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N2. 123.

Freitag, den 26. Mai I9u5.

14. Jahrgang

3«Hrtic«^>?H0: Die emf>eWge PettHeile für ganz Ober- H«sim, die Kreise ®e^l<r und Msrdurg 10 Pfg sonst 15 Pfg. Rekl«me» die PetMzeiLe 30 resp. 40 Pfg.

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Weue^le

(Gießener Uelzeksatt)

Hlnaöyävgige Tageszeitung

richten

(Gießener Ieitimg)

für Oberhesien und die Kreise Marburg und Wetzlar; Lokalaazeiger für Grefte« und Umgebung. Kutbält alle amtlichen Bekanntmachunqen der Großh. Bürgermeisterei Gießen, des Großh. Polizeiamtes Gießen und anderer Behörden ton Oder Hessen.

worden. In sechs Wem ein wuw die ^rage aynUch lute in der Vorlage der preußischen Regierung vn das ^geordneten- Haus behandelt. Eine von anderer ^cite im Reichstag ein­gebrachte Resolution will die verbündeten Regierungen er­füllen, alsbald eine Novelle zur Neichsgewerbeordnung ein­zubringen, um die Kontraktabschlüsse im Bergbau zwisllen Arbeitgeber und -nehmer neu zu regeln.

Des pudels Kern.

^ Zirr deutsch-französischen „Verbrüderung". —'

Wer für den Frieden spricht, darf allgemeiner Zustim­mung sicher sein. Wer gar den ewigen Frieden predigt, hat von vornherein alle Herzen für sich. Es ist eben unmög­lich, den Frieden nicht für ein hohes Gut zu halten. Der Berufssoldat selbst wird im Krieg nur den Zweck sehen, den Frieden wiederherzustellen. Auch wer gern betont, daß der Krieg manche Tugend zeitigt und zu ihrer Uebung häufige Gelegenheit gibt, wird ohne Zögern einräumen, daß der Krieg ein Unglück ist und den Sieger kaum weniger schwächt als den Besiegten. Daß ein gesitteter Mensch den Krieg liebt um Les Krieges willen, wie man Kunst oder Wissen­schaft um ihrer selbst willen lieben mag, ohne jeden Neben­gedanken und Nebenzweck, das kommt einfach nicht vor. Man läßt gelten, daß der Krieg auch seine Ehre hat — doch dem Frieden schenkt man den Vorzug, und kein Fürst kann höher gepriesen werden als der, den mit Neckst der Beiname eines Friedensfürsten schmückt.

Die Prediger des ewigen Friedens hätten gar nicht ein­mal nötig, den Idealismus irgendwie zu verlassen, sich auj das Gebiet prattischer Erwägungen zu begeben, von den Kosten Les bewaffneten Friedens zu sprechen, die Erspar- nisse aufzuzählen, die die Völker machen könnten, wenn sic keine Kriegsheere und keine Kriegsflotten mehr brauchten. Es wäre sogar weit klüger von ihnen, wenn sie diese Seite der Empfehlung mit Schweigen übergingen. Denn hier wirk die Prüfung heraus gefordert, ob auch praktisch möglich sei, was die Friedensfreunde Vorschlägen, ob nicht vielmehr die Verwirklichung ihres Vorschlages die Kriegsgefahr außer- ordeirtlich erhöhen und das Schicksal der Völker dem Zufall anheimgeben würde. Es soll nichts gegen Schiedsgerichte gesagt sein, die ettoa Vorkommen de Streitfälle schlichten. Aber es liegt in der Natur der ëadje, daß kein Staat ein Schiedsgerichtsurteil anerkennen kann, bei dem es sich um sein Lebensinteresse handelt. In solchem Fall darf er auf keines Dritten Urteil hören, m u ß er sein Leben ver­teidigen und lieber kämpfend untergehen, als sich ohne Gegen­web r unrühmlich abtun lassen. Die schiedsgerichtlichen Ver­anstaltungen und Verabredungen mögen noch so gut aus­gebildet werden — der beste Friedens schütz bleibt doch die Kriegsfurcht, d. h. die Besorgnis vor dem üblen Ausgang eines nicht unbedingt nottvendigen Krieges. Der Staat, der sich wehrhaft hält, so daß niemand mit ihm anzubinden wagt, hat sich um die Erhaltung des Friedens verdient ge­macht; während der Staat, der durch seine Wehrlosigkeit eine Versuchung zum Angriff gegen ihn bildet, eine fort­gesetzte Friedensgefährdung ist.

