Nr. 198
Donnerstag, den 24. August 1905
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Theodor, der Unvermeidliche.
Die Vereinigten Staaten von Amerika haben seit George Washington und Abraham Lincoln keinen Präsidenten gehabt, der so viel genannt worden wäre, wie der gegenwärtige Präsident Theodor Roosevelt. Und selbst jene beiden müssen beschämt vor ihrem Nachfolger von heute zurückstehen. George Washington stand in der vordersten Reihe der Generale, die die Unabhängigkeit der Vereinigten Staaten erkämpften, er war der Schöpfer ihrer Verfassung und erwies sich als der vornehmste, aufrichtigste Hüter ihres Grundgedankens, indem er durch sein Beispiel und durch dessen besondere Betonung den ungeschriebenen Grundsatz aufstellte, daß niemand dreimal die Präsidentenwürde bekleiden dürfe. Der Feldherr, der Staatengründer, der Staatsmann und das Staatsoberhaupt, in allen diesen Fächern war George Washington gleich hervorragend unb bewunderungswürdig. Er wurde zu einer ragenden geschichtlichen Erscheinung, späten Geschlechtern ein leuchtendes Vorbild. Sein Ruhm durchdrang und durchklang schon bei seinen Lebzeiten die Länder der Erde. Doch daß er mit ehrender Anerkennung genannt wurde, mußte er mit großen Taten erkaufen. Und daß so viel von ihm gesprochen wurde, wie von seinem jüngsten Nachfahren gesprochn wird, das erlangte er nicht. So viel Großtaten, wie zu jener Zelt dazu gehört hätten, waren in das längste und beglückteste Heldenleben nicht hineinzupressen. Abraham Lincoln hat seinen Namen an die Sterne geheftet, indem er die Sklaverei aufhob und die Vereinigten Staaten durch den schwersten - Kriegssturm steuerte, der je ihre Existenz bedroht hatte. Als er durch Mörderhand gefallen war, durfte der Nachfolger ihm ins Grab nachrufen: „Die Barmherzigkeit hat man erschlagen, aber die Gerechtigkeit lebt!" Einen vierjährigen Krieg von unerhörter Anstrengung mußte Lincoln siegreich durchführen, einen geschichtlich in Ewigkeit denkwürdigen Menschheitsfortschritt mußte er verwirklichen, damit sein ^vme von Pol zu Pol klang. George Washington und Abraham Lincoln reichen an den dröhnenden Ruhm Theodor Roosevelts nicht hinan. Denn ihr patriotischer Ehrgeiz bueb auf ihr Vaterland beschränkt. Hat George Washington Frau und Tochter gehabt? War Abrahain Lincoln mit einer Familie gesegnet? Man muß schon in Spezialbüchern nachschlagen, und wird dann noch Mühe haben, etwas darüber zu finden. Anders ist es mit Theodor Roosevelt. Seine Tochter Alice hat nichts, in der ganzen Welt nichts getan, was eine Frau auszeichnen könnte. Kein besonderer äußerer Vorzug schmückt sie, ihre geistigen Gaben halten z-n schranken demokratiscl-er Mittelmäßigkeit, — Uno doch kennt alle Welt die Tochter des Präsidenten Roose- velt die „Prinzessin" Alice, deren einziges, absolut einziges Verdienst darin besteht, daß sie in die Zahl der Erwachsenen während der Präsidentschaft ihres Vaters eingerückt ist. ~ Theodor Roosevelt selbst? Was hat er getan, um Prapdent zu werden? Und was hat er als Präsident getan? Er hat Gluck gehabt, ungewöhnlich viel Glück — und das ein Talent. Roosevelts Glück streift schon ans .^âlrsche. Als Führer der „Rauhreiter", einer Frei- wiüigenfchar, die sich während des Krieges mit Spanien in tlcibjame Phantasie-Uniform gesteckt hatte und ungefährliche Streifzüge machte, gewann er eine Popularität, • politischen Parteiführern unbequem erscheinen - . m ..x5n unschädlich zu machen, präsentierte man ihn i^ir Vrzepräfidentschaft, auf einen Posten, der zum politischen wooe Verurteilt. McKinley würd" ermordet, Roosevelt wurde Präsident und wieder ein politisch lebendiger Mann. Wenigstens dem Anschein nach. Er hatte sogar große Pläne. Die Korruption wollte er erwürgen, die Uebermacht der Trusts brechen, die mittel- und südamerikanischen Raub- staaten auf bem Wege sanfter Gewalt von der süßen Gewöhnung der Pumverei und der periobifcfen Revolutionen abbringen. Die Parteiführer, deren Mann er durchaus nicht war, schüttelten den Kopf, veranstalteten für ihn ein ungeheures Beifallsgeschrei und — ließen ihn keinen Schritt tun. Er mochte gesetzgeberisch Vorschlägen, was er wollte —- der Senat in Washington ließ keinen Vorschlag durchgehen. Er mochte durch wiederholte Botschaften diplomatische Abmachungen zur Annahme empfehlen — der Senat in Washington hatte nicht einmal die Höflichkeit, sie in Beratung zu nehmen. Kurz, Roosevelt war der akklamierteste und zugleich ohnmächtigste Präsident, den die Vereinigten Staaten je gehabt. Und er nahm das gar nicht übel, er fand sich in die Rolle, die man ihm zugewiesen. Jetzt wußten die Parteiführer, daß sie von ihm nichts zu befürchten hatten, daß er völlig ungefährlich war. Darum betrieben sie auck seine Wiederwahl und ließen ihn mit einer Stimmenmehrheit ohne gleichen im Amt bestätigen.
