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Nr. 73

Montag, den 27. März 19u5.

14. Jahrgang

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Neu

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(Mekener Hageö^tt)

Zlnaöhâgige Tageszeitung

(Hießener Zeitung)

für Dberhsssm und die Kreise Marburg und Wetzlar; Lokalauzeiger für Gießen und Umgebwg.

Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen und anderer Behörden von Oberheflen.

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Der einjährigstes willige Militärdienst

Im Reichstag ist die Anregung gegeben worden, die zwe^- I jährige Dienstzeit allgemein einzuführen, unter Ausschaltung jekr Ausnahme. Nicht bloß die Ausnahme der dreijährigen I Di enstzeit bei der Kavallerie sollte abgeschafft werden, son- ' berm auch die Allsnahme des Einjährigfreiwilligendienstes 1 für die gebildete Jugend.

Einstweilen hat diese Anregung keine Aussicht auf Ver- Wirklichung. Weder will die Kriegsverwaltung auf den drei- jiü lägen Dienst bei der Reiterei verzichten, noch denken die bürgerlichen Parteien daran, das Institut der Einjährig. I frmwilligen aufzuheben. Die Feindschaft gegen dieses In- tot ist bei uns noch sehr jungen Datums. Sie ist aus dem Wen importiert, aus Frankreich, wo die Sozialdemokratte im Verein wenigstens mit einem Teil der Demokratie gegen WPrivilegium" des Einjährigfreiwilligendienstes wettert, tein man etwas als Privilegium bezeichnet, so ist es in ma ncher Leute Augen von vornherein verurteilt, sogar wenn es sich um ein Bildjingsprivilegium handelt, sogar wenn das an'wbliche Privilegium gar kein Privilegium, sondern eine voll ausgewogene Gegenleistuna ist. Schon der Name Privi­legium ist ein Verbrechen, stellt eine unsühnbare Rechtsver- Wimg dar.

im seine Bekanntschaft ie von ihm!"

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, Shakespeare läßt in seinemJulius Cäsar" den Dichter I Sinina einer Menge wütenden Volkes begegnen, die ihren Imn an den Verschworenen anslassesc will. Die Menge fragt driu Dichter nach seinem Namen und bedroht ihn mit dem Tocde, da sie ihn für den Verschworenen Cinna hält. Dieser möcht auf die Verwechselung aufmerksam und schreit:Ich bin nicht Cinna der Verschworene, ich bin Cinna der Poet!" Doirauf einer aus der Menge:Es tut nichts: sein Name ist Sinina; reißt ihm den Namen aus dem Herzen und laßt ihn lotsen!" Genau so geht's mit demPrivilegium" des Ainjährigeninstituts. , Man muß ihm den Namen aus dem Herzen, reißen, damit die wütenden Privilegienhasser es

' Wien lassen.

Was in den Augen dieser prinzipiellen Privilegienfeinde daèi Einjährigeninsfitut noch einigermaßen entschuldigt, ist bei Umftanb, daß die Berufssoldaten ihm nicht sonderlich Ivokhlgesinnt sind. Der Berufssoldnt liebt die Einjährigen nicht besonders, die ihm viel Arbeit machen soll doch der Simjä'jrige in der halben Zeit ausgebildet werden und manchmal durchaus nicht doppelt so anstellig sind, wie die I anderen.

Man kann ein Gegner der Privilegien sein, ohne doch für Gleichmacherei zu schwärmen. Die Gleichmacherei ist wider bie Natur, die Unterschiede geschaffen hat und zu schaffen ssockfährt. Die Gleichmacherei hat nichts mit der Rechts- |(]Ieüd)beit gemein, leugnet sie vielmehr, ignoriert sie zum Imnildesten in der Praxis. Rechtsgleichheit verlangt, daß das «besondere Recht durch eine besondere Pflicht aufgewogen I werde.

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Der Eselsmüller und die Falschmünzer

Von Gustav Rohleder, Grünberg i. H.

Alle Rechte Vorbehalten.

(Nachdruck verboten.)

Entweder war dies unschuldige Gesicht Wahrheit, oder er war schon in seiner Jugend ein rafinierter Spitzbube. Mn, er konnte das letztere nicht glauben. Aber sofort wollte er bei seinem Vorgesetzten Kreisrichter die Mel- dumg machen, bei Meister Schlierbach in Münster und beii dem Eselsmüller Schritte zur Entdeckung der Falsch- nmnzer vorzunehmen.

