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Nr. 49.

Montag, Den 27. Februar 1905.

° 14. Jahrgang

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I»sertt»«SpreiS 1 Die einspaMge PetttzeUe für ganz Ober* Hessen, die Kreise Wetzlar m» Marburg 10 Pfg. sanft 15 Pfg. Reklamen die Petitzelle 30 resp. 40 Pfg.

Redaktton u. Hauptexp^tüon: Gießen, SelterSweg SS. Fer»s-rech«Uschl«ß Nr. 36».

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VlbO»«e«e»t-prei-: abgcholt monatlich 50 Pfg., in« Haus rebracht 60 Pfg., durch die Post bezogen vierteljährl.Mk.1.50. GrOchiSbeilage«: Oberhesfische Familieuzeitnug (täglich) und die Gießeuer Seifenblase» (wöchentlich).

DaS Blatt erscheint an allen Werktagen nachmittags.

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- Gießener TageSlatt)

Unabhängige Tageszeitung

(Hießerrer Asitung)

für Nerhefsm und die Kreise Marburg und Wetzlar; LakalanzeigZr für Gießen und Umgebung.

Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen und anderer Behörden von Oberhessen.

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Vie Greuel von ßaku.

Petersburg, 25. Februar.

Die russische Negierung läßt in ihrem Bereich das freie Wort nicht zu kein Wunder, daß sie selbst das wahre Wort nicht liebt, wenn es gilt, von Vorkommnissen zu sprechen, )ie sich absolut nicht mehr verheimlichen lassen. Auf wei­ten Umwegen war die Nachricht hierher gedrungen, daß in Vatu ein förmlicher Kampf zwisä)en den dort bei einander wohnenden Nationalitäten ausgebrochen sei. Die offiziöse Berichterstattung aber leugnete jedes ernstere Vorkommnis, gab höchstens zu, daß Privatrache zu vorübergehenden und bedeutungslosen Streitigkeiten geführt habe. Am Freitag erst kam das amtliche Eingeständnis, daß am Sonntag zwei Nohamedaner von Armeniern ermordet worden seien, daß bie beiden Nationalitäten am Montag und Dienstag einander ordentliche Gefechte geliefert hätten, in deren Verlauf man erst 35 dann 100 Tote zählte. Bazare und Läden wurden geplündert, das auf 9 Infanterie-Bataillone und 7 Ko­sakenschwadronen verstärkte, mit Artillerie versehene Mili- rär mußte einschreiten. Am Mittwoch wurden die Unruhen fortgesetzt, die Häuser von reichen Einwohnern wurden aus- geraubt und in Brand gesteckt, obwohl der Gouverneur in Begleitung orthodoxer Armenier, der muselmanischen Geistlichkeit und sonstiger angesehener Bürger einen Um­zug durch die Straßen hielt, die armenische und die musel­manische Geistlichkeit unter Beifallsgeschrei der Menge Bru­derküsse austauschte. Nur die moslemitische Bevölkerung traute der Versöhnung und öffnete ihre Läden, die arme­rischen Läden blieben geschlossen., Am Donnerstag fanden erneute Kämpfe statt, die Polizisten verlangten Ablösung imb die Beiordnung von Offizieren und Untermilitärs. Aehnliche Szenen wie in Baku spielten sich, wenn auch ge­mäßigt, in Balachang ab.

Gleichzeitig mit diesem amtlichen Bericht, der aus Tif­lis- vom Freitag datiert ist, fommt von heute aus Baku dirèkt die Versicherung, daß die Ruhe wiedergekehrt sei. Der Gouverneur fordert in einer Bekanntmachung auf, den um­laufenden alarmierenden Gerüchten keinen Glauben zu schenken. Dabei hat er in Baku und dem Naphtarayon das Verlassen der Häuser zwischen 8 Uhr abends und 6 Uhr morgens verboten. Man kann sich denken wie eine Ruhe aussieht, die man durch solche Anordnungen sichern muß!

*

Der russische Eisenbahnerstrell.

