amerikanischen Krösus gekommen war. Morgan erhielt die italienische Medaille für öffentliche Dienste und das Groß- kreuz des St. Mauritiusordens.
0 Eine regelrechte Kreuzigung hat als „Karfreitagsfeier" in der kleinen Stadt Torres in Colorado stattgefunden. Dort existiert eine Sekte, deren Lehre auf dem Prinzip der Selbstfolterung beruht. Ein Mitglied bat, sich am Todestage Christi von allen Sünden reinigen zu dürfen, inbcm er sich kreuzigen lasse. Das Kreuz wirrde tatsächlich errichtet, das L3pfer wurde angeiwgelt und verschied langsam unter den furchtbarsten Qualen. Eine polizeiliche Untersuchung ist eingeleitet.
Mg dem 6encbtsfaaL
§ Nachklänge zur Ruhstrat-Affäre. Der Meineidsprozetz gegen den Kellner Meier soll nun doch vor der Strafkammer in Bückeburg verhandelt werden. Das Bückeburger Landgericht gehört zum Dienstressort des Ministers Ruhstrat. Vielfach wurde erwartet, die Angelegenheit Meier sollte vor einem Schwurgericht außerhalb des Bereiches der oldenburgischen Gerichtsbarkeit zur Aburteilung kommen.
§ Eisenbahnunterschleife. Eine neue Verhandlung gegen den Kaufmann Friedeberg aus Breslau findet Ende dieses Monats vor der Strafkammer in Schneidemühl statt. Mil Friedcberg zugleich sind der Materialienverwalter Geburczyk und der Eisenbahnbeamte Balke angeklagt. Sie befinden sich in Untersuchungshaft.
§ Dem Raubmordprozeß Klein, der am heutigen Tage in Wien beginnt, sieht man allgemein mit großer Spannung entgegen. Das Ehepaar Klein ist angeklagt, am 11. Oktober 1904 den Hausbesitzer Sikora ermordet zu haben, dessen Leiche man in einem Sack in der Kleinschen Wohnung versteckt fand. Wie die Staatsanwaltschaft annimmt, hat Franziska Klein, die in der Wiener Lebewelt eine Rolle spielte, den Sikora ins Haus gelockt und bann mit Hilfe ihres Mannes ermordet. Das Ehepaar Klein floh dann nach Paris, nachdem Franziska aus der Wohnung des Ermordeten noch soviel an Geld und Geldeswert geraubt hatte, wie sie irgend konnte. Sie behauptete erst, daß Sikora in ihrer Wohnung plötzlich gestorben sei, dann gestand sie und nahm alle Schuld allein auf sich. Ihr Mann wisse nichts von dem Morde. Franziska Klein bat eine bewegte Vergangenheit hinter sich. In einem Kloster ist sie erzogen worden. Dreizehn Jahre hat sie unter frommen Schwestern verbracht. Dann wurde sie Novize. Sie hielt es aber im Kloster nicht aus und wurde Erzieherin. Als solche kam sie zu Falle. Sie wurde dann in Preßburg eine der bekanntesten Vertreterinnen ber Demimonde. In jener Zeit hat sie viele Heiratsanträge bekommen, aber sie hat alle Bewerber zum Narren gehalten. Im Jahre 1904 lernte sie Klein durch ein Inserat kennen, in dem sie sich als Witwe mit 20 000 Gulden Vermögen ansgegeben hat. Im Gefängnis ist sie wieder zur katholischen Kirche zurückgekehrt. Briefe, die sie von ihrer Zelle aus an den Untersuchungsrichter und an ihr Kind gerichtet hat, gewähren Einblick in ein reges Seelenleben. Sie behauptet, das Opfer der Liebe zu ihrem Mann deworden zu sein, den sie nicht wegen des ihr fehlenden Vermögens, als dessen Besitzerin sie sich fälschlich ausgegeben hatte, luicber verlieren wollte. Deshalb sei sie zur Mörderin und Diebin geworden.
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Die belgische 9Cld:ausrtdhmj.
Lüttich, 25. April.
