Nr. 225.___
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Montag, den 25. September 1905.
_________________14. Jahrgang
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für Oberheffe« und die Kreise Marburg und Wetzlar; Lokalanzeiger für Gietzen und Umgebung. Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen, des Grotzh. Polizeiamtes Gießen und anderer Behörden von Oberhessen. ^ ' ^^^— ——BaBWWW!Mg3g!B!afKB8ag»Bag^aOi£W» mnrp » 'WW'IWFWM— ——p^^»|^^^^^^^^^^^^^^^^.
Die Zukunft Oesterreichs.
Die habsburgische Monarchie kracht in allen Fugen; ihre Lücken, deren sie nicht wenige hat, weiten sich, und an sie glaubt man die Frage des Goetheschen Liedes gerichtet: „Das liebe heil'ge römW Reich, wie hält's nur noch zusammen!" Der Zustand ist nicht von heute und gestern. Im Verlauf eines einzigen Menschenlebens, unter dem gegenwärtigen Kaiser, hat sie zwei große und blühende Provinzen an Italien abgeben und auf die Mitgliedschaft im Deutschen Bunde verzichten müssen, in dem sie bis dahin die führende Rolle gespielt hatte, dessen übrige Mitglieder — bis auf Preußen und dessen Enklaven und Halb-Enklaven — ihren Vertretern auf dem Bundestag in Frankfurt am Main die allgemeine Weisung gegeben hatten, „in omnibus wie Oesterreich", immer wie Oesterreich zu stimmen. Das war das Schlimmste noch nicht. Die habsburgische Monarchie war auch nach den eben erwähnten Amputationen eine Großmacht geblieben, im Jahre 1878 gelang es ihr sogar, durch die Okkupation von Bosnien und der Herzegowina eine neue Gebietserweiterung zu gewinnen. Aber die alte Unterlassungssünde, die aus der habsburgischen Monarchie mehr einen Länderhaufen als einen Staat gemacht hatte, rächte sich, mußte sich bitter rächen, nachdem ringsher geschlossene große Nationalstaaten entstanden waren und selbst Jm Südosten Europas die kleinen Volksstämme nationale Selbständigkeit erlangt haten. Der „Ausgleich" von 1867, der Ungarn als eine eigene durch Personalunion und durch einige von Zeit zu Zeit zu erneuernde Gemeinsamkeitsein- richtungen mit der Gesamtmonarchie locker genug verbundene Staatsindividualität anerkannt hatte, weckte naturgemäß in den übrigen Teilen der Monarchie das Streben nach gleicher Sondergeltung, so daß schließlich im ganzen Lande Kaiser Franz Josef wirklich der einzige war, der den „Reichsgedanken" noch hegte. Die Tschechen wollten das Böhmerland zu einem anderen Ungarn machen, im Trentmo schielte man nach Italien, Slowenen, Rumänen, Serben, .Kroatier meldeten ihre Sonderansprüche an, und die Deutschen in Oesterreich weigerten sich endlich, in dem Reiche, innerhalb dessen ihre Kultur die höchste und ihre Bedeutung die größte war, fortgesetzt die Rolle des Stiefkinder und Aschenbrödels zu spielen. Kurz: die Teile Oesterreich Ungarns wollen auseinander, sie sehnen sich nach Trennung sei es um ein Sonderdasein zu beginnen, sei es um ihr Glück in dem Anschluß an einen verwandten Staat zu 'suchen.
So liegen die Dinge nicht erst seit dem jüngsten ungarischen Konflikt, den Blödigkeit und Gewissenlosigkeit im irauten Verein geschaffen haben, so liegen sie schon lange. Kein Wunder, daß man von Oesterreich wie früher von der Türkei als vom „kranken Mann,, spricht, daß man von Tao ^u Tag sein völliges Zusammenbrechen — beinahe mit Un geduld — erwartet und sich schon um die Erbschaft und deren angemessene Verteilung Sorge macht. Selbstver^ stündlich.gilt das Deutsche Reich als Erbe des deutschen TeiU Oesterreichs, wobei ganz Böhmen — trotz der Tschechen — als deutsch gerechnet und Triest mit Dalmatien und Istrien als deutsches Gebiet angesprochen wird. Warum auch nicht! Schon ehe es ein Deutsches Reich gab, hat man von einem deutschen Siebzigmillionenreich geträumt, von einem Mitteleuropa umfassenden Germanien. Die Erstehung des deutschen Kaisertums konnte doch kein Hindernis, mußte vielmehr eine Station nach diesem Ziele sein. Wer mochte do ian Schwierigkeiten denken, etwa an den Einspruch anderer Mächte, Frankreichs und Englands und Italiens, von anderen Erbberechtigten und von den Erbstücken selbst, wenn dieser Ausdruck gestattet ist, gar nicht zu reden!
