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Nr. 146

Zweites Blatt

Samstag, ven 24. Juni 19u5

14. Jahrgang

Z«sertt»«SpreiS r Die einspaltige Petitzeile für ganz Ober- heffen, die Kreise Wetzlar und Marburg 10 Pfg. sonst 15 Pfg. Reklamen die Petitzeile 30 resp. 40 Pfg.

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Rässe Cage.

'/Politische Wochenscha iu]

Heiße Tage hat die vergangene Woche gebracht, im buch­stäblichen wie im figürlichen Sinne. Die Sonne versandte glühenden Brand vom wolkenlosen Himmel, eine will­kommene Gabe den Seglern, die während der „Kieler Woche" die Geschwindigkeit ihrer Boote und die Geschicktich- tent der Lenker unter den Augen des Kaisers erprobten, aus seinen Händen den Siegespreis entgegennehmen, aus seinen Worten den Ansporn zu neuer Anspannung threr Kräfte gewinnen durften. Kein anderer Sport ist wie der Segelsport dazu angetan, unmittelbar anregend darauf zu tvârken, daß der Sinn der Nation auf die See und die Be­herrschung ihrer Elemente sich richtet, sich vertraut macht mit dem Wasser, auf dem unsere Zukunft liegt. Kein anderer Sport ist so sehr wie der Segelsport berechtigt, den Wahr­spruch auf sich anzuwenden: Pro patria est, dum ludere videmur — unser Tun scheint Spiel, doch ists fürs Vaterland.

*1*

Heiße Tage gab es auch für die deutsche und die fran» zo»sische Diplomatie. Die Gefahren, die Delcasss in ge« tvnssenloser Leichtfertigkeit heraufbeschworen, sind durch Klug­heit und Mäßigung ihres bedrohlichen Charakters entkleidet, die Spannung zwischen Berlin und Paris hat sich gelöst; aber der Weg zur freundlichen Verständigung ist erst ein- geschlagen, noch nicht zurückgelegt. Begreiflicherweise will Frankreich in Marokko retten, was zu retten ist, und ver- langt Unmögliches, um das Mögliche zu erlangen. Doch da man in Paris einmal angefangen hat, Wasser in den Wein seiner Erwartungen zu schütten, so wird man sich dort wohl auch entschließen, auf alle die Vorrechte zu ver­nichten, die nicht eine notwendige Folge des Umstands sind, daß Frankreich durch Algier an Marokko grenzt und an dieser Grenze beinahe der natürliche Wächter der Ordnung ist, Nur darf der Wächter nicht zum Protektor werden I^llen. Es wird noch manche Note auSgetauscht werden, che aus Fordern und Bieten ein fertiger Handel ge- svorden. Aber der Wille zur Verständigung ist auf beiden Seiten vorhanden, und damit ist die Erreichung des er­freulichen Zieles beinahe gewährleistet.

Heiße Tage hat das preußische Herrenhaus, wenigstens m seiner Kommission, die sich mit den Berggesetznovellen zu .beschäftigen hatte, durchgemacht. Das Plenum wird die ; Vorschläge der Kommission gutheißen, und so darf mit Be­stimmtheit erwartet werden, daß die vielumstrittene Novelle über den erhöhten Schutz der Bergarbeiter Gesetzeskraft er­langt. Das gleiche gilt von dem Antrag, das Mutungs- Irecht auf Kohle und Kali zwei Jahre lang ruhen zu lassen, damit in der Zwischenzeit ein neues, diese Materie regeln­des Gesetz ausgearbeitet und bem Landtag vorgelegt werde. Logegen ist der Negieruugsvorschlag, der^sich gegen das so- genannte Stillegen von Zechen richtet und die Regierung entmutigt den Weitorbeirieb von Zechen gegen den Willen der Besitzer und auf deren Kosten anzuordnen, abgelehnt

T"nE ist das VerspicchiN, das die Regierung den tn^Ph Bergarbeitern im westfälischen Kohlenbezirk Dieven hat, in befriedigender Weise eingelöst. Leider bereitet