Es gehörte Mut dazu, säum ein Jahr nach der großen Schau von St. Louis schon wieder zu einer Weltausstellung einzuladen. Das kleine, aber industriereiche Belgien bat ihn gehabt, und sein Ruf ist nicht ungehört verhallt. Alle, alle kamen, und voran mit gewohnter militärischer Pünktlichkeit die teutschen Aussteller, die schon jefct im großen und ganzen Vollendetes bieten, trotzdem die offizielle Eröffnungsfeier erst übermorgen stattfindet. Um so größere Triumphe wird die deutsche Industrie in der ersten Aus- stellungsperiode feiern können, wenn die anderen erst langsam „hinterherklappen". Wer zuerst kommt, mahlt zuerst. Daß die deutschen Aussteller dank ihrer Pünktlichkeit hoffen dürfen, ihre Anstrengungen durch Anknüpfung lohnender Handelsbeziehungen belohnt zu sehen, das liest man in englischen Fachzeitschriften deutlich genug zwischen den Zeilen, in denen der Nachlässigkeit der eigenen Landsleute die deutsche ausgezeichnete Bereitschaft als leuchtendes Aèuster entgegengehalten wird.
Vorläufig ist es bei dem unvollendeten Zustand der einzelnen Länder verfrüht, in Einzelheiten über den nationalen Wettbewerb einzugehen. Dieser wird besonders auf dem Gebiete des Berg- und Hüttenwesens, des Maschinenbaues und des Verkehrswesens voraussichtlich bisher Unerreichtes bieten. Bei der Eröffnung, die übermorgen durch das belgische Kronprinzenpaar statifindet, wird sich allerdings ein beträchtlicher Teil der riesigen Maschinen noch nicht bewegen. Aber beim Besuch König Leopolds, der am 11. Mai erwartet wird, nimmt man an, daß sie dann mit wenigen Ausnahmen stampfen und ihre Räder und Nao- wen drehen werden, daß die Schlote rauchen, die Wege überall säuberlich gefegt und die meisten Kisten, die jetzt noch in Fülle herumstehen, säuberlich ausgepackt sein werden.
Am weitesten fortgeschritten ist, wie es stets bei Ausstellungen der Fall zu sein pflegt, die Vergnügungsabteilung. Deren Clou ist nach den berühmten Vorbildern „Alt-Wien" und „Alt-Paris" ein Alt-Lüttich. Die alt-fürltbischöfliche Residenz, die hier in bemalter Pappe und Zementbauten wieder erstanden ist, bietet ein reizendes Bild. Schöne Kirchen und Klöster, eigenartige Denkmäler und Brunnen, kuriose Plätze und Straßen zaubert es aus der Vergangenheit herauf. Wenn erst Bürger und Bürgersfrauen in den Trachten verschollener Jahrhunderte „Alt-Lüttich" beleben werden, wird dieses sicher eine große Anziehungskraft auf die Fremden ausüben. Auf den breiten Rücken der Maas und Ourthe, die sich dicht am Ausstellungspark vereinigen, sollen Hunderte von Gondeln schwimmen und glänzende venezianische Nachtfeste abgehalten tverden. Durch die kolonialen Sonderausstellungen Frankreichs und Belgiens wird das Bild buntere, fremdartigere, erotische Farben erhalten. Ein indianisches und ein senegalisches Dorf werden gebaut, die Rothäute, beziehungsweise Schwarze besiedeln werden. Auch die mongolische Rasse fehlt nicht, und ein chinesischer und ein japanischer Pavillon, wo zierliche Mongolinnen den Tee servieren, werden gewiß jederzeit viel besucht sein.
Das gastfreundliche Lüttich darf sich ohne Frage auf einen ansehnlichen Fremdenzuzug vorbereiten. Es »ft auch der rich
tige Ort für Belgien, bie Fei ec seiner 75jährigen Unabhängig seit durch eine Weltausstellung w begeben. Zwar hat Lüttich nicht viel mehr als 800 000 Einwohner, aber eine überaus günstige zentrale Lage. Es ist von Paris in fünf, von London in neun Stunden zu erreichen. Brüssel unb Aachen sind in feiner nächsten Nachbarschaft. Die üppigen Weltbäder an der Nordsee werden ber Ausstellung sicher ein distinguiertes unb zahlungsfähiges Publikum zu führen. Die 30 Millionen Franken, die für sie ausgeworfen siud, können auf gute Verzinsung rechnen.
Vermischtes.
= fDie Kaiserin von China und die Nähmaschine^ Wie aus Peking berichtet wird, interessiert sich die Kaiserin-Mnt- ter von China in neuester Zeit sehr lebhaft für die Näh- maschine, die bis jetzt bei den Frauen Chinas noch gar nicht in Gebrauch gekommen ist. Die Kaiserin hat mehrere Nähmaschinen in ihren Gemächern aufstellen lassen und läßt sich von europäischen ©amen in der Handhabung derselben un° ter richten. Sie trägt sich mit der Absicht, besondere Näh- maschinenschulen in ganz China zu errichten, in welchen die chinesischen Frauen unb Mädchen den Gebrauch der Nähmaschine praktisch erlernen sollen.