Deswegen sind wir aber keineswegs Gegner der Frie­densfreunde und der Friedensfreundschaft. Ihre Propa­ganda ist gut gemeint und kann sehr nützlich sein, indem sie die Neigung zur Verträglichkeit vertieft und die Leichtfertig­keit im internationalen Verkehr unterdrückt. Sogar ein klein wenig Uebertreibung lassen wir uns ganz gern ge­fallen. Wir wissen, daß es aus gutem Herzen kommt. Doch so völlig unbesehen dürfen wir die Friedensfreunde und ihre Predigten nicht hinnehmen. Auch unter den Friedens- Propheten gibt es falsche Propheten, die unter dem Deck­mantel der „großen idealen Ziele" ihre Sonderbestrebungen ernschmuggeln wollen, die in der Stimmung der allgemeinen c^^^^rbrüderung billig und schmerzlos ein Spezial- 6 stelln auf Kosten der gerührten und in ihrer Rühr- seligkert nicht allzu aufmerksamen Brüder machen möchten.

falscher Friedensprophet ist der Baron d Estournelles de Constant, der sich jetzt in deutschen Blät­tern vernehmen läßt, falsch in mehr als einer Beziehung Er will den Frieden nur insofern, als er für Frankreich den Siegespreis ohne Kriegsgefahr einheimsen möchte Und er will den europäischen Frieden nur zur gemeinsamen Ab­wehr der vermeintlichen amerikanischen Gefahr. Ruin und Revolution drohten dem uneinigen Europa von Amerika Warum, das sagt Baron d'Estournelles de Constant nicht Wohl aber sagt er, warum nach seiner Ansicht Europa nicht einig werden könne. Frankreich und Deutschland könnten mcht zusammenkommen, weil Elsaß-Lothringen sie trenne Und nun kommt das alte Lied, des Pudels Kern: Gäbe^ Deutschland Elsaß-Lothringen an Frankreich zurück, wäre der Frieden auf ewige Zeiten besiegelt. So sagt Herr d Estournelles, der nicht bloß französischer Senator, sondern auch em großer Narre ist, und der uns durch seinen Vorschlag bewegt, daß er uns für noch größere Narren hält. Elsaß hat zweihundert Jahre zu Frankreich gehört. Frank­reich hatte es durch List, Betrug, Gewalt an sich genommen Das war.beinahe sein gutes Recht, da Deutschland sich das gefallen ließ. Aber diese unwür-dige deutsche Gefälligkeit hat Frankreich nicht friedlich gestimmt. Frankreich hat in häufigen Wiederholungen Deutschland mit Krieg überzogen und in einem seltenen Anfall von Bescheidenheit b l o ß das linke Rheinufër verlangt. Das war vor dem Krieg von 1870/71, das haben die kelteren unter uns ebenso wie o Estournelles de Constant mit erlebt. Wir haben also die Erfahrung gemacht, daß Frankreichs Friedensliebe bei dem Besitz von Elsaß-Lothringen nicht gewachsen ist. Wir müßten ore größten Narren sein, für die Herr d'Estournelles uns zu halten die Freundlichkeit hat, wollten wir Elsaß-Lothrin-

gen an Frankreich zurückgeben, um jene Erfahrung zu er­neuern. Freilich verspricht Herr d'Estournelles, daß es anders kommen werde. Aber er ist nicht Frankreich. Und wenn er befugt wäre, im Namen Frankreichs zu schrecken imb zu versprechen, so würden wir ihm nicht glauben. Es ist vielleicht unhöflich, das zu sagen. Doch der französische Senator, der uns foldje Kindlichkeit zumutet, hat uns nicht gerade zur Höflichkeit verpflichtet.

Die Prediger der Friedensliebe, die uns zur Friedens­liebe bekehren wollen, während wir doch Friedensliebe schon vor ihnen betätigt haben, und die für ihre gänzlich unange­brachten Vekehrungsversuche einen Lohn beanspruchen, die sind recht verdächtige Freunde der guten Friedenssache. Die Antwort bleibt den Herren natürlich nicht schuldig, und sie wird je nach dem Temperament des Antwortenden verschie­den klingen. Am besten ist es, sich gar nicht zu echauffieren — dazu sind jene Herren zu ungefährlich —, sondern die Baron d'Estournelles de Constant und Genossen einfach aus­zulachen.

Der Krieg in Oftafien.

Wenn man einer Nachricht des Reuterschen Bureaus au» Manila Glauben schenken darf, hatte sich daS große Er­eignis, auf das die ganze Welt mit gespanntem Interesse wartete, an der Pforte des Stillen Ozeans bereits voll­zogen.