Die sehr bedenkliche Einstellung des Bahnverkehrs auf den Hauptlinien Westrußlands, namentlich der Warschau Wiener Bahn, ist glücklicherweise schnell vorübergegangen. Die WarschauWiener Bahngesellschaft hat eine Erhöhung der Gehälter und Löhne um 650 000 Rubel bewilligt. Da­mit waren die Angestellten zufrieden, die Beamten begaben sich wieder in den Dienst, seit Freitag verkehren die Züge aufs neue. Auf der Strecke PetersburgWarschau ist der Verkehr niemals völlig eingestellt gewesen. Die Bahnver- rmltung macht bekannt, daß Bahngebäude und Weichen mili­tärisch bewacht seien und für die Betriebssicherheit keine Gefahr vorliege. Allzu beruhigend klingt das nicht. Die Züge von Warschau nach AlexandrowaThorn sind wie­der im Gang. Dagegen ruht die Tiraspollinie der Weich- säbahn noch vollständig. Von Saratow und Atkarsk nach Kirsanow im Gouvernement Tambow verkehren nur erst Lie Post- und Militärzüge, die Personen- unb Güterzüge . M^en noch aus. Für die Arbeiter und Angestellten der Strecke Libau Romnp hat ein kaiserlicher Erlaß beii Zehn- ' stinden-Arbeitstag eingesührt, worüber die Beteiligten na- i Mich erfreut sind.

Neue Arbeitseinstellungen.

Findet an einzelnen Stellen eine Wiederaufnahme der Arbeit statt, so kündigen sich an andern Orten neue Streiks an. In Warschau verlangen alle Bankangestellten Gehalts­erhöhung und Verkürzung der Arbeitszeit. Ebenso die An­gestellten der Handelshäuser. In Saratow feiern die Druckereiarbeiter. In Noworossysk hat der Universitäts- - wat entschieden, daß angesichts der bestehenden außerordent- litben Erregung der Studierenden die Wiedereröffnung der Vorlesungen nicht angezeigt sei. Die Huldschinkiwerke in Zawierze haben am Freitag die eben erst aufgenommene Ar­beit eingestellt.

Die Not der Bevölkerung.

Es ist selbstverständlich, daß unter den obwaltenden Ver­hältnissen weite .Kreise der Bevölkerung Not leiden. Und ebenso liegt es in der Natur der Sache, ^daß die Not sich zuerst bei denen fühlbar macht, die zum Feiern gezwungen sind, weil ihre Dienste nicht mehr verlangt werden. Die herr­schende Stimmung ist begreiflicherweise dem Theaterbesuch .nicht günstig. Es fehlt die Stimmung beinahe noch mehr als das Geld. Die Theater und Singspielhallen sind ge- schlossen oder jedenfalls leer. In Lodz allein sind 2 5 0 deutsche Schauspieler brotlos, da die Schau- . shieldirektoren sich gezwungen gesehen haben, von dem Ki'm- digungsparagraphen Gebrauch zu machen. So mancher be­scheidene Künstler muß sich die Mittel zur Heimreise er­betteln. .

Der Krieg in Ostasien.

Die neueste russische -Offensivbewegung hat ebenfalls vor den japanischen Gegenangriffen nicht nur schleunigst Halt machen müssen, sondern hat sich stellenweise in einen regelrechten Rückzug auf die alten Stellungen gewandelt. An einzelnen Punkten haben recht

erbitterte Gefechte stattgefunden, die ganz danach aussehen, als sollten sie die Einleitung zu einer neuen großen Schlacht bilden. Aus Sachetun wird vom 24. Februar gemeldet:

Nachdem gestern abend die Japaner den Hügel Beres- nevsk angegriffen hatten, aber zurückgeschlagen worden waren, erneuerten sie heute den Angriff auf der ganzen Front der Abteilung bei Tsinchenchen heftig mit über­legenen Kräften und zwangen die Russen, ihren Stütz­punkt, den Hügel Beresnevsk, zu verlassen. Das Ge­fecht wurde auf beiden Seiten erbittert geführt; das Er­gebnis ist noch unbekannt.

Wie General Kuroki meldet, ist, nachdem in den letzten Tagen das ArUlleriefeuer fast gänzlich eingestellt war, auf dem linkem japanischen Flügel das Bombardement nach dem Hunho wieder energisch ausgenommen worden. Die nächste Zeit kann also wieder ernstliche Kämpfe bringen.

Die Kavallerie ist beiderseitig hartnäckig auf neuen Streifzügen begriffen. Russische Kosaken sollen dabei wieder einmal die chinesische Neutralität nicht respektiert haben.

Tschuntschusen und Kosaken.

200 Kosaken sollen sich nämlich auf der Eisenbahnstation Lichsawo zwischen Simninting und Kaopantse festgesetzt haben. Von einem Tschuntschusenlager, das in der Nähe war, fielen 1200 Mann über die Russen her, die sie aber mit großem Verlust zurückschlugen; die Kosaken, die nur Zwei Mann verloren hatten, gingen wieder über den Fluß Liao zurück. Die Japaner behaupten, daß die Kosaken bis­her fast immer versagt haben. Als die besten Patrouillen- reiter hatten sich die Tschuntschusen bewährt, die auf rus­sischer und japanischer Seite, je nach der in Aussicht gestell­ten Belohnung, vorzügliche Dienste leisteten. Diese Leute tonnten mehr leisten als die reguläre Kavallerie, da ihnen )as Land mit allen Eigenümlichkeiten durch ihr früheres Nauberleben durchaus bekannt war.

