man dem Fürsten Bülow vollständig recht gab, wenn er die Zumutung zurmkwies, in der Vorbesprechung und durch die Vorbesprechung, die zur Berufung einer neuen Marokkokonferenz führen solle, diese Konferenz überflüssig zu machen. Das war zu witzig gesagt, zu fein pointiert, als baß es den Franzosen nicht hätte gefallen sollen. Es har beinahe den Anschein, als bedauerten sie an der ganzen Marokkoaffäre nur noch das eine: daß diese gute Wendung nicht von der französischen Diplomatie ausgegaugeu. Ueber- dies war die witzige Abweisung, wie schon gejagt, in so verbindliche Form gebracht, daß man nichts übel nehmen und sich unbefangen dem ästhetischen Genuß der Noten-Nnter- Haltung hingeben konnte. Daß man in der Sache nichts ausrichten wird, weiß man hier ganz genau. In den ernsthaften Kreisen hat man sich damit auch abgefunden, und man ist nur darauf bedacht, die öffentliche Meinung dahin zu bearbeiten, daß sie das Dessert von Delcass^s Tafel ohne Widerstreben, äußeres wie inneres, verschlucke. Zu dem Ende wird die spanische Presse aufgeboten, deren sonst nie beachtete Stimmen plötzlich in den hiesigen Blättern lauten Widerhall finden. Man nimmt es den Madrider Zeitungen nicht einmal übel, daß sie sich herausnehmen, die Franzosen über die Forderungen des „gesunden Menschenverstandes" zu belehren, der es verbiete, aus dem wertlosen Marokko einen Zankapfel zu machen, wegen dessen /das sehr wertvolle Einvernehmen mit dem immer freundlichen Nachbar in die Brüche gehen könnte. Wer mit den hiesigen Verhältnissen einigermaßen vertraut ist, der weiß, daß man es im vorliegenden Fall mit bestellter Arbeit zu tun hat. Wäre das nicht, die spanischen Blätter dürften lange reden, ehe sie hier
Der Krieg in Ostasien.
Der amerikanische Botschafter in Petersburg hat dem russischen Minister des Auswärtigen den Vorschlag gemacht, den 1. August als Termin für die Zusammenkunft der Bevollmächtigten Rußlands und Japans in Washington zu wählen. Graf Lambsdorff soll angeblich noch am gleichen Tage geantwortet haben, daß Rußland einverstanden sei. Trotz dieser ziemlich bestimmt auftretenden und von russischoffiziöser Seite verbreiteten Meldung wird in vielen diplomatischen Kreisen noch immer angenommen, daß
die Friedeusaussichten ziemlich zweifelhaft sind. Man will nicht glauben, daß die russische Diplomatie ihre traditionelle Verschleppungstheorie verlassen hat und nur Zeit gewinnen will, um eine günstige Wendung der Dinge abzuwarten. Diese erscheint aber fast ausgeschlossen, da in der Mandschurei die russischen Chancen immer schlechter werden.
Die Japaner drängen erfolgreich vor.
So muß General Lenewitsch melden, daß der Feind' die Offensive gegen die Kavallerievorposten südlich der Eisenbahn ergriffen habe. Die Japaner, welche Verstärkungen an Infanterie und Kavallerie erhielten, vertrieben die russischen Vorposten nach Norden zu. In der Gegend von Hai- lungchep wurde ein russischer Kavallerievorposten im Tale bes TsinkheflusseH von den Japanern vertrieben. Frei- Nnlllge Jäger erschienen zur Verstärkung, doch diese gerieten bei Santtiatay in das feindliche Artilleriefeuer. Japanische Infanterie ist in den koreanischen Bergen gesehen worden. Die Japaner vertrieben ferner die Kosakensotnien der russischen Vorhltt.
Eine russische Schlappe
. âus Tokio gemeldet. Die Russen griffen nach einer amtlichen Depesche in Stärke von fünf Kompagnien mit
Kanonen am 26. d. Mts. die Umgebung von Chang- Hiatsen, 12 Meilen nordwestlich von Kroangpsing, an und wurden zilrückgeschlagen. Japanische Kavallerie besetzte am buchen Tage Kusiöng, 10 Meilen nördlich von Avongsyong un Norden Koreas.
Der
Rückzug der Russen auf Wladiwostok scheint beschlossene Tatsache zu sein. Dem Petersburger Generalstab zugegangene Nachrichten melden, daß die Zurückziehung von drei Schützenregimentern mit Kavallerie und Artillerie, im ganzen 12 000 Mann, auf Wladiwostok eine Folge des Vormarsches der 100 000 Mann starken ochsten japanischen Armee unter General Hasegawa ist.
Dis ^oliM.
* Eine Interpellation über den Stand der einheitlichen Deform der Personen- und Gepäcktarifc ist im preußischen Lpgcordnetenhauie eingebracht morden. Die Anträge wirb ^n den Abgeordneten Dr. Friedeberg und Freiherr von Zedlitz begründet werden.
* Die Vorarbeiten für das genehmigte Stück des Mittel- laridknnals sollen jetzt in Angriff genommen werden. Ani 1. ^i wird von bet Regierung ein besonderes Kanalbureau in Essen errichtet.
*
* Die Württembergs^ Kammer berät gegenwärtig über ne Verpigungsreform. In der lebten Debatte verwahrte M miste ^Präsident von Breitling die Regierung gegen den Vorwurf, daß sie sich in ber Verfassungssrage nach links entwickele. Die Regierung suche konservativen Ersgtz für die, misscheidenden Privilegierten in einer lebenskräftigen Gestaltung der Elften Kammer. Der Ministerpräiideiit erklärte sodann r ochmals, daß die Regierung an dem Zweikammersystem unbedingt festhalte, dafür aber die Umgestaltung der Zweiten Kammer in eine reine Volkskammer aufs loyalste durchführen werde. Dann werbe für Württemberg das freisinnigste Wahlrecht im ganzen Deutschen Reich bestehen.
* Um ’ne unbeschränkte Zulassung der VolkSschullebrer ;um T ioersitätsstudium will der preußische Lehrerverein petitionieren. Den Lehrern soll das Recht verliehen werden, nicht nur als Hörer, sondern als vollberechtigte Studierende sich, bei der philosophischen Fakultät eintragen zu lassen. Die Petition soll jedoch erst dann abgesendet werden, wenn die Beratungen über das SchulunterhaltungSge^etz zu einem gewissen Abschluß gekommen sind