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Nr. 227

Mittwoch, den 27. September 1905

14. Jahrgang

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(Gießener Gagevtatt)

Unabhängige Hageszeitung

(Gießener Zeitung)

für Oberhessen und die Kreise Marburg und Wetzlar; Lokalanzeiger für Gießen und Umgebung. Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen, des Großh. Polizeiamtes Gießen und anderer Behörden von Oberhessen.

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Leben und Treiben in seinen mannigfaltigen Ge­staltungen und Forderungen stets im Auge behalten, stets und überall seine Strömungen verfolgen, die treibenden Kräfte und gesteckten Ziele mit sicherem Blick erkennen, mit einem Wort: überhaupt auf dem Lausenden bleiben von dem Leben, das aus un­mittelbarster Nähe mit seinen Fragen und Aufgaben so vielgestaltig täglich an Sie herantritt, dann lesen Sie eine Lokalzeitung!

Mehr und mehr hat sich der Schwerpunkt des modernen Lebens auf das kommunale Gebiet ver­schoben. Dort sind wir heimisch, dort ist unser Besitz und die Stätte unserer Arbeit, dort ist alles von Interesse für uns. So ist es gekommen, daß mit dem immer mächtiger sich entfaltenden Gemeinde- Leben auch die Lokalpresse, in der sich das kommunale Leben spiegelt und bricht, zu einer immer größeren Bedeutung gelangt ist, daß sie zu einem Faktor geworden ist, mit dem g-rechnet werden muß. Behörden und Korporationeil bedienen sich ihrer, um zu vermitteln, zu klären oder anzuregen; die Bestrebungen auf politischem, wirtschaftlichem oder geistigem Gebiete werden in der Lokalpresse beleuchtet und die TageSgeschichte in ihren Spalten geschrieben. Wer stets in Fühlung mit seiner Um­gebung bleiben will, lese eine Lokalzeitung!

Allen angeführten Ausgaben trachtet unser Blatt gerecht zu werden, das eine Lokal-Zeitung in des Wortes bestem Sinne ist: stets wohlinsormiert über alle Vorgänge in Oberhessen. — Die nächste Zeit fordert besondere Aufmerksamkeit: die Landtags­wahlen stehen vor der Tür. Durch gute Ver­bindungen sind wir in der Lage, unseren Lesern über den jeweiligen Stand der Wahlbewegung sowie über die Wahlen selbst berichten zu können. Vor seiner Neuwahl tritt der Landtag noch einmal zusammen, um sich mit der Wahlresorm, d-m Ein­kommensteuer-Gesetz und der Wertzuw chsn utr zu beschäftigen — Gesetzentwürfe, die tief in unser Leben einschneiden. Da wird es geradezu Pflicht, sich über den Gang der Dinge zu informieren.

Aber auch der übrige Teil unseres Blattes ist reichhaltig und interessant ausgestaltet. Kurz und knapp, unter Vermeidung alles Uebel flüssigen, bringen wir täglich das Bemerkenswerteste von allen Gebieten. Meldungen von Tagesereignissen, die ein erhöh^s Interesse beanspruchen, werden unseren Lesern durch Extra-Blätter übermittelt.

Besondere Sorgfalt wenden wir einem gut ge­pflegten unterhaltenden Teil zu, der Beiträge: Romane, Novellen, Skizzen und Plaudereien be­liebter Federn aufweist. Zahlreiche Stimmen aus unserem Leserkreise sagen uns, daß unsere Zeitung dadurch zu einem guten Familien-Blatt geworden ist. Versäume daher niemand, sein Abonnement auf unser Blatt zu erneuern oder ein Probe-Abonnement einzugehen. Bestellungen nehmen alle Postanstalten, Postboten, unsere Träger und unsere Expedition ent­gegen. Die langen Abende kommen allgemach heran, da ist eine gute Zeitung ein besonders gern ge­sehener Freund. Wer einen solchen Freund schätzt, dec lese unsere Zeitung!

Redaktion und Verlag.

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Internationaler bandel.