— [Sie Vereitelte Aushebung. 1 Daß ein Gestellungspflichtiger am Tage der Aushebung nicht erscheint, immbert niemand; daß aber die ganze Ausihebungskommission fiiv nicht einstellt, dürfte bisher in Preußen kaum vorgeMmmen sein. Aus Tendern wird gemeldet, daß die Kommission trogen ungünstigen Windes und Wasserstandes mit dem Dampfer im Wattenmeer zwischen Sylt unb dem Festlande stecken blieb und Tondern nicht erreichen konnte. Die Behörde mußte die Aushebung in Tondern verschieben.
— [Gin Meisterschütze^ Dieser Tage starb im Alter von 62 Jahren Heinrich Knecht von St. Gallen. Er gehörte zu den Männern, die den schweizerischen Schützenruhm ins Ausland getragen haben. In seiner Glanzlwriode — in den 70er Jahren — war Knecht bei beu deutschen und österreichischen Bundesschießen der gefürchtetste Schweizerschütze. Im Schnellschießen erreichte ihn keiner.
= s Der Invalide mit dem „Wachskopf".] Die Pariser Blätter bringen lange Berichte über einen Kämpfer aus dem kriege 1370/71, der jetzt seine Aufnahme in das Jnvaliden- Haus nachgesucht hat. Moreau — so heißt der arme Invalide — wurde in der Schlacht bei Bapaume durch eine Gra- nate lebensgefährlich verwundet: die Augen, die Nase, ein Teil der Wangen und die Lippen wurden ihm weggerissen, so daß von feinem Gesicht nicht viel mehr übrig blieb als ein blutiger Fleischfetzen. Man. brachte den gräßlich entstellten und seines Augenlichtes beraubten Soldaten in ein Hospital, aus welchein er im Jahre 1872 als „geheilt" entlassen wurde. Die Heilung bestand darin, daß ein bebeutenber Chirurg die fehlenden Gesichtsteile durch eine geschickt konstruierte Maske aus Wachs und Silber ersetzt hatte; die blauen Augen wurden aus Email hergestellt. Moreau, der einiges Ver- mögen besaß, widmete sich nach seiner Genesung mit Eifer dem Angelsport und brachte es darin trotz seiner Erblindung zu einer großen Kunstfertigkeit. Vor einigen Jahren widerfuhr ihm von neuem großes Leid: eine seiner Töchter wurde von einem Landstreicher vergewaltigt unb ermordet. Seitdem ist dein alten Manne das Leben eine Qual, unb darum will er ben Rest seiner Tage unter Kameraden im Jnva- lidenhause verbringen.
=4= Neue Untat der Hannoverschen Kindesmörder. Den Mordgesellen Büther und Paul, die in Hannover der Ermordung zweier kleiner Mädchen überführt sind, ist ein neues bestialisches Verbrechen nachgewiesen. Der Gemeindepolizist in Ricklingen hat sie als die Personen ermittelt, die im Ricklinger Holze bei Hannover an dem Tage sich herumtrieben, als dort an einem Knaben ein schändliches Verbrechen verübt wurde. Der mißhandelte Knabe hat in Paul den Täter erkannt. Dieser leugnet allerdings die Tat.
Zeitungsleser.
