Dienstag, den 27. Juni 19o5
14. Jahrgang
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Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen und anderer Behörden von Oberhessen.
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Wetterwolken.
- Kommt es zu einem deutsch-französischen Kriege? — (Ein Interview.)
»Gerücht? über einen drohenden bewaffneten Zusammen- Rztvischen Frankreich und Deutschland setzten in den letzten ■m die Gemüter in Erregung, selbst die Börsen in Berlin
■ Paris blieben nicht unberührt von dem unliebsamen siuß des angeblich bevorstehenden Unheils. Natürlich pften die Kriegsgerüchte an die französisch-deutschen Ver- blimgen in der Marokkofrage an. Unser Berliner CB,-. (arbeitet hatte Gelegenheit, mit einem aktiven Staats- nn über die schwebenden Angelegenheiten zu sprechen und rmittelt uns als Resultat der Unterredung die folgenden Führungen des Diplomaten:
Ob es zu einem Kriege mit Frankreich kommt? Die Frage nicht unberechtigt, aber nicht an der rechten Stelle ange- d)t, wenn sie an uns gerietet wird. Fragen Sie Frank- t, ob es einen Krieg will, Sie würden übrigens jetzt eine lich verneinende Antwort bekommen. Vor ^wenigen Wo- i, als noch Herr Delrass^ die schöne französische Welt recte, hätte die Antwort, wenn sie fid) nicht von der Wahr- t entfernen wollte, anders lauten müssen. Nicht als
Herr Delcafs6 die Herbeiführung eines Krieges als lbstzweck beabsichtigte. Er war vielmehr nur bereit, es [einen Krieg ankommen zu lassen, und er tat das Mög- , um den Frieden unmöglich zu machen. Glücklicherweise hb seinen Landsleuten noch rechtzeitig die Augen aufge- «gen, so daß sie ihn wegjagten, ehe er das volle Unheil Mistet, das nicht zu vermeiden ër gesonnen Ivar. Auch Een sie sich redlich und klug bemüht, die törichten Schritte ielmss^s, die den Ursprung des Zwiespalts gebildet, wieder Idgöngig zu machen. Daß Herr Rouvier sich bei alledem müht, den Riickzug möglichst schinerzlos und mit tunlichst ingen Verlusten durchzuführen, wird ihm niemand verar- I. Von hier aus wird auch nichts geschehen, ihm seine Posi- n zu erschweren. Im Gegenteil. Aber reiner Tisch muß lacht werden; nicht um einer Eitelkeit willen, die wir gar |t besitzen, sondern um zu verhüten, daß in dem nicht mit reichendem Nachdruck belehrten Frankreich die bem Frie- Europas bedrohliche Verkennung der Machtverhältnisse hüb wieder erneuere.
Sir sind weit davon entfernt, Frankreich in irgend einem rächt als qnantite négligeable anzusehen, seine mili- jtfje Kraft gering einzuschätzen. Wir sönnen sogar feinem kgsminister vollen Glauben schenken, der dieser Tage erst icherte, die französische Arnree fei mit Waffen und allem digen Bedarf vortrefflich ausgestattet, und ihr Offizier- £ stünde keinem anderen m der Welt nach. Von unserer mee und unserem Offizier!orps brauchen wir das nicht zu sagen, denn alle Welt weiß es ohnehin, und außerdem auf unserer Seite eine sehr starke numerische Uebertegem it. Dabei ist noch nicht in Rechnung gestellt, daß der Drei- unerschüttert besteht, loäbtcnb Frankreichs Bun des- Menf^âften zum mindesten als außer Aktivität befindlich ^trachten sind. Wir haben also, soweit menschliches Ur- W gebt, keinen Krieg ^ii fürchten. , Daß wir ihn noch we- wünschen, kann für andere keinen Rechtsanspruch ab- ?rMn§ schlockit zu behandeln. Von solcher felbftmörberi- M,EjnhWüng ist Frankreich fern, seitdem Herr Delcass^ M-kraj gemacht worden ist, und wir hoffen, daß solche Wbimg nicht wiederkehren wird. Wir haben aber nicht lcheste Veranlassung, der überwundenen und abgetanen Gilbung eine Konzession zu machen und für ihr Auf- eine Prämie zu zahlen.
