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Nr. 124. Erstes Blatt.

Samstag, den 2/. Mai 19u5.

14. Jahrgang

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Ädo«vemr«tSpreiö: abgeb»lt monatlich 50 Pfg., in'S HauS gebraut ^O Pfg., durch die Post bezogen viertel jährl. Mk. 1.ö0. Gratisbeilage« : Ober hessische Komittenzettang (täglich) und die ^icficncr L,iie«blas^« (wöchenNich).

Das Blatt eildeint an nUc« Werktagen nachmittags.

(Oießemseg^eBsäff)

Flvs5-â«gi-< Hazes^itung

(Lietzener Weitimg)

für Düerheffe« und die Kreise Marburg und Wetzlar; Lökalauzerser für Gieße« und Umgebung.

Mt alle amtlichen Bekanntmachungen der ®reib. Bürgermeisterei Gießen, des Großb. Polizciamtes Gießen und anderer Behörden »on Oderhcsseo.

Beka««t«ach««g.

Es wird hiermit besaut gemacht, daß die Dampf­walze vom 29. d. Mts. ab auf der Straße Gietzerr- Lollar beschäftigt ist.

Gießen, den 26. Mai 1905.

GroßherzoglicheS Kreisamt Gießen.

I. V.: Dr. Kranzbühler

Die Politik.

(Ä Eine beachtenswerte Aeußerung in der Angelegenheit des deutschen Flottenvcreins machte der König von Würt- lemberg anläßlich der Hoftafel in (Stuttgart am Donners- tagaben-d. An der Tafel nahm die königliche Familie, die anwesenden Diplomaten, die Generalität und das Präsi­dium des beutfchen Flottenvereins teil. Während der Tafel brachte der föhnig einen Trinkspruch aus, in welchem er sei­ner Freude Ausdruck gab, die Vertreter des deutschen Flot° tenvereins egrüßen zu können. Er heiße die Herren von Herzen willkommen. Dec König" führte des weiteren aus: ^Bin ich doch so lebhaft wie einer überzeugt, daß eine starke Wehr zur See eine unausbleibliche Notwendigkeit für unser Vaterland ist- Wie sehr Seine Majestät der Kaiser von den­selben Anschauungen durchdrungen ist, von dem festen Be­wußtsein, daß ohne eine tatkräftige Flotte es undenkbar ist, unsere Stellung im Kreise der Mächte zu behaupten, deut- schen überseeischen Unternehmungsgeist zu schützen mrd den Weltfrieden zu bewahren, wissen wir alle. Seine Marine ist dem Kaiser besonders fest ans Herz gewachsen." Der König schloß mit einem Hoch auf den Kaiser, worauf der Präsident des Flottenvereins mit einem Hoch auf den König dankte.

*

A Der Regent Fürst Heinrich von Reuß j. L. beabsichtigt, liegen andauernder Kränklichkeit die Regentsclnft niederzu- legen. Genaue Bestimmungen über den Termin der Nieder- lsgung sind jedoch noch nicht getroffen.

=# Der vor kurzem aus der Gefangenschaft entlassene Manokkoforsckec Marquis Segonzac erklär le es für die Lösung der Marokkofrage in Fez allein für unmöglich. Sehr wesentlich falle die zweite Hauptstadt Marakesch ins Ge­wicht. Sie habe für den ganzen Süden die Bedeutung der eigentlichen Metropole. Frankreich habe, Marakesch voll­ständig vernachlässigt; unter den 60 000 Einwohnern be- fände sich kein einziger Franzose. Dagegen eristierten vor- trefflich geleitete deutsche und englische Handelshäuser dort. Die Wasserfrage sei für den Süden die Hauptsache. Der europäische Ingenieur müsse hier seine Arbeit tun und durch geeignete Anlagen die Beschaffung von Wasser ermöglichen. Damit würden, dann dem Eindringen der Kultur die Wege geebnet.

