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Nr. 251

Mittwoch, den 25. Oktober 1905

14. Jahrgang

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(Gießener Hngevtatt)

Anaöyângige Tageszeitung

(Hießener Zeitung)

für Oberheffen und die Kreise Marburg und Wetzlar; Lokalauzeiger für Gießen und Umgebung.

Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen, des Großh. Polizeiamtes Gießen und anderer Behörden von Oberheuen.

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JVTolthe.

Am 26. Oktober, dem hundertundfünften Geburtst g des Grafen Hellmuth Moltke, wird das Denkmal des großen Jeldmarsctzalls vor dem Generalstabsgebäude in Berlin im Beisein des Kaisers enthüllt.

Für das erwachsene lebende Geschlecht hätte es des Denk­mals nicht bedurft, um die Erinnerung an den Mann und seine äußere Erscheinung zu erneuern. Wir haben ihn noch unter uns wandeln sehen, den merkwürdigen Greis, den die ollgewaltige Zeit selbst in scheuer Ehrfurcht schonte. Seine hohe Gestalt hatte sich geneigt, doch mehr aus Höflichkeit, schien es, als unter dem Druck der neunzig Jahre. Sein Schritt war ruhig-fest, wie der eines vollkräftigen Mannes, und sein Auge, das überscharf geworden war, schien die Ent­fernungen des Raumes und der Zeit zu durchdringen. So sicher der Blick geblieben, er hatte etwas Visionäres ge­wonnen. Wir wußten, daß wir ihn nicht lange mehr unter uns sehen könnten; aber wir getrösteten uns, es sei doch kein Mensch so alt, daß er nicht noch älter werden könnt.', und wir hofften, es werde sich ihm die Zahl der Jahre bJ an das äußerste Patriacchenalter dehnen. Plötzlich hat den in der Mitte des einundneunzigsten Lebensjahres Stehenden der Tod ereilt, der schönste: ohne Schwäche und ohne Krank­heit; doch unvorbereitet traf er nur uns, nicht ihn.

Hellmuth Karl Bernhard Graf von Moltke entstammt der älteren deutscl-en Linie des alten Adelsgeschlechts Moltke Am 26. Oktober 1800 zu Parchim als Sohn des preußische t Hauptmanns a. D., späteren dänischen Generalleutnan s Friedrich Philipp Victor von Moltke und einer Tochter d.s preußischen Geheimen Finanzrats Pasä>en geboren, hatte er eine rauhe und dürftige Jugend durchzumachen. Er be­suchte die Landkadetten-Akademie zu Kopenhagen, war drei Jahre lang dänischer Offizier und trat dann in preußische Dienste. Wie er hier in der Schule des Generalstabs sich auszeichnete, nach hervorragender Teilnahme an der Reorga­nisation der türkischen Armee an die Spitze des preußischen Generalstabs trat, wie er durch die Bedeutung seiner Per­sönlichkeit die Bedeutung dieser Stellung, nicht bloß für sich und seine Nachfolger, sondern in jeder Armee auf eine bis dahin nicht gekannte Höhe hob, wie er in Schleswig- Holstein, in Böhmen, in Frankreich der Organisator des Sieges wurde, die Kriegswissenschaft ausgestaltete, das ist ebenso in der Zeitgenossen Gedächtnis, wie feine Verdienste und seine Ehren, wie seine Bescheidenheit und seine Größe.

Er war achtundachtzig Jahre alt, als er von der Leitung des Generalstabes zurücktrat, für die er sich schon sieben Jahre vorher einen Adlatus in der Person des damaligen Generalquartiermeisters, späteren Generalfeldmarschalls Grafen von Waldersee erbeten hatte. Als er sich nicht mehr imstande fühlte, zu längerem Ritt ein Pferd zu besteigen, nährn er den Abschied. Mit der Armee aber blieb er in Verbindung; der Kaiser hielt ihn an der Spitze der Landes- Verteidigungskommission. Das war keine inhaltlose Aus- Zeichnung, keine bloße Ehrenstellung. Durch die Begrün­dung seines Abschiedsgesuchs aus der Stellung eines @eneral= stab^chefs mit dem Hinweis auf sein körperliches Unver- mögen zu fernerer Ueberwindung großer Strapazen hatte Gras Moltke gezeigt, daß er für sich kein Amt behalten wollte, Zil dessen Ausfüllung er sich nicht mehr nach jeder Richtung tüchtig fühlte. Als Mitglied des Reichstags bewies er bis in die letzten Tage seines Lebens den regsten Eifer und ein Verständnis, das in formvollendeten Reden belehrte. Der große Schweiger" brauchte seine Stimme nicht anzustrengen, um im ganzen Reichstagssaal deutlich verstanden zu werden. Ihm lauschte man in Andacht und feierlicher Stille. Seine letzte parlamentarische Rede, ein Muster an schlichter Klar­heit, empfahl die Einführung der Einheitszeit in Deutsch­land.