Bn der Marokkofrage kann es sich für uns natürlich nicht handeln, dem Beherrscher dieses Landes eine beson- M Bedeutung unb ein besonderes Ansehen zu verschaffen, »sorgen lediglich für das eigene Ansehen, und nur der Zulist es, der die Wahrung dieses Ansehens äußerlich mit »Marokkofrage verknüpft hat. Von irgend einem Pak- len und Nachlassen darf hier natürlich nicht die Rede sein. U Herr Rouvier noch so geschickt eine speziell französische Meressensphäre in Marokko konstruieren — er wird übet UAnerkennung nicht hinwegkommen, daß Frankreichs Ab- Schungen mit anderen Staaten null und nichtig sind, sobald Mchlands Rechte davon berührt werden und seine Zu- pmimg nicht eingeholt und erteilt worden ist. Die Lei- der deutschen Politik hat ein ungewöhnliches Maß von ledensliebe an den Tag gelegt. Man darf erwarten, baf: ivorbildlich wirken wird. Doch an Frankreich ist es, dem Urbild zu folgen. Je schneller Frankreich das tut, desto sier für Frankreich. Von uns aus wird es einstweilen gedrängt werden. Es soll ausreichende Zeit haben, ne Chancen sich zu überlegen, damit es seine Entschließun- it - die ganz gewiß friedliche sein werden — in Aufrickckig- tfasse und in Aufrichtigkeit den tatsächlichen Machtverhält- sich anbequeme. „Um Liebe werben wir nicht mehr." les Wort, das Fürst Bisinarck am 6. Februar 1888 in V denkwürdigen Reichstagsrede gesprochen hat, ist auck V in unverminderter, ja in erweiterter Geltung
Der Krieg in O Italien.
Den Vorgängen auf dem Kriegsschauplatz im fernen Osten Asiens wird man nach wie vor größte Aufmerksamkeit schenken müssen, weit größere, als den auf Herstellung des Frie- dens gerichteten Bemühungen. Denn mehr und mehr bestätigt es sich, daß die Auffassung richtig war:
Rußland will keinen Frieden.
Man muß zu der Ansicht kommen: Zar Nikolaus habe nur aus Höflichkeir für den Präsidenten Roosevelt dessen Drängen auf Anbahnung von Friedensverhandlungen nicht von vornherein abgewiesen. In der Tat hat Zar Nikolaus sich lediglich bereit erklärt, japanische Friedensvorschläge anzuhören. Im besten Fall wird es noch zwei Monate dauern, ehe die Bevollmächtigten der beiden kriegführenden Staaten in Washington, zusammenkonrmen. Kann man doch jetzt schon, ehe noch ein erster positiver Schritt geschehen, Verschleppungsversuche wahrnehmen. Rußland will seine Bevollmächtigten nicht eher ernennen, als bis ihm die Namen der japanischen Bevollniächtigten mitgeteilt sind, was bisher nicht geschehen. Von einem Waffenstillstand aber kann nicht die Rede sein, bis die Bevollmächtigten, zusammengekommen sind, Vorschläge und Gegenvorschläge ausgetauscht und über die Grundlage der Friedensbedingungen eine vorläufige Verständigung erzielt haben. Bis zu diesem Zeitpunkt, dessen Eintreten einstweilen gar nicht abzusehen, nur schätzungsweise zu vermuten ist, dauern die Kriegsoperationen fort, bereu Ergebnis natürlich wieder auf die Forderungen der Bevollmächtigten zurückwirkt und die Vorverhandlungen erschwert, ihre Grundlagen verschiebt. Unter solchen Umständen ist es kaum zu verwundern, daß die Meinung Anhänger gewinnt, Zar Nikolaus wolle den Frieden überhaupt nicht, sondern beharre darauf, den Krieg bis 'zum Sieg oder bis zur Erschöpfung Japans fortzusetzen. Die geringste Forderung Japans werde doch in einer Kriegsentschädigung bestehen, und die hierzu erforderliche große Summe sei besser zur Fortführung des Krieges verwendet. Sicher ist, daß es in der Umgebung und unter den Ratgebern des Zaren Personen gibt, die eine solche Politik empfehlen. Freilich sind das dieselben Ratgeber, deren Empfehlungen bis jetzt nichts als Unglück und Schande über Rußland gebracht haben.