- cn jetzt in Rheinland Westfalen und Bayern schon

wieder ein anderer Streik vor. In Bayern sind es die Metall arbeiten, die mit den Unternehmern wegen der Lohnhöhe in Ziviespalt geraten sind. Bereits 60000 Arbeiter sind im Ausstand. Leider gründet sich die Hoffnung auf Beendigung des Streiks in der Hauptsache nur darauf, daß die erforder­lichen Unterstützungen in Höhe von 1% Millionen Mark wöchentlich nicht aufzubringen sein werden. Es wäre er­wünschter gewesen, wenn freundliche Vereinbarung, nicht einseitige Ohnmacht den Frieden brächte.

In Ungarn hat das Ministerium Fejervary sich recht unglücklich eingeführt, ohne daß man ihm deswegen direktes Verschulden beiinessen dürfte. Das Parlament hat nicht bloß ein Mißtrauensvotum gegen das „unparlamentarische" Ministerium ausgesprochen, sondern noch nach verfügter Vertagung die städtischen und Ortsbehörden aufgefordert, der Regierung bei der Beitreibung von Steuern und bei der Aushebung von Rekruten keine Beihilfe zu leisten. Außerdem hat die Parlainentsmehrheit einen per­manenten Ausschuß zur llebcrivachung der Handlungen des Ministeriums eingesetzt. Das ist offenbarer Revolutionszu­stand. Die Lage des Kabinetts wird dadurch noch ungün­stiger, daß auch die liberale Minderheit des Abgeordneten­hauses — aus. Popularitätshascherei oder verwandten Be­weggründen — sich von dem Ministerium losgesagt und sein Vorgehen für verfassungswidrig erklärt hat. Die Dinge sind so verrannt wie möglich, und die Ungarn sind es nichi minder. Die Magyaren sind imstande, um die Auslegung eines Paragraphen sich bis aufs Blut zu streiten, während der Feind schon vor den Toren steht. Man muß mehr als ein Jahrhundert in der Geschichte des Landes zurückgehen, um eine Zeit zu finden, in der das Land so gefährliche äußere Feinde hatte, als es jetzt im Innern hegt. Ungarn hat heiße Tage durchgemacht, noch heißere stehen ^m bevor. Kühle Besinnung ist es, die vor allem fehlt.

Wie anders in Schweden-Norwegen! Auch dort betont man auf beiden Seiten sein wirkliches oder vernieintliches gutes Recht. Doch hört man darum nicht auf, das größere -Interesse neben dem geringeren abzuwägen, man macht nicht zum Schulstreit, was nur praktisch erledigt werden kann. Die Scheidimg der neunzigjährigen schwedisch-norwegischen Ehe vollzieht sich mit Anstand, wie es der Wohlerzogenheit zukoinmt, unter Wahrung und Ge­währung voller gegenseitiger Achtung.

In Rußland hat die vergangene Woche ein großes Er­eignis gesehen, das in aller Verschwiegenheit vorbereitet wai Mid mit der vollen Kraft einer Ueberraschung zutage trat: Die Auflösung des „Komitees für den fernen Osten" bedeute! die Absage an einen verhängnisvollen Irrtum. Die Ein- setzung jenes Komitees mit dem Statthalter Alexejew an bei Spitze war die Einleitung der fluchwürdigen Abenteurer­politik, die Hunderttausende Menschenleben und unermeßliche Opfer an Gut gekostet hat, bloß um eine Anzahl geld­hungriger Glücksjäger zu bereichern. Es muß unendliche Anstrengungen gekostet haben, um den Zaren zu überzeugen, daß, und wie sehr er von denen betrogen worden, die den friedliebendsten Monarchen in den Krieg getrieben haben ^zetzt erst ist wirklich eine Aussicht auf Frieden vorhanden allerdings auch jetzt noch keine nahe Aussicht, so daß man befürchten muß, es werde noch große Schlachten geben, ehe der Waffenstillstand kommt. Feldmarschall Oyama kreist immer dichter den General Linewitsch ein, der heißen Tagen entgegenaeht, den heißesten seiner Kommandoführung

Von der Kieler Klocke.

