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Nr. 333.

Mittwoch, den 27. Dezember 1905

14. Jahrgang

3MMetti**Oitiit Die einspaltige Petit-eile für ganz Ober* **, die Kreise Wetzlar und Marburg 10 Pfg- sonst 16 Pfg. Reklamen die Petitzeile 30 resp. 40 Pfg.

Miktion u. Hauptexpeditton: Gießen, Seltersweg 88.

Aernsprechanschlnß Nr. 362.

Ab»»«e»e«t»pretS: abgeholt monatlich 50 Pfg., in'S Haas gebracht 60 Pfg., durch die Post bezogen vierteljâhrl. Mk. 1.60, Gratisbeilage« : Qberhesfische Familienzettung (täglich) und die Gießener Seifenblasen (wöchentlich).

DaS Blatt erscheint an allen Werktagen nachmittag-.

(chießener G^gevlatt)

Maöyängige Tageszeitung

(Gießener Deiknng)

für Oberheffen und die Kreise Marburg und Wetzlar; Lokalanzeiger für Gießen und Umgebung.

Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen, d^s Großh. Polizeiamtes Gießen und anderer Behörden von Oberheg«.

Zwischen den festen.

Die Zeiten sind vorüber, sind längst ins Fabelbuch ge­schrieben, in denen der wackere Bürger sagen konnte:Nichts besseres weist ich mir an Sonn- und Feiertagen, als ein Gespräch von Krieg und Kriegsgeschrei, wenn hinten, weit in der Türkei die Völker aufeinanderschlagen." Die Welt mag kleiner geworden sein oder unser Gesichtskreis größer jedenfalls ist unsere Empfindlichkeit gewachsen. Wir fühlen inst der ganzen Erde mit, die kaum noch einen isolierten Winkel hat. Die Türkei liegt garnicht mehr weit hinten, und Marokko ist vor unserer Tür. Man habe Freude an der Weltpolitik oder verabscheue sie, man kann unter keinen Umständen an ihr vorbeikommen. Jeder Tag ist von ihr an= gefüllt, sodaß man von Herzen wünscht, es möchte doch endlich einmal nichts neues geben. Das wäre eine er= frischende Neuigkeit, bei der man aufatmen könnte. Gerade die Gegenwart bat soviel Unerfreuliches gebracht, daß die bloße Pau'e schon eine Erholung wäre und eine Erquickung.

Die Pause ist eingetreten, sie hat sich aufgezwungen unb -er ermüdeten Menschheit sich als ein Weihnachtsgeschenk dargebracht. Natürlich geht sie vorüber; aber den Gottes­frieden, den sie bringt, wollen wir froh genießen. Sie re'cht vom Fest zum Fest, von Weihnachten bis Neujahr, durch die ganze Woche des lichterglänzenden Tannenbaumes. In Frankreich spricht man von einemZuckerbäckersrieden". Dort ist es Brauch, beim Jahreswechsel Konfiserien zu verschenken, Leckereien in zierlicher Verpackung. Den Zuckerbäckern müssen die wenigen Tage vor Jahresschluß den Bedarf fast des ganzen Jahres bringen. Für sie würde eine Störung der öffentlichen Ordnung in dieser Zeit den Ruin bedeuten. Darum heißt es von ihnen, daß sie den Frieden zum Jahreswechsel verbürgen, daß sie ihren ganzen Einfluß zu seiner Erhaltung einsetzen. Sie haben auch diesmal wieder erlangt, daß die Tagesvorgänge selbst gleichsam unter der Erdoberfläche verschwunden sind. An Marokko wird nicht gedacht, mit keiner Silbe wird daran erinnert, daß nur wenige Wochen von der Neuwahl eines Staatsoberhauptes auf sieben lange Jahre trennen. Die Parteien geben sich den Anschein, ihre eignen Kandidaten nicht zu kennen, und die Kandidaten verhehlen ihren Ehrgeiz. Herr Doumer, Präsident der Depu­tierten kammer, ist in dem Eifer, sein Anwärtertum auf die Präsidentschaft der Republik zu verstecken, so weit gegangen, daß er sich dem König Eduard von England vorstellen ließ. Wissentlich beschwor er die Gefahr herauf, daß man hierin den Versuch einer fremden Einflußnahme auf den Kongreß und seine Wahl erblicken könnte, blos damit er sagen dürfe, er habe sich selbst nicht als Kandidaten angesehen.- Sehr stolz ist derZuckerbäckerfrieden" ja nicht, aber es ist doch ein Frieden, und das ist die Hauptsache. Nicht einmal Herr Nonvier hat etwas dagegen einzuwenden, daß seine pathetische Rede über die Marokkofrage so schnell der Vergessenheit an­heimgefallen ist. Ihm genügt es, daß einstweilen die Sorge um sein Portefeuille von ihm genommen ist. An wen man in Frankreich am wenigsten denkt, von wem man am wenig­sten spricht, das ist Herr Loubet, der sieben Jahre hindurch die Republik nach innen und außen vertreten, mit würdevoller Geräuschlosigkeit gewaltet hat und mit würdevoller Geräusch­losigkeit zurückiritt. Nicht einmal Senator will er werden, nur ein schlichter Bürger sein. Darin liegt eine gewisse Größe, die in Frankreich vielleicht noch seltener zu finden ist als anderwärts. Daß er in Gottesfrieden aus seiner hohen Stellung scheidet ist ihm die beste Genugtuung.

