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Samstag, den 29. April 1905.

14. Jahrgang

Nr. 100- Zweites Blatt.

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Ferusprechauschlnß Nr. 362.

Gie tzener

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Miielle Nachrichten

(Gießener Tageblatt) Unabhängige Tageszeitung (Gießener Ieitnng)

für DSerhefim und die Kreise Marburg und Wetzlar; Lokalauzeiger für Mchm und Umgebung. Entbält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen, des Großh. Polizeiamtes Gießen und anderer Behörden von Oberhessen.

Suum CDCjp.

(Politische Wochenscha uZ -

Die Fahrt des russischen Admirals Roschdestwensky nach Wladiwostok hat in der vergangenen Woche noch höhere Auf- mertsainkeit erregt als schon früher der Fall gewesen. Man sah seiner Vereinigung mit bem dritten Ostfeegeschwader, die ihm Ueberlegenheit über die maritimen Streitkräfte der Japaner geben würde, mit teilnahmevoller Spannung ent­gegen. Anerkennend sah man, wie er die besonderen Schwierigkeiten überwand, die für ihn in dem Zwang leigen, sich auf hoher See mit Kohlen zu versorgen und des­halb das Tempo der Bewegung nach der geringeren Geschwin­digkeit der begleitenden Kohlenlastschiffe zu richten. Seine Aufgabe, .das wußte man, ist für den Fortgang des russisch- japanischen Krieges überaus bedeiltungsvoll und Dieltet entscheidend. Kann er mit seiner Armada den Hafen von Wladiwostok erreichen, so ist, trotz aller seitherigen Erfolge des japanischen Landheeres, das russisch-japanische Gleich­gewicht in der Mandschurei wiederhergestellt. Das zurzeit noch bestehende numerische und taktische Uebergewicht der Japaner wird ausgeglichen und sogar zugunsten der Russen verschoben, wenn die Japaner nicht mehr das Meer beherr- sL-en, der Ersatz an Truppen und V^rinition für sie ins Un­gewisse gerückt wird, während die Russen durch die sibirische Bahn, zwar langsam, aber sicher, mit neuer Mannschaft und ncuenr Kriegsmaterial versehen werden. Der japanische Admiral Togo ist in der wenig beneidenswerten Lage eines Mannes, der genau weiß, daß er in kurzer Frist neuen Lor­beer gewinnen muß, will er den früher errungenen nicht un­widerbringlich verlieren. In ähnlicher Lage ist beinahe ganz Japan, und darum ist es begreiflich, daß man von Tokio aus mit etwas nervöser Eifersucht darüber wacht, es möchte aii keiner Stelle der russischen Flotte eine als Neutralitäts- brud) aufzufassende Erleichterung gewährt werden. Ms es bem Anschein hatte, daß bie Schiffe des Admirals Rosch­destwensky in der Kamranhbucht der Küste von Kochinchina zu nahe gekommen seien, kam sofort ein entschiedener Protest OM die Regierung von Frankreich, die sich auch beeilte, dea Borstellungen Japans nachzukommen und korrekteste Neu­tralität zu wahren, auch gegen das Interesse des russischen "Bundesgenossen.

Neutralität beobachten heißt alles vermeiden, was einem von zwei Streitenden zum Nachteil gereichen könnte. Damit ist der eine Teil der' Gerechtigkeitsforderung erfüllt; der andere Teil verlangt daß man jedem das Seine zuweist. Tas ist der altpreußische Wahlspruchsuum euique", der. streng genommen, das gauze Wesen der Gerechtigkeit in sich schließt. Das ist auch der Kern der deutschen Politik in allen auswärtigen Fragen. In dem Marokkostreit will Deutsch­land nichts anderes, als, gleiches Recht für alle. Es bean­sprucht keinen Vorzug für sich und mag keine Benachteili­gung dulden, nicht für sich und nicht für andere. Der Zu- iaH hat es gefügt, daß gerade jetzt zu tage kam, wie Frank­reich unter deroffenen Tür" freien Eingang nur für sich versteht. In Tripolis hat eine französische Gesellschaft unter Ausschließung aller übrigen Nationalitäten die Hafenarbei- teu, erlangt. .Kein Wettbewerb war ^ngelaffen. In Marokko