Eigenbrod ging zum Kreisrichter Knoblauch, nach­dem er sich von dem jungen Mätzel verabschiedet hatte. Ersterem erzählte er feine Entdeckung und auch seine Nutmaßungen. Matzel fuhr mit seiner Mutter und Kameraden bis Sassenburg. Dort gab es ein Auf­sehen, als der junge, stolze Herr erschien. Dewes, s in (Oer Meister, kam aus den Bücklingen nicht heraus, besonders als er sah, daß sein ehemaligerdummer bringe" jedem seiner zehn Kinder einen Brabanter shenkte. Jetzt sah er ihn an als einen halben Herrgott, demn die Not war groß bei ihm. Früher als Mätzel jein Lehrjunge war, ging es schlecht, jetzt aber noch viel elender. Die Kinder wollten essen, aber woher

nehmen? Manchmal dachte er daran nach Amerika zu zehen, dort sollte es viel besser sein. Aber das Reise- zeld. Nun Mätzel hatte den zehn Kindern zehn Bra- o,r tatet geschenkt. Gott sei Dank, jetzt konnten sie sich S^» dm halbes Jahr dafür satt essen. Als aber Mätzel ihm .O* mid seiner Frau jedem noch fünf Stücke gab, da um- iti^ Kunte er denselben und fing an zu weinen vor Freude. cP' tan ging Mätzel mit seiner Mutter in Sassenburgs , ^^ Bßtes GasthausZum Böttcher". Hier wollte er 22§815.6 innen, daß er es könne. Seine Mutter entließ er nach 2 ij^f: ikm Esse» reich beschenkt. Es tat ihm leid, den Esels- , 'Pi* tnüjUet nicht besuchen zu können, doch es ging nicht, WM

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Wer einen das Durchschnittsmaß übersteigenden Bil- ^ungsgrad gewinnt, kann das nur unter Opfern an Zeit und Geld tun, und das Ergebnis dieses Opfers kommt dem gemeinen Wesen mit zugute, as unter dem Mangel an Ge­bildeten^ empfindlich leiden würde. Wer dem gemeinen Wesen solches Opfer gebracht, der hat einen Billigkeits­anspruch darauf, daß ihm ein Teil an anderen Opfern nach­gesehen werde.

Als das Institut der Einjährigfreiwilligen geschaffen wurde, hat man durchaus nicht im Sinne gehabt, ein Privi- legium zu gewähren, d. h. einen Vorzug ohne Gegenleistung. Die Gegenleistung bestand abgesehen von der Pflicht der eigenen Kostenbestreitung, von dem Verzicht auf Löhnung ^wung, Wohnung und Unterhalt in der Erwerbung der höheren Bildung, die der Staat für seine Zwecke nötig hatte für den Beamtennachwuchs, für die Ergänzung des Offizier- korps im Kriegsfall. Dieses Verhältnis besteht noch heute fort und erscheint dadurch nicht beseitigt, daß hier rmd da ein Einjabrigfreiwilliger diirch Unanstelligkeit dem Rekruten- Unterotfizier und dem Rekrutenleutnant zur Plage wird.

Das Institut der Einjährigfreiwilligen ist" von allen Staaten mit der allgemeinen Wehrpflicht nach dem preußisch- deutschen Muster übernommen worden. Daß die französi­schen Gleichmacher es abschaffen wollen, ist nicht entfernt ein Grund dafür, daß auch wir.es abschaffen. Es wäre wohl ^â.^.^si^ Mal, daß wir in einer großen Organisationsfrage militarisier Art fremde Beispiele nachahmten. Die Folgen konnten recht bedenklich werden.

. Glücklicherweise ist das Institut der Einjährigfreiwilligen uns nicht ernstlich gefährdet, weder durch die etwaigen berechttgten, noch durch die unberechtigten Ausstellungen. Das Recht des einjährigfreiwilligen Dienstes, jedem zu- gängig, der die Vorbedingungen erfüllt, muß teuer erworben werden durch Gegenleistungen an Zeit, Arbeit und Geld; es ist deshalb kein Privilegium. Die Einrichtung ist nicht'ab­solut einwandfrei so wenig wie irgend eine andere, aber sie hat sich gut bewährt, und nichts steht der Erwartung entgegen, daß sie sich auch ferner gut bewähren wird.