In geistreicher Manier zeichnet ein Natas — den man wohl richtiger beim Schopf packc und von hinten als Satan liest — in dem „Frankfurter General-Anzeiger" einige Freilichtbckder des Zeitungslesers. Nachdem er kurz daraus eingegangen ist, daß man den Charakter der Menschen und sich selbst nach der Schädelbildung und den Finger- rägeln, nach den Handschuhen und der Fußbekleidung, nach der Schnurrbartform und den Schriftzügen und nach hundert anderen „charakteristischen Merkmalen" mit dem Erfolge beurteilt, daß man selbst seine r ä^fte Umgebung nicht genau kennen lernt und sich nach hundert schlimmen Ec- sohrungen zum hundertersten Male wieder täuscht, frägt er ganz mit Fug und R^cht: Warum soll man ihn nicht — vielleicht mit mehr Berechtigung — auch nach der Art beurteilen, wie er seine Zeitung tust? Wir wollen uns ein Paar Typen betrachten:
Der Polltiker. Ec liest sün Parteiblatt. Früh morgens, noch ehe er sein Kaffee trinkt. Im Bett. Zuerst den Parlamentsbericht. Flüchtig schwerst sein Auge über den Heinen, engen Druck. Nur Namen, gesperrte Stich- worte aus den Reden der Parteigegner, langsamer die Ausführungen seiner politischen Freunde. Dann die politischen Depffchen. I tzt ein kurzes Ausatmen, er legt sich bequem zurecht, weil ihm in der Hast der Lektüre der rechte Arm, aus btn er sich stützte, eingeschlasen ist, faltet das Blatt und beginnt zum zweitenmale das Studium des Parlaments- berichtcs. Kein Wort entgeht ihm jetzt. Mit einem behag- liehen Lächeln quittiert er die BuLsälle seiner Parteigenossen, mit spöttischem Auge übeifUegt er die Ecwiderungen der Audersg sinnten und folgt nachdenklich und überlegend den Ausführungen der RegierungSvertreter. „Ha, ha ha" „Blödsinn", „Sehr richtlg" sind die Zwischenrufe mit' denen er die L ktitre begleitet. Beim Morgenkaffee, der inzwischen zum @ fefoff-e geworden ist, wird noch der Leitartikel die innere und auswärtige Politik studiert und — er ist seitia mit feinem Blatt. 9
Der Kaufmann. Trägt seine Zeitung in der inneren Brusttasche bei Rockes. Liest sie in der Trambahn Zuerst die Konkurznachrichtrn. Er atmet erleichtert aus und zündet sich die Morgenzigarre an. J-tzt dar Kurèblatt, das ihm die Stimmung für den ganzen Tag gibt. Ein felbstbewußtes
freudiges Lächeln ober ein Stirnrunzeln, das sich b>s zum Zähuezusammenbtißen steigern sann, wenn die Kurse gefit gen oder gefallen sind. (Fällt uns bei dieser Gelegenheit ein alter, aber guter Witz ein. Das Alter der Witze soll ja ein untrüglicher Gradmesser für ihre Qualität fein : das zwölfjährige Bankierèsöhnchen fragt den Papa: „WaS sind denn eigentlich Kursk?" — „Kurse", antwortet der Alte bedeutungsvoll, „Kurse sind w e die Lawinen, mein Sohn, fortwährend gehen sie rauf und runter!") Dann werden die Handelstelegrawme überflogen. Wie Nw-U-rk Weizen notiert, Antwerpen Petroleum unb New-Orleans Baumwolle, ist ihm wichtiger als die Ergebnisse der neuesten Untersuchungen über den Kreislauf des Blutes, Cy c^go Schmalz und Glasgow Roheisen interessieren ihn weit mehr als die rumänische Budgetdebatte und der Prozeß Murri-Bonmartini. Nur kec Krieg, Handelsvertragsdebatten, Streiknachricht^n werden kurz gestreift. — Erledigt.
Der Gelehrte. Er „hält" nur eine Tageszeitung, er liest sie eigentlich fast gar mcht. Er will uur in den Tagkssragen auf dem Laufenden gehalten werden. Sem Hauptgebiet ist das Feuilleton und bie wissenschaftliche Beilage. Nach Tisch. Langsam wandert sein Blick von Zeile zu Zeile. Dann setzt er sich an seinen Arbeitstisch und schreibt der Redaktion der Zeitung einen mehr oder weniger geistvollen Brief, indem er sich „lelder nicht in allen Punkten mit den Anschauungen des geehrten Herrn Artikelschreibers einverstanden erklären kann, nachdem er auf ^runb eingehender Untersuchungen zu einer entgegengesetzten Auffassung gekommen ist." Er ist als Leser der Schrecken der CasehauSbesucher am Nachmittag. „Grenzboten", „Zukunft", „Neue Deutsche Rundschau", „Dokumente der Frauen", alle Wochen- und Monatsschriften ernsten Inhalts sind nicht erreichbar, solange er anwesend ist. Bor dem Schlafengeheu nimmt er ein paar fettgedruckte Kriegsdepeschen zu sich, deren Inhalt eher das europäische Gleichgewicht als sein eigenes zu stören imstande ist. Die Wissenschaft ist international. Schluß!