Man darf sich ersparen, aus die Einzelheiten einzugehen. Denn wenn Oesterreich-Ungarn schon dem „kranken Mann" Devglichen werden soll —es lebt doch noch! Lebt doch sogar der ursprüngliche „kranke Mann" selbst, das Türkenreich, dessen Ende man seit 70 Jahren voraussagt. Es kommt vor, daß Staaten plötzlich zusammenbrechen; es ist dagewesen, Laß große Reiche plötzlich gleichsam verschwanden, daß sie über den Haufen gerannt wurden und förmlich in ben Erdboden versanken. In der Regel aber sind sie zählebig, dauert ihr Verfall länger als ihr Entstehen und ihre Blüte. Es ist keine seltene Erscheinung, daß man die Kraft eines Reiches erst überschätzt und dann unmittelbar feint Lebenskraft unterschätzt. So ist es mit der Türkei gegangen, die von dem angeblich übermächtigen Rußland nur rnit' Rumäniens Hilfe bezwungen werden konnte. So geh! es mit Oesterreich-Ungarn, das man der Auflösung naht glaubt, weil es seine Wunden zur Schau trägt und feint staatsrechtlichen Schwierigkeiten auf offenem Markt erörtert. Kein Zweifel: die habsburgische Monarchie ist im Niedergang. Kein Zweifel aber auch, daß sie in diesem Niedergang noch ungemessene Zeiten dauern kann. Schon weil ihr Vorhandensein eine Notwendigkeit ist, weil ihr versinken ein Chaos hervorrufen, einen Weltbrand entzün- Iden müßte. . .
In Oesterreich-Ungarn ist vieles nicht, wie es sein sollte. Doch was nicht gut ist, kann gut werden. Man hat wob)
schon mehr als einen unerwarteten Aufschwung erlebt. Es ist ja nicht verbrieft und besiegelt, daß Oesterreich-Ungarn ewig rückständig sein muß. Aber selbst wenn das wäre, so bliebe doch tie Rechnung derer falsch, die auf eine baldige Auflösung warten. Dieser Auflösungsprozeß kann Jahr- zehnte, kann Jahrhunderte sich hinziehen — ganz wie beim lieben römischen Reich, über das so manche Geschlechterfolge sich wunderte, daß es noch zusammenhielt.
politische Rundschau,
Deutsches Reich.
* Die Auslieferungsbedingnngen zwischen den Vereinigten Staaten von Nordamerika und Deutschland sollen insofern erweitert werden, als auch solche Personen unter den gegebenen Voraussetzungen ausgeliefert werden, die nach den Philippinen geflüchtet sind. Eine Bekanntmachung in diesem Sinne geht sämtlichen Justizbehörden zu.
* Der sozialdemokratische Parteitag in Jena ist geschlossen worden. In der letzten Sitzung wurde mitgeteilt, daß die von Bebel beantragte Resolution, gegebenen Falles einen Massenstreik zu proklamieren, mit 280 gegen 14 Stimmen bei zwei Stimmenthaltungen angenommen sei. Die von der Kommission, betreffend die Preßstreitigkeiten, beantragte Resolution wird ohne weitere Diskussion angenommen; darin erklärt der Parteitag, daß dieser Art Diskussion unbedingt ein Ende gesetzt werden müsse. Sodann wird der neue Organisations-Entwurf angenommen. Der „Vorwärts" bleibt Zentralorgan, der von ihm an die Parteikasst abzuführende Teil der Einnahmen wird auf 20 Prozent festgesetzt. Angenommen werden die Resolutionen gegen das Zeugniszwangsverfahren und für die russische Revolution, wobei der erschossene Kasprzak durch Erheben von den Sitzen geehrt wird. Der Antrag, der jedes Kompromiß mit anderen Parteien bei Wahlen verbietet, wurde zurückgezogen. Der nächste Parteitag findet in Mannheim statt. Nach Schluß des Parteitags umzogen Jenenser Studenten mit Ballonmützen und roten Tüchern um den Hals das Volkshaus. Auf einem Möbelwagen, den sie mit sich führten standen die Inschriften: „Automobil zum Zukunftsstaat"; „Reise nach Wölkenkuckucksheim"; „Proletarier aller Länder, beruhigt euch!". Der Zug erregte große Heiterkeit.
