Nr. 22
Donnerstag den 26 Januar 1905.
14 Jahrgang
>W dl°> Jahre
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für Oberhessm und die Kreise Marburg und Wetzlar; LâLömzeiger für Gießen und Umgebung.
TnthÄt â amüicheu BekannAnachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen und anderer Behörden von Oberhefsen. ._■_—»sgqpxxiWMWi^WM^awi^riffffiWMffiwwMW^miiwiMWimnMfKCT^^ »ww™r\iw*M'KMiWNmiMaaBSMm>amëiM^^
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Kaisers Geburtstag.
Miser Wilhelm II. hat das 46. Lebensjahr vollendet. ^m ganzen Reich und darüber hinaus, überall, wo deutsche Herzen schlagen, wird frerrdig der Geburtstag des Fürsten gefeiert, der seinem Volk fürsorgende Liebe unausgesetzt widmet und dem das Volk verehrungsvolle Gegenliebe a3 Dank darbringt. |
Herrscher zu sein, ist schwer; doppelt schwer ist es, deutscher Kaiser zu sein, der im Reich nicht bloß über Untertanen zu gebieten, sondern auch verbündeten Fürsten gegenüber Rücksichten zu üben hat, die von Verfassung und Verträgen in manchen Beziehungen mehr vorgeschrieben als genau mm schrieben sind. Halfen dem ersten deutschen Kaiser, Wilhelm dem Großen, der mit bescheidenem Sinn getragene Lorbeer des Siegers und die rein menschliche Würde des Greisentums bei Einführung und Wahrung seiner überlegenen Stellung neben gleichberechtigten Verbündeten, so hatte der junge Monarch, der nach der hunderttägigen Leidenszeit Friedrichs III. ihm auf dem Thron folgte, ein ganz außerordentliches Maß von Klugl-cit und Festigkeit nötig, das Ererbte zu erhalten, es neu zu erwerben, um es in Wahrheit zu besitzen.
Ueber 16 Jahre sind seitdem vergangen, mehr als ein halbes Menschenalter. Aus dem jungen Fürsten ist ein Mann in der Vollreife der kräftigsten Jahre geworden. Wir sind Zeugen seiner Entwickelung gewesen, die einen völlig neu« artigen Monarchen uns und der ganzen Welt zeigte: einen Kaiser, der von dien Pflichten und der Verantwortlichkeit 'eines Herrsèrberufs tief durchdrungen ist, wie nur je ein Kronenträger es gewesen, und der zugleich ganz und gar ein moderner Mensch ist, wie es noch kein Kronenträger je gewesen; allem Werdenden mit spürender und fördernder Aufmerksamkeit zugewändt, die nämliche Pflege dem Alten schenkend, das um des allgemeinen Besten willen erhalten rnerben muß, und dem Neuen, das sich als zur Erhöhung der allgemeinen Wohlfahrt dienlich dem scharfblickenden Auge offenbart hat. Daß Kaiser Wilhelm II. der Erhaltung deutscher Wehrkraft zu Lande auf stolzer Höhe seine Sorge hat angedeihen lassen, zeigt ihn nur auf dem Weg der Tradition. Daß er durch Schaffung ansehnlicher Seemacht die Tage der blühenden Hansa erneuert bat, bekundet sein ein- bringenbeS Verständnis für das Gute vergangener Zeiten. Daß er aber auch die Vedürfnifle der Gegenwart mfl vor- sthreitender Erkenntnis zu erfassen und 311 neuen Zielen die Wege zu zeigen weiß, daS wird durch seine rastlose Tätigkeit für Handel und Verehr bcfmibH. Schon vm Kaiser Wil- beim II. haben Monarä m sich Künsten und Wissenschaft m huldreich gezeigt. Nicht zum wenigsten die Hoheuzollern Habm feit vielen ©efcblecükrn Wert darauf gelegt, eine Geistesgarde hinzustellen, die auf dem Gebiet der Gelehrsamkeit friedliche Eroberungen machte und für die ganze Menschheit die Wissensgrenzen erweiterte. Doch eine neue Erscheinung ist eS, daß ein Kaiser in allem Drang der Regierungsgeschärte nicht vergißt, den Spuren der Tätigkeit nachzugeben, die von dem Boden theoretischer Forschung aus bestrebt ist, dem praktischen Leben neue Bereiche zu erschließen. Kaiser Wilhelm 11. tut das. Er ist moblern — trotz aller pietätvollen Liebe für das Alte, das sich bewährt hat — modern wie die Ä die keine Erfahrungserrungenschaft vernach- ^f tvistenschastticher Grundlage immer mehr sich auSbreitet.