Am 26. Oktober 1890 feierte Feldmarschall Graf Moltke den neunzigsten Geburtstag. Sonst hatte er an feinem Ge­burtstage sich in die Stille seines Gutes Kreisau zurück­gezogen; diesmal führte ihn der ausdrückliche Wunsch des Kaisers nach Berlin. Dort sollte ihm nach des Kaisers Wort eine Ehrung zuteil werden, wie noch nie zuvor einem Unter­tanen: alle Fahnen der Garnison, sonst im Vorzinuner des Kaisers untergebracht, wurden in sein Arbeitszimmer über­geführt, um dort vierundzwanzig Stunden zu bleiben.

Was es an äußeren Ehren gibt, das ist dem großen Mar­schall befdjieben worden, und seine Bescheidenheit wuchs mit jedem Lohne, den ihm feiner Kaiser Huld schenkte. Ueber alle Ehren aber ging die Verehrung, die ihm von allen Seiten gezollt wurde, und die ihm folgte in das Grab und über das Grab hinaus. Er ist vor uns gewandelt, durch sel­tene Begabung hervorragend, durch treueste Pflichterfüllung euc vorbildlicher Mann. Preußens und des Reiches Schwert ^Qt Er aefübrt. und ihm war aeaöiiiit. es so lanae in Künden

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Das Blatt erscheint an^» Werktagen nachmittags.

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Redaktion u. Haupterpedition: Gießen, SelterSweg 83. Fer»sprecha«schl»st Nr. 868.

Au halten, bis er Schüler und Schüler ausgebildet hatte, die fähig waren, nach ihm Meister zu sein und Schule zu machen. Ein reiches Leben hat er glücklich ausgelebt. An seiner Bahre dankte das trauernde, an seiner Bahre trauerte das dankbare Vaterland. Die Feier der Denkmalsenthüllung ist ein Erinnerungsfest, das uns die heroische Zeit der Be­gründung des Reiches in der Gestalt eines der vornehm- sten Mitarbeiter an dem ruhmreichen historischen Werk vor Augen führt.

politische Rundschau.

Deutsches Reich.

* In Regierungskreisen wird dem Vernehmen nach du höhere Besteuerung des Tabaks in Form einer Fabrikat­steuer erwogen. Es heißt, das fertiggestellte Fabrikat soll nach Wert herangezogen werden.

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* Seit längerer Zeit beschäftigen sich die interessierten Kreise mit dem Schmiergelder-Unwesen in Handel und In biifhie. Von verschiedenen Seiten wurde das Verlangen nach gesetzgeberischen Maßregeln laut. Anderer Meinung sind ein großer Teil der Handelskammern. Ueber den Er- laß gesetzlicher Bestimmungen in dieser Richtung haben sich 21 Handelskammern auf eine Rundfrage des Staatssekre­tärs des Reichsamts des Innern Posadowsky ausgesprochen. Nur neun Kammern sind für gesetzliches Eingreifen, zwöst dagegen. Ein Teil dieser letzteren geht dabei von der An­nahme aus, daß die geltenden gesetzlichen Bestimmungen so­wie die Selbsthilfe einen ausreichenden Schutz gewähren könnten. Andere wieder haben sich dagegen erklärt, weil sic fürchten, daß derartige gesetzliche Bestimmungen zu nutzlosen Eingriffen in die inneren gewerblichen Verhältnisse und zu Angebereien führen würden. Endlich vertraten einige Kam­mern die Ansicht, daß es außerordentlich schwer sei, das nach allgemeiner Auffassung Erlaubte von dem Unzulässigen zu unterscheiden und dieses Unzulässige ohne Herbeiführung von Unzuträglichkeiten unter Strafe zu stellen.

