Nr. 20.
Dienstag, vev 24. Januar 1905.
14 Jahrgang
Z«serttp«S»reiS i Die einspaltige Petitzeile für ganz Ober* Hessen, die Kreise Wetzlar «* Marburg 10 Pfg. sonst 16 Pfg. Reklamen die Petit-eile 30 resp. 40 Pfg.
Redaktion u. HauptexpMtio«r Gießen, Geltersweg 88.
KernsprechMtfchlnst Nr. SSL.
Gir ßener
Akmuee»e«tOpre4- r abgeholt monatlich 50 Pfg., in’« HauS gebracht 60 Pfg., durch die Post bezogen vierteljührl. Mk. 1.50.
GraD-dellase«: Oberhesfifche Fam1lie«zeitn«g (täglich) und die Gietzeuer Geifeublase« (wöchentlich).
Das Blatt erscheint an alle« Werktagen nachmittags.
Neuelle Nachrichten
@ telegener Gageölatt) Mnaöyängige Tageszeitung (Gießener Zeitung)
für OSerheffen und die Kreise Marburg und Wetzlar; Lokalanzeiger für Gießen und Umgebung.
Enthüll alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen und anderer Behörden von Oberhesse«.
Der HuFTtand in Petersburg.
Die elementare Gewalt, mit der sich die Volkswünsche trotz Flintenkugeln und Kosakenknute todverachtend' anS Tageslicht wagen, hat auf die Petersburger Regierungs- kreise vorläufig keine andere Wirkung gehabt, als die noch schärferen Maßregeln zur blutigen Unterdrückung der freiheitlichen Regungen zu ergreifen. Die Zivilbehörden sind cmsgcschaltet Worten und eine
militärische Diktatur in Petersburg herrscht jetzt an ihrer statt.
Diese erließ als erster Schritt ihrer Wirksamkeit einen Aufruf an die Bürgerschaft.
Sie beglückwünscht diese darin, daß sie sich von den Unruhen ferngehalten habe und erklärt, daß das Militär im Dienst des Zaren und der Religion- die durch gottverlassene Priester beleidigt worden sei, schweren Herzens seine Pflicht erfüllt habe. Die Diktaturgewalt befindet sich gemeinsam in den Händen des Generals Wassilischkoff, Kommandanten der Petersburger Marschtruppen, des Generals Sacharoff und des Stadtpräfekten Foulon.
General Sacharoff soll u. a. auch erklärt haben, daß man in Petersburger Regierungskreisen ernstliche
Konflikte mit auswärtigen Mächten
befürchte. Nach einer Version ist diese Auslassung dahin auf- zufassen, daß sich die Aufständischen Ausschreitungen gegen Mitglieder fremder Botschaften hätten zu schulden kommen lassen. Man gab schon bei Ausbruch des Aufstandes den Botschaftspalais starke Wachen, -veil es hieß, daß die Arbeiter durch Belästigungen der fremden Gesandten der Regierung Schwierigkeiten bereiten wollten. Jetzt meldet eine Pariser Zeitung, daß eine hochstehende Persönlichkeit vor einer Botschaft angespienn worden sei, weil sie sich weigerte, den Schlitten zu verlassen, und der Aufforderung, nieder- zuknieen und um Verzeihung zu bitten, Folge zu leisten. Was an diesem Gerücht Wahres ist, läßt sich bisher nicht kontrollieren. Die politische Absicht, die den Arbeitern bei einer solchen bedauerlichen Ausschreitung, untergeschoben wird, :[■ absurd. Derartiges ist nur aus persönlicher Roheit »u erklären und fällt der Leitung der Bewegung kaum zur Last. Dann könnte man mit demselben Recht behaupten, daß iür die Fensterscheiben in Rechnung gesetzt werden müßten, die zerstörungswütige Hände an vielen Häusern u. a. auch in dem Palais des Großfürsten Sergius einwarfen. Vlau- hMcr klingt schon eine zweite Becswn, wonach ein besonderes Arbeuerkomitee beschlossen hätte, die fremden Botschafter um Einmischung der Mächte anzugeben. Das ist sehr wohl möglich. Dann kann man aber noch lange nichr von bevorstehenden Konflikten mit diesen Mächten reden. Eine Aktion von auswärts könnte sich immer nur auf gütliche Vorstel. lunaen bei der Petersburger Regierung beschränken. Ein Druck kann und wird nicht ausgeübt werden.
