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Nr. 98.

Donnerstag, den 27. April 19u5.

14. Jahrgang

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Wusste Nachrichten

(Gießener Gageötatt) Unabhängige Tageszeitung (Gießener Zeitung)

für Oöerheffm und die Kreise Marburg und Wetzlar; LokalauZmger für Gießm und Umgebung. Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen, des Großh. Polizeiamtes Gießen und anderer Behörden von Oberhessen.

Die neue Urarsswal- Verfassung.

Die englische Regierung hat die llebergangszeit ihrer unumschränkten Verwaltung in Transvaal beendet und das Versprechen eingelöst, der weiland Burenrepublik, die jetzt einen Teil des britischen Reiches bildet, eine ziemlich weit­gehende Autonomie einzuräumen.

-Rach englischen Begriffen kann es eine Autonomie ohne Parlament nicht geben, ist ba* Parlament die Quelle aller gesetzgebenden und mittelbar überhaupt aller staatlichen Ge­malt. Es ist bqteer selbstverständlich, daß Transvaal ein Parlament bekonmit, eine gesetzgebende Versammlung. Eng­lische Schlmiheit hat sich auch in diesem Fall wieder bewährt. Sie hat nicht das heimatliche Muster für die Bedürfnisse von Transvaal kopiert, bie Inseleinrichtungen nicht einfach aui den vormaligen Burenstaat übertragen, sondern die neue Organisation den besonderen Verhältnissen der Transvaal- bevölkerung angepaßt. Die gesetzgebende Versannnlung von Transvaal ist eine zum Teil aus Ernennungen, zum Teil aus Wahlen hervorgehende Körperschaft, an bereu Spitze der Gouverneur-Stellvertreter steht, also ein Beamter Großbritanniens. Tie von Großbritannien aus eingesetzte Regierung ernennt ferner 6 bis 9 Mitglieder des Parla­ments, wahrend 30 6b 35 gewählt werden. Tas Wahl­recht zum Parlament steht jedem früheren für den ersten Volksrat wahlberechtigten Bürger von Transvaal zu, ebenso wdem landesansässigen weißen englischen Bürger, der Grundstücke im Werte von 10 Pfund (200 Mark) jährlicher Rente oder ein Kapital von 100 Pfund (2000 Mark) bebü. Das Wahlrecht ist ungefähr nach englischem Muster gesta^ -Len eingeborenen und ein gewanderten Farbigen ist es vor­enthalten. Zu ihrem Schutz ist die Bestimmung getroffen, daß ein Gesetzentwurf, der etwa die Rechte der Schwänzen emschränkt, der besonderen Genehmigung der Reichsregie- rungin London bedürfen soll. Me Verhandlungssprache des Parlaments von Transvaal soll englisch fein; dem Prä- Ndenten-Vtzegouverneur steht es aber zu, einzelnen Rednern den Gebrauch der holländischen Sprache zu gestatten.

Abgesehen von den 6 bis 9 zu ernennenden Mitgliedern und dem Vorsitzenden Vizegouverneur, wird das neue Trans­vaalparlament ungefähr die nämliche Zusammensetzung haben, die es unter dem Präsidenten Krüger erhalten haben wurde, wenn dieser sich entflossen hätte, den drängenden und berechtigten Wünschen der Uitländers einigermaßen ^eamung <)it tiagen. Tie llitländers, deren Steuern allen ^taabbebarf deckten und deren Arbeit nicht bloß sie selbst sondern mit größerer Sicherheit die burische Bedcklker^g bereicherten, wollten in der Staatsvertretung mitvertreten ne wollten nicht ausschließlich Objekte der Gesetzgebung sein' Präsident Kruger mag noch so triftige und wohlerwogene Grunde Tur seine Ablehnung dieser Wünsche gehabt haben f Ut begreiflich, daß die llitländers in der fortaesetzten Jbtcßnung ein fortgesetztes Unrecht sahen, dem sie bei erster Belegenheit auch gewaltsam ein Ende zu machen bereit naren.

