Nr. 174.
A^-rtto»-prei-» Die einspaltige Petit-eile für ganz Ober- $**, die Kreise Wetzlar mck Marburg 10 Pfg. sonst 15 Pfg.
Reklamen die Petit-eile 30 resp. 40 Pfg.
Ardaktton u. Hauptexpediti-n: Gießen, Gelter-weg 88. GsrnfprechMnschlnß Nr. MB.
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(Gießener Tageötatt)
(Gießener Ieiinng)
für OZerheffm und die Kreise Marburg und Wetzlar; LâlMzerger für Gießen und N^aebuna Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Gronln Bürgermeisterei Gießen und anderer Behörden von Lberhesj ii.....' ^
Chinas Ctwacbcn.
Wie bekannt, hat die chinesische Regierung in Petersburg und in Tokio den Anspruch erhoben, zu den New- norfer ^riedensverhondlungen zugezogen zu werden, damit sie darüber wachen könne, daß der in Washington abzuschlie- ßende Vertrag die Interessen Chinas nicht beeinträchtigt. ’ Von Petersburg aus ist hierauf gar keine Antwort erfolgt. 1 In Tokio war man nur der Form nach höflicher; doch lautete der Bescheid seh^r deutlich, bafc Japan ablehnen müsse, irgend einen Einfluß auf seine Entschließungen zuzulassen.
Schwerlich wird man in Peking über diese Abweisung erstaunt gewesen sein. Die chinesische Einrede ist wohl auch mir schandenhalber erhoben worden, lediglich, um den An- schein zu vermeiden, als ob die Pekinger Regierung sich um 1 das Geschick ihrer mandschurischen Provinzen, der Stamm- ' Innbe der gegenwärtig herrschenden Dynastie, sich überhaupt : nicht bekümmere. War der Einspruch nur erhoben worden, pour saluer le drapeau, um der Flagge einen Ehrengruß ! zu widmen, so genügte die bloße Aeußerung, um den Zweck zu erfüllen. Mehr konnte füglich nicht erwartet werden. Chinas Recht auf die Mandschurei ist zwar durch keinen Vertrag, aber durch Chinas Ohnmacht tatsächlich aufgegeben oder wenigstens stark eingeschränkt. China ist, trotz seiner i ungeheuren Ausdehnung, und trotzdem seine Bevölkeruna der russischen dreifach, der japanischen sogar achtfach an Zahl überlegen ist, für Rußland wie für Javan ein quantité négligeable, d. i. eine unbeachtliche Größe. Von Japan ist es in dem Kriege, der mit dem Vertrag von Schimono- [ fest schloß, einfach überrannt, von Rußland ohne eigentlichen .Krieg widerstandslos mißhandelt worden. Es liegt in der ! Natur der Dinge, daß es jetzt um seine Zustimmung nicht : befragt wird, daß die Entscheidung ohne seine Mitwirkung ; fällt.
Im fernen Osten Asiens ist eben eine starke Verschiebung eingetreten. Als Kaiser Wilhelm den Ausjpruch tat, der eine Warnung unb Mahnung war: „Völker Europas, wahret eure Heiligsten Güter!" — da sah jedermann in den Chine- i sen die „gelbe Gefahr" verkörpert. Wenn man jetzt von der j „gelben Gefahr" spricht, denkt man nicht an China, sondern - an Japan. Ob man das mit Recht tut. und mit welchem ; Recht man es tut, mag dahingestellt bleiben. Nur an die billige Sprichwörterweisheit mag erinnert werden, daß auch die japanischen Bäume nicht in den Himmel wachsen. Doch darauf ist vielleicht hinzuweisen an der Zeit, daß zum mindesten mit der Möglichkeit zu rechnen ist, China könne ebenso oder ähnlich wie Japan in erstaunlich kurzer Frist erstaunlich hoben Aufschwung nehmen. Es unterliegt keinem Zweifel, daß in einem Land von 400 Auktionen Einwohnern ganz außerordentliche Kräfte gehäuft fein müssen, die bloß aus Mangel an Gliederung, Organisation, Schulung nicht aus- aebildet und frei verftigbar sind. China ist heute auf dem Standpunkt, den Japan vor fünfzig Jahren inne hatte. Nichts berechtigt zu der Annahme, daß es den Chinesen völlig an der Gelehrigkeit fehle, die die Japane- bewiesen haben. Man rühmt den Chinesen Fleiß und persönliche Bedürfnis- 1 losiakeit nach; man weiß, daß sie Erben, vielleicht nicht sehr ; Astige und nicht sehr würdige Erben einer alten Cultur : sind — warum sollen wir zweifeln, daß ihre Fähigkeiten 5 ihnen einen Aufschwung japanischen Maßstabs auch gestat- ^? Was man den Chinesen zu ihren llngimften heute I nachsagt, das hat man vor fünfzig Jahren mit gleichem Fug den Javanern nachsagen können.