Das Arbeiterkomitee wird sich, um dieser wichtigen Fürsprache teilhaftig zu werden, selbstverständlich gesagt haben, daß die erste Vorbedingung dazu die möglichste Vermeidung alles dessen ist, was ihrer Sache in der öffentlichen Meinung schaden kann. Eine Ausschreitung gegen die Person einer der von ihm angerufenen Vermittler wird von ihm nie und »immer gut geheißen werden. Aber auch sonst ist das Ko- uutee bestvebt, den Schutz des Eigentums soweit es irgend seinen Kräften steht, aufrecht zu erhalten. Es wurde be- Een Plünderungen vorzubeugen. Das verhindert daß in Petersburg aufregende
Gerüchte von beabsichtigten Dhnamitattentaten
Einwohnerschaft in Panik ver.
(Kw^LÄ’rm*“ habe« einer Fabrik mehrere Hun- 9rtfpi?fn^^ Tuben entnommen. Aus Furcht vor
&ä'3^
ter Zar bedroht?
ttnkâMâ Gerüchte, die auf dem Wege über van. verbreitet werden, behaupten, daß die Zarenimnilie “; 'r^^V f ^^ nach den, sicheren Peter. Hot gesandt worden sei. Während der Zar bisher noch in dem nahe gelegenen Zarskoje-Sselo geblieben sei Dorthin sei Ichon ein Hause von Revolutionären unterwegs gewesen den, , v°" einer Militärpatrouille noch glücklich der Weg ver. legt worden sei.
da?^?s betreffenden Depesche wird extra hervorgehobe», ^o?>er Zar sich erkundigt habe, welche brave Abieilnng von Soldaten das gewesen sei. Man geht wohl nicht fehl wenn Ku ° 4,6 fruchte, die den diesmaligen Revolutionären «vpchten gegen das Leben des Zaren in die Schuhe schieben ^ Gruelle Mache bezeichnen. Die Deiveaung richtet fielt
gegen den Mißbrauch, 'den gewissenlose Beamte und Räte ter Krone mit dem Namen des Zaren treiben, nickt gegen diesen selbst. Mit rührender Naivität spricht sich die Anhänglichkeit der Arbeiter an den Zaren, zu dem sie mit kindlicher Verehrung emporblicken, in der folgenden Maßnahme des Arbeiterkomitees aus. Es verpflichtete vor der verhängnisvollen Demonstration auf tem Platze vor dem Winterpalais eidlich eine ganze Anzahl von Streikenden, die Ordnung aiifreMwrf)a(tcn und für die Sicherheit des Zaren zu sorgen, falls er den Palast verließe und versönlich zu ten Bittstellern sprechen wolle. Also eine rebolnHoimre Schutz- wache für den Zaren! Das zeigt zur Genüge, daß man ihm kein Härchen zu krümmen gedenkt. Nicht gegen den Zaren, sondern zum Zaren geht unser Weg, so rief die Menge den Kosaken entgegen, als diese sich mit Nagaiken und Säbeln auf sie stürzte. Und die armen Leute sprachen die Wahrheit. Sie stellten sich vor, daß „Väterchen" der Stimme seines Volkes, die zu einem mächtigen Brausen an geschwollen war, sein Ohr nicht verschließen würde, sondern in väterlicher Huld ihre Klagen entgegennehmen würde, Sie erboten es sich als eine große „Gnade" von den Kosaken, vor ihren Kaiser treten zu dürfen. Diese ist ibncii nicht gewährt worden. Aber selbst dafür, daß sie mit blutigen Köpfen von ihrem Bittgang beimgcWcft worden sind, werden sie kaum den Zaren verantwortlich machen, sondern das System, dessen Schwächen und Schöten sie ihm zeigen wollten. Vorläufig hat ter Zar und seine Familie keinen Grund zu persönlicher Furcht. Sollte aber die Stimme des Volkes weiterhin vnge= hört verhallen, wer weiß, ob bann nicht schließlich doch die Fanatiker des Uinsturzes die Oberhand gewinnen und in dem Träger der Krone das verhaßte System zu treffen suchen
Der Schauplatz des Blutbades.'