Die Politik.

^ Die Reichsbank hat den Diskont ans 3% herabgesetzt, Dell die Lage des Geldmarkts genau der von vor drei Jahren entspricht, wo der Diskont dieselbe niedrige Bemessung er­fuhr. Die Goldvorräte der Reichsbank haben zugenommen, der Notenumlauf hat sich verringert, es ist eine Ueberdeckung von rrmd 39 Millionen Mark vorhanden. Deutsche Fonds sind in erheblichem Umfange vom Ausland angekauft, so daß ein Goldabfluß nach dem Ausland nicht zu besorgen ist.

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G Die Lotterieverträge Preußens mit den beiden Mecklenburg und der Stadt Lübeck sind dem preu­ßischen Abgeordnetenhaus jetzt vorgelegt. Sie sollen am 1. Juli 1905 in Kraft treten und gelten auf 10 Jahre. Werden sie nach 9 Jahren nicht gekündigt, so gelten sie auf weitere 5 Jahre. Preußen zahlt an Mecklenburg-Schwerin 400 000, an Mecklenburg-Strelitz 67 000, an Lübeck 200 000 Mark jährlich und und vermehrt seine Stammlose um 15 000 Stück.

4< Der Senat der technischen Hochschule in Braunschweig hat das Konsilium abeundi gegen die Mitglieder des stu­dentischen Ausschusses zurückgenommen. Der alte Ausschuß ist wieder anerkannt, und es herrscht Uebereinstimmung, daß dem ganzen Streit ein Mißverständnis zu Grunde gelegen. Besser konnte die Sache gar nicht ausgehen.

Russland»

+ Die Moskauer Duma (©taMüertoalhing) hat in ihrer Mehrzahl eine Adresse an den Kaiser gerichtet, in der sie die Berufung von Vertretern aller Gesellschaftskreise erbittet, deren Aufgabe es fein soll, eine Neuordnung zu schaffen und eine Wiederholung der traurigen Ereignisse unmöglich zu machen, die jüngst Rußland betrübt haben.

ßalkan-dtaaten*

+ Die serbische Skupschtina geht mit dem Ministerium Paschitsch nicht allzuglimpflich um, und die Zuhörerschaft auf den Gallerten bildet willig Chorus. Ein Abgeordneter rief bei gleichgültigem Anlaß dem Minister be$ Innern zu, er verdiene 8 Jahre Gefängnis es ist nicht Har, wie der Abgeordnete gerade auf dieses Maß gekommen ist und die Tribüne klatschte Beifall. Darauf wurden die Gallerten ge­räumt und die Sitzung fand ein schnelles Ende, nachdem noch'in aller Eile die beiden radikalen Grrchpen Höflichkeiten miteinander arlsgetauscht hatten

Türkei»

0 Irr Adrianopel ist bereits da.s türkische Hauptauartier

zur Bekämpfung des erwarteten mazedonischen Aufstandes aufgeschlagen. Zwar wird behauptet, daß sich im Bezirk nur 3 Redif-(Landwehr-)Bataillone zweiter Klasse befanden, die in Uesküb ständen, doch klingt die natürlich demen­tierte Nachricht nicht unwahrscheinlich, daß bereits Mo­bilisierungen vorgenommen seien.

Der dominikanische Handel.

Aus Santo Domingo hat der amerikanische Gesandte an das Staatsdepartement in Washington die telegraphische Meldung gerichtet, daß Präsident Morales dem Mordanschlag einer Anzahl von Personen glücklich ent­gangen sei. Fünf non den Angreifern sind feftgenommens worden, die übrigen entkamen. i

In den wilden Republiken Amerikas sind Mordanschläge auf Präsidenten keine Seltenheit. Wer dort Oberhaupt eines Staates zu werden sich entschließt, hat Anwartschaft darauf, über kurz oder lang zu Vermögen zu kommen ehrliche währt am längsten aber zum mindesten die gleiche An- lnartschaft darauf, nicht im Bett, sondern in den Stiefeln zu sterben. Die Präsidentschaft ist dort ein Geschäft wie ein an­deres auch, einträglich und entsprechend gefährlich. Die mehr' oder weniger dunkelfarbigen Gentlemen regieren mit dem Revolver in der Hand. Der Revolver dient dazu, die ehren­werte Konkurrenz im Zamn zu halten. Denn an Konkurrenz fehlt es nicht, die gern selbst an die Staatskrippe kommen möchte. Ueberaus drollig fiub diese Staats-Geschäftsmänner im Verkehr mit der zivilisierten Diplomatie, der sie an Vertrautheit mit Ränken und Kniffen nichts nachgeben. Die diplomatischen-Beziehungen zur Kulturwelt sind durch den kaufmännischen Verkehr bedingt und durch das Kulturbe­dürfnis, das sich bei den primitivsten Staaten am frühesten einstellt: Anleihen zu machen und Zölle zu erheben. Denn wozu hat man einen Staat, und wozu ist man mit Lebens­gefahr Präsident!