, Wohlgemerkt: wir sprechen hier von einer Möglichkeit, j Nicht von einer Gewißheit, kaum von einer Wahrscheinlichkeit Denn China leidet an seiner Größe. Die ungeheure Ausdehnung des Landes macht die Reform, die in dem viel ; kleineren Japan überraschend schnell gelang, zu einer Her- i kulesarbeit. Auch ist kein Zeichen dafür bemerkbar geworden, daß in China ein tatkräftiges Geschlecht von Reforma- bren in der regierenden Dynastie und unter den Großen des Landes heraufgestiegen wäre, wie es in Japan zu dessen . Mick seit zwei Generationen der Fall gewesen ist. Erst jetzt zeigt sich ein strebsamer und fester Reformwille, aber Äich dieser nur mit einseitiger Richtung. Die Regierung in Peking bat eine Bewaffnung der Armee nach europäischem uuster angeordnet, und es scheint, daß diesmal die Anord- mmg ernst gemeint ist unb durchgeführt werden wird. Ge- M wurde das einen Fortschritt einleiten, besten Ausbleiben mi den fâiahlichen Erfahrungen der jüngsten Zeit übri- qms eine ^de^resignation Chinas bedeuten müßte. Doch k Bewaffnung da ist, so ist das Heer noch nicht bas Heer noch keine Lehrec. Für diese, heißt es, fetzt gesorgt. Die Pekinger Regierung hat 22 Militär- S^^^ ,— flPWn 3 im Jahre 1900 — in d-nen Ivetten nach europäischem Muster ausgebildet wer- Auch an einer Militärakademie und an einer Stra- vstmschule fehlt es nicht. Das ist ein stattlicher Anfang, âibt noch die Einführung einer wohlgeordneten Aus- Ming und die nötige finanzielle Fürsorge. Ob China auch mit in seinen staatlichen Reformen in Japans Fußstapfen wandeln g?willt und imstande ist, kann erst die Zukunft ^’dcn. Die Lehren der Gegenwart sind für China eindring- unb hart genug gewesen.
Donnerstag, den 27. Juli 1905
Gre Heuer
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AnaShängi-e Hageszeitung
Skandinavische Crennungsscbmcrzen.
(Eig. Bericht.) Stockholm, 25. Juli.
Die Worte des Volksliedes „es ist ja so schwer, anheim anber zu gehn", haben einen allgemeineren Sinn, als alle die vermuten, die je die schöne Melodie gesungen haben. Den Schweden und Norwegern wird es wirklich überaus jchwer, auseinander zu gehen. Beide Teile haben dazu den seslen Willen, die Trennung ist auch schon tatsächlich vollzogen, - - aber über die TrennungSbedingungen kann man sich so wenig einig werden, daß es beinahe den Anschein gewinnt, man werde sich darüber so lange zanken, bis man im Zorn den stanzen Trennnngsgedanken wieder aufgibt. Das schwedische Ministerium Ramsledt war im Herzen geneigt, den Nor- megern den Abschied leicht zu machen, zu der Revolution des Storthing Ja und Amen zu sagen. Doch der schwedische Reichstag war dieser Ansicht nicht. Es hat eine Kom- mission zur Beratung der Angelegenheit eingesetzt, und die Kommission hat foldje Beschlüsse gefaßt, daß das Kabinett Ramsiedt sich veranlaßt sah, seine Entlassung zu erbitten. Ten Norwegern sollen nämlich Trennungsbedingungen auserlegt werden, die zum Teil ganz selbstverständlich, zum Teil närrisch sind, und zunl Teil mit der Trennung frage nichts zu tun haben. Norwegen soll anerkennen, daß Schweden (einerlei rechtliche Verantwortung ferner für Norwegen habe. Das ist selbstverständlich, denn um der Beseitigung aieser Verantwortlichkeit willen geht die ganze Trennung vor sich. Zwischen Schweden und Norwegen soll eine nem trale Zone eingerichtet werden, innerhalb deren Befestigungen nicht angelegt werden dürfen, vorhandene zu beseitigen sind. Das ist ein närrisches Verlangen, lästig und beschämend für beide Teile. Schweden und Norwegen sind feine Raubstaaten, von denen man besorgen müßte, sie würden übereinander Herfullen, wenn nicht ein Puffer zlvi'ân sie gelegt würde. Irr Norwegen foll eine Volksabstinrmunq über die Trennung veranstaltet werden. Das ist ebenfalls eine närrische Forderung. Wenn in Schweden der Reichstag über die Trennungsfrage kompetent ist, so ist es in Norwegen der Storthing nicht minder. Bleiben noch die Forderungen freier Nenntierweide für die schwedischen Lappländer an der norwegischen Grenze und freie Warendurchfuhr. Beide Forderungen mögen an sich berechtigt sein, sie haben nur mit der Trennung der Union nichts zu tun, sie müssen für sich allein in besonderem Vertrage behandelt werden. Es ist nicht gut, die Trennungsfrage mit Nebendingen zu bepacken, sonst wird aus der Trennung ein Niß.