Ganz merr.würdig ist die Art, wie sich der Umschwung der Beziehungen und der Stimmung zwischen Deutschland mnd England vollzogen hat. Plötzlich, über Nacht, vollständig. Es kann keinen bessern Beweis geben, daß die vorige Miß­stimmung ein Kunstprodukt war, das Ergebnis einer Ver­hetzung, der ein fremder Plan zu Grunde lag. Mißverständ­nisse können überall vorkommen und kommen überall vor Auch zwischen Deutschland und England hat es im Laufe der Jahre nicht daran gefehlt. Ale vom Mißverständnis zur Verfeindung ist ein weiter Weg, und für die Feindschaft gab es keinen Grund. Ein Teil der englischen Presse hatte einen förmlichen Sport damit getrieben, Erregung gegen uns zu schüren. Auf englische Anstiftung war das nicht geschehen, i sonst hätten die gegenteiligen Bemühungen nicht so schnellen i und so vollständigen Erfolg haben können. Gerechtigkeit ver­langt, anzuerkennen, daß von englischer Seite die Gegen- bewegung ausgegangen ist unb daß die Gehässigkeit sofort verstummte, als jenseits des Kanals unabhängige Männer von Ansehen auftraten, um zu bezeugen, daß sie keinen Teil hätten an jenen bösartigen Versuchen, Unfrieden zwischen verwandten und traditionell befreundeten Nationen zu säen, ^ir haben gern und mit ganzem Herzen zugestimmt, aber >uir kamen doch erst in zweiter Linie. Wir haben alle Ur- l fache, dessen froh zu sein. Hier ist nicht ein Gottesfriede hergejiellt worden, den ein stärkerer Wille Widerstrebenden auferlegt hat, sondern hüben und drüben haben wir uns auf alte, ehrliche, rückhaltlose Freundschaft besonnen. Die Art, wie es geschehen ist, bildet eine Bürgschaft dafür, M es heimlichen Widersachern nicht so leicht gelingen wird, Verstimmung hervorzurufen und Mißtrauen zu wecken.

Nicht ohne Sorge blicken wir auf die Stammesgenossen ^^ baltischen Provinzen Rußlands. Eine freventlich auf- ^adjelte bäuerliche Bevölkerung bedrängt die baltischen

Deutschen in verbrecherischer Weise. Reichsangehörige sind dort bisher am Leben nicht bedroht worden, und für der russischen Staatsangehörigen Sicherheit zu sorgen ist aus­schließliches Recht der russischen Regierung. Solange diese nicht Hilfe erbittet, wäre Hilfe ein unbefugter Eingriff. Das darf man bedauern, aber man kann es nicht ändern. Den Fliehenden Gastfreundschaft bieten, den wirtschaftlich Zusammen­brechenden Unterstützung gewähren, das ist unser Bruderrecht. Darüber hinaus darf die Regierung nicht gehen. Sie hat Passagierdampfer in die russischen Häfen geschickt und wird das im Bedarfsfall wieder tun. Aber Kriegsschiffe zu ent­senden, wie wohlgemeinter Uebereifer geraten hat, wäre vom Uebel. Sollen diese Kriegsschiffe vielleicht Riga beschießen, um das Zerstörungswerk der Revolution dort zu beenden? Oder sollen sie Mannschaften landen, um die Revolution 311 bekämpfen? Diese Fragen stellen, heißt sie verneinend beant­worten. Wir können nur von Grund unserer Seele wünschen und die Hoffnung hegen, daß unseren Stammesgenossen zwi' ' und Fest wenigstens Gottessriede beschert sein ^e, .au. " neu aufatmen und frische Kraft gewinnen zur Führung bt. Kampfes, der ihnen aufgezwungen worden ist

politische Rundschau.