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* In Wiesbaden wurde der Parteitag der freisinnigen Volkspartei eröffnet. Die Anträge Wiemer, betreffend du allgemeine Politik, Müller-Meiningen, betreffend die Annäherung zwischen England und Deutschland, und ein Königsberger Antrag über die Ministerverantwortlichkeit wurden einstimmig angenommen.
♦ Durch die Internationale Bohrgesellschaft in Erkelenz ist abermals ein größerer Verkauf von Kohlen- und Kali- Feldern borgenommen worden. Es handelt sich um 12 Felder im westfälischen und 2 Felder-Gruppen im Aachener Kohlenbezirk. Die verkauften Kalifeldcr liegen im Han- noverschen und in der Nähe von Halle. Der gesamte Erlös aus diesen Geschäften stellt sich auf 10 Millionen Mark woran wiederum ein ansehnlicher Nutzen erzielt worden ist. Vor kurzem erregte der Uebergang einer großen Anzahl Kohlenfelder aus den Händen der Gesellschaft in oieiemgeu einer Gruppe von Mitgliederii des Rheinifch-Wepsaliw/eli Kohlensyndikats Aufsehen. Wie es heißt, beabsichtigt der preußische Fiskus, in die zur Ausbeutung neugeblldete Gesellschaft mit beschränkter Haftung einzutreten.
Oesterreich-Ungarn
** In Wien ist der internationale Arbeiterbersicherungs- Kongreß geschlossen worden. Nach den Referaten über den Grad der Unfall-Invalidität und über die Unfallversicherung sowie die Berufskrankheiten übernahm der Ehrenpräsident Dr. von Körber den Vorsitz des Kongresses und verkündete, daß N o m der Ort für den nächsten Kongreß sein solle. Es folgten die Schlußreden, in denen Geheimrat Dr. Bödiker- Berlin, Präsident von Kink und der Ehrenpräsident Dr. von Körber die Ergebnisse der Beratungen würdigten. Dann wurde der Kongreß geschlossen.
Schweden.
** Die Verhandlungen in Karlstad über die Unionstrem nung sind noch nicht zum Abschluß gelangt. Von verschiedenen Seiten wird der Vorschlag gemacht, daß Norwegen und Schweden eine Kommission aus Generalstabsoffizieren mit dem Studium der Verhältnisse betrauen sollen, um über den Grund der Mobilisierungen an der Grenze A beiderseitigem Interesse volle Klarheit zu gewinnen, Schweden will von weiteren militärischen Maßregeln absehen, da der norwegische Minister Michelsen die Einstellung solcher zu gesagt hat Die sozialdemokratische Partei Schwedens be= schloß in einer Versammlung, falls zwischen Schweden unr Norwegen der Krieg erklärt werden sollte, den Generalstreik auszurufen und den Waffendienst zu verweigern.
Russland.
Es sind jetzt beträchtliche Trnppcnsendungen nach) Baku ungeordnet worden. Der Statthalter des Kaukasus ist persönlich dort eingetroffen und hat Armenier und Moham- medaner zum Frieden gemahnt. Bislang sind 548 Ar- meiner und 104 Tataren bei den Kämpfen getötet worden: Auch nach Finland ist Militär aus dem Innern Ruß- lands unterwegs. In Nishny-Nowgorod ist es zu ernsten Unruhen gekommen. In Riga wurde ein Sturm auf ein Gefängnis versucht. In Kiew wurden revolutio- näre Proklamationen auf rotem Papier verteilt, und die Menge wurde von Agitatoren öffentlich zum Aufstand auf. gefordert. In Warschau wurde der Brauereidirektor Zaremba durch einen Revolverschuß getötet. — Bei den Unruhen im Kaukasus-Gebiet ist auch ein deutscher Staats- angehöriger getötet worden. Er heißt Josef Jorbschatt und wurde bei Aadam, einem in der Nähe Don Schuscha gelegenen Ort, getötet. Die Leick)e ist nicht gefunden worden. Der deutsche Konsul hat bei den Ortsbehörden energische Verstellungen erhoben, unb General Takaishwili hat sofort Instruktionen erteilt, damit die näheren Umstände aufgeklärt und nach dem Verbleib der Leiche geforscht werde.
