Zweites Blatt
Samstag, den 25. März 1905.
14. Jahrgang
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Aeuefle Nachrichten
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(Gießener Tageblatt)
Unabhängige Tageszeitung
(Gießener Dettnng)
für Oberheffen und die Kreise Marburg und Wetzlar; Lokalanzeiger für Gießen und Umgebung.
Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen und anderer Behörden von Oberheffen.
®k® Semper talis - tarnen.
sucht Leb^.. l Politische Wochenschau.^
pre^^ „Dann möge über das deutsche Volk einst geschrieben werden, was an den Helmen meines ersten Garderegiments
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lvirvon allen Seiten mit Achtung, teilweise auch mit Liebe. QL liiere und zuverlässige Leute betrachtet werden und Wmeu stehen, die Hand am Schwertknopf, den Schild vor mré auf die Erde gestellt, und sagen: „tarnen" — „komme, llmè bei wolle."
Sü^ sind die Schlußworte der bedeutsamen Rede, die ! Kaiser Wilhelm in vergangener Woche in Bremen gehalten IH ein Programm und eine Mahnung zugleich, eine Er- iinnern ng und eirz.Ausblick, eine Vergmrgenheitserklärung und i kiiie Zukunstskündung in einem. Daß der Kaiser diese Worte sich unmittelbar vor Antritt seiner Mittelmeerreise ge= l^rcdifn, auf der er Tanger anzulaufen denkt, zwingt beb r^ahe Lazu, den Inhalt jener Rede mit dem Reiseziel Marokko in Mammenhang zu bringen. Als im vorigen Jahr der ^Kaiser vom Reich fern war, hatte der Reichskanzler Graf IBiilolr bei Eröffnung und Einweihung des Herrenhauses den IMbrud) getan: „Deutschland in der Welt voran!" Kurz ! Worauf wurde das französisch-englische Abkommen, Marokko I stressenb, bekannt. In diesem Abkommen waren Deutschlands Handelsinteressen in Marokko, die nicht gering sind, lucht in gebührender Weise berücksichtigt. Man hatte darin ickr Marokko verfügt, ohne die Zustimmung Deutschlands innzuholen, und diese Zustimmung hielt man so wenig für I aforberlid), daß man Deutschland von dem Abkommen nicht 'nnmolt amtlich Kenntnis gab. Deutschland war ignoriert I Dorten. Seine Antwort bestand darin, daß es wieder ignorierte. Es betrachtete den Vertrag, der ohne sein Zutun I flossen war, als nicht bestehend — und das genügte, daß in sofort auch nicht bestand, als Frankreich des Vertrages ! Umsequenzen ziehen, sich in Marokko als den Wortführer Europas aufspielen wollte. Dieser deutsche Erfolg ist um so iirößer, als er ohne jedes Echauffement errungen wurde. I Ohn hat sich in keiner Art ereifert, man hat das Abkommen, !) öS ums ignorieren wollte, durch ein bloßes Achselzucken aus )-n Welt geschafft. Dabei hat man sich nach keiner Seite liebem orfen, an niemand ein unfreundliches Wort gerichtet. , Semper talis" hieß es von hier aus; man verharrte in ' nihiger, inaggressiver Haltung — und der marokkanische
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Spuk war vorüber. Nun wurde sogar zuvorkommend erklärt, daß Deutschland nicht beabsichtige, irgend jemandes Greife zu stören: Marokko unabhängig wie zuvor, Deutsch- hite Handel dort so frei wie jeder andere Handel, im Hfaen mag jeder tun, was er kann. Wir stehen friedlich dèi, die Hand am Schwertknopf — „tarnen!"