Aus kaufmännischen Kreisen wird uns geschrieben:

In Lüttich hat der internationale Kongreß der Handels- kammern getagt und sich mit der Frage beschäftigt, ob ein ständiges Bureau zur gemeinsamen Behandlung solcher Aw g<legenheiten errichtet werden solle, bei denen wirtsâ)aftliche Organisationen verschiedener Länder gleiche Interessen nach einheitlichen Plänen zu behandeln wünschen. Schon im vergangenen Mai war die nämliche Frage in einer Berliner Konferenz erwogen worden, ohne daß man zu einem end­gültigen Beschluß kam. Man brachte dem Gedanken Wohl- Rollen entgegen, wollte jedoch zunächst eine weitere Aus- aibeiturpg des Projektes. abwarten. Diese Ausarbeitung wmrde einem internationalen Ausschuß übertragen, der seine Vorschläge dem internationalen Weltwirtschafts- und Welt- Hamdels-Kongreß unterbreiten sollte, der in Mons zu- swmmen getreten ist. Auf dem Vorkongreß in Lüttich ist zur

Abo«»eme«tSpretS: abgehott monatlich 50 ^fc,.. in'S HauS gebracht 60 Pfg., durch die Post bezogen Vierteljahr!. Mk 1.50. Gratisbeilage«: Qberhesnscke ^amilie«zeitu«g (täglich) und die Wietzeuer Eeife«blaic« (wöchentlich)

Das Blatt erscheint an allen Werktagen nachmittags.

S«sertio«SpreiS r Die einspaltige Petitzeile für ganz Ober- lesen, die Kreise Wetzlar und Marburg 10 Pfg. sonst 15 Pfg. Reklamen die Petttzeile 30 resp. 40 Pfg.

Redaktion u. Hauptexpedttion : Gießen, ^^"Sweg 83. ^erNsprechanschluß Nr. 362.

Spracye gekommen, daß gegen die ©rünbimg eines stän­digen KongreßbureauS, namentlich eines selbständigen internationalen Handelskammerbureaus' lebhafte Bedenken bestehen, während man allgemein den Gedanken eines regel­mäßig wiederkehrenden internationalen Wirtschaftskon­gresses billigt. Demgemäß wurde nur beschlossen, dem Wunsch nach Abhaltung regelmäßiger Zusammenkünfte der Handelskammer und der Vereinigungen für Handel und Industrie Ausdruck zu geben und einen ständigen Ausschuß einzusetzen und mit der Veranstaltung dieser Zusammen- fünfte zu betrauen. Es bleibt also einstweilen bei den regelmäßigen internationalen Zusammenkünften der Han­dels- und Jndustrievertreter. Ein ständiges internationales Bureau wird erst allmählich zur Notwendigkeit werden und von der Notwendigkeit seine Arbeiten zugewiesen erhalten. Von einem Kongreß zum anderen sind Aufgaben zu er­füllen, Vorbereitungen zu treffen, und für diese ist eine ge­wisse Tradition wünschenswert, die sich ganz von selbst her­ausbildet, wenn die Arbeiten eine Reihe von Jahren hin­durch von den nämlichen Personen geleistet werden. Ein festes Programm aber läßt sich im voraus nicht entwerfen, ein Aufgabenkreis nicht umschreiben. Die Sache muß aus sich heraus wachsen und sich entwickeln, sie kann nicht nach einem festen Plan fonftriiiert werden. Aus dem Zwischen­bureau wird wahrscheinlich mit der Zeit eine neutrale Ver­mittelungsstelle zwischen den Handelskammern und wirt­schaftlichen Vereinigungen der verschiedenen Länder werden.