. Zu einem Punkt wird sich das von England einge­richtete ^ransvaalparlament von dem alten Burenparta- went unterscheiden: in den Diäten. In den vorliegenden o^MchPhischen Meldungen ist nichts davon gesagt ob die ober Transvaal-Gesetzgeber Diäten erhalten sollen Diäten ^V für gewiß annehmen, daß die m^n ^.^emen Umstanden die frühere Höhe haben sä«» BÄ« r§E wannen die ihnen bleiben werden. Aber die Briren be- Wen neben ihrem Stolz und ihrer Tapferkeit auch einen guten ^Leil Klugheit. Sie haben sich gewehrt, so lange es ging und dann haben sie mit dem Segnet ihren Trieben gemalt SW minder klug ist der englische Gegner qe- wesen. Klug und vorfichtig zugleich. Des vorigen Kam- Pfes gedenkt er nur mit Anerkennung für die Tapferkeit es jebigem Mitbürgers. Aus dieser Gesinnung ist die neue Verfassung für Transvaal erlassen worden, eine Besiegelung des inneren Friedens. ' b ?

Dei Vizegouverneur von Transvaal wird als Präsident des Transvaalparlaments nicht allzu lange darum augegan- 6eUf werden, den Gebrauch der holländischen Sprack^ zu ge-

Die Politik»

G Die Reichseinnahmen weisen im abgelaufenen Rech­nungsjahre wieder ein bedauerliches Minderergebnis auf. Die Zölle und Verbrauchssteuern sind hinter dem Voran­schlag um 24% Millionen zurückgeblieben. Die neue Zuckersteuer brachte dagegen 12% Mill, mehr wie voraus­gesetzt. Immerhin verbleibt nach Anrechnung dieses Ueber- schnsses noch ein Defizit von 15 Millionen, da auch Brau-, Schaumwein- und Tabaksteuer geringere Erträge bringen

Dieses Resultat ist kein erfreuliches und beweist ore Notwendigkeit von Reformen im Reichsfinanzwesen zur Evidenz.

cf Die Gewerbeordnung soll auf den Wunsch des In­nungsverbandes deutscher BaugeiDcrfsmeifter und mehrerer Handwerkskammern einer Aenderung unterzogen werden. Gefordert werden Festsetzung einer gesetzlichen Mindestdauer der Lehrzeit von drei Jahren, und Verleihung des Rechtes zur Anleitung von Lehrlingen in Handwerksbetrieben nur an denjenigen, welcher den Meistertitel gemäß § 133 der Gewerbeordnung führen darf, der obligatorische Charakter der Ablegung der Gesellenprüfung, erhöhter Schutz gegen widerrechtliches Verlassen der Lehre seitens des Lehrlings, Erweiterung der Bestimmung über die schriftliche Abschließ­ung des Lehrvertrages binnen vier Wochen nach Beginn der Lehre. Die Petitionskommission des Reichstages will bean- tragen, die Petitionen dem Reichskanzler als Material zu überweisen.

oI In Breslau ist die kirchlich-soziale Konferenz durch den Oberpräsidenten der Provinz Schlesien Grafen von Zedlitz und Trützschler eröffnet worden Staatssekretär Graf Posa- dowsky, Kultusminister Studt und der Minister des Innern von Bethmann-Hollwhg entboten der Konferenz, an welcher über 3000 Mitglieder teilnahmen, schriftliche Grüße. Die kirchlich-soziale Konferenz, bekanntlich eine freie Vereini­gung christlicher Sozialpolinker, gibt die kirchlich-sozialen Blätter heraus und bot den vaterländischen Bauverein ge= gründet, in dessen Häusern bis jetzt etwa 1000 Personen untergebracht sind. Ueber das erste Hauptthema „Moder­nes Arbeitsrecht" werden die Herrn Dietrick von Certeen und Arbeitersekretär Behrens sprechen.

G In englischen Zeitungen wurden wiederholt heftige Angriffe gegen die Deutschen in Südwestafrika gerichtet. Alle möglichen ©raufamfeiten wurden den Deutschen nach­gesagt. Sie 'sotten im wesentlichen durch solche Vorkomm­nisse selbst dazu beitragen, den Aufftand nicht zur Beendi­gung kommen zu lassen. Man braucht mir an die der Ge­schichte angehörenden Taten englischer Heerführer in Indien, an den Sepoy-Aufstand ober an die Konzentrationslager be§, Burenkrieges zu erinnern, um zum mindesten diese scheinheiligen Anklagen britischer Hetzer als sonderbar er­scheinen zu lassen. Neuerdings hat nun der Oberkomman- dicrende der deutschen Truppen in Südwestafrika, General von Trotha, ein klebriges getan, um endlich die Erzählun­gen der in Frage kommenden englischen Blätter in dgs rechte Licht zu stellen. Auf Ersuchen Trothas stellte der englische Korrespondent der „Cape Tiines" Untersuchungen über die angeblichen Grausamkeiten in D a in a r a l a n d an; er findet keinen Grund, Klage wider die Deut­schen zu erheben.