Natur hat man unsern Kaiser genannt. Mit Recht. Doch b« B^eichmmn deckt sein Wesen nicht ganz, dessen besserer Teil dabei unberücksichtigt, bleibt: die Selbst- b-men-erung. bie bem kraftvollen Impuls unmittelbar folgt, und die den festen, eigenen Sinn durch weite Kluft vom Eigensinn trennt. Jammer weiteren Kreisen - nicht blok Kwtrt »^Ib^ ^l™ un,cte§ Kaisers klar, seine in ich getestete Persönlichkeit dw ihn, bm Menschen, zur Höhe fremd HM^ ’^' ^â ^ " nichts Menschliches sich Darum feiert deS deutschen Kaisers Geburtstan mit b-r. li^er Liebe und Freude, nicht nur mit schuldigt Verehrrmq ba| ganze deutftbe Land darum ruft an Kaisers Geburtstag das ganze deutsche Volk:
„^aitg lebe der Kaiser!"
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Skizzen vom ßergarbeitersträk.
Essen, 25. Januar.
Die Zahlungen der rückständigen.Löhne haben dem Heer ^er streikenden neue Munition zugeführt. Wer aber erwartet £9 r r durch den goldenen Strom, der sich in die Taschen rJ-J. iter ergoß, neues Leben in die stagnierenden ge* fließen würde, fah sich getäuscht. Die - Leiter wissen sehr wohl, daß sie schwere Zeiten entgegen-
gehen und hüteten sich deshalb mit wenigen Ausnahmen, den Zahlungstag zu einem Festtag zu machen, wie in friedlichen Zeiten, wo der Bergmann an ihm nur zu leicht den schwer verdienten Taler springen läßt. Die den Zechen benachbarten Gastwirtschasten blieben an diesem Tage auf behördliche Anordnung geschlossen. Aber sicherlich hätte auch ohnedies das Gros dbr Streikenden die auf Plakaten in Streikbureaus und auch an den Fenstern verschiedener Geschäfte ausgehängten Warnungen beherzigt, die da lauten: „Meidet den Alkohol! Hütet euch vor Exzessen, vor Aus- schreMngen! Ihr schadet sonst unserer Sache unberechenbar!"
Daß einzelne Ausschreitungen vorgekommen sind, kann allerdings nicht geleugnet werden. Speziell auf her Zeche „Konkordia" bei Oberhausen sind Arbeitswillige in gröblichster Weise belästigt und ein in der Nacht mit Koksaufladen beschäftigt gewesener Arbeiter durch Nevolverschüsse getötet worden. Wilde Todesdrohungen sind auch nichts Un- zewöhnliches. Doch bars man dafür nicht die Allgemeinheit, sondern nur einzelne verantwortlich machen. Auch in Zeiten, wo der Bergmann fleißig und ruhig schafft, ereignen sich im Kohlenrevier bekanntlich häufig genug schwere Bluttaten. Das weiß jeder der Verhältnisse Kundige. Daß die Arbeitswilligen auf verschiedenen Zechen bei Rückkehr von der Arbeit beschimpft und mit Steinen geworfen worden sind, ist ?b"nfalls nicht zu leugnen, doch bei der furchtbaren Erregung bie herrscht, auch am Ende begreiflich. Die Behörden fehen das vollkommen ein und suchen weniger die Schuldigen festzu- 'tellen und der Bestrafung entgagenzuführen, als durch ans- zibige Schutzvorkehrungen für die Arbeitswilligen solche Belästigungen unmöglich zu machen. Die Arbeitswilligen werden von einem solch starken bewaffneten Aufgebot begleitet, daß es niemand ein fallen kann und wird, sie an ihrem Recht auf Arbeit zu hindern. Sehen wir uns Einmal einen solchen Zug Arbeitswilliger an. Voran reitet cm Gendarrg^ Rechts und links an der Straße schreiten Gendarmen zu Fuß, dann erscheinen Zechenbeamte, die als paliMlicho Hülfsmann- schaften gelten und weiße Armbinden tragen. Jetzt schreiten die Arbeitswilligen zu Vieren gereiht daher, große, kleine, alte, junge, mit ihren Blechflaschen und ihrem Eßgerät. Es folgen Zecbenbeamte. alle mit Stöcken, und berittene Gendarmen wieder beschließen den Zug. ßaiifloS marschiert diese so seltsam gemischte Kolonne dühin, an den Straßen stehen in ununterbrochener Folge Gruppen von Ausständigen, an hm Türen und Fenstern Frauen und Kinder. Auch sie alle sind stumm, bis der Zug vorüber ist. An Jen Straßenkreuzungen lösen bie berittenen Gendarmen andere, die den Zug erwarteten unb die Straßen vorher abritten, ab, und so geht der Wea bis zur Wohnung der Arüeits'ülsigr.'u.