Der Krieg in Ostasien.
Der russische Unterhändler Witte ist von Paris abgereift.
Er soll die Gewißheit mitgenommen haben, daß eine neue russische Anleihe in Frankreich nur unter zwei Bedingungen möglich ist: wenn ein dauerhafter Friede zwischen Nußlnd und Japan geschlossen wird, und wenn Rußland eine Verfassung erhält, obwohl von verschiedenen Seiten erklär: wird, das russisch-französische Bündnis werde vor wie nach aufrecht erhalten. Mit dieser platonischen Erklärung, iü Rußland wenig geholfen, da in Frankreich anscheinend nicht die geringste Lust besteht, sich in die ostasiatischen Angelegenheiten einaumifdjen.
Ueber die Friedensverhnndlungen äußerte sich das japanische Mitglied der Friedenskommission Sato im Namen des Barons Komura, daß bestimmt angenommen werden könne, die Verhandlungen würden zu einem erfolgreichen Abschluß führen.
Die japanischen Bevollmächtigten werden sich von dem Gedanken der Mäßigung leiten lassen, und es werden keine übertriebenen Forderungen gestellt werden. Die.Stimmung in Japan und Rußland ist dem Frieden günstig, und im Interesse der Menschlichkeit ist der Friedensschluß notwendig. Beide Parteien haben 570 000 Mann verloren, wovon 370 000 auf Rußland entfallen. Der Krieg kostet Japan täglich 1 Million Dollars, und es herrscht die Meinung, daß eine Kriegsentschädigung gezahlt werden müsse. Ferner erklärte Sato, daß der Abschluß eines Waffenstittstondes wahrscheinlich der erste Schritt der Friedenszinterhändler sein würde. Japan wünsche nur die offene Tür in der Mandschurei. Die Japaner wünschten den Frieden, aber nicht einen Frieden um jeden Preis. England und die Vereinigten Staaten seien die besten ^reunbe Japans. ,
Vom Kriegsschauplätze liegen keinerlei Meldungen über bemerkeuswerte Ereignisse vor, doch scheint die Umgebung von Wladiwostok stark von an der Küste fr euscnben japani= schen Kriegsschiffen beunruhigt zu werden. Aus Tokio muo gemeldet, daß , . .
NvschdjestwenSky operiert worden ist. Der gefangene Admiral unterzog M einer Operation, die von gutem Erfolge begleitet Stirnwunde wurde geöffnet unb ein Knochensplitter entf Sein Befinde» ist zufriedenstellend.
politische Rundschau.
Deutsche» Reich.
* Der vom deutschen Kolonialverein geplanten Ferienfahrt von Rcichstaaèabgcordiictcn nach Kamerun scheinen f
14. Jahrgang
Schwierigkeiten in den Weg zu stellen. Tie Anmeldungen gehen nicht wie erwartet ein. Eine Verschiebiing des Ausfluges ist nicht ausgeschlossen. Zentrumsabgeordnete werden an dem Ausflug überhaupt nicht icilnebmen. Sie haben insgesamt abschlägig geantwortet.
* Industrie- und Handelskreise befassen sich angelegentlich mit den handelspolitischen Beziehungen zu den Ber^.iig. tcn Staaten von Amerika. Die deutsche Abteilung" deS mitteleuropäischen Wirtschaftsvereins hat eine Denkschrift in der Sache fertiggestellt und an den Reichskanzler und die übrigen Reichsämter gelangen lassen. Das Material für bie Wünsche der einzelnen Industriezweige mürbe im Wege einer Rundfrage beschafft, bei der vor allem die Woll-, Seiden-, Futter- und Schirmstoff-, Sammet-, Strumpfwaren- und Posamenten-Jndustrie, die Herstellung von Leder- unb Lederwaren, die chemische Industrie, die Fabrikation von Zellstoff, Phantasie-5lartonnagen und von geprägten Pavp- Waren, sowie die elektrotechnische Industrie und die Kolonial- und Materialwarenbranche Berichte lieferten. Die Denkschrift fordert, daß man der Union, wenn sie keine größeren Zugeständnisse mache als bisher, nach dem Vorgang von Frankreich, Italien und Portugal nur einen Teil des Konventionaltarifes gewährt.