* Anläßlich des Kaiserbesuches in den Reichslanden war in der Presse behauptet worden, die Gemahlin des Reichs- tagsabgeordneten Dr. von Jaunez sei bei den Empfangs- fei er lichtesten in Remel singen, dem Schloß der Jaunez, ab­sichtlich ferngeblieben. Das sei peinlich aufgefallen. Dr. von Jaunez veröffentlicht jetzt eine Erklärung, nach der seine Frau bereits längere Zeit vor dem Besuch des Kaisers wäh­rend eines Aufenthalts in Paris erkrankt und infolgedessen bettlägerig gewesen sei. Sie habe bis zum letzten Augenblick gehofft, die Reise nach Remelfingen unternehmen zu können, habe aber auf ärmliche Anordnung verzichten müssen. Nur aus diesem Grunde habe er den Kaiser mit seiner Mutter allein empfangen müssen«

»

W Eine Vereinbarung über das Vergarbeiterschutzgesetz soll zwischen verschiedenen Fraktionen des preußischen Ab­geordnetenhauses abgeschlossen worden sein. Für die dritte Lesung ist nach den Verlautbarungen das Kompromiß von den Delegierten der Freikonservativen, der Nationalliberalen und des Zentrums genau festgelegt und protokolliert wor­den. Es bericht auf der Grundlage des geheimen Wahl­rechts zu den Arbeiterausschüssen und Annahme des nasional­liberalen Antrags wegen Aufhebung des Verbots politisch Agitation für die Mitglieder des AussclMes.

Spanien.

B Von der Regierung wird eine Neubildung her Flott, an gestrebt. Die Cortes erhalten eine Vorlage, nach der ach Panzerschiffe von je 14 000 Tonnen, fünf gepanzerte Kreu­zer und eine Anzahl anderer Schiffe gebaut werden sollen

Burkel.

cf Anläßlich der Beilegung des rumänisch^ürkische« Kon flikts drückte der rumänische Gesandte in Konstantinopel der hohen Pforte den Dank seiner Negierung für die der Kutzowalachen gemachten Zugeständnissen aus und teilte mit die rumänische Negierung habe beschlossen, aus Dankbarkeit für das beständige Wohlwollen des Sultans gegenüber der Kutzowalachen in Konstanza eine monumentale Moschee zr erbauen.

Skandinavien«

CJ Der König von Schwcdcn und Norwegen hat die Re­gierung wieder übernommen. Er hatte wegen föriinH ichs eit bie Regentschaft für längere Zett an den Thronfolger über­tragen.

Russland«

T Die wilden Straßenunruhen in Warschau dauern an. Die allgemeine Erregung steigt von Stunde zu Stunde. Es sollen bereits 60 bis 70 Personen getötet sein. Scan beschul­digt die Geheimpolizei, Schlägereien künstlich zu inszenieren und die sich Ansammelnden zu Mißhandlungen der jüdischen Bevölkerung anzuspornen. Bei den Straßenkämpfen wurde auch der deutsche Ingenieur der Weichselbahn Anton Scheier erschossen, ein Bruder des Elsenbahndirektars Scheier in Frankfurt a. M. Zahlreiche Häuser sind demoliert und aus­geraubt. Der Zar soll infolge ben fortwährenden Auf­regungen seit Beginn des Krieges orkrankt sein. In hieran- dropel im Kaukasus wurde der BezirkskomMandochef Oberst Pawlof von mehreren Attentätern auf offener Stro^^ anae- niHen. Sie feuerten 15 Nevolverschüsse auf ihn a ;e st.- tödlich verwundeten. Er starb noch am gleichen Tage. Täter und nicht .griffen.

frankreteb.

^us den französischen Kolonien kommen in letzter Zeit beunruhigende Nachrichten. Die Behörden in Annam ver­boten die Einfuhr von Zeitungen und Zeitschriften mit Krregsbildern aus Japan und halten die Post und Tele- gramme zurück. Seit Beginn des Krieges sind die franzö- sischen Truppen in Tonking und Saigon auf 20 000 Rèann verstärkt worden. Die aus Madagaskar eingetroffene Post berichtet, daß die Aufstandsbewegung der Eingeborenen in ewigen Gebieten neuerdings zugenommen hat. Eine An­zahl Europäer sollen bereits getötet worden sein-

Hsien.

Q Eine Nachricht, die erst näherer Bestätigung bedarf kommt vo (i russisch-japanischen Kriegsschauplatz. Fün Dampfer bin der russischen freiwilligen Flotte, ein Kreuzei und drei Kohlenschiffe sollen plötzlich in der Nähe vor Lchanghai, bei Wusung, erschienen sein und geankert haben um Vorräte einzunchmen. Diese Meldung ist geeignet alles: was man bisher über den Aufenthalt Roschdjestwens^ kys mutmaßte, über den Haufen zu werfen. Die Nusser haben von der Regierung zu Peking die strengste Aufrecht erhaltung der Neutralität in der Mongolei verlangt, wid eigen falls sie selbst dort vorrücken würden. Prinz Fried rid) Leopold von Preußen ist auf seiner Reise zum russischer Hauptquartier in Werchna-Udinsk angelangt.