Preußen hat einen unvorhergesehenen Ministerwechsel gelobt: Freiherr v. Hammerstein ist plötzlich gestorben, für ihn ist Dr. V. Bethmann-Hollweg in das Ministerium des Innern âgezogen. Ein redlicher, aufrichtiger Mann ist gegangen, Hin seinem Amt so manchem entgegen sein mußte und der H keinen gekränkt hat. Das ist kein großer staatsmänni- faer, aber es ist ein menschlicher Ruhm, den nur erwerben Mn, wer reinen Herzens ist. Der n^e Minister ist der
erste unter den Altersgenossen und Jngcndfrennoen oe* Kaisers, der in solche Stellung einrückt. Dem Studiengefährten hat der Kaiser Huld und Wohlwollen immer erwiesen. Jetzt wird die Freundschaft auf schwere Probe gestellt. Denn der Minister muß auch widersprechen können, und das hatte der Jngendgenosse nicht nötig. An dem Kaiser ist es, in solchem Fall das „seinper talis" zu bewähren; an dem Minister ist es, es auf die Bewährung ankommen zu lassen, in Treue und Ergebenheit, in gewissenhafter Ueberzeugung zu sagen: „tarnen!"
In Mazedonien muß die Türkei ein Kriegsheer unterhalten, mitten im Frieden. Denn der bulgarische Nachbar führt tatsächlich Krieg ohne Kriegserklärung, nur mit Irregulären, mit Banden, die nicht über die bulgarische Grenze verfolgt werden bürfen und dort sicheren Unterschlupf finden. Wird aber eyre Bande aufgegriffen und nach Gebühr behandelt, so erhebt man von Sofia aus Geschrei über „bul- garian atrocities", über die von Türken an Bulgaren begangenen Greuel, und heult damit den Großmächten in die Ohren. Doch diese kennen die Politik Fürst Ferdinands, „des Abwesenden". Fürst Ferdinand ist immer abwesend, wenn in Bulgarien dunkle Dinge gebraut werden. Er kann immer sein Alibi nachweisen. Das ist seit der Ermordung Stambulows stets die nämliche Geschichte. Darum sieht man den Fürsten nur ungern sein Land verlassen, dessen etwas turbulenten Gewohnheiten er sich in seiner Politik merkwürdig gut angepatzt hat. „Semper talis", heißt es von ihm, und er bleibt auch immer der Nämliche. Er aber ist taub gegen Vorhaltungen, von benen er weiß, daß sie nicht allzu ernst gemeint sind. Er hat ganz genaue Kenntnis davon, daß man es ihm in Petersburg verargt, wenn er Rußlands jetzige Verlegenheit benutzt, um Zugeständnisse zu erlangen, die das ungefesselte Rußland ihm nicht bewilligen würde. Er weiß jedoch ebenso, daß man vielleicht anderwärts nicht ungern sieht, wenn von Bulgarien aus ein für Rußlands traditionelle Türkenpolitik abträgliches fait accompli geschaffen wird. Nun hält er sich von Bulgarien fern, obwohl seine Rundreise längst beendet ist, und denkt in seinem Herzen: „tarnen!"