* Ueber die Verhältnisse der Versich-erungsvereine auf Gegenseitigkeit finden gegenwärtig genaue behördliche Erhebungen statt. Die Erhebungen erstrecken sich auf Feuer-, Glas-, Kahn- und Windversicherung, Schlachtvieh-, Vieh- lebend- unb Hagelversicherung, auf Sterbekasien ohne und mit Krankenversicherung, Krankenkassen, Aussteuerkassen, Pension^, Witwen- und Waisenkassen, Unfallversicherung und Haftpflichtversicherungsvereine. — Ob gesetzliche Schritte in der Materie zu erwarten sind, wird von dem Ausfall der Erhebungen abhängig sein.
* Gegen den Alkoholgenuß der Schulkinder richtet sich eine Verfügung der Regierung im preußischen Regierungsbezirk Königsberg. Lehrer unb Aufsichtsbeamte sollen ihre ganze Aufmerksamkeit auf den Mißstand lenken, damit in Fällen gewohnheitsniäßiger Verabreichung von Schnaps an Kinder durch die Eltern der Antrag auf Fürsorge-Erziehung gestellt werden kann.
Oefterrcicb-Ungarn
♦* Die ungarische Regierung will sich den Beschlüssen der widerspenstigen Kommunen nicht fügen. Der Minister des Innern Kristoffy hat den Beschluß des Pester Komitats, das die Ablieferung freiwillig gezahlter Steuern und die Mitwirkung bei freiwilliger Stellung zum Milckärdienst verboten hatte' umgestoßen. ' Die gleichen Beschlüsse der anderen Städtekomitate sollen gleichfalls für ungültig erklärt werden. Ob mit der Ungültigkeitserklärung durch die Regierung bie Stadtbehörden zur Raison gebracht werden, ist jedoch mm.
bestens fraglich.
England.
** Die Opposition im englischen Unterhause macht dem Einest Balfour das Leben recht schwer. Bei der Diskussion des irischen Budgets entstand ein großer Lärm, als der Liberale Churchill den Antrag stellte, das Haus zu ver- tagen da der Reaierung das Vertrauen des Parlaments fehle. Die Ministeriellen höhnten und bte Oppositionellen antworteten mit Rufen tote „Schämt euch! Werst die Lumpen hinaus!" Derartige Szenen sind im englischen Parlament unerhört. Im Laufe der weiteren Verhandlung erhielt das Ministerium bei zwei Abstimmungen groxe Mehrheiten besonders auch in der irischen Verwaltungsfrage, wegen deren es neulich in der Minderheit geblieben war. Die Reg e- ninqspartei war voll aufgeboten worden und erzielte so die- ses Ergebnis, durch das die Ministerkrifts endgültig bis zum Herbst vertagt erscheint.
Spanien.
" In der spanischen Provinz Cadiz hat die herrsihende Hungersnot größere Unruhen hervorgerufen.
car-Arjes stürmte bie Arbeiterbevölkerung, bie sich in. 9ro^c Notlage befindet, bie Bäckereien, um sich Brot zu verichaffen.
Belgien,
** Bei einem zur Unabhängigkeitsfeier abgehaltenttl Festmahl toastete der Präsident des belgischen Abgeordnetenhauses Schollaert aus den deutschen Kaiser und sagte u. .. ,Unter seiner energischen und geschickten Leitung bat DeiiUch- land sich in bewundernswertem Maße auf dem Gebiete d^s Handels und der Industrie eiitwickelt und üCrgroBert; seine Marine zählt zu den niächtigsten der Erde. Vor allem ist der Kaiser bestrebt, den Frieden
mirb ihm ewig einen Ansprilch aus Dankbarkeit der Mentm
heit geben."
Russland.
** Noch immer herrscht eine sehr bedrohllche Lage m ^ifli« ^ie Geschäfte sind dort von der Polizei gewaltsam aoö net ^weil die Ladenbesitzer sich weigerten Auch ein RombeiM kam wieder vor, dem ein Polizeileutnant 2 — In Witiia wurde ein junger Mensch
bu dem Waffen und eine große Zahl revolutionäre? Broschüren beschlagnahmt mürben. Ausstande finö Tn ben Fabriken und Kohlengruben von S o s n o w i c e und unter den Angestellten der Wladikowkos-Babn ausgebrochen.