Vom Kriegsschauplätze liegen nur dürftige Nachrichten vor.
Die Japaner setzen den Vormarsch fort und die Verteidigung der Russen ist nur eine äußerst schwache. Es scheint, daß die Russen die Absicht haben, die erste Linie ihrer Verteidigungswerke zu verlassen, um ihre ganze Kraft dazu zu verwenden, die Linie Chunchun—Kirin zu halten.
Eine lange Depesche des Generals Lenewitsch spricht .nur von Vorposten- und Erkundigungsgefechten, die er als ziem- lich unbedeutend hinstellt und bei denen bald die Russen, bnlii die Japaner die Uebe'rhand behalten haben sollen. Alis Tokio berichtet man allerdings, daß
eine russische Niederlage
den Japanern ziemliche Vorteile verschafft habe. Die Russen wurden danach von einer Anhöhe bei Nanschanchentzu vertrieben. Eine russische Abteilung, welche mehrere Anhöhen besetzt hatte, wurde ebenfalls angegriffen. Gleichzeitig machten die japanischen Truppen eine Umgeku ngsbewegung von Nordosten aus, schnitten den Russen den Rückzug ab und brachten ihnen große Verluste bei. Der Feind hißte in seiner Verwirrung die Flagge mit dem roten Kreuz, doch hörten die Japaner nicht auf zu feuern. Die Russen flohen in Verwirrung nach Norden.
Das mangelnde Glück im Felde haben die Russen von Anfang des Krieges an durch Angriffe auf neutrale Schiffe zu ersetzen versucht. So wird es jetzt bekannt, daß abermals ein neutrales Schiff versenkt
wurde und zwar schon vor längerer Zeit. Der englische Dampfer „Jkhona", der am 18. Mai mit einer Ladung Reis und Post von Rangoon nach Yokohama abgegangen, bod aber nicht eingetroffen ist, ist einem russischen Kreuzer zum Opfer gefallen. Der in Singapore eingetroffene holländische Dampfer „Pertak" überbrachte dorthin die Reibung, daß die „Jkhona" am 5. Juni 150 Meilen nördlich von Hongkong von dem russischen Kreuzer „Terek" zum Sinken gebracht wurde. Die Besatzung nahm die „Terek" zunächst an Bord und übertrug sie am 19. auf den ihm begegnenden „Pertak", der sie nach Singapore mitnahm.
Die Politik.
* Die Reichstagssession ist erst seit drei Wochen geschlossen, und schon ist von der neuen Reichstagssession die Rede, die bereits im Oktober beginnen soll. Die frühe Beruftmg hat den Zweck, das gleichzeitige Tagen mit den preußischen Kammern tunlichst zu vermeiden und die Kraft des Reichstags auf die Erledigung zunächst zweier Aufgaben zu konzentrieren: der Reichsfinanzreform und der Flottenvorlage. Die Aussichten der Reick)sfinanzreform sind allerdings recht wenig günstig. Sie ist noch nicht ausgearbeitet, man kennt ihre Einzelheiten nicht, aber man bringt ihr unbekannter- weise die lebhafteste Abneigung entgegen. Reichsschatzsekretär Freiherr v. Stengel wird ungewöhnliche Geschicklich-
feit und besonderes Glück nötig haben, um überhaupt etwas zustande zu bringen. Denn abgesehen davon, daß eine Finanzreform ohne Steuervermehrung undenkbar ist und daß Steuerprojekte niemals populär sind, haben manche von den Mehrheitsparteien selbst mehr, als gut ist, sich gegen gewisse Steuerpläne festgelegt. Es wäre um so mehr zu bedauern, wenn die Reichsfinanzreform zum Scheitern käme, weil Reichsschatzsekretär v. Stengel in diesem Fall von seinem Amt zurückzutreten entschlossen sein soll. — Ein günstigerer Stern winkt der Flottenvorlage, die jedenfalls ohne Aufschub unter Dach gebracht werden wird. Dafür haben die Zivillords der englischen Admiralität und englische Admirale a. D. gesorgt.