Eins aber ist merkwürdig: daß es eine internationale Vertretung von Handel und Industrie noch nicht gibt. Denn Handel und Industrie gelten an sich für international und in gewissem Sinne sind sie es auch. Schon ein kleiner Kram auf dem Torfe hat internationale Beziehungen zur Voraus­setzung. Dinge des täglichen Bedarfs, unscheinbare und ge­ringfügige Dinge, deren Preis nach Pfennigen und Bruch­teilen von Pfennigen berechnet wird, haben den Weg um die halbe Erde machen müssen, ehe sie zu gangbaren Han­delsartikeln werden konnten. Früchte, die nicht die Tafeln der Neichen schmücken, sondern von den Kindern auf der Gasse verzehrt werden, kommen aus entfernten Ländern, haben die Hände von zahlreichen Vermittlern passiert, Fuhr­leuten und Spediteuren Beschäftigung gegeben, ehe sie das Ziel ihrer Laufbahn erreichten. Darum spricht man auch vielfach in unfreundlicher Weise vom internationalen Han­del, gleichsam als ob das ein Vorwurf und ein Makel wäre, im Gegensatz stehend zu nationalem Empfinden und Wesen. Das ist nun freilich ein arges Mißverständnis. Handel und Industrie in ihrer modernen Bedeutung sind ohne internationale Beziehungen freilich nicht denkbar, aber ihr nationaler Wert wird dadurch nicht geringer. Das Kaiserwort „Unserö Zukunft liegt auf dem Wasser" ergänzt teilweise das andere Kaiserwort: „wir leben im Zeitalter des Verkehrs." Wenn wir diese beiden mahnenden Worte beherzigen, entfremden wir uns ganz gewiß nicht der natio­nalen Fürsorge. Im Gegenteil sorgen wir dadurch für die Erhöhung des nationalen Reichtums und der nationalen Kraft, denen wir fremde Machtfaktoren dienstbar machen. Der Handel ist international und' muß es sein. Um so mehr ist daran gelegen, daß unser nationaler Anteil am inter­nationalen Handel möglichst groß werde. Engländer und Amerikaner, die schon lange kluge Handelsleute gewesen, haben nie aufgehört, gute Patrioten zu sein, und dem Inter­esse ihrer Heimat haben sie durch ihre internationalen Han­delsbeziehungen gedient. Was die englischen und die ame­rikanischen Kaufleute können, das können unsere deutschen Kaufleute auch.

Der Ackerbau und die Landwirtschaft sind unfraguch national. Aber wo sie dazu imstande sind, knüpfen sie wie Handel und Industrie internationale Beziehungen an. Hat sich doch erst jüngst unter Anteilnahme Deutschlands in Rom ein ständiger internationaler Landwirtschaftskongreß gebildet, der auf gemeinsame Wahrung der landwirtschaft­lichen Interessen aller Länder abzielt. Was die Landwirt­schaft tun darf, das ist dem Handel und der Industrie nicht weniger gestattet, unbeschadet ihrer nationalen Aufgaben.

Das Uebereinkommen von Karlstad.

(Eig. Bericht.)

Stockholm, 26. September.

Holder Friede, süße Eintracht ist in die Gemüter der skandinavischen Brudervölker eingezogen. Nachdem schon der Säbel gelockert und die etwas rostige Flinte neu geputzt war, ist endlich die Friedenstaube aus Karlstad gekommen und hat die fröhliche Kunde von dem Abschluß einer Kon­vention der seit Wochen beratenden norwegischen und schwedischen Delegierten gebracht. Der Vertragsent­wurf zur Unionstrennung in friedlicher Weise be­schäftigt sich zunächst mit dem Schiedsgerichts- Vorschlag. Dieser wird anerkannt. Alle Streitig­keiten, die nicht die Unabhängigkeit, die Integrität und vitale Interessen beider Länder betreffen, sollen vor den Schiedsgerichtshof im Haag verwiesen werden. Ausgenom­men davon sind Entscheidungen über die Auslegung des Uebereinkommens zur Trennung der Union. Ob aus dieser Bestimmung sich nicht sehr leicht Anlässe zu abermaligen Zwistigkeiten entwickeln können? Schließlich werden me von beiden Seiten zu erwartenden Schwierigkeiten sich in

der nächsten Zeit ausschließlich um diese ausgeschlossene Materie drehen. Der Schiedsgerichtsvertrag soll vorläufig auf zehn Jahre Geltung haben.

Auf beiden Seiten des südlichen Teiles der Grenze zwi- chen den Reichen wird eine neutrale Zone von 15 Kilometern Breite auf jeder Seite errichtet. In die neu- trale Zone sind die Inseln und Schären eingeschlossen, aber nicht die Teile des Meeres selbst mit seinen Buchten, die innerhalb der Grenzlinie der Zone fallen. Im Pfade der B«vmduug beider Staaten gegen einen gemeinsamen Feind tritt die neutrale Zone außer Kraft Die norwegischen Befestigungsgruppen Frederiksten mit dem Fort Gylden- loeve, Oberbjerget Veden und Hjelmkollen, Oevje mit Krok- fund sowie Urskog werden innerhalb eines BeitraumeS non acht Monaten unbrauchbar gemacht, die alten Befesiigungs- merke bei Frederiksten, Gyldenloeve und Overbjerget' sollen jedoch beibehalten werden, dürfen aber nicht fortifikatorisch erhalten werden.