Seitdem ist von einer Bekämpfung der Korruption nicht mehr die Rede. Ab und zu ein kleiner Anlauf; zum Lachen, sirr langsamen Entwöhnung früher erregter Erwartungen' I Die Trusts führen das friedlichste Leben. Keine Gesetzgebung bedrängt sie, Roosevelt denkt nicht mehr an sie, sie haben ohne Besorgnis sich sogar international aus- i dehnen dürfen. Die Raubstaaten in Mittel- und Südamerika sehen ihr altes Politikgeschäft ohne Beeinträchtigung fort. Die paar Diplomaten, die nach Rooseveltschem Rezept ar- beiten wollten. sind abaebalftert und kaltgestellt. Theodor
Roosevelt aber befindet sich dabei sehr wohl. Sein Ehrgeiz ist nicht kleiner geworden, er hat nur das Ziel und das Betätigungsfeld gewechselt. Er arbeitet für den Export. Wo etwas los ist, da ist Roosevelt. E/r spricht nicht im Namen Amerikas, aber im Namen der Menschheit, was zu nichts verpflichtet und vielleicht noch schöner klingt. Er ist Friedensstifter. Den ehemaligen Führer der Rauhreiter kleidet das ganz besonders gut. Mit republikanisch-amerikanischer G^rmlosigkeit erzwingt er sich Zutritt zum Zaren wie zum ^cikado, die zu höflich sind, ihn abzuweisen. Er ließe sich auch gar nicht abweisen. Er zwingt sie zu Friedensverhand- lunaen, und erzwingt ihre Fortsetzung, da sie abgebrochen werden sollten. Sein Zwangsmittel ist die Zudringlichkeit. Rcan bües nicht grob gegen ihn sein, und darum hört man auf ihn. Sein Erfolg ist der Erfolg seiner Zudringlichkeit und der Höflichkeit der anderen. Im vorliegenden Falle kann die Absicht vortrefflich und der Erfolg verdienstlich sein. Aber behaglich ist Roosevelts Geschäftigkeit für niemand. Er ft „daS enfant terrible der internationalen Politik, nicht bösartig, doch schreckhaft. Ein gutes Herz ist mehr wert, als gute Formen. Wäre es aber nicht möglich, ' as gute Herz zu behalten, und dabei die guten Fornwn i ccht ganz zu verschmähen?
Das diplomatische Gefecht
sCig. Bericht.)
Berlin, 23. August.
Werden die Verhandlungen in Portsmouth abgebrochen? — Oder sind die stolz ablehnenden Worte der Russen und das Zucken der Japaner nach dem Säbel nur gewandte Fechterkunststückchen, hinter denen die verhandelnden Diplomaten ihre wirklichen Absichten verbergen? — Das sind die Fragen, die heute llt beschäftigen. Verdenken könnte man es den am ^merlrauischem Boden um den Frieden feilschenden St, ^tsmännern wahrhaftig nicht, wenn sie dem Heer der sie wie eine wütende Bienenschar umschwärmenden Berichterstatter und den neugierig trotz aller behaupteten Entwickelung nach althergebrachter Weiberart hinter jedem ihrer Schritte hcrziehenden ^ankeedamen ein Schnippchen schlügen. Müssen sie doch schon dem mehr wie zuvorkommend an sie herantretenden Teddy Roosevelt ein freund liches Gesicht machen, womöglich alle Augenblicke von ihm eine Belehrung über die gangbarsten Wege entgegennehm,en. Die Herren, Japaner wie Russen, werden herzlich froh sein, wenn sie ihre Mission beendet haben und nicht mehr an jedem Morgen mit ernstem Gesicht und herzlichem Händedruck Dutzenden von Besuchern versichern müssen: „Entweder kommt der Friede zustande, oder er kommt nicht zustande — wir tun unser Bestes — mehr ist nicht zu sagen."