Diverse. Der kleine Mann: Liest nur nach dem Abendessen seine Zeitung, aber gründlich, vom ersten Buchstaben des redaktionellen DxllS bis zum litten Wort im Annoncenteil. Ist sich bewußt, daß er das Blatt „bezahlt" und berechtigt ist, mitzureden. Unterschreibt sich bei Zuschriften an die Redaktivn mit „langjähriger Abonnent". Benutzt jede Woche den Briefkasten. — Der Backfisch: Hauptinteresse: „Berlobungsanzeigen", „Ein furchtbares Unglück ereignete sich . . .", „Bon einer pikanten Ehe- irrungsoffäre berichtet man uns aus . . .". — Der Beamte: Personalien, Ernennungen, Auszeichnungen, Verfügungen aus dem „Reichsanzeiger", Parlamentsberichte über Gehaltsaufbesserungen. — Die Hausfrau: Roman, Familienanzeigen, Modebericht, Tagesneuigketten, Annoncen. — Die Köchin: Vergnügungsanzeiger, blut ge Raubmorde. — Der Journalist: Ueberschrift, Fettdruck, Sperrdruck, Stichworte. Fertig.
Alle--den lokalen Teil!
Da liegt der Hase im Pfeffer: Alle lesen den lokalen Teil, ob sie Politiker, Kaufleute, Gelehrte, Journalisten, Bauern, Backfische, Hausfrauen oder Köchmnen sind, ob sie ihr Blatt aus Liebhaberei oder Geschäftsinteresse lesen, alle finden sie sich auf der breiten Grundlage des lokalen Teils einträchtiglich beieinander. Eine Zeitung, die ihrem lokalen Teile nicht die liebevollste Sorgfalt widmete, würde sich selber den Todesstoß geben, und umgekehrt entzöge sich jeder Zütungèlese r den fisten Boden unter den Füßen, der das „Lokale" verschmähte. Das „Lokale" st ht an erster Stelle, die die anderen Rubriken rühen sich ihm nur ergänzend an. Lese da« her jeder vor allen Dingen eine Lokal-Zeitung, eine Zütung also, die ihm seine unmittelbarste Umgebung in ihrem Tun und Treiben, ihren Ausflüssen unb Bewegungen vorsührt!__
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V Ueber die geplante Oltroi-ErhShuug i« Gießen ist gegenwärtig die allgemeine Stimmung nicht die beste. Man erkennt ja an, daß Mittel und Wege geschaffen und gefunden werden müssen, um das in dem Voranschlag 1905/06 vermerkte Defizit von 45 000 Mk. M decken, allein die breite Bürgerschaft, die Gewerbetreibender vor allen Dingen, die neben ihren Staats- und Gemeiâ' steuern auch bte Gewerbesteuer aufzubringen haben, sträubt sich gegen eine Vermehrung der indirekten Steuer. Man ist auch in der Bürgerschaft darüber keineswegs erbaut gewesen, daß in letzter Stadtverordnetenversammlung bereits ein Entwurf über Oktroierhöhung seitens des Oberbürgermeisters Mecum auf der Tagesordnung und damit quasi zur Beratung und event. Beschlußfassung vorgelegt worden war! Hätte denn vorher nicht erst eine interne Vorberatung stattsinden können? Vielleicht wären da noch einige andere Auswege vorgeschlagen worden, welche der näheren Prüfung auf ihre Ergiebigkeit hinsichtlich der Steuern wert sind.
In recht anerkennenswerter Weise hat auch dieses Mal unser Bürger verein die Offensive ergriffen und für morgen Donnerstag Abend öVa Uhr nach dem Neuen Saalbau eine allgemeine Bürgerversammlung einberufen, in welcher die Oktroi'Echöhung näher besprochen werden soll. Im engeren stark interessierten Kreise hat man bereits gestern Abend darüber beraten und soweit uns mitgeteilt wird, wünscht und erwartet man, daß der Entwurf zu Falle kommt, man ist gegen eine Erhöhung. — Der Bürgerverein bleibt auch dieses Mal seinem Prinzip treu und wird bei der großen allgemeinen Bürgerversammlung nur der Vermittler (ein, to U nur aufklärend wirken. Du einzelnen Bürger, die ein Interesse an dieser lokalen Frage haben, mögen darum alle erscheinen und offen ihre Ansichten zum Ausdruck bringen. —
In den einzelnen Gewerbekreisen, z. B. der Bäcker, Metzger, Gastwirte rc., werden heute Petitionen aufr gearbeitet und morgen der ^Stadtverordnetenversammlung zugesandt, in welchen ebenfalls gegen eine geplante Erhöhung des Oktrois Stellung genommen wird.
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