Eos und GereUscuafr.

*** T-r Kaiser und die Kaiserin treffen in der Frühe des 27. Mai von Wiesbaden in Station Wildpark ein, von wo die Kaiserin sich nach dem Neuen Palais in Potsdam begibt, während der Kaiser direkt nach Berlin weiterfährt, um an der Enthüllung des Kaiser Friedrich-Denkmals in Charlottenburg teilzunehmen. Die Nordlandreise des Kaisers ist für Anfang Juli vorgesehen, die Ankunft in Ber­gen soll am 11. Juli stattfinden. Zwei persische Groß- mbuftrieHe aus Bombay, die Herren Kharas, Vater und Sohn, ivaren von ihrem fernen Wohnorte nach Wiesbaden gekommen, um ihrer Verehrung für das deutsche Kaiserpaar durch kostbare Geschenke, bestehend in Stickereien und Schnitzereien, sowie einem Morgenkostüm für die Kaiserin in grüner Seide mit Handstickerei, Ausdruck zu geben In­folge des Unfalles bqr Kaiserin hat die Audienz aufgeschoben werden müssen, und die Herren Kharas sind zunächst nach Bombay zurückgereist.

Die Braut des deutschen Kronprinzen rüstet sich zum Abschied von der Heimat. Auch der Kronprinz trifft den Festlichkeiten ein. Am 27. Mai findet im Schweriner stosse großer Hofball statt, am 28. ist Gala-Diner und am 29. Frühstückstafel. An diese schließt sich der Empfang der Deputationen aus der mecklenburgischen Heimat, die Hoch- ^sgeschenke in reicher Fülle überbringen. Die franzö-

Abordnung zur Hochzeitsfeier wird vom deutschen Mi- lttar-Attachee in Paris, Major von Hugo, nach Berlin ae= eitet »erben, der dazu vom Kaiser Befehl erhalten hat. An der deutschen Grenze wird ein kaiserlicher Salonwagen die tranzösische Abordnung erwarten.

Soziales Leben;

(] ArbeiLerstatistik für das Deutsche Reich. Set Beirat für Arbeiterstatistik hielt in Berlin seine elfte Plenarsitzung ab. Zunächst wurden Beschwerden gegen die Verordnung über die Führung von Lohnbüchern in der Kleider- und Wäschekonfektion geprüft und zu diesem Zwecke eine Anzadl Luskunftspersonen bernomnien. Die weitere Beratung galt einem Antrag der Reichstagsabgeordneten Hitze und Trim- bom: Den Herrn Reichskanzler (Reichsamt des Innern) zu ersuchen, den Beirat für Arbeiterstatistik mit Erhebungen über di« Arbeiderverhältnisse: Arbeitszeit, Sonntagsruhe, Arbeitsordnung, Löhne, Strafen, Gefährdungen von Ge­sundheit und Leben, bestehend« Schutzvorschriften, Aufent- hsltsräume uiw. in den Betrieben der elektrischen, Pferde-

und Dampsitraßenbahnen zu beauftragen. Der Antrag wurde einstimmig angenommen.

[] Preußisches Jnnuugswesen. Es gibt in Preußen gegenwärtig 8169 Innungen. Darunter befinden sich 5805 freie und 2364 Zwangsinnungen. Den Jnnungsverbän- den, die sich mit der Pflege des Arbeitsnachweises und des Untersllitzungswesens befassen, haben sich 4333 Innungen mit 197 519 Mitgliedern angeschlossen. Die größten Ver­bände darunter sind die der Bäcker, der Fleischer, der Schnei­der, der Schichmacher, der Barbiere, der Schmiede, der Bau- gewerkmeister und der Tischler.

Schweizer Bcttelbrüder.

(Eig. Bericht.) Luzern, 26. Mai.