zielt ^ranrreich aus Das uomlrche Protektorat, auf ein zwei­tes Tunis. Dahin wird es nicht kommen. Den eigensüch­tigen Bestrebungen wird dassuum enigue" entgegen­gehalten, das jedem einenPlatz an der Sonne" gönnt. Noch ein kleines Zaudern und Sträuben, und man schickt sich auch in Frankreich in die Forderung, die ihm in diesem Falle unbequem sein mag, am letzten Ende aber für alle Welt sich wohltätig erweisen muß.

König Eduard von England hat der französischen Haupt­stadt einen abermaligen mehrtägigen Besuch gemacht. Er hat sich jeden offiziellen Empfang verbeten und kehrt in felbe Hotel ein, in dem er als Kronprinz oft Gast gewesen, .(lein Minister begleitet ihn. Ein einziges offizielles Diner wird ihm zu Ehren veranstaltet. Im übrigen bleibt er seinem Wunsch gemäß ungeniert, frei von allem amtlichen Apparat und Gepränge, bas ihn einengen und ihm die Bewegungs­freiheit nehmen würde. So kann auch die Versuchung nicht an ihn herantreten, den Rahmen der strikten Neutralität zu verlassen, der ihm in dem Marokkostreit die größte Be- quenilichkeit bietet. Besser denn je versteht es England, eine ganz eigene Art Neutralität zu üben. Wahrscheinlich hat man in England früher als anderwärts Japans aufstrebende Kraft richtig beurteilt. England zuerst Deutschland ist seinem Beispiel an zweiter Stelle gefolgt hat den Ja­panern das Zugeständnis der Aushebung der Konsular­gerichtsbarkeit gemacht und sich dafür den Bau der japa­nischen Kriegsflotte auf den englischen Werften bedungen. An der japanischen Kriegsflotte hat England schweres Geld verdient, und dann hat es noch die Freude gehabt, zu sehen, wie die Japaner auf ihre Kosten die russische Stille Ozean- Flotte zerstörten, wodurch Englands Flotte einen neuen Vorsprung ohne jeden eigenen Aufwand gewann. Will es das Geschick, daß Admiral Togo auch die zweite und dritte russische Flotte überrennt so wird in England der Wustsch nach Herstellung des Friedens in Ostasien zu kräftigstem Ausdruck kommen. Bis dahin bleibt England neutral.

Der 9?eutralität§gebanf'e in einem anderen Sinne, d. i. der bedingte Friedensgedanke, hat in Bulgarien festeren Boden gewonnen. Nicht weil man in Sofia sich freiwillig zu einer anderen Politik entschlossen hätte, sondern weil man dort erkannt hat, daß augenblicklich gegenüber bem festen Willen der europäischen Mächte, am Status quo nicht rüt­teln zu lassen, nichts auszurèckteu ist. Deshalb werden bie Bulgarenbanden aus Mazedonien zurückgewinkt. Man wird sie später brauchen können und will sich jetzt nicht veraus­gaben. Den Kretern wird die Rückkehr nicht so leicht. Sie haben sich zu weit vorgewagt. Allerdings nur mit groß­sprecherischen Resolutionen, die freilich auch nicht mehr ganz frisch, sondern aufgewärmt waren. Der Wortführer der Unversöhnlichen" unter den Kretern ist ein ehemaliger Rechtsanwalt, der eine Zeitlang der Ratgeber des Prinz- Gouverneurs Georg gewesen und aus Zorn über seine Ent­lassung sich zuVater aller Hindernisse" für den früheren Protektor herausgebildet hat.

Die furcht vor der Genickstarre.

(Von unsere nt medizinischen Mitarbeiter.)

