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Nr. 254
Zweites Blatt
Samstag, den 28. Oktober 1905
14. Jahrgang
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für Oberheffen und die Kreise Marburg und Wetzlar; Lokalanzeiger für Gießen und Umgebung.
Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen, des Großh. Polizeiamtes Gießen und anderer Behörden von Oberhessen
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Mit auf geschlagenem Visier.
l Politische Wochenschau«)
Kaiser Wilhelm hat seinen Besuch bei dem König von Sachsen in Dresden zum Anlaß genommen, einen Rückblick auf die politischen Geschehnisse der letzten Monate und einen Ausblick auf die Zukunft zu werfen und einen Einblick in den inneren Zusmnmenhang der Dinge zu gewähren. Anknüpfend au Worte der Anerkennung, die der König von Sachsen für das Wirken des Reichskanzlers Fürsten Bülow gehabt hatte, zeichnete Kaiser Wilhelm in knappen, deutlichen Umrissen den Beginn der Marokkofrage und ihren Umschwung, den Versuch der Hintansetzung und Nichtbeachtung berechtigter deutscher Interessen und das Scheitern dieses Versuches an der Offenheit und Festigkeit der deutschen Politik, die aus aufgeschlagenem Visier jedem ins Antlitz sieht, durch aufgeschlagenes Visier die eigenen Züge jedem Gegenüber erkennbar macht. Ein vielverschlungenes Intrigenspiel war gegen Deutschland in Szene gesetzt worden, teils um das Fehlschlagen des Unterfangens zu verbergen, das an einem mächtigen Staat die üble Laune auslassen wollte, teils um einem Rivalen, dem man die eigenen schlimmen und hinterhältigen Absichten unterstellte, ablenkende und kräftezersplitternde Verlegenheiten zu bereiten. Mit aufgeschlagenem Visier ist Deutschland diesen Intrigen entgegengetreten und hat sie zunichte gemacht. Es hatte nicht nötig, seine Kraft zu gebrauchen; sie zu zeigen, war genug. Denn dem Gerüsteten glaubt man, daß er stark ist. Einen Tag später variierte der Kaiser dasselbe Thema bei einem Prunkmahl in Berlin inmitten militärischer Umgebung. „Das Pulver trocken, das Schwert geschliffen, das Ziel erkannt, die Kräfte gespannt und die Schwarzseher verbann t." Das war die Ergänzung der Dresdener Kaiserworte. Das Prunkmahl, bei dem sie gesprochen wurden, folgte der Enthüllung des Denkmals für den Generalfeldmarschall Grafen Moltke. Eine geeignetere Gelegenheit konnte es nicht geben. Denn Moltke war die Verkörperung jenes Spruches. Er hat wie kaum ein zweiter verstanden, in langwieriger und harter Arbeit alles für die Erreichung des fest ins Auge gefaßten Zieles vorzubereiten und nach beendeter Vorbereitung wortlos und furchtlos ans Werk zu gehen, mit aufgeschlagenem Visier dem Feind entgegenzutreten, der ihn hindern mollte.
Nicht alle Nachbarn, nähere und fernere, des Deutschen Reiches haben das deutsche Beispiel der Politik des aufgeschlagenen Visiers befolgt. Hier und da glaubte man besonders klug zu sein, wenn man neben der eingestandenen noch eine unèingestandene Politik begünstigte, die Schwenkung vorbereitete, während man nach einer anderen Richtung marschierte. Die englische Rögierung, soweit sie die Verantwortung trägt, hat nichts getan, was inkorrekt wäre oder auf eine feindselige Gesinnung deutete. Aber sie war nicht stark und nicht entichlossen genug, das Treiben unverantwortlicher Personen zu verhindern. Sie hat an Vertrauen dadurch nicht gewonnen, weder in der Fremde noch im eigenen Land. Obwohl im englischen Volk wie in jedem anderen die ck)auvinistische Neigung schlummert und leicht zu wecken ist, hat man jenseits des Kanals sich in erkennbarer Weise von den Freunden der politischen Intrige abgewandt, die verwegen und gewissenlos genug waren, vor der Anstiftung eines europäischen Krieges nicht zurückzuschrecken. Die gegenwärtige englische Regierung
bat in England selbst durch die von ihr mehr geduldete als bestimmte Politik an Popularität nicht gewonnen. Denn die natürliche Neigung des Engländers gehört dem auf- geschlagenen Visier, der Offenheit und der kraftbewußten, bewährten Ehrlichkeit, nicht dem hinterhältigen und zweideutigen Wesen.
