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Erstes Blatt
Samstag, den 25. März 19^-5.
14. Jahrgang
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^ertt*«-»re1-» Die einspaMge Petitzeile für ganz Ober- Wm, die Kreise Wetzlar m* Marburg 10 Pfg. sanft 15 Pfg. Reklamen die Petttzeile 30 resp. 40 Pfg.
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Rtbattton u. Hauptexpedttio«: Gießen, Selter-weg 83, Sernfprechmtfchlnß Nr. 86t.
Gießener
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Das Blatt erscheint an alle« Werktagen nachmittags.
iditeil
(Hießener Tagebtatl)
HlnaöHängige Tageszeitung
(Hießener Zeitung)
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für Oberheffen und die Kreise Marburg und Wetzlar; Lokalanzeiger für Gießen und Umgebung.
Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen und anderer Behörden von Oberhessen.
Der Krieg in ©starten
&»& aller anerkennenswerten Anstrengungen der russischen Smerale, ihre Truppen ordnungsmäßig zurückzusühren, be- rinief sich die geschlagene russische Armee weiter in einer >!kliigenswerten Sage. Die Japaner drängen energisch nach Md die Verpflegung wird immer schwieriger. Der einzige UMumstand, der eine Durchführung des Rückzugsplanes dqimstigt, ist die ungemeine Gebirgigkeit der Gegend, die Japaner ungünstig ist und
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’WWIW- ist Die ungemeine G die En^vU? Amgchungsversuchen seitens der
(W^ Wie Verteidigung gestattet,
en ausInzwischen fährt man in Rußland mit dem üblichen eckiap (3MJ ^' WeM in den leitenden militärischen Stellen weiter fort. A Msmal ist es kein Slrmeefommanbant, der abgesetzt wird, W goldgelb p die
. Abdankung des russischen Kriegsministers
*o . ^È^z ton seinem verantwortungsreichen Posten ist erfolgt. Schwer- freiwillig. Generalleutnant Viktor Viktorowitfch Ssacha- war erst vor einem Jahre als Nachfolger Kuropatkins ^Mlfetjin bis Spitze der russischen Militärverwaltung berufen wor- dessen 125 und gilt als ein in allen Sätteln gerechter Soldat. Als M ÄssAin Nachfolger wird General Komarow od^r Generalleut- ©a^nenont Räbiger genannt. — Die neuliche Meldung, daß Groß- zu Schaum fairst Nikolaus Nikolajewitsch nach dem Kriegsschauplatz ab= Mw vemW rasiert wird, um die Oberleitung der Operationen Zu über- in einer ruildèhmcn, wird bestätigt. Es heißt, daß es von seinem Q$ut= dem EiweiMnee, WMöN über den Zustand der russischen Armee abhängen wird, chierdüte und Ipritzt M her Krieg fortgesetzt wird.
Zucker bestäubt, wird Veide Gegner sind anscheinend aufs ernstlichste dazu ent- i geschoben, in dem teNMfen. Beide haben sich neue Geldquellen erschlossen, die s aber belegt man, Mässen durch Anziehung der Steuerschraube, ihre Feinde Aprikosen-Gelee. ' *mb «eine große Finanzoperation mit englischen und cuneri- Mischen Banken. / Eiye
japanische^ Anleihe von 600 000 000 Mark
Hause*
öirb gleichzeitig in London und Newyork zu gleichen Teilen emittiert werden. Der Zinsfuß beträgt 4% Prozent, der
ibef. Mer; „Du MTElwnskurs 90. Die Anleihe ist rückzahlbar nach fünf 1U§ Unverstanden, ab^hrem und wird durch die Nettoeinnahmen aus dem Tabak- mNW’oI in Japan garantiert, die nach dem Etatsvoranschlag hiAnS ^-§ nächste Finanzjahr 32 Millionen U ' betragen. Man A Market, daß auch die Schweiz und Holland sich an der Zeich- tfesj^ beteiligen »erben.________
e in einer Saison N
toSÄM Zum ^ilerbesucb in Tanger.
Haben wir dann M Paris, 24. März.