Hsien,
** Die allgemeine Unzufriedenheit in Japan wegen des Friedensschlusses hat sich noch nicht gänzlich gelegt. In Tokio wurden 22 Personen als Rädelsführer bei den Un» ruhen verhaftet. Zahlreiche Petitionen sind an den Kaiser gelangt, um ihn zu bitten, den Friedensvertrag nicht zu ratifizieren. Die Regierung wird stark angegriffen, zurnaj jetzt bekannt wird, daß entgegen den Versickerungen des Mi- nisterpräsidenten Katsura eine Klausel des Friedensver- träges besteht, durch die Japan sich verpflichtet, die La Perouse-Straße nicht zu befesügen. — In dein Abkommen der japanischen und russischen Geschwaderchefs über die Ein- fteHung der Feindseligkeiten zur See ist die Zufuhr von Konterbande noch ausgeschlossen geblieben. Die Japaner haben infolgedessen nördlich von Sack)alin den amerikanischen Dampfer „Barraconta" aufgebracht. — Der Kommandant der gesunkenen „Mikasa" machte nach der Katastrophe einen Selbstmordversuch, nachdem er sich vorher als einzig Schuldigen bezeichnet hatte, weil er nicht an Bord gewesen sei. Er liegt schwer darnieder. — Das im Hafen von Port Artliur gesunkene Schlachtschiff „Retwisan" ist wieder flott gemacht worden.
** In ihrem Streben nach zeitgemäßen Neuerungen hat jetzt die chinesische Regierung eine Münzreform ange- ordnet. Sie hat Bestimmungen über die Ausprägung von Silber- und Kupfergeld erlassen, die einheitlich für das ganze Reich gelten. Vorläufig ist nur für Kupfermünzen GewiM und Feingehalt festgesetzt.
Hmerika.
♦* Zu heftigen Unruhen kam es in der kubanischen Stadt Cienfuegos aus Anlaß der Deputiertenwahlen. Sechs Personen wurden getötet und 25 verwundet. Unter den Ge- töteten befindet sich das Mitglied des Repräsentanten- Hauses Enrique Villuendas, Führer der Liberalen, und der Polizeichef Jllance.
** Die vor gar nicht langer Zeit neu entstandene Republil Panama beabsichtigt, sich mit dem Freistaat Costa Rica zu vereinigen. Der Minister des Aercheren in Panama ver- handelt bereits über ein Einverleibungsabkommen mit Costa Rica. Voraussichtlich werden die Vereinigten Staaten aber dem Plan hindernd in den Weg treten, zumal aus ihre Initiative hin erst die Republik Panama gegründet wurde.
heer und flotte.
Papierspäne statt Stroh für Soldatenbetten. Versuche mit Papierspänen, die an Stelle des Bettstrohes in be.i Kasernen verwendet werden sollen, werden gegenwärtig beim Infanterie-Regiment Nr. 24 'n Neuruppin gemacht. Die Späne sollen sich in der Kaserne der Unterofflzlerichu e »u Jülich, wo sie ebenfalls probeweise eingefuhrt sind, gut bewäbrt haben Sie sind 2, 3 und 4 Zentimeter breit und mehrere hundert Meter lang, aus einem pergamentartigen Davier in eigens dazu eingerichteten -sttbriken hergestellt. Sie sollen dauerhafter sein als das Bettstroh das alle halbe Jahre erneuert werden muß, während die Spane nur alle zwei bis drei Jahre erneuert zu werden brauchen.
Von unserer Marine. Auf der kaiserlichen Werft m Danzig wurde der Kreuzer „Ersatz Alexandrinevom Sta- pel gelassen. Tie Taufe vollzog Oberbürgermeister Cb - Als Ver reter des Staatssekretärs von Tirpitz war lldmiral von W^ anmef^
^am^J "^?/ga?ter-Nonst" mit dem deutschen Schulschiff MF im^Ä^ Steuer des „Stosch" war beschädigt.