Kongsving bleibt bis auf die äußeren Wälle erhalten. Neue Befestigungswerke werden innerhalb eines Mstandcs von 10 Meilen nicht angelegt. Die Weideg^rechtsame der Lappen, der Transitverkehr zwischen beiden Ländern, die Benutzung der gemeinsamen Wasserwerke unterliegen be­sonderen Bestimmungen. Jedes der beiden Reiche ver­pflichtet sich, den Transport von Transitgütern nicht 311 bin­dern oder zu erschweren. Es wird Zollfreiheit und mehrere andere Vergünstigungen für Transitgüter festgesetzt.

Ueber diesen Entwurf sollen in Norwegen wie in Schwe­den der Reichstag befinden. Nach Annahme gilt die Lösung der Union für vollendet, und der König von Schwe­den wird ermächtigt, Norwegen als selbständigen Staat an­zuerkennen. Damit hören dann die bisherigen gegen­seitigen Verpflichtungen und Rechte auf.

In Christiania wie in Stockholm wurde die Karlstader Konvention, als sie gestern besannt wurde, mit ziemlicher Befriedigung begrüßt. Einzelne norwegische Heißsporne mäkeln zwar, allein man nimmt allgemein an, daß der Storthing mit großer Mehrheit den Entwurf sanktionieren wird.

So ist denn die unblutige Revolution, jedenfalls eine der sonderbarsten der Weltgeschichte, zum Abschluß gekommen. Norwegen wird selbständig, und die Zukunft muß zeigen, ob es sich dabei besser wie bisher befinden wird. In Schwe­den scheidet man ohne große Bewegung von der Union. Sie brachte dem Lande geringen oder gar keinen Vorteil, belastete es aber mit einer Menge politischer und wirtschaft­licher Mißhelligkeiten. * '

politische Rundschau,

' v Deutsches Reich,

* Oie Vorbereitungen zu einem deutsch-japanischen Han­delsvertrag sind im Gange. Reichskanzler Fürst Bülow empfing bei seinem Aufenthalt in Baden-Baden den Besuch des japanischen Gesandten Inouye. Es handelt sich dabei um eine Besprechung zu den Handelsvertrags-Beratungen.

»

* Der Parteitag der Freisinnigen Volkspartei nahm einen Antrag gegen das bisherige System der Kolonialpolitik an. In dem Anträge heißt es, der Parteitag erachte es nicht als die Aufgabe des Reiches, durch Subventionen oder Garan­tien in den Schutzgebieten Eisenbahnbauten zu ermöglichen, für welche die wirtschaftlichen Voraussetzungen noch nicht vovhaniden sind. Der Parteitag empfiehlt dagegen eine Heimatpolitik, die sich insbesondere auch angelegen sein läßt, den internationalen Warenaustausch in jeder Weise zu er­leichtern und zu unterstützen.

*

* Zu den gegen die Kolonial-Verwaltung erhobenen Be­schuldigungen wird noch einmal halbamtlich erklärt, daß irgend welche Belege für die Behauptungen weder beige­bracht noch vorhanden sind. Die Anklagen gegen die Ko- konial-Verwaktrmg in Sachen des Kamerun-Syndikats seien in fahrlässiger Weise auf Grund lückenhafter und un­richtiger Informationen erhoben worden.

♦ Eine aus dem Aufftnndsgebiet in Deutsch-Südwestafrika amtliche Mitteilung des Generalleutnants von Trotha stellt fest, daß die Schauernachricht des Bureau Reuter von einem llcberfall auf einen deutschen Transport in der Nähe von Keetmanshoop gr^fid) erfunden ist. Ein Ueber fall auf einen Wagentranëpcr er eine Fortnahme von Wagen und Munition hat, wie wir gleich vermuteten, nicht slatt-

Die nach dem Gefecht bei Nubib durch Major eingeleitete Verfolg, ng ergab, daß der Fernd nach allen Seiten auseinandergesprengt ist. Auf größere Banden ist man nicht mehr gestoßen. Die Verfolgung wird fortgeletzt., Das weitere Absuchen des Gefechtsfeldes ergab, daß der Gegner 80 Tote, darunter 20 Hereros, verloren hat Auch wurden weitere 30 Pferde sowie viel Grov- und Kleinvieh gefunden. - - ~ ----- v