* Der Gewerkverein christlicher Bergarbeiter hat in seiner X. Generalversamnckung in Oberhausen beschlossen, die reichsgesetzliche Regelung des Bergarbeiterschutzes zu verlangen. — Einstweilen werden die Beteiligten alle wohl erst abwarten müssen, wie sich das preußische Bergarbeiterschutzgesetz bewährt, das binnen Wochenfrist etwa im Herrenhaus zur Verabschiedung gelangt.
*
* Jm preußischen Abgeordnetenhaus soll am kommenden Samstag die Eisenbahntarifreform zum Gegenstand einer Interpellation gemacht werden. Als die Interpellation vorbereitet wurde, war die Mitteilung des Herrn Eisenbahnministers von Budde noch nicht bekannt, daß er nicht daran denke, die Ferienzugs- und sonstigen Spezialvergünstigungen obzuschaffen. So wird wo^f nur die Erörterung über die Schnellzugszuschläae übrig bleiben.
CngUndU
** Wie erinnerlich, ist zur Untersuchung der ungehener- uchen Unregelmäßigkeiten in Transvaal, die nach dem Vurenkriege von englischen Offizieren begangen sein sollen, eine Kommission eingesetzt worden. Zu Mitgliedern dieser Kommission sind ernannt: Richter Farlvell, Sir George Goldie, Sir George White, Sir Francis Mowatt und Sa- nmel Morley.
Skandinavien*
** Im Anschluß an die Trennung der schwedisch-norwegischen Union ist eine Maßregel der schwediscl)en Regierung bemerkenswert. Im Staatsrat wurde beschlossen, daß die wehrpflichtigen Matrosen, welche in diesen Tagen abgemusten werden sollten, bis auf weiteres im Dienst verbleiben sollen.
Griechenland*
** Das neue Ministerium hat sich jetzt in folgender Zusammensetzung gebildet. Ralli Präsidium, Finanzen und interimistisch Auswärtiges, Vcavro-Rlichalos Krieg und interimistisch Inneres, Budoris Marine, Christopulos Justiz. Kalliphornos Unterricht und Kultus. Me neuen Minister haben den Eid bereits geleistet.
HnieriRa
** Gegen die chinesische Einwanderung in die Vereinigten Staaten von Nordamerika wird seit längerer Zeit eine lebhafte Agitation betrieben. Die Chinesen beklagen sich über die ihnen bei der Einwanderung zuteil werdende Behandlung und drohen, die amerikanischen Waren zu boykottieren, wenn nicht Abhilfe geschaffen werde. Präsident Roosevelt hat daher die Behörden unter Androhung sofortiger Entlassung angewiesen, chinesische Kaufleute und Reisende ebenso höflich zu behandeln, wie Angehörige anderer Nationen. Man ist der Ansicht, daß das Vorgehen der Negierung die Schwierigkeiten im Handelsverkehr zwischen Amerika und China beseitigen werde.
Soziales Leben.
[ ] Einschränkung der Wandcrbettelci. In Preußen isi man mit Vorarbeiten beschäftigt, die energische Maßnahmen gegen die Bettelei der Wanderburschen in die Wege leiten sollen. Besonders gilt es, eine Neuregelung der Verpfle- gungsstationen herbeizuführen, so daß in Zukunft die Wohltaten dieser Anstalten weniger den Arbeitsscheuen, als den Arbeitswilligen zu gute kommen. Die Scheidung beider Kategorien soll durch strenge Wanderbedingungen erleichtert werden. Das Netz der Station soll so sestgelegt werden, daß es wenige große Wanderstraßen gibt, mittelst deren die Hauptarbeitsplätze verbunden werden. Auf diesen Straßen dürfen sich mittellose Wanderburschen nicht bewegen. Damil erlangen dann die Arbeitswilligen ben Vorteil, daß sie eher Gelegenheit finden, in Arbeit zu kommen, und auch die Handwerksmeister laufen weniger Gefahr, von zweifelhaften Elementen geschädigt zu werden.
[] 150000 Mark zur Unterstützung von Arbeitern und Angestellten. Aus dein Nachlasse des unlängst in Chemnitz verstorbenes Großindustriellen Kommerzienrats Hermann Haubold errichteten dessen Hinterbliebenen eine Stiftung in Höhe von 150 000 Mark, deren Zinsen zur Unterstützung von Beamten und Arbeitern der Firma Firma C. G. Han- bold verwendet werden sollen.