^ Auf der zum 12. Mai einberufenen Rektorenkonferenz der preußischen Universitäten und technischen Hochschulen soll u. a. über den Ausbau der Jmmatrikrllationsfragen und über die Studentenausschüsse verhandelt werden. Die Kon­ferenz soll wesentlich dazu dienen, die Differenzen inbezug auf die akademische Freiheit zu beenden.

S Die Lotterieverträge zwischen Preußen und Mecklen­burg-Schwerin, Mecklenburg-Strelitz und Lübeck sind am 26. April durch Unterzeichnung der Ratifikationsurtündett end­gültig abgeschlossen worden. Der Vertragsabschluß in der preußisch-hessischen Lotteriegemeinschaft soll in den nächsten Tagen vor sich gehen.

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^ Alle nicht schiffbaren Flüsse in Preußen sind nach einer Beifügung , des Landwirtschaftsministers wenigstens alte drei Jahre im Frühjahr unter Beteiligung der Landräte unk der Meliorationsbeamten einer Schau zu unterziehen.

Belgien»

D Die belgische Regierung tobet zu einem internationaler Kongreß für^weltwirtschaftlichc Entwickelung ein, der vom 24. bis 28. September stattfinden und in Mons abgehalter werden soll. Es soll über internationale Statistik, Wirt­schafts- und Zollpolitik, Seeschiffahrt, Koloninipolitik unk allgemeine Kulturzwecke verhandelt werden.

Amerika.

Das^von New York aus verbreitete Gerücht, die Ver einigten Staaten wollten, um eine Masseneinwanderune der Japaner von Amerika abzulenken, die Philippineninselr an Japan um den Preis von 400 Millionen Dollars ver. kaufen, beruht auf Mystifikation. Die japanische Einwan­derung braucht,gar nicht erst von Amerika abgelenkt zu wer­den, denn sie ist naturgemäß jetzt hauptsächlich auf Korec und China gerichtet. Tie Entsendung von Missionaren nack ^mna — nicht selten sind es Buddhapriester, die diese Auf gäbe erfüllen — verfolgt planmäßig politische Zwecke. A -Rassen treten Japaner als Instruktoren und Beamte ir chinesische Staatsdienste, wodurch allmählich die Haltung bei chinesischen Politik sehr wesentlich beeinflußt werden dürfte wobei sind die Japaner klug genug, daß sie in ihren An- spruchen nicht zu weit geben. — Diese Auffassung wird anet ourd) Meinungsäußerungen aus Nordamerika bestätigt Man nimmt an, daß Japan heute Karen unbeschränkt be

.....— —■! ÜLIJ "M herrscht. Es unterliege keinem Zweifel, daß auch mit China ein geheimes Abkommen bestehe.

Russland»

o% Die Gärung in der Bevölkerung zeitigt von Tag zu Tag unangenehme Ereignisse. In Libau finden in den letzten Tagen fortgesetzt Bräude statt. Der Post- und Per­sonenverkehr auf dem Schwarzen Meer, dem Asowschen Meer und den Mittelmeerlinien ist durch den Streik der Ingenieure, Heizer und Matrosen vollständig unterbrochen. Im Hasen von Odessa liegen siebzig Schiffe mit militäri­scher Besatzung, die im Notfalle gegen Ausschreitungen Front machen sollen. — Wie sehr Rußland unter dem in­folge des Krieges entstandenen finanziellen Niedergang lei­det, ergibt eine Berechnung des Blattes „Russkoje Slowo", nach der das Nationalvermögen bis jetzt um 1 775 000 000 Rubel allein durch Kurssturz der Privat- und Slaatspapiere geschädigt ist

Türkei.