Die größte moralische Eroberung hat die deutsche Polnrk des aufgeschlagenen Visiers in F r a n k r e i ch gemacht. Dort war es Ueberlieferung gewesen, die man pietätvoll ohne Prüfung übernahm, daß Deutschland schwarze Pläne hege, daß Patriotismus gebiete, mit Haß und Groll auf die Dogesengrenze zu blicken, und jeder Staat als Bundesgenosse willkommen sein müsse, der sich bereit zeige, ähnliche Gesinnung zu hegen. Gerade die Uebertreibung, die Delcass6 in dieser Richtung sich hat zuschulden kommen lassen, hat einen Umschlag hervorgerusen. Man ist in Frankreich zu her Erkenntnis erwacht, daß man dort nur zu wollen braucht, um Deutschlands zuverlässiger Freundschaft sicher zu sein, und daß das französisch-russische Bündnis kein Hindernis ist für freundnachbarliches aufrichtiges Einvernehmen im Westen des europäischen Routinent§. Man darf es den Franzosen nicht verübeln, daß es ihnen schwer geworden ist, von einem alten Vorurteil abzulassen. Das lange, heimliche Werben um Rußlands Gunst, die lange Heimlichkeit, in der Rußlands Bundesgenossenschaft sich hielt, hatte die angeborene Freude an ritterlicher Offenheit unterdrückt. Jetzt ist sie wiedergekehrt. Man atmet in Frankreich ordentlich auf, man ist wie von einem drückenden Alb befreit. Noch sind es schüchtern tastende Versuche, die man nach der neuen Richtung macht; aber nicht lange mehr, und die Politik des aufgeschlagenen Visiers wird keine eifrigeren Freunde haben als die Franzosen des zwanzigsten Jahrhunderts.
Das Gegenstück erblickt man in Oesterreich-Ungarn. Hier ist nichts offen als die Drohung, nichts unversteckt außer dem gegenseitigen Haß. Das Visier ist heruntergeschlagen, Pläne und Absichten werden sorgfältig verheimlicht. falsche Vorspiegelungen und Irreführungen sind die beliebtesten Mittel der hier geübten politischen Kriegskunst. Es ist ein klägliches und unwürdiges Schauspiel, Oer Ehre beider Teile abträglich. Mit der Gehässigkeit von Operettenverschwörern reisen Parlamentsführer und Minister zwischen Wien und Budapest hin und her, machen ernsthaft-verschlossene Gesichter und blinzeln mißvergnügt, wenn man ihr Gebaren lächerlich findet. Vollends unleidlich ist das demagogische Getue der magyarischen Aristokraten, die. sich auf die Gasse stellen, um dort Anhang zu gewinnen.
Ein trauriges Schauspiel bietet Rußland. Es schein^ fast, als sollte dort der letzte Akt einer Tragödie vor sich gehen. Eine nichtswürdige Beamtenwillkür, der das Vorbild der Bestechlichkeit von oben her gegeben war, hat den letzten Rest einer großen Volksgeduld erschöpft, jeden Glauben und jedes Vertrauen untergraben. Der heißen Forderung nach einer Volksvertretung, nach Oeffentlichkeit, nach Gerechtigkeit, nach Kontrolle wurde Verneinung und immer wieder Verneinung entgegengestellt. Und als endlich der Zar eine Reichsduma bewilligte, betrog die Beamtenschaft das Volk um den Wert dieser Gabe, indem sie die Freiheit der Wahl versagte und den Gewählten einen Maulkorb bereit hielt. „Geschlossenes Visier" — das war die ganze russische Negierungsweisheit. Und nun ist die Revolution gekommen, die gar kein Visier hat, die blindwütig um sich schlägt und alles verwüstet. In dem Lande, in dem es keine sozialen Rechte, nur soziale Vorrechte gibt, ist es zum Generalausstand gekommen, der den Krieg aller gegen alle, der
bas bürgerliche und wirtschaftliche Chaos bedeutet. Jie Eisenbahnen wurden zum Stillstand gebracht, der Telegraph $ $eu Dienst, Handel und Verkehr hörten auf. Die russischen Grenzen waren Plötzlich gesperrt, nicht durch irgend einen Befehl,^ sondern weil hinter diesen Grenzen Plötzlich das wirtschaftliche Leben aufgehört hatte. Ter Zar, so sagte wolle ins Ausland gehen. Von anderer Seite wurde die Meldung best^Len. In Wahrbe>t 6t wohl die Frage nicht, ob der Zar fließen will, so ^n ob er noch fliehen kann 1
Die Schatzkammer der 6rdc.