Nun ist die für Dienstag in Aussicht genommene Schlußkonferenz auf heute vertagt worden, und wenn man heute nicht fertig wird, wollen die Friedensdelegierten sich am Freitag erst wieder treffen. Inzwischen wird der Zar noch einigemal den in seinem berühmten Friedens-Manifest proklamierten Ideen sanftmütigen Ausdruck geben und nebenbei den Krieg bis aufs Messer proklamieren, Herr Witte in ganz Europa und den umliegenden Dörfern dadurch interessant werden, daß er auserlesene Papyros raucht, in Hemdsärmeln am Fenster sitzt und Pilsener Bier trinkt. Die Welt wird in Bewunderung verfallen über den Geschmack der amerikanischen Ladys, die samt und sonders verliebt sind in die strahlenden Mongolenaugen des Miniatur- japaners Baron Komura, und die Insel Sachalin wird entweder von Amerika angekauft oder als großes Sanatorium für die infolge des Studiums stündlich sich widerspreclwnder Sensationstelegramme melancholisch gewordenen Mitteleuropäer eingerichtet.
Vor wie nach heißt es in Wirklichkeit abwarten — nichts Genaues weiß man weder hüben noch drüben. Roosevelt soll vermittelnde Vorschläge gemacht und die Zustimmung Japans erlangt haben. Dieses wolle seine Ansprüche auf die in neutralen Häfen internierten russischen Schiffe fahren lassen und sich mit Rußland in den Besitz von Sachalin teilen, Rußland dagegen eine Kriegsentschädigung in Form einer Verpflegungsgebühr für Gefangene und Kranke zahlen, die ostchinesische Bahn aber unter die Kontrolle von China, Japan, Deutschland, England, Frankreich, der Vereinigten Staaten Rußland gestellt werden. Die Türkei und Abessynien werden seltsamerweise dabei nicht genannt. Ob nicht jemand auf den Gedanken verfällt, den Wüstenkönig Lebaudy, dem sein Sahara-Kaisertum nichts einbringt, zuni Statthalter der Mandschurei unter Kontrolle Serbiens und Präsident Castro von Venezuela zum endgültigen Schiedsrichter vorzuschlagen? ,
So dringend der endliche Friedensschluß und das <£ni-e des schrecklichen Krieges in Ostasien von jedem Menschen- und Kulturfreund zu wünschen ist, ebenso freudig wird der zwischen tausend Meldungen hin und her gezerrte Norma - mensch den Schluß der Kombinationsberrchterftattung über den Kongreß zu Vn^L^wuth erwarten — es 11 mei ge- fünbi” ihm. Hoffentlich bringen die nächsten
Tage dauernde Erlösung.
politische Rundschau.
Deutsches Reich»
Die Vorbereitungen für einen Handelsvertrag Zwists n Schweden und dem Teutschen Reich sind im Gange. Der .. ^anbelètag hat an die Handelskammern und ka «f- manmschen Korporationen ein Schreiben versandt, in dem sie aufgefordert werden, so schnell wie möglich Wünsche zu dem schwedischen Zolltarif zu äußern.
* Eme Depesche des Kommandanten des Kreuzers „Bui- Ad" meldet weitere Ausbreitung des Aufstandes in Deutsch- Opafnka. Die Rebellion hat südlich von Kilwa bis zum Mbenkurn-Fluß an der Grenze des Lindibezirks um sich ge- griffen. Die Aufständischen haben sogar die Entschlossenheit, die Reichstruppen anzugreifen. Oberleutnant zur See Paasche hat einen Angriff der Kitchi-Leute auf sein Lager am 19. und 20. August erfolgreich zurückgeschlagen. Er meldet, daß alles wohl ist und er nordwestlich nach Kowoni weiter vorgeht. Am 25. August trifft voraussichtlich eine Abteilung den Schutzbruppe in Nyambwiki ein. — Das ostafrikanische Expeditionskorps geht am Freitag von Hamburg ab. Auf Anordnung des Reichsmarineamts wurden die Einjährig-Freiwilligen, die sich zur Beteiligung gemel- bet hatten, zurückgewiesen; man nimmt an, daß die Stationierung des DetackMnents in Ostafrika über die Dienstzeit der Einjährig-Freiwilligen herausreicht. — Ueber die Lage im Gebiet südlich von Maneromango berichtet Gouverneur Gras Götzen, daß dort Anzeichen von Unbotmäßigkeit hervorgetreten sind, die ihn veranlaßt haben, den Bezirksamtmann Böder, den Hauptmann Fonck und 95 Mann dort zu belassen. Aus den Matumbibergen ist Major Johannes nach Dar-es-Salam zurückgekehrt und. hat gemeldet, daß die Ordnung aufrecht erhalten werden könne, wenn eine Kompagnie brs auf weiteres dort bleibe.