Die Wirkungen des Streiks fangen an , .0 im ganzen öffentlichen Leben des Ruhrgebiets enrpfindlich bemerkbar zu machen. Das ganze Erwerbsleben der Gegend hängt fa aufs engste so oder so mit bem Kohlenbergbau, zusammen. Am schwersten sind durch die Stockung bie kleinen Geschäftsinhaber getroffen, denen ein einziger ausgefallener Lohntag infolge G-eldmangels schon den Ruin bringen kann. Dabei werden an sie die höchsten Anforderungen von den Unter« stützunassammlern gestellt. Manchmal gehen des Tages 4—5 Listen herum. Si.? zeichnen, teils aus Sympathie, teils ouch aus Furcht vor künftigem Popkott, und wenn es den letz- t?n Groschen kosten sollte. Da- Geld wird immer rarer. An vielen Orten wurden die üblichen Festessen 311 Kaisers Geburtstag abgesagt. Handel und Wandel liegt vollständig darnieder. Die Geschäftsreisenden, die sonst in fieser Jahreszeit den Distrikt, in ungezählten Erempla^en zu bz- völkern pflegten, sind jetzt zu einer seltenen Spezies geworden. In Gasthöfen, wo sonst der Hotelier schmunzelnden Blickes an die hundert Mittagsgäste aus Merkurs reisender Garde zählen konnte, trifft sein trauerndes Auge jetzt nur auf ein winziges Häuflein von wenigen Getreuen. Sogar bk Straßenbahnen haben tragen mangelnden Verkehrs den Betrieb eingeschränkt.
Ja, der böse Strejk? Warm wird er enden?! Das ist die stumme bange Frage, die man auf allen Mienen hier lesen kann. Hoffnung, auf baldige gütliche Beilegung aber hegt niemand. Das Syndikat der Zechcubesitzer läßt offen aussprechen, daß es nicht nachgeben Iran und will. „Wir kämp» fen für Gesetz, Ordnung und die Sache der Monarchie gegen die der Anarchie", ließen sich seine Vertreter vernehmen. „Wir werden durch den Streik Geld verlieren; das können wir verschmerzen und wieder einbringen. Aber tw Einbuße an Autorität, welche die Folge eines Eingehens auf die Forderungen der Arbeiter sein würde, sönnen wir nicht wieder einbringen. Wir können nicht nachgeben." Die Arbeiter aber sind entschlossen, auszuharren, bis sie ihr Ziel erreicht haben, und gedenken nicht ein Jâ von den erhobenen Forderungen abzugehen. Ihre Organisation ist fest und gut. Sie können ihrer Mèlm^ naL) ruhig âuarten, was da form neu wird. Wer aber DMchru bieten beiden harten Steinen fleht, bei wird unbarmlxwi zermachlen. Die Bürgerfchaft wünsckK das Ende des Ausstande- ^echnfüchtig herbei^
Die Gegenrevolution in Russland.
Die Träume von einer russischen Staatsreform sind unter den Trümmern der Barrikaden, die für kurze Stunden bie Straßen Petersburgs sperrten, vorläufig begraben wor-
ben. Die Revolution, Lie sie aus ihre Banner geschrieben hatte, scheint zwar noch nicht endgültig auf die Verwirklichung ihrer Projekte verzichtet zu haben. Aber die kräftige Gegenrevolution, die, gestützt auf die Kanonen und Bajonette der Armee, jetzt ihr Haupt erhebt, wird ihr kaum die Zeit gönnen, sich zu praktischem Handeln aufzuraffen.
Daß die Negierung des Zaren entschlossen ist, mit den „aufrührerischen" Bestrebungen — das Wort „Reformen" kennt sie nicht — energisch reinen Tisch zu machen, geht aus dem Umstand hervor, daß _______
Trepow Generalgonverneur von Petersburg ; geworden ist und mit der Ernennung zu dieser Würde ganz unumfdjränfte Vollmachten erhalten hat. Lie ganze Zivilund Militärgewalt ist in den Händen dieses als tyrannischer Despot bekannten Mannes vereinigt worden. Er kann alle ihm passenden polizeilichen und militärischen Maßnahmen anordnen, ihm unterstehen alle staatlichen Fabriken und Werkstätten im Amtsbezirk, er kann ohne weiteres Ausweisungsbefehle erlassen und ihm sind sogar die Bestätigungsbefugnisse für die Mitglieder der Kommunalbehörden und der Semstwo im Bereiche der Hauptstadt und des Gouvernements übertragen worden. Befugnisse, die bis dahin dem Minister deS Innern, Herrn Swiatopolk-Mirsky, zustanden. Dieser selbst hat sein Amt bereits de facto niedergelegt, wenn seine Demission auch noch nicht offiziell akzeptiert worden ist. .......