. Zum Wohltun, so meint man wohl, gehört nichts als ein veiches, mitfühlendes Herz und eine offene Hand, der natür» lieh ein nicht zu schlaffer Geldbeutel zur Verfügung sein nuß. Das ist aber ein arger Irrtum. Wer ohne Ueber- iegung gibt und ohne Prüfung, der befriedigt nur seines eigenen weichen Herzens Drang, der tut im Grunde nur sich oohl. Wer blindlings Almosen verteilt, der hilft nicht der ^rmut, der bekämpft nicht das Elend, sondern er schafft Bett- ler, die aus der Bettelei ein Gewerbe machen, er verbreitet Arbeitsscheu und erzieht zur Heuchelei. Gewiß ist es besser, sinmal einem Unwürdigen zu geben, was er nicht verdient hat, als einem Würdigen die helfende Gabe versagen. Toch daraus darf man nicht eine Entschuldigung für die eigene Bequemlichkeit machen, die sich mit einem Geldopfer von dem Opfer an Zeit und Mühe loskaufen will. Wohltlin ist Pflicht. Nichts kann von ihr entbinden. Auch der Aermste kann wohltätig sein, d. i. hilfsbereit und dienstfertig; so hilflos ist keiner, das es nicht einen noch Hilfloseren gäbe, dem er eine Stütze bieten könnte.Die Pflicht der Wohltätigkeit ist aber nicht leicht, man hat ihr nicht genügt, indem nm i bloß eine Gabe darreicht. Man muß auch den Empfänger darauf ansehen, ob ihm mit der Gabe gedient ist, ob er sie verdient, ob seine scheinbare Bedürftigkeit nicht Maske ist. Denn die Gabe, die an den Unwürdigen gelangt durch schusi- bare Nachlässigkeit des Gebers, ist sündhaft, in mehr als einem Sinne sündhaft. Zunächst wird sie dem wirklich Be- dürftigen entzogen. Ter Einwand, daß die unverdiente Gabe die wohlangebrachte nicht ausschließe, ist unzutreffend. Die Summe der verfügbaren Gaben ist begrenzt, und wo- rüber schlecht verfügt ist. das bleibt der rechten Verwendung entzogen. Noch mehr als der Arme, der eine verdiente Gabe nicht erhält, weil sie leichtfertig schon einem anderen gegeben worden, der ihrer nicht würdig war, wird der unrechtmäßige Empfänger sittlich geschädigt. Er wird in die Versuchung ge­bracht, der rcblidcn Arbeit aus dem Wege zu gehen, wenn es ihm gar so leicht gemacht wirb, durch eine weinerliche Bitte seinen Unterhalt zu gewinnen. Er wird ferner an Un­wahrhaftigkeit und Heuchelei gewöhnt. So macht die unbe- dachte milde Gabe den Bedürftigen erst zum Bettler, zum arbeitscheuen Fechtbruder, zum Heuchler, und führt ihn end­lich auf den Weg zum Verbrechen. Das klingt hart, und es ist doch nur Wahrheit. In ber Schweiz gibt es zahlreiche Naturalverpflegungsstationen, in denen armen Reisenden, die nicht aus eigenen Mitteln Nahrung kaufen können, Sveisc und Trank verabreicht wird, wobei man selbstverstän^lick nicht borauSfc^t. daß der Reisende schon keinen Groschen mehr besitzen dürfe, um Anspruch auf Verpflegung zu haben. Die Vorsprechenden werden deshalb nach ihrer Varschatt be­fragt und, wenn man ihren Angaben mißtrauen zu sollen glaubt, einer genauen Nachsuchung unterzogen. Dabei sind recht merkwürdige Erfahrungen gemacht worden: Hier fand man in dem Westenkragen eines angeblich völlig Mittellosen 90 Francs, an einer anderen Stelle der Weste bei einem der nur 3 Francs zu besitzen vorgab, 103 Francs. Im Hosengürtel eines dritten fanden sich 300 Francs bei einem vierten ermittelte man 20 Mark bei einem fünften 36 Francs. Das geschah an einer einzigen Stelle innerhalb weniger Tage!

Wir denken selblwerständlich nicht daran, Herzenshärtig- keit zu empfehlen und vom Wohltun abzureden. Im Gegen­teil. Nur soll man nicht vergessen, daß zum rechten Wohltuv nicht bloß Herz und Hand und Beutel gehören, sondern anck Verstand nötig ist. Die Gabe soll nicht fortgeworferr Werder zur Erleichterung des mitleidigen Gebers, sondern an dir rechte Stelle gebra.cht werden zur Erleichterung wirk­licher Not?

Kronprinzlicbeßrautkutseben.

(Sig. Bericht.) «erli», 26. Mai.

Wer das Berliner Volksleben kennt, weiß, waS dieBraut, rutsche darin für eine große Nolle spielt. Jede kleine Ar- owterin, die einen Schatz hat und sich verheiraten will, spart

die Groschen vom Munde ab, um in einem eleganten Wagen mit Atlaskissen und silberglänzenden Laternen, an H^em Ehrentage zur Kirche fahren zu können. Und wer es irgend dazu hat, der leistet sich sicher einen Lakaien in be­treßter Livree, der mit schneidigem Bückling die Wagentür ojtnet und der Braut die Schleppe nachträgt. Und die ganft<