* Anläßlich des Teutschen Katholikentages in Straßburg L E. wurde dort die Generalversammlung des von Wiudt- Horst begrün beten Volksvereins abgehalten, dem der Bischof Dr. Fritzen seinen Segen erteilte. In einer geschlossenen Versammlung wurde ein Antrag des Abg. Herold, betref- send den Schutz der Landwirtsckjaft, angenommen. In der zweiten öffentlichen VcEsmmnlung des Kvthoükentages sprach Vater Nachtwey, apostolischer Präfekt von Kamerun, über die fatf)oü|d)o Mission, Abgeordneter de Witt über „wahre und falsche Toleranz" und der Kapuziner-Pater Auracher über die Frauenfrage, wobei er sich gegen die Ansprüche der modernen Frauenbewegung bezüglich der Ehe und bar Gleichberechtigung der Frau wandte.
* In kurzer Zeit soll eine Verunehrung der preußischen Lottericlose zu erwarten sein Sie wird voraussichtlich in der gleichen Weise erfolgen wie nach Mschluß des zwischen Preußen und Mecklenburg bezw. Lübeck bestehenden Vertrages.
* Ueber den Zwischenfall an der Grenze von Kanrerun bei Miffnm-Missum. bei bem deutsche und französische Soldaten zusanimenstießen, werden in der französischen Presw eine Anzahl unkontrollierbarer Gerüchte verbreitet. Nach einer offiziösen französischen Verlautbarung aus dem Parisar Kolonialministerium stehen die deutsche und französische Mission im Begriff, unverzüglich die Arbeiten zur Fest- stellung der Grenze zwischeir Kamerun und dem Französischen Kongogebiete aufzunehmen. Ueber die Missum- Missum-Angelegenheit soll dann ein Bericht aufgestellt wer- den, der in jeder Hinsicht zuverlässig und unparteiisch i|t.
* Der Handelsvertragsverein hat sich in einer Eingabe an den Reichskanzler wegen des plötzlich eingeführten Ge- haltstempelzwangcs für nach Tunis eingeführte Golo- und Silberwaren gewandt. Der Export deutscher Bijouteriewaren wird dadurch zugunsten der französischen Ausfuhr auf das Schlimmste geschädigt. Das Okfeh ist bereits am 2o. August in Wirksamkeit getreten. Der Handelsvesrtragv- Verein bittet den Reichskanzler. Vorkehrungen zu treffen, um wenigstens eine ausreicheiide Uebergangszert von den alten zu den neuen Bestimmungen zu erzielen.
* Allenthalben unternehmen die städtischen Behörden Schritte, um eine Linderung der herrschenden ^ltnd)- teuerung anzubahnen. Die Thüringer Stadtgemeinden haben wegen der Fleischteuening beim Bundesrat und dem Reichskanzler telegraphisch Beschwerde erhoben. Die Fleuch preise sind bis 40 Prozent gestiegen. — Dre hannoverschen Städte bereiten eine Eingabe an die Regierung vor. — ^r Frankfurt a. M. nahm die Stadtverordnetenversammlung einen Antrag an, bei der Regierung um Oeffnung der Grenzen fü? lebendes Vieh und um Aufhebung der Zollt für Fleisch und Futterstoffe vorstellig zu werden — Dlt Stadtverordneten in Solingen beschlossen eine Petition ar ben Reichskanzler um Oeffnung der Viehgrenzsperren. ; Die Münchener „Vereinigten Metzgerinnungen haben rr mehr als zwanzig Zeitungen solcher Gegenden Siiddeutsch I vs wo Schweinezucht betrieben wird, ein ^nferat er- lassen wonach Schlachtschweine in jeder Anzahl im Gewichte von 80 Pfund an lebend zu kaufen gesucht werden Auch nicht ein einziges Angebot ist eingelaufen.
Oesterreich-Ungarn
*'* Die Regierung beabsichtigt, ein Gesetz über das Ler