Deutsches Reich«

* Weitere Schritte zur Anbahnung freundlicher Be­ziehungen zwischen England und Deutschland werden von mehreren Seiten geplant. Die Handelskammer zu Berlin pant eine Kundgebung in diesem Sinne. Die Kammer wird am kommenden 15. Januar in ihrem Amtsgebäude ein Festmahl veranstalten, das dazu dienen soll, vom Standpunkt des Handels und der Industrie Deutschlands dem Gedanken der Verständigung Ausdruck zu geben. Zur Teilnahme an der Vereinigung, zu welcher der englische Botschafter sein Erscheinen zusagte, werden Vertreter deutscher Handelskammern sowie Ver­treter der hervorragendsten englischen Handelskammern aufge­fordert werden. Ferner ist, wie bestimmt verlautet, der Plan angeregt worden, den Lordmayor von London und andere an­gesehene Mitglieder der Londoner städtischen Körperschaften seitens des Magistrats von Berlin einzuladen, der Reichs­hauptstadt im nächsten Jahre in corpore einen Besuch ab­zustatten. Der Berliner Magistrat soll der Idee sehr freund­lich gegenüberstehen und sich gegenwärtig mit der vorbereiten­den Frage bejchäfligen. Beim Zustandekommen werden wahr­scheinlich auch Lord Avebury und Sir Thomas Barclay, die seit einem Jahre unermüdlich an einer Besserung der deutsch- englischen Beziehungen arbeiten, eine entsprechende offizielle Einladung seitens des Oberbürgermeisters, des Magistrats und der Stadtverordnetenversammlung erhalten. Als Zeit­punkt für den Besuch ist vorläufig der Monat Juni in Aus­sicht genommen.

0 Die Pleitesten der Berliner Kaufmannschaft hatten dem Reichskanzler Fürsten Bülow von der Resolution zu­gunsten eines freundschaftlichen Einvernehmens mit England Kenntnis gegeben. In seiner Antwort erklärt der Reichs- kanster, daß er von der Kundgebung mit lebhaftem Interesse und großer Genugtuung Kenntnis genommen habe und daß die Bestrebungen seiner wärmsten Sympathie gewiß sein könnten.

Belgien»

* * Da die Pforte die Auslieferung des zum Tode ver- urteilten Attentäters Joris, der belgischer Staatsangehöriger ist, verweigert-hat, wird Belgien die Jntcrvent on der europä­ischen Signatarmächte annnen. Die Pforte steht auf dem Standpunkte, daß Verbrechen gegen das Leben des türkischen Staatsoberhauptes nicht unter die Bestimmungen des bezüg­lichen Vertrages fallen.

frankreich»

Die Spionenfurcht grassiert. Es ist sehr bezeichnend, daß in Frankreich die Entdeckung deutscher Spione wieder anhebt. So hat man in der Nähe von Belfort einen Tage­löhner Milian aus Mülhausen verhaftet unter der Be­schuldigung, daß er Pläne des Forts Deffoncourt beschafft habe. Ferner sind in Marseille zwei Deutsche, ein Herr Georg Wolff und sein Sekretär Ludwig Wiege, scstgenommen. Auch an der ganzen Küste von Algier ist man auf der Jagd nach deutschen Spionen.

Russland»

Nach einer Meldung des Generals Lenewitsch ist die Hälfte der Maudschuret-Armee in Empörung. Die Reservisten fordern die sofortige Rückkehr in die Heimat. Der General erklärt, er könne gegen die revolutionäre Propaganda in der Armee nicht mehr an rümpfen. Das Bureau der politischen Polizei in Moskau wurde durch Bombenwürfe zerstört. Das neue Wahlgesetz zur Reichsduma soll zum russischen Weihnachtsfeste proklamiert werden.

Msieno

* * Für die Gestaltung der Verhältniffe Ostasiens sind die Bestimmungen des chinesisch-japanischen Vertrages von großer Bedeutung. Nach dem Wortlaut des Vertrags willigt China in die Verpachtung der Liaotung-Halbinsel an Japan und gesteht Japan die Kontrolle der Eisenbahn auf der Halb­insel bis Tschangtschmi zu. Ferner gewährt die chinesische Regierulig der japanischen das Recht, eine Bahnlinie von Anluitg am Jalil bis.Ntukden zu bauen. Dabei ist vorge­

sehen, daß China nach Ablauf einer gewissen Frist die Bahn zurückkaufen kann. China erklärt sich bereit, dem Handel der Welt fechszehn der hauptsächlichen Häfen und Städte in der Mandschurei zu öffnen. Unter diesen Städten ist Chardin eine der wichtigsten.

In Japan ist das Entlaffungsgesuch des Mi­nisteriums Katsura erfolgt. Der Mikado hat das Gesuch nicht angenommen, bis Komura aus Peking zurückgckchrt ist Als Premierminister fungiert inzwischen Marquis Saionje. Aus Katsura sollte ein Attentat gemacht werden. Bei einem früheren Soldaten fand man eine Bombe, mit der er den Minister töten wollte. Das Attentat sollte nach dem Ge- ftänbniffe des Soldaten eine Demonstration gegen den Friedens­schluß sein.