Offenbar wird die nächste Phase des Kampfes um den Besitz von Wladiwostok

gehen. Diese Erkennttns ist auch wohl die Veranlassung da­zu gewesen, daß Admiral Roschdjestwensky seinen Kurs wie­der geändert hat und mit dem baltischen Geschwader nun doch die Fahrt nad^ den ostasiatischen Gewässern angetreten hat. Auch auf japanischer Seite unterschätzt man die Gefahr, me von dieser Seite droht, keineswegs. Denn wenn es Roschdjestwensky gelingt, mit dem größten Teile seiner Flotte Wladiwostok zu erreichen, werden die Japaner dort ein schweres Stück Arbeit finden. Meldungen über schwere Kämpfe auf See deuten darauf hin, daß die japanischen Geschwader dem heransegelnden Feinde den Weg verlegen wollen. Schon spricht man davon, daß

zwei russische Panzer beschädigt

seien. DerSsiossoi Weliki" und derNavarin" sollen von zapanffchen Torpedos angefallen und schwer getroffen sein. Ganz unmöglich ist es nicht, daß diese Nachricht sich bewahr­heitet, denn schon vor einigen Tagen waren japanische Tor­pedoboote gesichtet, die von dem bei Singapore liegenden Geschwader entsandt waren.

Der Krieg in OktZsieu.

Die Kriegsberichterstatter deuten auf neue Operationen tun, die von japanischer Seite geplant werden. Tatsächlich stehen lapanlsche Truppen zu beiden Seiten der russischen Stellungen, und Marschall Oyama bereitet

weit ausholende Umgehungsversuche

vor. Es handelt sich vor allem um die Eisenbahnlinien, deren Schutz eine Lebensfrage für die russisch Armee bildet. x>£n Japanern muß alles daran gelegen sein, einerseits die russische Mandschurei-Armee von Charbin abzuschneiden und andererseits die Verbindung zwischen Charbin und Wla­diwostok zu unterbrechen.

Die Politik,

c? Die von gewisser Seite in Umlauf gesetzten Gerüchte über Bedrohungen des Schutzgebiets Kamerun haben sich als völlig unbegründet bewiesen. Amtliche Nachrichten vom 24. März sagen, daß man wohl mit der Möglichkeit eines Butt-Angriffs rechne und. deshalb Kribi verstärkt habe, bor< läufig aber alles ruhig sei. Im Südosten des Schutzgebiets hat man wegen der im Novenrber vorigen Jahres erfolgten Ermordung des Kaufmanns Kundenreich um Verstärkung gebeten. Dieser Mord ist durch Bestrafung der beteiligten Eingeborenen bereits gesühnt.

Russland*

T Aus Petersburg wird uns geschrieben: Es gibt keine Revolution und es gibt keine japanischen Siege. General Trepow behauptet es, und der Diktator von Petersburg muß es doch wissen. Wenn man nur wüßte, was er mit seiner Ableugnung des Offenkundigen sagen will! Vielleicht, daß man den Revolutionären nicht nachgeben und den Krieg fort­setzen werde, bis die Japaner nicht mehr siegen. Doch beides hängt nicht von ihm ab, und mit bloßen Worten ist es nicht zu machen. Bei allem amtlichen Säbelrasseln ist vom Frie­densschlüsse mehr denn je die Rede. Frankreich soll den Vermittler machen. Auch erzählt man sich geheimnisvoll von ganz neuen Kriegsplänen: Die russische Regierung wolle Ostasien und den japanischen Krieg aufgeben, dagegen in Europa irgend eine Intrigue anstiften oder Streit beginnen, etwa im Balkan, und dort mit seinen Truppen eingreifen, um zu beweisen, daß man auch jetzt noch mit Rußland rechne

die Post fuhr vor und er nun er eilte nach Müuster zu seiner lieben Braut.