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I * Auch in landwirtschaftlichen Kreisen sinnt man auf Ab- Hilfe der anhaltenden Fleischteuerung. Die Zentralstelle der preußischen Landwirtschaftskammern sandte ein Schreiben an 43 Schlachthaus-Gemeinden in Preußen mit der Mit­teilung, daß sie bereit sei, Maßnahmen gegen die hohen Fleischpreise zu treffen. Das Schreiben sagt, die Oeffnung der Grenzen in erhöhtem Maße würde die Landwirtschaft der größten Gefahr aussetzen, und führt an, die Preis­bildung für das Fleisch in den Städten sei von vielen an­deren Bedingungen weit abhängiger, als von der Gestaltung der Viehpreise, die dem Landwirt gezahlt würden. Die Zen­tralstelle schlägt die Schaffung von städtischen Organisationen zum Vertriebe des Fleisches direkt an die Konsumenten vor und bietet dazu ihre Beihilfe an. Aus dem Fleischergewerbe und den verschiedenen Kategorien des Zwischenhandels wird sicherlich Widerspruch gegen diese Vorschläge laut werden.

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* Der preußische Landwirtschastsminister von Podbielski und der Kolonialdirektor Stäbe! waren von demBerliner Tageblatt" in angebliche Beziehungen zu der Kolonialfirma bon Tippelskirch und Co. gebracht worden. Dazu versendet die Firma jetzt eine Richtigstellung folgenben Inhalts:In letzter Zeit hat dasBerliiier Tageblatt" verschiedene An­griffe gegen uns veröffentlicht, die sich neuerdings, in der Nummer vom 23. d. M., zu einer schweren Anschuldigung verdichteten, und zwar wurde erwähnt, daß sich in den Büchern unserer Firma zwei mysteriöse Teilhaberkonten fin­den, ein Konto P. und ein Konto St., deren Inhaber Herr Staatsminister von Podbielski und der Kolonialdirektor Herr Dr. Srübel seien. Wir erklären hierzu folgendes: Weder unser ehemaliger Mitgeschäftsinhaber, jetziger Staats- minister Herr von Podbielski ist jetzt für seine Person an unserer Firma mitbeteiligt, noch hat jemals unsere Firma irgend welche geschäftlichen Beziehungen zu dem Herrn Ko­lonialdirektor Dr. Stübel gehabt und hat sie selbstverständ­lich auch gegenwärtig nicht."

* Die beabsichtigte Landtags-Wahlreform für Hessen ist vorläufig gescheitert. Die Zweite Kammer lehnte bei der Beratung des Gesetzentwurfes den Jnitiativ-Antrag der Ersten Kammer, welcher die Annahme des Gesetzentwurfs von der Erweiterung der Befugnisse der Ersten Kammer ab­hängig machen will, mit allen gegen drei Stimmen ab. Da­mit ist das Projekt einstweilen gefallen.

* In der Abgeordnetenkammer des bayerischen Landtags kam gestern die Reichspolitik zur Sprache. Der liberale Ab­geordnete Hammerschmidt betonte, in der deutschen auswär­tigen Politik habe sich vorher eine gewisse Unsicherheit ge­zeigt, aber in der Marokkoangelegenheit habe sich der Flügel- schlag des deutschen Aars wieder besser bemerkbar gemacht. Ministerpräsident Freiherr von Podewils erwiderte, bas Thema der auswärtigen Politik des Reiches sei für die Einnllandtaae nickt aeeianet. Nack der Reichsverfassung

habe der Kaster das Reich völkerrechtlich zu vertreten. Das deutsche Volk sollte nur dankbar sein, daß das erlauchte Ober­haupt des Reiches keine Anstrengung und keine Mühe scheue, um seinem hohen Beruf in jeder Beziehung gerecht $n wer­den. Der Sozialist Segitz will dem Lalidtag das Recht wah­ren, auch die Reichspolitik zu besprechen, und schließt mit den Worten: Wir lassen uns dieses Recht nicht verkümmern. Ministerpräsident von Podewils erwiderte, Reichsangelegen, heiten könnten im Landtag nach Belieben besprochen werden, aber nur insoweit, als den Einzelregierungen durch die Reichsverfassung ein Einfluß zuerkannt ist. Die auswärtige Politik des Reiches wird trotz des Bundesratsausschusses für auswärtige Angelegenheiten nicht vom Bundesrat, sondern Dom Kaiser und dem verantwortlichen Reichskanzler gemacht. Hier im bayerischen Landtage ist kein verantwortlicher Mi­nister für Reichspolitik. Präsident Dr. V. Orterer erklärt, er werde diese Angelegenheit prüfen und dafür sorgen, daß dem Landtage in keiner Weise verkürzt werde, was er bisher ex lege et usu in Anspruch genommen habe. Er werde ge- zebenenfalls eine Beschlußfassung des Hauses hierüber her- deiführen. ,

Norwegen»

** Der Thronkandidat Prinz Karl von Dänemark wünscht eine Volksabstimmung über die Frage, ob die Monarchie mit ihm an der Spitze oder die Republik als staatsform vorgezogen werde. Die Radikalen haben er­klärt, sich einem Volksvotum unbedingt unterwerfen zu vollen, und der Einfluß des Ministeriums wie die auf der Abneigung gegen die republikanisch gesinnten gebildeten Flossen beruhende monarchische Empfindung des Bauern­tandes läßt das Ergebnis dieser Abstimmung als ziemlich icher voraussehen.