Ein unheimlicher Gast ist in Oberschlesien cinge-

kehrt und hat auch bereits andenvärts angeklopft: eine ganz eigenartige epidemische Erkrankung, die Genick­starre genannt wird. Woher sie gefommen, wie sie entsteht, welche Heilmittel anzuwenden sind niemand weiß es. Vor hundert Jahren hat man sie zum ersten Male beobachtet, hat man ihren Verlauf festgestellt, ihr Bild genau um­schrieben. Dank der mobernen Bakteriologie hat man auch den eigentlichen Erreger erkannt: einen ganz bestimmten, von jedem anderen unterschiedenen Mikrokokkus, den sich in der das Rückenmark in Hüftwirbeln umgeben.den Flüssig­keit findet. Durch Lumbat-Punktion (Anbohrung der Hüst- wirbel) zieht man diese Flüssigkeit ab, in der der Mikro­kokkus schwimmt. Daß er der Erreger ist bot man durch Experimente erwiesen: Man legte Reinkulturen des Kokkus an und machte bei Versuchstieren Einspritzungen, tuoraiif die Tiere regelmäßig von Genickstarre befallen wurden und an ihr eingingen. Ueber diese Erkenntnis hinaus aber ist man nicht gefommen. Man kennt kein anderes Vor­beugungsmittel, als die Verhütung der Ansteckung denn die Uebertragbarkeit der Krankheit vom Menschen zunr Menschen, ihre Ansteckung^fähigkeit ist durch ihr epidenrisches- Auftreten bezeugt. Die Kranken werden tunlichst isoliert- das ist alles.

Was selbst diese Bekämpfung, nicht der Krankheit, son­dern ihrer Verbreitung, erschwert, ist der llmftanb, daß sie bei ihrem Entstehen nicht leicht zu erkennen ist. Ihre Jndizicn sind sehr unbestimmt. Jede leichte und schnell vorübergehende Unpäßlichkeit kann ungefähr die nämlichen Indizien haben. Begreiflicherweise ist es unmöglich- selbst in der Beschränkung auf die Orte, in denen eine aus­gesprochene Genickstarren-Epidemie bereits herrscht eine Isolierung aller in diesem SinneVerdächtigen" durch- zuführen.

Woher der.Krankheitserreger selbst Lommt, ist völlig im Ungewissen. Man ist ganz und gar auf Vermutungen an­gewiesen, die wiederum so allgemeiner Natur sind, daß sie als Fingerzeige fanm dienen können. Schlechte Wohnungs­verhältnisfe werden als Ursache angegeben aber es gibt sehr ungünstige Wohnungsverhälknisse, ohne daß die Genick­starre sich zeigt, während sie manchmal da aufkritt, wo die Wohnungsverhältnisse vergleichsweise günstig sind. Ferner nennt man die Bodenbeschaffenheit als Ursache doch noch niemandem ist es gelungen, zu sagen, welck)e Boden- beschaffenheit es ist die die Erscheinung der Genickstarre hervorruft.

Die Genickstarre zeigt sich nicht selten bei Kindern, nod) häufiger bei jungen Leuten von etwa zwanzig Jahren. Die Sterblickkeit erreicht dabei die erschreckende Höhe von 75 unter 100. Seltsamerweise ist die Genickstarre am häufig­sten in den Kasernen, bei den jungen Soldaten, beobachtet worden. Man hat sie ganz direkt eine Rekrutenkrankheit genannt.

Wir sagten oben, daß die Arznerwissenschaft bezüglich der Behandlung der GeniFstarre noch völlig im Dunkeln sich bewegt. Das bleibt zutreffend, obwohl ein Arzt (in New- york, lvo die Genickstarre «eit Monaten beinahe endemisch und zu ihrer Bekämpfung eine besondere medizinische Kom­mission eingesetzt ist) eine Behaiidlung mit Diphtherie«. Serum erprobt haben will. Gewiß wird dieser unerfreu-

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