( lA Die vollständige Vereinigung der Insel Kreta mit Griechenland, die das kretensische Revolutionskomitee kurzer­hand verkündet hatte, wird sich doch nicht so leicht durch­führen lassen, wie die gegen die türkische Suzeränität revol­tierenden Kreter es sich vorstellen. Die Antwort der Schutzmächte auf den Beschluß des kretischen Parla­ments über die Union mit Griechenland erklärt staatsrecht­liche Aenderungen jetzt für unmögli ch. Die Mächte be­schlossen gleichzeitig, zugleich mit dieser Entscheidung dem Prinzen Georg eine Anzahl Maßnahmen mitzuteilen, die zur Beruhigung der Gemüter dienen sollen. Die „Times" melden, die Insurgenten in Canea hätten die Konsulate be­nachrichtigt, daß sie den Trrrppen der Mächte keinen Wider­stand leisten würden. Der englische Kreuzer „Venus" kreuzt an der Küste, um die Einführung von Waffen zu verhindern Verschiedene militärische Punkte im Innern der Insel Kreta ßnd jetzt von den fremden Abteilungen besetzt worden.

Hsien«

1" Beunruhigende Nachrichten kommen aus dem asiati­schen Hochlande Tibet. Einem aus chinesischer Quelle stam­menden Telegramm aus Tschengtufu zufolge, ist der kai­serliche Resident in Tibet Fentschuen mit seinem ganzen Gefolge am 21. April in Batang von Tibetanern ermorbet worden. Dem Namen nach steht Tibet noch in einem Vasallenverhältnis zum chinesischen Reichh Die Er­mordung des chinesischen Residenten wäre, falls die Nachricht pch bestätigt, insofern von größerer politischer Bedeutung, als das Zustandekommen des e n g l i s ch - t i b e t a - Nischen Vertrages anläßlich der Expedition des bri­tischen Oberst Younghusband auf die Vermittelung des chi­nesischen Würdenträgers zurückgeführt wird. Er übte seinen Einfluß im Sinne einer friedlichen Schlichtung der zwischen Engländern und Tibetanern bestehenden Differenzen au^ Der Ort der Mordtat liegt übrigens außerhalb Tibets auf chinesischem Gebiet Wenn der Tod des englandfreundlicken Beamten fich bewahrheitet, so könnte der Vorfall leicht An­laß zu neuen Verwickelungen geben.

Geschwader wird aber

Vernehmen

o% Vorn ostnsiatischen Kriegsschauplatz liegen keinerlei Nach- rich^en von irgendwelchem Belang vor. Die Vereinigung

Flotte Roschdestwenskys mit dem dritten " unter Nebogatow soll noch nicht erfolgt sein bald erwartet. Das dritte Geschwader hat bem nach die Insel Pulo-Pinang passiert.

Bos und Gesellschaft.

Der Kv i fer benutzt den Aufenthalt im Hafen von Palermo zu Ausflügen in die Prachtvolle Umgebung, bei benen er von der Kaiserin und den Prinzen begleitet ist. so wurden die Sehenswürdigkeiten in Monreale und ins- oesondere die berühmte Kathedrale einer genauen Besichti- 3ung unterzogen. Ueberatt, wo das Kaiserpaar sick zeigt, i|t e* Gegenstand begeisterter Huldigung seitens der Be» roobner, und bei der Fahrt durch die Straßen von Palermo pflegt auf den kaiserlichen Wagen von den Balkönen herab ein Regen von Bluten herabzugehen. Zur Tafel auf der „Hohenzollern" werden stets einige italienische Würdenträ­ger geladen. Auch der Erzbischof von Monreale wurde auf bei "Hohenzollern" vom Kaiserpaar empfangen. Nach neueren Meldungen wird der Kaiser doch auch Venedig be­suchen, wo man seine Ankunft für den 3. Mai erwartet.

* * Dee König v o n E n gland ist in Begleitung der Koulgiu auf der Jacht „Vietoria and Albert" im Hafen teon Ajacno ein getroffen.

*** Der Großh er zog von Mecklenburg- Schwerin ist jetzt ebenso wie seine Schwägerin, die Her­zogin Olga von Braunschweig-Lüiieburg, an ben Wind­pocken erkrankt.

General der Kavallerie Graf Lehndorff ist auf schloß Prey! in Ostpreußen plötzlich gestorben. Graf Lohndorfs ist der besonnte Generaladjutant des Kaisers Wil Helm 1. Mit ihm ist wohl der letzte aus der nächsten Um- gebuna des alten Kaisers dahGegangen.