Die Persönlichkeit Trepows
bietet der neu einfetzenden Reaktion die beste Bürgschaft, daß ihre Weisungen mit drakonischer Strenge befolgt werden. Trevow war bisher Oberpolizeimeister in Moskau und hatte sich dort durch seine unversöhnlichen Verfolgungen aller irgendwie nach Freiheit und Reform schmeckenden Bestrebungen aufs tiefste verhaßt gemacht. Es wurden bereits mehrere Attentate auf ihn unternommen, deren letztem er beinahe zum Opfer gefallen wäre. Schon Trepows Vater zählte in den russischen revolutionären Kreisen wegen seiner Härte, die er als Polizeichef in Petersburg bewies, eine Gdbar erbitterter Feinde. Gegen ihn richtete sich das bekannte Attentat der Nihilistin Vera Sassulitsch, der Schwester des jetzt im russisch-japanischen Kriege so häufig genannten Generals. Der jüngere Trepow wurde, als der liberal gesinnte Fürst Mirsky ins Ministerium des Innern einzog. sofort an seiner Stellung als Chef der Polizei in Moskau entfernt, ebenso wie sein Gönner, der Großfürst Sergius, aus seinem dor- Ligen Amt als Generalgouverneur. Jetzt kehrt Trepow, der grollend bei feite stand, auf die politische Bühne zurück, imb gleich die ersten Schritte, bie er in seiner neuen Würde tat, zeigen, daß er noch der Alte ist.
Die neusten Verhaftungen, "'^
die auf seine Anordnung erfolgten, haben unter der Bürger« schäft viel böses Blut erregt. Die verhafteten Professoren und Gemeinderäte wurden von Polizeidienern in früher Morgenstunde aus dem Bett geholt und eiligst nach der Peter Pauls-Festung gebracht. Wie es heißt, will man sie, wie auch den bekannten Dichter Marini Gorki, den Trepows Schergen ebenfalls festlich men, nicht sofort „auf administrativem Wege" nach Sibirien verschicken. Sie sollen vorläufig in sicherem Gewahrsam bleiben. Später, wenn die Macht der Revolution gänzlich gebrochen ist, soll ihnen Gelegenheit gegeben werden, ins Ausland zu gehen. Das Verbrechen der Verhafteten besteht darin, daß sie als Deputation kürzlich zum früheren Finanzminister v. Witte gekommen waren, um diesen um seine guten Dienste in Sachen der Reformen zu bitten. Das ist alles. 9lber das genügt in den Augen der Gegenrevolution auch vollkommen. Gorki ist ihr besonders verhaßt, weil er sich mehrfach zum Sprachrohr des Priesters Gapon gemalt hat.
Gapon predigt den heiligen Krieg.
Dieser letztere ist bisher allen Nachstellungen glücklich entronnen und setzt seinen Feldzug gegen die bestehenden Zustände aus dem Verborgenen unermüdlich fort. Er richtete ein Schreilien an das Militär, das in Tausenden von Vervielfältigungen verteilt wurde. Er proklamiert darin den heiligen Krieg und entbindet vom Eide der Treue.
Die Liberalen veröffentlichen ein Manifest, worin es heißt, daß die Negierung bem russischen Volke den Krieg er« klärt habe. DaS ganze Volk müsse die Arbeiter unterstützen, die für die gemeinsame Sache in den Kampf eingetreten seien. Das Ä^anifest trägt 250 Unterschriften.
Weinen verboten!
Wie unmenschlich Trepow die ihm gewordene Mission auffaüt beweist die Tatsache, daß die Angehörigen der Getöteten, die in den Leichen vallen die blutigen Körper ihrer Lieben suchen. auf polizeiliche Weisung hin ihren Schmerz nicht urcl) Weinen ober Wehklagen zeigen dürfen. Stumm müssen sie an die Leichen herantreten, wer nur einen Laut von sich gibt, wird unweigerlich hinausgeführt. Die meisten Leichen zeigen eine ganze Anzahl von Schußwunden, viele haben bon klügeln 'durchlöcherte Hände, die wahrscheinlich instinktiv zur Abwehr vor- Gesicht gehoben wurden. Ringe trägt niemand von den Getöteten. Wenn von den Ange^ hörigen nach Schmuckgegenständen gekragt wird, heißt e^