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: 1905.

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Nr. 254

(chr-ße«ee Gagevtatt)

Erstes Blatt. Samstag, den 28. Oktober 19u5.

S^ertt««SPreiS i Die einspaltige Petitzeile für ganz Ober- Men, die Kreise Wetzlar und Marburg 10 Pfg. sonst 1b Pfg. Reklamen die Petitzeile 30 resp. 40 Pfg.

Redaktion u. Haupterpedition: Gießen, Seltersweg 83.

Aer,sprecha«schl«st Rr. 368.

Neueile Na

für Oberhessen und die Kreise Marburg und Wetzlar; Lokalanzeiger für Gießen und Umgebung. Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen, des Großh. Polizeiamtes Gießen und anderer Behörden von Oberhessen.

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Das Revolutions-fieber in Russland.

Ueber alles Erwarten schnell spitzt die Lage sich zu. Der wirtschaftliche Ausstand ist zum politischen Aufstand ge­worden. Schon wird stellenweise offen die Republik aus- gernfen. Scharf stehen sich die Parteien gegenüber, und der Kampf droht ein harter zu werden.

Die Regierung hat ihre Entschlossenheit wiedergefunden, Trepow hat die Macht, und er nutzt sie rücksichtslos.

Keine Patronen schonen!

Mit außerordentlichen Vollmachten ist Trepow, der Generalgouverneur von Petersburg, versehen. Ev hat die Koinmandeure aller ihm zur Verfügung stehenden Regi- .meuter versammelt und ihnen scharfe Weisungen erteilt. Seine Anordnungen sind in einer Bekanntmachung der Be­völkerung übermittelt worden, die in einer Meldung aus Petersburg wie folgt wiedergegeben wird:

Etwaige Versuche zu Unruhestiftungen werden unver­züglich aifts energischste unterdrückt werden. Falls dabei Volkshaufen Widerstand leisten, werden die Truppen und hie Polizei gemäß meinem Befehl nicht anfänglich blind, sondern sofort scharf schießen und keine Patroiwm schonen. Ich gebe dies bekannt, damit feder, der sich an , Ansammlungen zu Unruhestiftungen beteiligt, weiß, was er zu erwarten hat, die besonnene Bevölkerung aber den Unruhen fernbleibt.

Aber auch die Revolutionäre organisieren sich. Es bringen nur unvollständige Nachrichten durch. Aber tvas wir erfahren, läßt erkennen, wie weit das Aufstands-Fieber die Messen ergriffen hat.

Gewalt wider Gewalt!

Ueberall finben Massenversammlungen der Aufstän- dischen statt. Besonders in den Universitäten finden sich die Anhänger der Revolution zusammen. In der Peters­burger Universität waren an 20 000 Menseln versammelt, barunter Angehörige aller Stände und Berufe. Die Redner forderten die Anwesenden auf, die Lage durch Anwendung von Waffengewalt zu klären. Tie bisherigen teilweisen Ausstände hätten sich zu einem gewaltigen vereinten Aus­land des russischen Volkes entwickelt. Dieser Generalaus­stand aller sei die Revolution. Man habe von feiten der Regierung die Waffen gegen das Volk angewandt. Nichts könne mehr helfen, die Lage zu klären, als die Anwendilnq von Waffengewalt auch seitens des Volkes.

In Charkow verhandelten die Aufständischen und die Regierungsgetvalt wie zwei gleichberechtigte kriegführende Mächte. Sie hatten sich in der Universität richtig ver- ßhvnzt. Acht Barrikaden wurden aus Pflastersteinen, Tclegraphenpfählen, Draht gebildet. Die ganze Universi­tät toar in eine große Festung verwandelt. Nach ein^r tangeren Beschießung verhandelte der Wohlfahrtsausschuß mit dem General Mau, dem Führer der Truppen. Dieser gewahrte freien Abzug ohne Waffen, und die Aufständischer gingen darauf ein.

Sln vielen Orten ist es bereits zur Katastrophe ge- \^^^ Telegraphlsche Meldungen aus Petersburg 96^511 Bild:

~ volksmnigk bricht in dir Läden ein und 6eflL.nl b'uudcrn nn» M brennen. In Warschn» herrschen nroße Feuersbrünste. Die Lebensmittel steigen rapid im greife. Ueberall droht Kohlenmängel. Die Kranker leiden unter btm Mangel an Arzneien. Die Lcituna bei sozialrevolutionären Partei hat den Verkauf von Feuer warfen an die Ausständigen organisiert; zu jedem Gewchi werden Patronen abgegeben.