168 000 und im nW 9M) mehr als in Deutschland unb in Marokko selbst be- >a! Wenn wir das N^äßstigt der bevorstehende Besuch des deutschen Kaisers in M wir über 3 MillMDug^ die öffentliche Meinung in Frankreich. Die Pariser Wachen, dann Weckungen bringen schon aus der Feder von Spezialbevicht- paftern im voraus lange Beschreibungen aller geplanten
Festlichkeiten, aus denen die folgenden interessanten Einzelheiten hervorgehoben sein sollen. Das Kaiserfchiff wird am 31. März bei Tagesanbruch in die Bai von Tanger einfahren, so daß der Kaiser um 8 Uhr morgens bei der Werft, wo die Abgesandten der marokkanischen Regierung und die diplomatische Welt Aufstellung nehmen werden, an Land gehen kann. An der Zollabfertigungsstelle wird ein großer Empfangssaal eingerichtet werden, und dort werden dann die Vorstellungen des diplomatischen Korps, der Vertreter der Han- delswett, der anderen Delegierten usw. stattfinden; man wird zu diesem Zwecke aus dem Zollhaus die zahlreichen Frachtstücke, die gewöhnlich dort umherliegen, wegräumen müssen, und dank den neuerbauten Magazinen wird sich das leicht machen lassen.
Von der Zollstation wird der Kaiser mit seinem Gefolge durch die große Moschee, den kleinen Socco '(Marktplatz) und die Straße der „Cyagghin" oder Goldschmiede nach der deutschen Gesandtschaft fahren. Hier wird der eigentliche Empfang des diplomatischen Korps und der deutschen Kolonie stattfinden, ferner die Vorstellung der unter deutschem Schutze stehenden Bewohner von Tanger. Dann formiert sich der Zug von neuem, um sich nach dem sogenannten Marchand- Plateau zu begeben; hier wird zu Ehren des Kaisers eine große Fantasia veranstaltet werden. Der Fantasia folgt ein Besuch in der Kasbah. Um 2 Uhr erfolgt die Abfahrt des Kaisers nach Gibraltar.
Ein Berichterstatter entwirft von bem Enthusiasmus der Bevölkerung Tangers ein sehr anziehendes Bild. „Man meldet hier" — so schreibt er — „die Ankunft einer englischen Division und dreier .Kriegsschiffe der Vereinigten Staaten, die den Kaiser hier begrüßen sollen. Ebenso geht das Gerücht, daß ein französisches Geschwader am 31. d. M. hier sein werde. Ich weiß nicht, ob das stimmt, aber daß man sich auf den Empfang des Kaisers mit einem hier noch nicht dagewesenen Enthusiasmus vorbereitet, das stimmt sicher; die Spanier besonders bemühen sich, diesen Empfang zu einer progermanischen Kundgebung zu gestalten. Es fanden außerordentliche Versammlungen des diplomatischen Korps — das sich bei dem Konsul Italiens versammelte — und der Hygienekommission statt. Die Versammlung der Hygiene- kommfision beschloß nach einer Anfrage des Sanitätskorps, alle Straßen, welche der Kaiser berühren wird, in einen Zustand peinlicher Sauberkeit zu versetzen und auch für diö Ausschmückung der Straßen Sorge zu tragen. Für die zu diesem Zwecke zu machenden Ausgaben wurde der Kommission ein unbeschränkter Kredit gewährt. Auch die Behörden zeigen sich plötzlich sehr freigebig und stellten für die in Aussicht genommenen Lustbarkeiten den Veranstaltern 60 000 Duros (240 000 Mark) zur Verfügung. Festausschüsse haben sich gebildet. Ein internationaler und ein deutscher Ausschuß beschlossen, am Marchand ein reich geschmücktes kaiserliches Lustzelt zu errichten, ferner am Plateaueingang einen großen Triumvbboaen. Dasselbe wird die englische Kolonie tun.
Der spanische Festausschuß, der zuerst am, Werke war, plant großartige Sachen. Dem kleinen Socco, wo sich das spanische Gesandtschaftsgebäude befindet, soll eine prächtige Aus- schmückung gegeben werden. Ein marokkanischer Triumphbogen, der mit Waffen und Blumen „garniert" wird, soll in der Nähe der großen Moschee errichtet werden; hier werden hübsche Andalusierinnen den Kaiser begrüßen. Zuletzt sei noch mitgeteilt, was ein Hadj oder Heiliger dem Berichterstatter des „Journal" über den Kaiserbesuch zu sagen hatten "-cd)", so sprach der heilige Mann, „seit drei Tagen wissen, preußischer Sultan Tanger kommen. Seit einem Monat Pascha zahlt nicht mehr Askris! Sultan hat nicht mehr Geld, und preußischer Sultan kommt Geld geben." Der gute Mann dürfte eine gewaltige Enttäuschung erleben!