(Wg. Bericht.) Kiel, 23. August.

Bei der heutigen Segelregatta der Schonerkreuzer bei ^ Klasse ging der Meteor als erste Jacht durchs Ziel; wenige Minuten später folgte Hamburg. Andere Jachten waren zn der Wettfahrt dieser Klasse nicht gemeldet. Die kaiserliche Jacht ist somit wieder Sieger in der Hauptklasse geworden

Die Wettfahrt der Sonderklasse fand gestern bei ziemlicher Windstärke statt. Die „Elisabeth" des Prinzen Eitel, des zweiten Sohnes des Kaisers, erlitt Havarie mit gab die Wettfahrt auf. Ebenfalls die Pariser Jacht „Concordia" und die spanische des Klubs Canta brico. Die Berliner Jacht „Georg" wurde erstes Boot, „Tilly 6" zweites und gewann den Glandaz. Pokal, „Wannsee 5" drittes, „Clair de lune" viertes, „1905" fünftes, „Tilly 7" sechstes, „Lulular" siebentes Boot Der Kaiser besuchte nachmittags die Jachten Nahma, Sun- beam, Atlantik, Utovana und stattete dem Prinzen Heinrich im Königlichen Schlosse einen Besuch ab. Abends fand an Bord der „Hohenzollern" ein Diner statt. Vor der Tafel der- teilte der Kaiser die Preise an die Sieger der Ozean-Wett­fahrt; den 1. Preis an Mr. Marshall, den 2. Preis an Herrn Tietgens und den 4. Preis an Mr. George Lauder. Der Gewinner des 3. Preises Earl of Crawford ist nicht in Kiel. An der Tafel nahmen auch Prinz Heinrich, der Botschafter Tower, der Fürst von Monaco und Cornelius Vanderbili teil. Abends acht Uhr lief die Jacht „Lensahn" mit dem Großherzogpaar von Oldenburg und der Prinzessin Sophie Charlotte an Bord in Kiel ein. Während der Fahrt des Turbinenkreuzers „Lübeck", an welcher der Kaiser teilnahin,

wurden Verglelchsfahrten zwischen der „^uoerf" und den vorher in See gegangenen Kreuzern „Nymphe", „Undine" und „München" vorgenommen.

Vermischtes.

— [Tie Ahnen des Herrn von LncannsZ Bei dem let? en Besuch des Kaisers auf der ^aalburg touren Töpfer- varen ausgestellt, die dort ausgegraben sind und zum Teil )ic Namen der Hersteller tragen. Darunter befindet sich uich der Name Lucanus. Als der Kaiser ein solches Stücl X'tmchtele, rief er seinem Kabinettschef heran und sagte cherzend zu ihm: „Na, Lucanus, da renommieren Sie im­mer mit Ihren Ahnen, und nun waren es ganz gewöhnliche Töpfer!"

— [Tr. Sigl als Witzbold.^ Der verstorbene Leiter des ..Bayerischen Vaterlands", der bekannte Dr. Sigl, besaß leben seiner bajuvarischen Grobkörnigkeit auch eine fu

Desis Huinor. Er belvies ihn u. o. auch einmal gegenüber X.u bisherigen Intendanten der Münchener Hoftheater, xmi Herrn von Possart. Dieser erfreute sich der ganz be- onberen Abneigung Sigls, der ihn oft genug in seinem Blatte angriff. Einst fühlte sich Herr von Possart arg ge­flankt und ließ Sigl eine Pistoleuforderung zugehen. Sigl Zehnte ab, und zwar mit folgender Begründung: „Wenn Herr von Possart ufich erschießt, so wird man sagen, das layerische Vaterland hat seinen besten Mann verloren, töte ch aber Herrn von Possart, wird es heißen: O Sigl, was mst du für einen Bock geschossen." Dalnit hatte Sigl das Spiel gewonnen, denn er hatte die Lacher auf seiner Seite.