Unb nun beginnt die letzte Säule, die das Staatsleb^r und das Zartum stützt, ins Wanken zu geraten. Selbst unter Polizisten machen sich Schwierigkeiten bemerklich.

Die Armee wird schwierig.

r ^L^ ^ Aerzte, Advokaten und die sonstigen ge.

Berufe, auch die Beamten der Staatsbahn schließen (ich der Bewegung an, and) unter den Offizieren nimmt die ®. Zu und selbst unter den Kosaken kommen wieder Falle von Weigerung, Polizeidienste zu tun, vor. Wie früher ist auch diesmal die Marine voran. Es wird darüber in einem Petersburger Telegramm berichtet:

. Auf den Maiine-Werkstättcn sind die Arbeiter bei den 'm Van begriffenen neuen Kriegsschiffen in den Ausstand getreten. In Sewastopol ist derKnäs Potcmkin" durch Fei, er zerstört. Auch ans anderen Schiffen der Schwarzen -..ccr-Fiotte herrscht Meuterei.

^^ Ai« Meldungen bieten nur Einzelheiten aus dem Silbe des furchtbaren Durcheinanders, in das S-e^ttl?^? Zustande gestürzt sind. Die Störung der man-te,h^ 'st 'm Zunehmcn begriffen, so daß ; ' 0l mese Emzelmeldnngen angewiesen ist. Allein sie «sie» tue Katastrophe deutlich erkennen. 1 NN» M :"m"^vischen erschienenes Manifest des Zaren, das X® Versammlungsfrccheit bringen soll, noch Erfolg " ^'rd, ist um so mehr fraglich, als dabei zwölf Punkte

Hlnaöhängige Tageszeitung

utt Beschränkungen die (Nvähl eit Ne' te stark illusorisch sacken. Selbst Witte, auf bc;i alles baut, n:ag am Ende w Uit kennen,

politische Rundschau.

Deutsches Reich,

* Zwischen dem Kaiser und dem Fürsten Leopold zur Lippß wurden nach dem Schiedsspruch des Reichsgerichts Tele- Bramme ausgetauscht. Fürst Leopold telegraphierte an den Raifer bei der Regierungsübernahnre:

Eurer Majestät gestatte ich mir in Ehrerbietung mit« zuteilen, daß ich auf Grund der heute abend verkündeten Entscheidung des Schiedsgerichts die Regierung des Lan- des übernommen habe. Es wird mein vornehmstes Be­streben bleiben, bem Reiche stets ein treuer Bundesfür^ zu sein. Leopold Fürst zur Lippe.

Die Antwort des Kaisers lautete:

Euer Durchlaucht bestätige ich gern den Empfang Ihrer Mitteilung, da Sie auf Grund des Spruches bei Schiedsgerichts die Regierung des Fürstentums Lippr übernommen haben. Es erfüllt mich mit Befriedigung, daß damit der Thronstreit seine Erledigung gefunden hat. Möge Eurer Durchlaucht eine lange Regierung zum Segen Ihres Landes und im Einklang mit den Interessen bei Reiches beschieden sein. Wilhelin I. R.

Ani 4. November soll der Landtag des Fürstentums Lippe-Detmold durch den Fürsten Leopold mit einer Thron­rede eröffnet werden.

* Mehrere schwere Gefechte in Tentsch-Ostafrika haben unsere Truppen wider die Aufständischen zu bestehen ge­habt. Die Zusammenstöße endeten ohne Ausnahme erfolg­reich für die Teutschen. Eine Patrouille von zehir See- soldaten und fünf Askaris wurde in den Matumbi-Bergen Lion mehreren hundert Aufständischen hartnäckig angegriffen Viele Angreifer fielen, zahlreiche Waffen wurden erbeutet Hauptmann von Wangenheim hat eine Reihe schwerer Ge­sichte gegen Vidunda und Wabungu gehabt. Der Fein! erlitt starke Verluste. Der Telegraph nach Tabora-Mllanzo funktioniert wieder.