Die amtliche Darstellung der Vorgänge ist jetzt erschienen. Darin wird die Schuld lediglich den fanatischen Reden beigemessen, mit denen der Priester Gapon die Ar- beiter aufgewiegelt habe. Auch sonst lautet die amtliche Aus- lassung ganz anders, wie die sonstigen Schilderungen, und sie ist bemüht, die Ausdehnung der Kundgebungen und die Kämpfe möglichst unbedeutend erscheinen zu lassen. Die Tatsache, daß das Militär scharf geschossen hat, wird in den offiziellen Berichten zugegeben, sie wird aber auf direkte Angriffe zurückgeführt, die von den Demonstranten auf das Rcilitär ausgefuhrt worden seien. Als Schauplatz der blutigen Zusammenstöße nennt die amtliche Darstellung die Schlüsselburger Chaussee, das Narwasche Trimnphtor, den Troizkiplatz und die vierte Linie im Wassili-Ostrowstadtteile, den Alexandergarten, die Ecke der Newsky und der Straße Gogols, die Polizeibrücke und die Kasankathedrale. In dieser Aufzählung fehlt merkwürdigerweise der Winterpalaisplatz, wo nach den nicht offiziellen Berichten gerade der erste blutige Zusammenstoß stattsand. Der Dwortzowy-Schloß- Platz liegt südlich vom Winterpalais und wird nach Westen von ter Admiralität- nach Süden und Osten von dem Generalstabsgebäude begrenzt. In der Mitte des weiten Platzes steht die Säule, die Nikolaus I. im Jahre 1834 seinem Vater, dem Zaren Alexander I., errichten ließ.
Verschiedenen Scharen der Demonstranten war es gelungen, dorthin vorzudringen, und auf dem Platze vor dem Winterpalais nahmen die
furchtbaren Schreckensszenen
ihren Anfang. In geordnetem Zuge nahten die Demonstranten. 15 000 Mann stark kamen sie daher. Der ganze Auszug machte einen friedlichen, fast religiösen Eindruck. Voran schritten zwei Geistliche, von denen der eine im Ornat erscheint, während mit einem Kreuz in der Hand Georgi Gapon, der Führer der ganzen Bewegung, zunächst kmr das einfache Kleid des Geistlichen trägt. Heiligenbilder und Kirchenfahnen überragen den Zug, und zwischen ihnen wird das Bild des Kaisers getragen. Keine Waffe blitzt in den Händen der im Zuge schreitenden Männer. Ihre Denkart drückt sich in dem Cboral aus, der laut von ihren Lippen ertönt: „Gott, rette deine Leute, schenk' Sieg unserem rechtgläubigen Herrn!" So naben sie dem Militär, das den Palast des Zaren absperrt. Gapon tritt vor. Er verhandelt mit dem Kommandeur. Der weist ihn, dem erhaltenen Befehle gemäß, zurück. Jetzt rückt die Menge heran. Das Militär macht sich fertig. Es feuert auf die Andrängenden. Es ist eine blinde Salve. Sie hält den Zug nicht auf. Da erfolgt das Entsetzliche: zweimal ertönt das Kommando zum Feuern, und das tödliche Blei saust auf nächste Entfernung mitten in die dichtgedrängte Menge. Ein furchtbarer Aufschrei. Heiligenbilder sinken zu Boden. Das Bild des Kaisers wird von den Kugeln seiner eigenen Soldaten durchlöchert. Der Geistliche im Ornat sinkt verwundet 31t Boden. Auch Gapon ist gefallen, wie es heißt, von einer Kugel getroffen. Die offizielle Darstellung freilich will es anders wissen: darnach soll er sich niedergeworfen haben und davongekrochen sein, um in bürgerlichem Gewände zu entkommen.
Gleiche Szenen wiederholten sich an anderen Punkten. Die Wut des Volkes kennt keine Grenzen. Die in schnell reauirierten Wagen davongefahrenen Verwundeten, der An- blick der Toten stachelt die Menge 311 immer größerer Erbitterung. Doch sie darf sich nicht äußern. Wo immer sich Ansammlungen bilden wollen, sprengen die Kosaken heran,
eine Wolke von Schnee hinter sich lassend, und treiben die Leute auseinander. Man hört Hilferufe, es fallen Schüsse. Dann sieht man Verwundete davontragen . . . Aber die Erbitterung treibt das Volk zu Taten, zur Gegenwehr. Auch in der offiziellen Darstellung wird gemeldet, daß in der vierten Linie im Stadtteil Wossili-Ostrow . ,
Barrikaden erreichtet wurden. Sie wachsen in anderen Stadtteilen ebenfalls empor. Wehe dem Offizier, der in die Menge gerät. Man fällt über ihn her, entreißt ihm die Waffe. Er kann froh sein, wenn er nach Mißhandlungen mit dem Leben davonkommt und zu seinen Kameraden gelangt. Auf den Plätzen lagert das Militär wie im Kriege um die Wachtfeuer. Wie im Kriege werden Patrouillen ausgesendet. Sie ziehen in die Straßen der Hauptstadt, die von Barrikaden gesperrt sind. Die Hauptstadt des Zaren gleicht einem Heerlager.