Dos und oeieiifchaft.

* % Der Kaiser hat dem französischen General de Lacroix, der die französische Regierung bei der Hochzeit des deutschen Kronprinzen vertrat, zum Weihnachtsseste ein prachtvolles Album zur Erinnerung an die Hochzeitsfeier geschenkt.

Ganz unvermutet ist der braunschweigische Gesandte in Berlin, Freiherr v. Cram m - Burgsdorf, auf seinen Wunsch aus seinem Amte geschieden, das er seit 1888 inne hatte. Wie es heißt, soll dieser Schritt mit dem Besuche des Kaisers in Braunschweig zusammenhängen.

stab und fern.

t Friede im Schiffahrtskonflikt. Die Verhandlungen zwischen den Hamburger und Bremer Rhedereien wegen der Kosmos- imb Rolandlinie haben zu einer gütlichen Beilegung, des Konfliktes geführt. BoDe Linien werben abwechselnd Dampfer ab Bremen nach Südamerika abrichten, deren Be­nutzung den Verladern wahlweise frei steht.

f Erdbeben in Mitteldeutschland. Ausläufer der italienischen Erdbeben scheinen sich auch in Deutschland wieder bemerkbar zu machen. In den letzten Tagen fanden in der Umgegend von Hanau wiederholte Erderschütterungen statt, unter anderem in Steinheim und Bruchköbel.

T Tätliche Aufregung. Die Arbeiterfrau Meise in Berlin machte auf der Polizei Anzeige über einen bei ihr verübten Bohendiebstahl. Bei dieser Mitteilung geriet sie so in Aufregung, daß sie bewußtlos zusammenbrach. Ein herbei­gerufener Arzt konnte nur noch den infolge Gehirnschlagcs eingetretenen Tod feststellen.

t Den Verletzungen erlegen. Der Attentäter Dr. Thielert, der in Berlin den Hotelbesitzer Grethe erschoß und sich selbst eine Kugel in den Kopf jagte, ist seinen schweren Verletzungen erlegen. Damit ist der Vorhang über diese Tragödie gefallen.

f Unfall in hohen Regionen. Ein Ballon der Luft­schifferabteilung geriet in der Nähe von Forst in der Lausitz beim Abstieg an die elektrische Leitung einer Fabrik und explodierte. Der Vallonkörper ging in Flammen auf, ehe die Gondel den Erdboden berührt hatte. Die Insassen, drei Offiziere, konnten sich rechtzeitig in Sicherheit bringen, sodaß sie keinen Schaden erlitten.

f Messerstecherei im Stalle. Eine Schlägerei mit blutigem Ausgange hat sich auf dem Rittergut Kalbe an der Milde unter Stallschweizern abgespielt. Infolge eines Wort­wechsels zwischen Unter- und Oberschweizern wegen einer Arbeitsleistung griffen zwei Oberschweizer zu Schlachtmeffern und fielen über die andern her. Drei der Teilnehmer wurden schwer, einer davon lebensgefährlich verwundet. Die Haupt- schläger befinden sich in Haft.

t Schreckenstat. Im Dorfe Poburke bei Schneide- mühl erschlug die Arbeiterfrau Will ihre siebzigjährige Mutter.

t Kampf mit einem Wilddiebe. Im Walde bei Dfirowo wurde der Arbeiter Kopras beim Wilddiebstahl vom Förster betroffen. Als Kopras den Förster bemerkt hatte, legte er auf ihn an, doch der Förster kam ihm zuvor und streckte ihn mit einem Schrotschusse nieder. Der Wilderer wurde schwer verletzt ins Kreiskrankenhaus geschafft.

f Räude unter den Gemsen. In Steiermark sind durch eine unter den Gemsen ausgebrochene Räude über tausend Tiere eingegangen. Ein Bauer aus dem Gebirge wurde beim Transportieren einer kranken Gemse angesteckt und ist infolge Blutvergiftung gestorben.

f Von Christbaumdieoen erschlagen. Im Schluckenauer Walde in Böhmen überraschle der Forstbeamte Weber mehrere Burschen beim Stehlen von Christbäumen. Die Diebe fielen über den Beamten her und schlugen und stachen auf ihn ein, bis er tot war. Die Leiche wurde von Waldarbeitern ge­sunden, die Täter sind verhaftet.

f Unglück durch Gasvergiftung. In Brüssel kamen sechs Menschen dadurch ums Leben, daß aus einer Röhre Gas ausströmte.

t Fabritbrand in Triest. Das gesamte Magazin der Kurzwarenfirma Fabris in Trieft wurde durch ein infolge