Die Politik.
a4 Die geschickte Haltung Deutschlands in der Marokko- frage wird auch von den Franzosen anerkannt, die mit rühmlicher Objektivität zugestehen, daß der Leiter der auswärtigen Politik Frankreichs, Herr Delcassch nicht gerade klug gehandelt habe, als er in Marokko die deutschen Interessen übersehen zu dürfen glaubte und sich ganz und gar auf den großen Freund im Osten, auf Rußland verließ. Die Politik des
Schmollens Deutschland gegenüber sei weder würdig. Ob diese ErLenntnis zu greifbaren Folgen führen wird, bleibt abzuwarten.
0 Wie bekannt, hat die Pforte auf recht
weise noch praktischen
energisches
Drängen der französischen Negierung sich entschlossen, den Ankauf von Kriegsmaterial in Frankreich zuzusagen. Der Londoner „Daily Telegraph" stützt hierauf die aus der Lust gegriffene Meldung, daß Deutschland sich hiergegen ins Mittel gelegt imb der Pforte gewissermaßen verboten habe, den Waffenankauf in Frankreich fortzusetzen. Selbstverständlich ist auch davon kein Wort wahr, daß „man" über das Vorgehen der deutschen Regierung entrüstet sei. Weder „man" noch ein anderer hat die Möglichkeit, sich aus dem angegebnen Grund zu entrüsten, da von deutscher Seite jener oder ein ähnlicher Schritt überhaupt nicht getan worden ist.
Russland»
^ Die gegenwärtige Finanzlage Rußlands wird, wie man weiß, nicht sehr günstig beurteilt. Die Londoner „Times" hatte kürzlich die Zähln.ngsfähigkeit Rußlands bezweifelt und die russische Goldrücklage einen „kolossalen Humbertschen Geldschrank" genannt. Der russische Finanzminister hat darauf dem englischen Blatt vorgeschlagen, einen Vertrauensmann nach Petersburg zu schicken, der die Goldrücklage und die Keller der russischen Staatsbank prüfen solle und sich hierbei von einem in Gold- und Münzangelegenheiten erfahrenen Sachverständigen begleiten lassen dürfe. — Das klingt sehr zuversichtlich; es kann auch recht gut wahr sein, daß die russischen Goldrücklagen, die die Goldwährung zu
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Eselsmüller««- die Falschmünzer.
Von Gustav Rohleder, Grünberg i. H.
Alle Rechte vorbehalten.
(Nachdruck verboten.)
Auch Meister Dewes der Kappenschneider war da, m seine Gaukeleien an den Mann zu bringen. Als M ihn gesehen, sprach er sofort, er habe gehört, Mätzel Wbe eine reiche Erbschaft getan. Ein Spaßvogel meinte ^^Eicht stamme die Erbschaft vom Lump und Regien do et Dewes. Ein schallendes Gelächter der Rkrmten vertrieb den Kappenschneider, dieses wollte iw Spaßmacher nur erreichen. Mätzel bezahlte alles, Ws in der „Kcone" der Richterschen Wirtschaft Ver- Hti wurde. Dadurch ehrten ihn seine reichen Kameraden, M sie ihn in ihre Mitte nahmen. Eine seltene Ehre st einen Gefundenen von den reichen Neukircher Bauern- W^'n. Sogar der Schulze, als oberste Person des Lottes, reichte Mätzel die Hand und trank mit ihm. Sine blanken Krontaler erregten sogar die Liebe des mlim Richter. Das war koch mal wieder ein uneigen- chigser junger Mensch, selbst Bier trank er nicht, aber ia wahrhaftig Wein, ächten Rüdesheimer be-
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2 , ,|tto er für seine Kameraden. Jetzt konnte der alte
^fle^ ! dichter Geschäfte machen. Der vornehme Junge hatte aM^^ in seiner Tasche. Ja Mätzel ließ bei dem kost- ^ £***>'U Iben Essen nur Wein trinken. Er war bei der etwas echir^ schleunigen Untersuchüng frei gekommen. Es waren Ajeßen, ^^i ;Dc ein Dutzend Krontaler, wie die Brabanter dort
• Rannt wurden, flöten gegangen Das tat aber ' Ms. Er hatte übergenug davon. „Allgemeine Körpec- Atväche", so lautere der Bericht über seine Befreiung. <^AÄf\X™ Seine Mutter, die Mätzel-Line, eine noch immer
Lösche Frauengestalt, wenn auch in ärmlicher Bauern- lletdung, war auch nach Condorf gewandert. Sie ß^ ^aü^ ^M^ ihren einzig geliebten Jungen sehen, von dem 'M seither so reichlich unterstützt worden war. Sie sah ,! !¥'4rl^ M verwundert an. War dieser vornehme Herr wirk- k^
War dieser vornehme Herr wirk-
lich ihr Junge, der barfuß den reichen Bauern die Gänse gehütet und dafür ein Stück trocken Brod empfangen hatte. Jetzt saß er zwischen den beiden stolzen und reichsten von ganz Neukirchen. Ja, er war es, ihr lieber treuer Junge. Kaum hatte er die Mutter erblickt, so sprang ec auf und eilte in ihre Arme.