— Australiens Reichtum an Golderzen. —
„Nach Golde drängt, am Golde hängt doch alles" - der Dichter konstatiert mit diesen Worten eine Erscheinung des Lebens, deren Tatsächlichkeit noch keine Kulturepoche sich entziehen konnte. Wenn der erhabene Olympier bon der Höhe seiner Weltanschauung aus auch dieser Sucht nach dem roten StaiE fo§ Signum einer bedauernswerten Unvvll- kommenheit d^s Menschengeschlechts aufprägte, so wurde dadurch der Macht des Goldes keineswegs Abbruch getan. „Ach, wir Armen" jagen ohne Aufhören nach dem gleitenden Metall, für das sich der Welt heiß umstrittene Güter — wenigstens die materiellen — erkaufen lassen.
Die Frage nach den Schatzkammern, in denen Mutter Natur das begehrte Mineral aufgespeichert hat, lenkt in unseren Tagen zunächst den Blick auf Australien. Welch ungeheure Reichtümer das Festland von Australien an Gold beherbergt, geht daraus hervor, daß der Geldgewinn dieses Gebietes im Jahre 1903 fast 326 Millionen Mark betragen hat. Gegen das Jahr 1902 war eine Steigerung von rund 30 Millionen Mark zu verzeichnen. Der australische Gold- bergbau hat mancherlei Schwankungen erfahren. Im „goldenen Zeitalter" Australiens, wie das Jahrzehnt 1851—60 genannt wird, erreichte die Goldausbeute die ungeheure Summe von zwei Milliarden und 138 Millionen Mark. Ein Tiefstand trat im Jahre 1886 ein, denn damals erzielte der Goldbergbau nur einen Gewinn von knapp 90 Millionen Mark. Seitdem ist ein regelmäßiger Aufschwung zu verzeichnen gewesen, der hauptsächlich durch die Entdeckung der strotzenden Goldlager von Westaustralien herbeigeführt worden ist. Auch das „goldene Zeitalter" ist jetzt geschlagen, denn in dem Jahrzehnt bis Ende 1903 betrug der Wert der Goldproduktion erheblich über 2,75 Milliarden oder genauer 620 Millionen mehr als in jenem berühmten Jahrzehnt.
In der Geschichte des gesamten Goldbergbaues der Erde gibt es keine Parallele für diesen Aufschwung. Jeder der australischen Staaten hat daran mitgearbeitet. Bis Ende 1903 betrug die Menge des im Staate Victoria aus der Erde gezogenen Goldes etwa 66% Millionen Unzen im Wert von 5336 Millionen Mark oder mehr als die Hälfte des Gesamtwertes der Goldproduktion von ganz Australien, der auf rund 8602 Millionen zu veranschlagen ist. An zweiter Stelle steht, wenn der Gesamtbetrag seit Beginn der Goldgewinnung in Anschlag gebracht wird, Queensland mit etwas über 1166 Millionen, dann folgen Neu-Südwales mit 1018 Millionen, Westaustralien mit 964 Millionen und ferner in weitem Abstand Tasmanien mit 110 und Südaustra- lien mit 51% Millionen Mark. Goldhaltige Quarzriffe haben ihre größte Verbreitung in Victoria, wo einige Minen bereits eine sehr erhebliche Tiefe erreicht haben. Im be-
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