— sDos höchste Gebäude der Weltj wird sich demnächst n Newyork erheben. Dort wird auf dem mächtigen Ge- ftyäftschause der Metropoliian-Lebensversicberungs^Com- oagmie ein Turm errichtet, der 560 Fuß hoch ist und eine Grundfläche von 70 Quadrat fuß erhält. Damit wird das Gebäude alle übrigen Türme, die es bisher gibt, überragen.

— [Serbische Zustände. j In Belgrad wurde eine Räuber- und Mörderbande entdeckt, die nach einem großartig an­gelegten Plane „arbeitete". Ihr Führer, Orsa Filipovic, ^ebte in aller Behaglichkeit als reicher Fleischhauer in Iago- üna. Von Zeit zu Zeit pflegte er zu verreisen. Dann war ft bei seinen Beutezügen tätig. Er trug dabei einen großen falschen Bart. Sehr zu statten fam ihm seine Kenntnis wn Land und Leuten. Er sprach sieben Sprachen fertig -'"d war durch ganz Europa gekommen. Sein Wirken war ^n internationales. Oft war er in größeren europäischen Städten in Händen der Polizei, aber immer wieder gelano 's ihm, loszukommen. Weiln seine Helfershelfer verhaftet müdem, sagten sie nie gegen ihn aus, weil er ihre Fa­milien reichlich unterstützte. Die Polizei betreibt die An­gelegenheit sehr geheimnisvoll, da viele angesehene Leute :onrpromittiert erscheinen.

r§3 Verunglückte Seiltänzer. In Aresheim, einem kleinen Dorfe Hinterpommerns, produzierte sich eine Seil- tänzerfamilie. Der Mann zeigte im Verein mit seiner Frau auf einem 10 Meter hohen Seile seine Künste. Durch einen Fehltritt stürzten beide ab. Der Frau war der Kopf ge­spalten, sie war sofort tot. Der Mann hat sich gefährliche mnere Verletzungen zugezogen.

^ Die Futtermaschine als Guillotine. Auf eine be- sondere Art brachste sich ein Landwirt in einem Dorfe bei Donaueschingen ums Leben. Er legte seinen Kopf in dft Futterschneidemaschine und trennte denselben mittelst des icharfen Messers vom Rumpfe.

~ ^i Humor in den Tob.] Ein Selbstmörder, der noch lustrge Verse über sich selber macht, kommt auch wohl nicht alle Tage vor. In Prag trieb jüngst in der Moldau die Leiche eines älteren Mannes an, in dessen Tasche man einen Zettel fand. Darauf stand in lakonischer Kürze der für den Selbstmord in folgenden Versen verzeichnet: habe gearbeitet, ich habe geschunden — Allein mein Weib hab' ich nie überwunden."

= [@in Kind mit zwei Köpfen.] In Hermaniz in Mähren wurde von der Frau eines Häuslers ein Kind mit zwei stopfen geboren, das indessen bald wieder verstarb.

= /Ein brennender See.s In Rumänien bei dem Orl tnmpina befindet sich eine große Erdöl-Siederei. Sie liegt mn Ufer eines Sees. Im Laufe der Zeit ist der ganze Erd- ooden mit Oel durchtränkt worden. Große Regengüsse, die in der letzten Zeit niedergingen, haben das Oel in den See getrieben, der weithin mit einer dunklen Schicht bedeckt er­säßen. Durch irgend einen Zufall gerieten die schwimmen­den Oelmassen in Brand, und bamit bot sich den erichre^ en Bewohnern der Gegend ein ganz einzigartiger Anblick. Das am Ufer stehende Schilf, das natürlich längst völlig mit Oel durchtränkt ist, brannte lichterloh, und infolgedessen er­schien der See wie von Tausenden hoher Kerzen umgeben. Auf dem Wasser aber wurden mächtige Feuersäulen vom Winde hin und her getrieben. Schließlich bildete die ganze Fläche ein Meer von Feuer und schweren glühenden Wolken, in • ’cn es fiebere und zischte und brauste. Das Schauspiel hielt die ganze Nacht an, bis allmählich der Brandstofs ausging.