Die japanische Flotte geschlagen?

Die bezügliche SDMbung, die das Datum des 25. Mai trägt, berichtet in lakonischer Kürze:

Ein unbestätigtes Gerücht besagt, die Flotten seien im Süden von Formosa zusammengestoßen und die Japaner seien geschlagen.

Jeder Kommentar zu dieser Nachricht wäre betrübt. Sic kann ebensogut auf Wahrheit beruhen, wie eine bloße Kom­bination sein, die sich auf der früheren Meldung ausbaut, daß die Flotte Roschdjestwenskpv den Baschi-Kanal südlich Formosa passiert und in den Stillen Ozean eingetreten sei. Da es von Anfang an hieß, Togo bewache die Küste von Formosa, so wäre ein Zusammentreffen dort nicht weiter wunderbar.

Noschdjestwensky und seine Pläne.

Daß eine Seeschlacht bald zu erwarten sei, betonte and1 der Verweser des russischen Marineministeriums, Admiral Avellan. gegenüber einem Petersburger Journalisten. Noschdjestwensky verfüge über viele Mittel, die Japaner zur Schlacht zu zwingen Das Unglück von Port Arthur werde sich nicht wiederholen. In leinen Berichten teile Roschdjest- wensky mit, er fühle sich besonders infolge eines Nieren­leidens ermüde*; doch habe sich sein Befinden seit Antritt der Fuhrt nicht ocrfglimmert. Admiral Foelkersahm sei je­doch krank. Rmchdjestwensky stehe wie bisher an der Spitze des Geschwaoei's und führe es zuversichtlich seinem Ziele zu. Die Ernennung eines neuen Kommandierenden der Flotte im Stillen Ozean sei zu erwarten gewesen, da Roschdjest- Wensky nur Chef seines Geschwaders sei.

Die Politik.

cf Ueber das Telegramm des Kaisers an den Vorsitzenden des Flottenvereins werden jetzt nähere Mitteilungen ge­macht, deren Richtigkeit vorläufig nicht nachzuprüfen ist. Nach diesen unkontrollierbaren Angaben soll der Kaiser der Leitung des Vereins seine ernste Mißbilligung über das von ihr verkündete Programm und die Agitation ausgesprochen haben. Er ordne an, daß die Agitation sich fortan in den Bahnen des Negierungsprogramms zu bewegen habe. Jede andere Tätigkeit betrachte er als einen Eingriff in seine Kommandogewalt. — Ob dieser Wortlaut sich als authentisch herausstellt, muß abgewartet werden^ — Wie neuerdings verlautet, sind jetzt die Differenzen im deutschen Flottenver- ein wieder beigelegt. Der Präsident des Vereins, Fürst von Salm-Horstmar, hatte eine Audienz beim Kaiser in Stutt­gart, in der die Meinungsverschiedenheiten ausgeglichen worden sind.

* Da sich der Reichstag in kurzem vertagen wird, hat die Regierung auf die Erledigung des Militärpensionsgesetzes vor der Sommerpause verzichtet. Dagegen rechnet man auf die Verabschiedung der Maß- und Gewichtsordnung und der Börsengesetznovelle.

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* Ein beim Reichstag eingelaufener Antrag Dr. Arendt befürwortet die Verwerfung des Gesetzentwurfs über die kleinen Banknoten und die Erhöhung der Neichskassensck)eine von 120 auf 180 Millionen Mark.

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,=~ In Triest haben die Beratungen des ostdentsch-öster- reichischen Eisenbahnverbandes begonnen. Verhandlungs­gegenstand sind die Tarifverhältnisse zwischen Preußen. Sachsen, Bayern und Oesterreich

O Ein Gefetzcnztwurf zur Regelung der Bergarbeiter- Verhältnisse ist dem Reichstag durch das Zentrum vorgelegt

Gk Der Führer der freisinnigen Volkspartei, Eugen Rich, ter, soll vor der Gefahr stehen, das Augenlicht gänzlich zu verlieren. Richter ist im allgemeinen sehr leidend, so daß die Rückkehr des bedeutenden Parlamentariers ins politi­sche Leben äußerst fraglich ist.

Russland

W Eine Judenverfolgung ist am Mi' twoch in Warschau ausgebrochen. Viele Häuser wurden demoliert, es ent­wickelten sich Schlägereien und Uebersälle. Viele Menschen wurden sterbend oder verwundet in die Spitäler gebracht. Militär und Polizei schritten erst spät ein. Die Unruhen dauern fort.