In Rußland herrscht Ratlosigkeit; aus Ratlosigkeit weiß man zu keinem neuen Entschluß zu kommen, aus Ratlosig- keit.verharrt man in der Richtung, die zu den jetzigen Wirren geführt hat. Man hat nicht den Mut zu AeiHerungen. Der Krieg wird weitergeführt, nicht weil man ihn will, sondern weil er an gefangen ist, und weil die Fähigkeit zu einer neuen Entschließung fehlt. Hunderttausende sind geopfert — abermals Hunderttausende werden vorgeschickt. Die Verbindung zwischen Regierung und Volk hat aufgehört, ist gelähmt, sie funktioniert nicht mehr. Rein mechanisch verharrt man in der begonnenen Bewegung. Dieses Verharren ist nicht das Ergebnis eines bewußten Willens, sondern im Gegenteil: der Willenlosigkeit. Dort ist niemand, der in ruhiger Selbstsicherheit von sich und seinem Tun sagen dürfte: „semper talis" — höchstens im schlimmen Sinne könnte das Wort gebraucht werden. Niemand auch ist dort berechtigt, in der Ueberzeugung wohlerfüllter Pflicht den kommenden Dingen mit dem Ausdruck der Zuversicht entgegen- A^iehen: „tarnen!" ,
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Hus dem GerichtssaaL
§ Tie weitere Verhandlung in der Detmolder Schmäh- bricf-Affäre hat wenig Interessantes erbracht. In längeren Ausführungen wird noch einmal das bereits im Vorbe^icht Gesagte klargelegt, daß nämlich nach einer sehr ergiebigen Periode die anonyme Briefschreiberei plötzlich versiegte. Das fällt mit der Verlobung der beiden Angeklagten zeitlich zusammen. Plötzlich nach vier Jahren, im Januar 1903, wurde Lemgo wieder mit anonymen Briefen überschwemmt. Diese unterscheiden sich wesentlich von der ersten Serie. Während die ersteren sich im großen und ganzen mit der Liebesaffäre des jetzigen Ehepaares Kracht beschäftigten, sind die letzteren voll von geringschätzenden Bemerkungen über andere Personei:. Dann werden noch einmal die Vorgänge bei der Haussuchung geschildert, die zur Verhaftung des Ehepaares Kracht führten. Es wurden im Papierkorb Schnitzel von Löschblättern gefunden, auf denen in der Schrift deZ Anony. mus das Wort „Carol" stand. Die Angeklagte Kracht hat sich verdächtig gemacht, indem sie mit großer Hast den Inhalt des umgestülpten Korbes wieder hineinwarf. Der Angeklagte kracht gibt zu, daß auch ihm die Sache mit den Papierschnitzeln verdächtig vorgekommen sei. Er sowohl wie seine Frau räumen ein, daß es nach dem Tatbestände wahrscheinlich sei, daß die Briefe in ihrem Hause geschrieben seien. Erst fiel der Verdacht auf Kracht selbst, doch wurde er nach kurzer Haft gegen Kaution wieder entlassen, weil ein Vries in der Handschrift des Anonymus eintraf, der ihn für unschuldig erklärte. Die Behörde schritt nunmehr zur Verhaftung Frau Krachts. Diese behauptet, daß sie seit der Verhaftung ihres Mannes stets in jemandes Gesellschaft gewesen sei, um jeden Verdacht zu entkräften. An den Schwager Krachts kam ein Brief, in dem sich der Anonymus erbot, sich gegen Zahlung von 1000 Mark zu nennen.
§ Von Stufe zu Stufe. Wegen betrügerischen Erwerbs zweier Rennpferde wurde in Berlin der Kaufmann Acker- mann zu 6 Monaten Gefängrus verurteilt. Er hatte die Pferde von einem Händler inner falschen Vorspiegelungen herausgelockt und später verkauft. Ackermann ist aus wohlhabender Familie und hat studiert. Spiel und Weiber brachten ihn herunter. Er wurde nacheinander Kellner und Schauspieler, schließlich „Kaufmann". Als seine Gelder ganz zu Ende waren, versuchte er sein Glück auf Rennbahnen und griff schließlich zum Verrug.
§ Juckpulver als Foltermittel hatte der dänische Untersuchungsrichter de Klaumann angewandt, der deshalb zu vier Monaten Gefängnis verurteilt wurde. Um einen Untersuchungsgefangenen zum Geständnis zu bewegen, ließ er ihn nicht nur wiederholt durch den Aufseher prügeln, sondern er raubte dem Gefangenen jede Nachtruhe durch Anwendung eines sogenannten „Juckpulvers", das man dem Unglücklichen auf sein Nachtlager streute. Die Folge war denn auch ein fingiertes Geständnis, das sich aber bald als erzwungen herausstellte.
§ Tie Görlitzer Verhandlungen wegen der Unterschleife in prcnsnschen Eisenbahnwerkstätten haben erdrückendes Material gegen den Hauptangeklagten Kaufmann Friedeberg ergeben. Die Mitangeklagten Bahnbeamten sind im allge-
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