Spanien. . / /

** Der Einzug des Präsidenten Loubet in Madrid ohne Zwischenfall erfolgt. Der Andrang der Volksmenge war ungeheuer, die allgemeine Stimmung aber kühl. Dir Republikaner, denen es verwehrt wurde, dem Präsidenten Loubet eine Adresse zu überreichen, ließen diese in Blättern veröffentlichen. In der Adresse, welche von rrepublika- nischen Senatoren und Deputierten unterzeichnet ist, wird Loubet als der Vertreter Frankreichs, des Vorkämpfers der demokratischen Freiheit in Europa, gefeiert. Präsident Loubet hat dem Prinzen Ferdinand Maria von Baywn das Großkreuz der Ehrenlegion verliehen. Auch die spa- nischen Minister und andere hervorragende Persönlichkeiten erhielten Auszeichnungen. Auf dem veranstalteten Gala­diner wurden zwischen dem König und dem Präsidenten namens ihrer Länder Freundschaftsversicherungen aus­getauscht.

Russland.

** In unterrichteten Kreisen wird die Veröffentlichung eines Erlasses des Zaren erwartet, der die Bildung eines Minister-Kabinetts unter dem Grafen Witte anordnet. In­zwischen ist die Bewegung, die eine Boykottierung der Reichs-Duma bezweckt, im Wachsen begriffen. In Jurjewez (Gouv. Kostroma) beschloß eine Versammlung von etwa dreihundert Bauern aus den Nachbardörfern, an den Wah­len zur Reichsduma nicht teilzunehmen, da sie diese als keine wahre Volksvertretung ansehen ; jeder, der an dieser Wahl- komödie teilnehme, solle als Verräter und Feind der Volks­freiheit gelten. In Jekaterinoslaw veranstalteten die Schü­ler der Mittelschulen, die sich weigern, den Unterricht zu besuchen, eine öffentliche Kundgebung.

** Durch die nunmehr vollständig eingetretene Unter­brechung des gesamten Bahnverkehrs ist die Lage in Moskau sehr ernst. Die Handelskorrespondenz mit der Provinz wird auf telegraphisä^m Wege bewerkstelligt. Moskau be­sitzt noch für acht Tage Vieh, für drei Wochen Pökelfleisch lind für fünf Tage Molkereierzeugnisse. Die Fleischpraise schlagen auf. Milch mangelt fast vollständig. Der Wirt- scl>aftsbericht sieht eine stufenweise fortschreitende Verteue­rung der Nahrungsmittel voraus. Der Streik der Eisen­bahner, der sich auf verschiedene andere Städte ausdehnt, hat keine wirtschaftlichen, sondern politische Ursachen. Auch die städtischen Arbeiter Moskaus beabsichtigen, in den Streik zu treten. Auch in Charkow herrscht wegen eines Streiks in den Bäckereien Mangel an Lebensmitteln. In einer von 20 000 Personen besuchten Versammlung kam es zu einer Panik und schließlich zu einem Kampf mit Kosaken, bei dem es auf beiden Seiten Verwundete gab. In W a r- schgu ist eine Bomben-Fabrik entdeckt. Unter den Ge­fangenen in der Zitadelle soll die Cholera ausgebvachen sein.

Hmcrika. ,

** Ein Ausstand der Fleischer hat zu ernsten Unruhen in Santiago de Chile geführt. Wiederholt mußte die Po­lizei auf den Pöbel schießen, der versuchte, Hauler zuPlUm dern Eine ganze Anzahl Personen wurden getötet und viele andere berwunbet. Privatleute und Feuerwehrmän­ner wurden herangezogen, um hie .3^^

uatrouillierten, mit Flinten bewaffnet, in dt n Straßen. Der Kriegsminister ordnete die schleunigste Entsendung von zwei Regimentern aus dem Manöver an. Es sind lebow