Daß^ Präsident Morales den Fährnissen seines Berufs be­gegnet ist, würde kein Aufsehen erregen unb kaum die Be­achtung finden, die für eine telegre-phische Meldung sogar in unserer Zeit noch die Vormrssetzmlg bildet, wenn nicht der Mordanschlag in diesem Fall einer Sache weit mehr als einer Person gegolten hätte. Präsident Morales hatte eben seinen Staat an den Präsidenten Roosevelt verkauft, und der Mordversuch stellt den in die landesübliche Form gekleideten Protest dar!

Der Verkauf war in aller Stille vor sich gegangen. Prä­sident Roosevelt hatte in einemProtokoll" mit seinem Kollegen von Domingo festgesetzt, daß 55 Prozent der Zoll­einnahmen den bösen europäischen Gläubigern gegönnt werden sollten, 45 Prozent demgroßen Freund" in Wa­shington, der dafür auf sich nehmen wollte, in Domingo gute Polizei zu halten, die Ordnung zu sichern, kurz sich väterlich freundschaftlich zu geberden und namentlich die ungehobelte europäische Einmischung auszuschließen. Was dabei für Morales abfiel, war imProtokoll" nicht gesagt. Auch stand darin kein Wort von einer Annexion, so wenig wie von einer zeitlichen Beschränkung des Aufsichtsrechts der Vereinigten Staaten. Man machte von der Sache überhaupt kein Aufhebens, wollte sie nicht einmal vor den Kongreß in Washington bringen. Hierzu entschloß man sich erst, als die Gegner Roosevelts von dessen diktatorischen Gelüsten zu sprechen anfingen. 1

Aber auch in Domingo fand die stille Abmachung Wider­sacher. Und nicht ganz mit Unrecht. Die Konkurrenten des Präsidenten Morclles mußten wohl ober übel dulden, daß dieser die Vorteile der Herrschaft für sich in Anspruch nahm. Sie waren bereit, zu warten, bis die Reihe an sie gekommen sein würde, sich schadlos zu halten. Daß ihnen jedoch Morales auch die Zukunftsanwartschaft nehmen, daß er nicht bloß Nutznießer der Staatsgewalt sein, sondern gleich den ganzen Bestand veräußern wollte, das war wider die Abrede, das durften sie im Interesse der Fortdauer des Geschäfts nicht gestatten! ,

Sie haben ihrer abweichenden Meinung von der Ratsam­keit des Morales-RooseveltschenProtokolls" den gewöhn^ lichen Ausdrrrck gegeben, indem sie eine Gesellschaft zur Er­mordung des Präsidenten Morales bildeten. Ihr Unter­nehmen ist mißglückt, und Morales lebt. DasProtokoll^ aber hat doch ein Loch befommen. Der Kongreß in Washing­ton wird es sich etwas genauer ansehen, ehe er feine Billi­gung ausspricht. Denn demProtest" gegenüber müssen bis Vereinigten Staaten bereit sein, mit großem Apparat in Domingo Einzug zu halten, um dort wirklich Ordnung imb Sicherheit, namentlich für sich selbst 31t tvahren. Sie werden kaum vermeiden können, ohne Verkleidung aufzutreten, als das, was sie wirklich sind: als Eroberer. |

Diese fehlende Garderobe wird der Schamhaftigkeit der Uankees schmerzlich sein. Doch unbesorgt: sie werden sich die Verletzung ihrer Gefühle bezahlen lassen und mit umso grö­ßerer Energie gegen die Widersacher des Präsidenten Mo­rales Vorgehen. Selbst wenn der Kongreß, was immerhin möglich ist, zu dem Entschluß sammt, dasProtokoll" und seinen Inhalt nicht zu bestätigen, nicht den Rächer des Prä^ sidenten Morales zu spielen endlich kommts doch dahin^ daß die Vereinigten Stachen in Domingo ihr Geschäft ein­tragen lassen alsMorales selig Erben".