Die Zahl der Verwundeten
schwankt in den Berichten, je nachdem sie von regierungsfreundlicher oder regierungsfeindlicher Seite kommen, in schier unheimlicher Weise. Nach einer offiziösen Veröffentlichung sollen im ganzen 76 Personen getötet und 233 verwundet sein. Nach anderen Darstellungen sollen 2000 Tote und 4000 Verwundete gezählt worden sein. Daß derartige ungeheuerliche Ziffern Ausgeburten eines sensationslüsternen Hirns sind, ist klar. Die von der Regierung angegebenen Zahlen sind aber selbstverständlich viel zu minimal und geben nicht annähernd den Umfang des Blutbades wieder. Man darf sie getrost um einige Hunderte erhöhen. ...
Men ist schuld?
Die Sympathien in der Petersburger Bürgerschaft ge^ ijönm ohne Zweifel den Arbeitern. Man klagt die leitenden Kreise an, daß sie den Demonstranten, die ihre friedlichen Absichten zur Genüge bekundet hatten und keine Waffen trugen, nicht die Gelegenheit gewährte, dem Zaren ihre Wünsche vorzutragen. Das furchtbare Blutbad hätte sich bei einigem Entgegenkommen sicher vermeiden lassen. Nachfolgend ein Brief, der diese Stimmung wiederspiegolt:
St. Petersburg, 22. Januar.
Die Würfel sind gefallen. De^ Aufruhr züngelt an allen Ecken und Enden des Reiches mit lechzender: Flammen empor, nachdem durch das Petersburger Blutbad die ganze seitherige Bewegung aus einer friedlichen Demonstration in das Fahrwasser der Gewalttätigkeiten hineingetrieben worden ist. Nicht das Volk ist schuld daran, daß die friedlicher: Bahnen verlassen werden, sondern das herrschende Regierungssystem, das gewaltsam den Zaren von dem Volke fern- hält und Großfürst Wladimir trägt Schuld an dem Blutbad t Etwa 15 000 bis 18 000 Arbeiter hatten sich ohne Waffen 51t einer friedlichen Demonstration versammelt, um dem Zaren in einer Bittschrift ihre Lage zu schildern und um die Verleihung der Konstitution zu bitten, mit der sie zugleich auch die Befreiung aus ihrem Elend und ihrer Notlage zu erreichen hoffen. An der Spitze der Schar marschierte der Priester Gapon, das Kreuz in der Rechten, und in der Zinsen die Rolle, welche die Bittschrift der Arbeiter enthielt. Die Menge, die ihm folgte, fang Kirchenlieder. So marschiert kein Meutererhâllfen auf. Die blutigen Revolutionäre bauen im Schutze der Nacht ihre Barrikaden und rüsten sich zum Kampf. Das hätte auch Großfürst Wladimir, ter reaktionärste aller russischen Prinzen, in dessen Händen das Schicksal von Petersburg lag, berücksichtigen müssen und die friedliche Demonstration nicht gefährden dürfen. Es' tvar zwar das gute Recht und vielleicht sogar die Pflicht der Regierung, die 15 000 bis 18 000 Menschen aus der Nähe des Zaren fernzichalten, aber die Klugheit hätte es gebieten müssen, dem Zaren auch vor den Augen des Volkes die Anhörung der Wünsche 31t ermöglichen. Dieses Ziel aber wäre erreicht worden, wenn man ten Priester Gapon mit einer Deputation durch die geschlossenen Kolonnen durchließ, um seine Rolle dem Zaren zu überreichen. Die gutartige Menge, die nach den politischen Anschauungen Rußlands in dem Zaren eine geheiligte von Gott geweihte Person erblickt, würde inzwischen ruhig auf ihrem Platze verharrt haben, denn sie wollte ja nichts anderes erreichen, als eine direkte Information des Zaren über die Volkswünsche.
Das ergibt sich mit voller Deutlichkeit aus dem Inhalt ter Bittschrift, die folgenden Wortlaut hat:
„Herrsck)er, glaube nicht, daß dir die Minister die volle Wahrheit über die Lage gesagt haben. Das ganze Volk vertraut dir und beschloß, morgen Nachmittag 2 Uhr vor dem Winterpalais zu erscheinen, um dir seine Not darzulegen. Wenn du, wankelmütig, nicht vor dem Volke erscheinst, dann zerreißt du das moralische Band zwischen dir und tem Volk. Das Vertrauen zu dir wird schwinden, da unschuldiges Blut zwischen dir und dem Volke fließen wird. Erscheine morgen Du* deinem Volke, empfange unsere Ergebenheitsadresse mutigen Geistes! Ich, ter Vertreter der Arbeiter, und meine tapferen Arbeitsgenossen garantieren die Unverletzlichkeit beiner Person."