ß^lhan-Staatcn,

^ Anläßlich der Beendigung deS rumäntsch-tnrNssien Konfliktes gab der rumänische Minister des Aeußeren im Parlament Erklärungen ab, nach denen ein Trade des Sul­tans der rumänischen Bevölkerung folgende Rechte in der Türkei gewährt: Das Recht, Gottesdienste in rumänischer Sprache zu zelebrieren, das Recht der Errichtung rumäni­scher Schulen mit eigenen Schulinspektoren und Lehrern, das Recht der Konstituierung von Gemeinden unter eigenen Bürgermeistern und das Recht der Entsendung von Delegier­ten in die Verwaltungsräte der Wilajets.

Flos und Gesellschaft.

*** Das Befinden der Kaiserin ist ein so günstiges, )aß sie bereits eine Ausfahrt hat unternehmen können. Dei Unfall, von dem die Kaiserin betroffen war, hat besonders in Wiesbaden allgemeine Teilnahme gefunden. So Fv chienen vor dem Schlosse eine Anzahl kleiner Mädchen, un Der hohen Patientin Blumen zu überreichen und ihr guh Besserung zu wünschen. , Der Posten wollte die Kleinen nid)i .ns Schloß einlassen, aver der Kaiser, der die Szene vor dnem Fenster aus gesehen hatte, ließ die Mädct^en durst nnen Adjutanten zu sich holen, teilte ihnen mit, daß sie fiel un die Kaiserin keine Sorge machen sollten, ließ die Beglücke en mit Kaffee und Kuchen bewirten und ihnen durch einen Maien das ganze Schloß zeigen.

*** Der Einzug der Braut des Kronprinzen n Berlin findet nach dem jetzt festgestellten Programm am

3. Juni, nachmittags um 5 Uhr, statt. Die Herzogin Cä- 'ilie wird an der Seite der Kaiserin einziehen. An der Spa- Verbildung werden die Studenten der Berliner Hochschulen ich nicht beteiligen. An ihrer Stelle werden vor der Uniber, 'ität die Kadetten Aufstellung nehmen. Die Hochzeitsreise Dird das junge Paar auf der Jacht „Hohenzollern" von Kiel rus unternehmen, die der Kaiser zu dem Zwecke zur Ver­fügung gestellt hat.

Der neue politische ^lorâ.

(Eig. Bericht.) Petersburg, 24. Mai.

Der Gouverneur von Baku, Fürst Nakaschidse, ist ernwr- )et worden. Eine Bombe, die jetzt übliche Waffe der russi­schen revolutionären Partei, hat ihn getötet. Es war gan- tfnd gar der paradigmatische politische Mord, genau so boll« bracht, wie gegen den Minister v. Plehwe und gegen den Großfürsten Sergius: während einer Fahrt.' Die Bombe tötete den Insassen, d. i. den ebengenannten Gouverneur, wd einen zufällig vorübergehnden Kosakenoffizier, unè verwundete den Kutscher. Den Mörder hat man nicht er- 3 rissen. Das wird nicht ausdrücklich gemeldet, es kann aber ilë sicher angenommen werden, da das Gegenteil unfraglick berichtet worden wäre.

Politisck)e Morde kommen überall vor, in Rußland sind sie seit langem an der Tagesordnung. Wer irgendwo in Rußland an der Spitze eines Bezirks steht, dessen Leben Dars von vornherein als bedroht gelten.

Und doch hat die Ermordung des Gouverneurs von Baku ein eigenes Gepräge. Es ist vielleicht ein Zufall, aber dann kin sehr bezeichnender Zufall, daß der Ermordung eine öffent­liche Verurteilung unmittelbar voraufging. Die Verurtei- fang kam nicht von einer Verschwörergruppe, nicht von über­reizten jungen Leuten, die drohen, ehe sie treffen, die schrecken wollen, ehe sie treffen, sondern von einem ernsthaften Manne, dessen Seele nicht daran dachte, zu ungesetzlichen Gewalt- uitteln zu greifen oder sie auch nur zu empfehlen. DaE frühere Stadtoberhaupt von Baku, Nowikow, hat in der Zeitung „Samarkand" eine Anklage gegen den Fürsten Rakaschidse veröffentlicht, aus der der Zorn über widerrecht­liches, menschenmörderisches Gebabren schreit, die Empörung über den Mann, der in höchster Beamtenstellung Metzeleien kickst bloß nicht hinderte, wo er es konnte, sondern sie anstif. tete und ihre Zahl mehrte. Wenige Tage nach Veröffent­lichung dieser moralisch vernichtenden Anklage erfolgte die ß^-t^si«^ y^rnitfihma durch die Bombe.