Als Mätzel nach einigen Tagen später dort an­kam, fand er alles in Aufregung. Polizeibeamten nahmen ihn sogleich in Empfang. Seine Braut mit ihren Eltern waren schon in das Untersuchungsgefängnis abgeführt. Er konnte, als man ihm dieses sagt, es nicht fassen. Was hatten denn die ihm so lieben Leute getan? Lachend sagte ihm ein Polizeimann, sie hätten die Krone von Brabant nachgemacht. Mätzel begriff dieses alles nicht. Er wurde auch verhaftet, gestand aber schon im ersten Verhör alles, was ec in Bezug der Falschmünzerei wtzßte. Der Untersuchungsrichter erklärte sofort, daß er einen Verführten vor sich habe, welcher unbewußt gefrevelt hatte. Schlierbach dagegen und die Seinigen leugneten, trotz dec gefundenen Be­weise. Sie blieben in Haft, bis die Behörde die weit verzweigte Bande gefunden haben würde. Daß der Eselsmüller die Seele der ganzen Bande sei, wurde all­gemein geglaubt, aber die Beweise fehlten.

Der Eselsmüller hatte seit mehreren Tagen den Pfarrer nicht mehr gesehen. Ec saß eines abends allein in feiner Mahlstuve, als ein leises Pochen an der Türe ihm die Ankunft eines nächtlichen Besuches meldete. Ec öffnete und voc ihm stand dec ehemalige Weiden­dieb Balzer aus Sassenburg.Was bringt Ihr noch so spät?" frug der Eselsmüller.Nichts gutes", er­widerte Balze-. Der Pfarrer von R . . . Hausen, Euer Freund, ist durchgegangen, man sagt, sein Onkel habe von seinem Tun Wind bekommen und deshalb im Ge­heimen ihn über Holland nach Australien geschafft. Seit Zwei Tagen muß er schon auf Wasser sein."

Ist das die Neuigkeit alle?" erwiderte zitternd der Eselsmüller.

Nein", erwiederte Balzer.Heute war der alte Gendarm Eigenbrod und der junge Rothlauf von Con­dorf bei mir und frugen mich, was ich von Euch an

Hülfeleistung empfangen, auch ob ich Geld in Scheinen oder Brabanter erhalten habe".

Ich konnte mit ruhigem Gewissen I antworten: Nicht einen Pfennig habe ich an barem Geld vom Eselsmüller erhalten.Eselsmüller", so sprach er weiter,es droht Euch Gefahr, habt Ihr etwas gut zu machen, daß Ihr Unrecht getan habt, so machts noch schnell gut, ich warne Euch. Ihr habt an mir große Barmherzigkeit getan, als ich fast verzweifeln wollte, unser Herrgott vergelte es Euch. Könnt Ihr begangenes Unrecht nicht mehr gut machen, dann seit wenigstens gewarnt. Gute Nacht, Eselsmüller, Gott schütze Euch".

Halt, Balzer", rief der Eselsmüller,bis dahin war ich sprachlos, jetzt will ich reden. Balzer, Hand her, gelobt zu schweigen. Ihr seid ein armer Mann, Euch gebe ich erst reichlich für Eure Kinder, dann mag es mit mir gehen wie es will. Ich seh' es geht doch zum Ende. Aber Balzer, erst sollen die Herren vom Gericht den Eselsmüller in seinen Tücken kennen lernen. Rüsfeler soll aufs neue irrsinnig geworden sein. Kernein, der alte ist tot. Der verdorbene Pfarrer, wie Ihr sagt, fort. Weishaupt durch den Schrecken beim Aufstiegen seines Kohles kindisch geworden Was soll mir das Leben noch. Alle die anderen Kreaturen verachte ich nur/

Ihr, Balzer, nehmt diese kleine Kaffete mit ächtem französischen Gelde für Eure Kinder mit. Verwahrt es gut. Einst bringt es Ihnen Segen, mir aber nur Fluch."

Als Balzer zögerte, sprach er,nehmt es getrost, es ist kein Falschmünzerlohn, sondern ehrlich gesammeltes Geld. Nun geht Balzer, morgen früh sende ich Euch Mehl und Geschältes. Habt Dank für Eure Warnung. Geht jetzt ruhig heim, ich will Euch nicht länger auf­halten, ich muß auch jetzt allein mit mir sein."

(Fortsetzung folgt.)