*

* Die in Koblenz tagende Vereinigung südwest-deutschel Handel^konunern beschäftigte sich mit der geplanten Per. sonenterif-Reform und nahm eine entsprechende Resolutiov an. Es heißt darin, die Vereinigung bezeichne die vorge­schlagene Personentarifreform als eine geeignete Grundlage um auf ihr an der Verbesserung und Verbilligung unseres Personenbeförderungswesens weiterzubauen. Diese Zustim­mung hindere die Vereinigung jedoch nicht, dem Wunsch« Ausdruck ',ii geben, daß der Schnellzugszuschlag auf di« D= und L^Sfige beschränkt bleibe, und die jetzige Einrich hing des Freigepäcks beibehalten werde, ober doch eine Er­mäßigung der unteren Gewichtsstufen eintrete.

*

* Der Landtag des Krsnlandes Salzburg nahm ein­stimmig einen Antrag des Verfassungsausschusses an, bei die Regierung auffordert, durch entschiedenes Eintreten füi die deutsche Armeesprache und gesetzliche Festlegung bei deutschen Staatssprache dem drohenden Zerfall Oesterreichs zu begegnen.

Norwegen»

** An den Präsidenten des norwegischen Worthings rich tete der König von Schweden ein Schreiben, in dem er den Verzicht auf die Krone Norwegens ausspricht. Der König wünscht dem norwegischen Lande und Volke alles Gute uni dankt allen, die ihm während der 33 Jahre seiner Regierung in Norwegen treu gedient hätten. Die Ablehnung des Aw gebots, einen Prinzen des Hauses Bernadotte für die. nor- wegische Krone vorzuschlagen, begründet der König mit der Worten:In Anbetracht der Wendung, welche die Be­ziehungen der beiden Länder zu einander genommen haben kann ich nicht glauben, daß es für das Glück, sei es Schwel dens oder Norwegens, nützlich wäre, wenn ein Prinz meines Hauses eine Wahl zum König Norwegens annähme. Jv beiden Ländern würde es sicherlich nicht ausbleiben, daß ein Mißtrauen sich erhöbe, das sich ebenso gegen ihn wie gegen mich wenden würde."

Portugal,

** In den portugiesischen Kolonien ist es zu schweren Kämpfen mit den Eingeborenen gekommen. Die portu- giesischen Truppen bemächtigten sich trotz heftigen Wider­standes von etwa 3000 Eingeborenen, die aus einem Hinter­halt heftig schossen, eines Kraals bei Quissango, wobei zahlreiche Eingeborene getötet wurden. Eine portugiesische Abteilung rückte vor in der Absicht, einen anderen im Ge- birge etwa 800 Meter hoch gelegenen Kraal bei Quissango zu nehmen. Die in fünf Stellungen verschanzten Ein, geborenen schossen von der Höhe herab. Der Kraal wurde nach fiebenftünbigem Kampfe endlich durch Sturm ge* nommen. 200 Eingeborene und drei Portugiesen wurden getötet, zwölf Portugiesen verwundet.

14. Jahrgang

Ädo«»emd»t-preiS: abgehoU monatlich 50 Vfb-, in'ö HauS gebrachl «0 Pfg., durch die Post bezogen vierteljâhrl. Mk 1.50.

Gratisbeilage«: Qberhesfische Familie«zeitu«g (tSglich) und die Gieße«er Eeife«blasc« (wöchentlich)

Das Plan erscheint an alle« Werktagen nachmittags.

(Hietzener Zeitung)

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MsÄm England And Deutschs machte Staatssekretär Brodruck zum (^egenftanbe einer i merkenswerten Rede, die er in Guitdssord hicu Der otaatsfefretar sagte, es gebe keinen Gegenstand des Streits zwr hen den Regierungen von Deutschland und England, nichts, was zwischen England und seine freundschaftlichen Beziehungen zu Deutschland treten könne. Gute Beziehun­gen zwischen beiden Ländern seien vorteilhaft und wichtig Brodrick spielte weiter auf die Worte Roseberys an, daß die Polemiken gegen Deutschland nicht die wahren Gefühle aus- diilckten, die beide Völker für einander hegten, wenn sie vielleicht auch die Ansichten einiger Mitglieder ihrer Regie­rungen zum Ausdruck brächten. Es dürfe keine Zeit ver­loren werden, um das auszusprechen, was er mit allem ihm Zu Gebote stehenden Nachdruck betonen möchte, daß zwi­schen beiden Regierungen keinerlei persönliche Stimmungen herrschen können. Er sage noch weiter, daß keinerlei uner­ledigte Rrage irgendwelcher Art zwischen den beiden Regie, rilngen bestehe und daß nichts vorliege, was eine Animosi- tat zwischen ihnen Hervorrufen könnte. Gutes Einverneh­men mit den Nachbarn, welche Sprache sie aud^ sprechen, fei notwendig und wünschenswert. Alle Gerüchte von Miß­verständnissen müßten beseitigt werden, ebenso wie die Mär­chen von dem Plan eines Einfalles von 100 000 Soldaten in Schleswig-Holstein unb von völlig grundlosen Angriffen, die wohl dazu bienen. könnten, die Feder gewisser Männer von der Treffe zu reizen, die aber von jebem verantwort­lichen Staatsmanne kurzerhand zurückgewiesen würden.