„Mein guter Junge, könnte Dich jetzt nur der Eselsmüllersehen" — weiter konnte sie nichts herausbringen. Ihr Junge war das getreue Ebenbild des Eselsmüllers. Sie liebte denselben noch mit allen Fasern ihres Herzens. Ihr Junge war wirklich ein feiner Herr geworden, aber kindlich gut geblieben. Ja
stolz sah er aus, er ihr herzensguter Junge.
Sie
hörte ja sein Lob von den reichen Bauernburschen und dem geldstolzen Schulzen. Man bot ihr, der armen, verachteten Mätzel-Line, sogar auf den mit vier Pferden bespannten Rekrutenwagen den Ehrensitz neben dem Schulzen an. Das kam nur von ihrem feinen Sohne.
Es war aber noch Jemand in der Richterschen „Krone", dem der vornehme Herr aufgefallen war. Es war der alte Gendarm Eigenbrod. Er hatte schon lange nach einem gesucht, welcher Krontaler ausgab. Jetzt sah er diesen blutjungen Menschen in aller Unschuld einen nach dem anderen ausgeben. Daß dieser der so lange gesuchte Falschmünzer sei, glaubte der alte erfahrene Mann selbst nicht. Er war gewiß ein Betrogener. Dieses mußte er erfahren, auch wo das Nest der Falschmünzer steckte. Ec gesellte sich zu den jungen Leuten, wechselte vom Kronenwirt auch einen neuen Krontaler ein. Dann wartete er in Ruhe die Zeit ab, wo er glaubte bei dem jungen Mätzel eine etwas benebelte Stimmung zu bemerken. Da hatte er sich aber getäuscht. Der junge Mensch zahlte, aber trank nicht. Er war zu glücklich über seine junge Braut. Eigenbrod kam wie zufällig zu ihm, setzte sich gemütlich hin und frug, wo er her sei, nach seinem Geschäft, wo er seither in der Fremde war usw. Diese
Fragen schienen so ehrlich gemeint, daß Mätzel ihm gern Antwort gab. Er erzählte dem alten Gendarm seinen ganzen Lebenslauf. Seine Lehrjahre und auch die Begegnung in Küstelberg mit dem Eselsmüller. Derselbe habe ihm zu seiner jetzigen Stellung verholfen. Das nötige Reisegeld habe er ihm, dem armen unbekannten Jungen auch geschenkt.
Eigenbrod horchte auf. Der Eselsmüller, von dem ich so viel gehört, wie er die Grenzaufseher Heiner und Neumeyer mehr als gefoppt hat, steckt denn dieser Teufelskerl in allen. Endlich sprach er zu dem jungen Mann: „Das war ja lieb von dem Eselsmüller, daß er Ihnen zu der Stelle half und auch das Reisegeld gab. Er soll ja reich sein. Wieviel Krontaler gab er denn?" so frug er dann weiter.
„Genau weiß ich es nicht mehr, erwiderte der junge Mensch, aber es waren übergenug. Als ich nach Münster kam hatte ich noch manchen Krontaler übrig." „Ist schon gut", sprach Eigenbrod. „Meister Schlierbach muß aber auch reich sein, weil er Ihnen nur neue Brabanter mitgab". „Herr Gendarm, das weiß ich nicht. Er hat mir ebenso wie meine Braut, reichlich mitgegeben".
„Bitte, zeigen Sie mir mal so einen funkelnagelneuen Krontaler, ich möchte gern einen sehen", so sprach Eigenbrod. Dann fuhr er fort, als er merkte, daß der junge Mann stutzig wurde, in unserer Gegend verläuft sich sehr selten ein solcher Vogel. Mätzel gab dann dem Gendarm zwei Krontaler. Sofort hatte Etgen- brod die falschen erkannt, sie waren ihm ja ganz genau beschrieben. Dieser junge Mensch dauerte ihn, der konnte der Falschmünzerbande nicht angehören, oder er war irre gesührt. Mit der größten Seelenruhe hatte derselbe ihm die Krontaler übergeben. Er als alter, im Dienste ergrauter Staatsdiener hatte schon manchen Schurken entlarvt. Dieser vor ihm sitzende Jüngling war aber keiner. Es gab nur zwei Möglichkeiten.
(Fortsetzung folgt.)