Hfrika. '

* *

Abermals chat ein Zwischenfall französtsch-marokka- Nische Verstlmmitngkn bervorgerufen. Raisuli nahm einen

unter französischem Schutz siebenden Araber in seiner un­weit Tangers gelegenen Wohnung gefangen. Der Ver­treter des Sultans Mobammed el Torres sprach Raisuli seine Mißbilligung darüber aus und forderte ibn auf, den Gefangenen sofort freizulassen. Die französische Gesandt- schaft unternahm sofort Schritte am Sultanshofe.

F)of und Gesellschaft.

*** Der Kaiser beauftragte den demscl-en Botschafter in Paris, Fürsten Radolin, dem Präsidenten Loubet seinen Tank zir übermitteln für die ihm aus Anlaß der Verlobung des Prinzen Eitel Friedrich von Preußen auâgeiprod)enen GMwünsche.

Soziales Leben.

=+= Die Bewegung in der vogtländischen Stickereibranche, In der letzten Vorstandssitzung des Vereins der Loynschiis- cheumaschinen-Besitzer zu Plauen wurde mitgeteilt, daß der größte Teil der Fabrikanten den Tariflohn anerkannt hat und ein beträchtlicher Teil bereits die höheren Löhne ohne schriftliche Aeußerung zahlt. Sonach ist anzunehmen, daß es am 10. November nicht zum Stillstand der Maschinen kommt.

4= Bessere Arbeiterwohnungen. Der Stuttgarter Ge- meinberat beschloß, dem Verein für das Wohl der arbeiten­den Klassen zur Sanierung der Altstadt ein Darlehen von vier Millionen aus dem Reservefonds der städtischen Spar­kasse zu gewähren.

4= Deutscher Saalbesitzer-Verband. Tie in Berlin ver- fammelten Inhaber von öffentlichen Sälen und Konzert­lokalen haben die Gründung eines deutschen Saalbesitzer- Verbandes beschlossen. Der Vorstand des Teutschen Gast- wirte-Verbandes bekämpfte die Neugründung, da sie ge­eignet sei, Zersplitterung, Uneinigkeit und andere schlinime Folgen zu zeitigen. Die Mehrheit der Versammlung aber entschied sich für die neue Vereinigung.

=l= Praktische Arbeiterfürforge. Tie größte der in Del­menhorst befindlichen Linoleumfabriken stellt ihren Arbei­tern nicht nur während der Arbeitszeit kalten und warmen Kaffee zur Verfügung, sondern ermöglicht ihnen auch einmal wöchentlich eine billige Fischmahlzeit. Die zu 27 Pfennig das Pfund in Geestemünde eingekauften Seefische gibt sie zu 10 Pfennigen das Pfund wieder ab.

4= Eisenbahner-Bewegung in Böhmen. Auf der Prag- Ouyer Eisenbahn zeigt sich Streiklust unter den Angestellten. Tie Verschieber auf den Kohlenstrecken der Staatsbahn und L jr Nordwestbahn sind in Lohndifferenzen geraten. Es wird zwar bestritten, daß schon ein Streik ausgebrochen sei, doch sind in den letzten Tagen große Zugverspätüngen im Duxer L ^hlenrevier an der Tagesordnung.

4= Internationale Arbciterschntzverträge. Die österrei- r i sch-ungarische Regierung erklärt sich im Prinzip einver­sanden mit der vom schweizerischen Bundesrat gegebenen Anregi'.ng megen Einberufung einer diplomatischen Kon-, fjia.j zur Umwandlung der Beschl 'sse der Berner Arbei. er- T"Nz^nf'"^' L iuteruT'.. ...... »wtv'T. . 1