Nr 24.4
keveste Nachrichten
(Hießener TagevtiMr Nnavyängige Tageszeitung (Hietzener Zeitung)
für Oberhefsen und die Kreise Marburg und Wetzlar; Lokalaazeiger für Gießen und Umgebung, gntfcelt alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen, des Großh. Polizeiamtes Gießen und anderer Behörden von Oberteilen.
835
zch EÄ M^ ^ V3“
n
-rK»""
^^^
**>•**’
König Fjahon IX.
Die Norweger werden einen König haben. Prinz Karl von Dänemark ist vom Storthing in Christiania zuni Herr, scher ausersehen und will seine Regierung unter dem Namen Hakon IX. führen. Sein Name also ist schnell gut norwegisch geworden, seine Gesinnung wird folgen. Denn bis Krone hat die geheimnisvolle Kraft, ihrem Träger national Wandelbarkeit zu verleihen. Nicht immer und nicht überall, aber oft. Ein Koburger ist es, der in England als der erste Gentleman der vereinigten Königreiche gilt; Koburger sind als Herrscher von Portugal zu echten Portugiesen geworden: ein Koburger sitzt auf Belgiens Thron, und die Belgier selbst würden lachen, wollte man Leopold II. als Deutscher ansprechen. Zum Rumänenkönig nicht bloß, zum Rumänen ist der Hohenzollernprinz geworden, der in Bukarest klug das Szepter führt; König Otto, der in Athen regiert, verehrt in dem Dänenkönig Christian seinen Vater, aber er selbst ist Grieche, als wäre er aus Palikorengeschlecht. Und erst die fürstlichen Frauen! Nur seltene Ausnahmezz unter ihnen haben die nationale Gesinnung gewahrt, in der sie geboren worden. Die jetzige Königin von Dänemark hat man scherzweise als die „Schwiegermutter Europas" bezeichnet, sie sieht Kinder und Kindeskinder auf den meisten und größten Thronen, aber dänisch ist ihre Nachfolgerschaft iu der Mehrzahl nicht geblieben. Eben jetzt sieht sie wieder einen Enkel das Dänentum abstreifen und zum Norweger werden. Vermutlich^ ohne Schmerz. An ihr hat sich der Segenswunsch des Psalmisten belvahrheitet, der die aus der Fremde kommende Königsbraut mit dem Spruche begrüßt:
„Vergiß dein Volk von gestern
Das königliche Haus, Und suche dir die Schwestern
' v In unsrer Mitte aus . . ,
Sieh' Söhne dir erblühen,
" „ An Tugend den Vätern gleich,
Du sollst sie zu Kön'gen erziehen, Unb jedem geben ein Reich."
Freilich hat auch diese Medaille ihre Kehrseite: Der nährende 'den der gemeinsamen Nationalität geht verloren. Wer in ein fremdes Land geht, selbst als König, der bleibt dort ein Fremdling, und wenn er sich noch so sehr und noch so aufrichtig anschmiegen mag. Er muß sogar seine neue Nationalität übertreibend betonen, um das Mißtraue:: zu überwinden, das man ihm, dem Fremdbürtigen, am Ende doch entgegenbringt. Unb der Heimat gegenüber ist er in einer falschen, schiefen Stellung. Ihm wird beides verübelt, die Heimatliebe wie die Heimatvergessenheit, und wohin er blicken, mag, da trifft er scheele Augen.
Dem König Hakon IX. wird es nicht besser ergehen. Daß er von dem gemeinsamen Skandinaviertum als einem Band zwischen ihm und seinen neuen Untertanen spräche, darf er nicht wagen, zum wenigsten jetzt nicht wagen, denn noch ist bhn Norwegern in Erinnerung, muß es ihnen in Erinnerung sein, daß auch der Schwedenkönig Oskar, den sie persönlich liebten und hochschätzten und von dem sie sich gleichwohl getrennt haben, ein Skandinavier gewesen. Ohne eigene Nationalität muß Hakon IX. vor den Norwegern erscheinen, und mit dem Wunsch, ein Norweger zu werden, nichts als ein Norweger. Das hat König Hakon IX. auch erkannt. Seine Namenswahl beweist es, die ihm eine Reihe norwegischer Ahnen äußerlich anschminkt.
Nicht ohne Klugheit ist König Hakon IX., sicher nicht obne kluge Ratgeber. Unter ihnen steht König Eduard von England voran, der dem Schwiegersohn und der Tochter, namentlich der Tochter Prinzessin Maud, zur Annahme der âone gut zugeredet. Er variierte ins Moderne das frivole Wort Heinrichs IV. von Navarra, der die französische Königskrone mit einem Religionswechsel nicht zu teuer bezahlt hielt: „Paris vaut bien une messe!" — Paris ist schon eine Messe wert. König Eduard drückte sich viel gott- seliger aus, indem er von den Pflichten einer übertragenen Stellung sprach, denen man sich nicht aus Liebe zur Einfachheit und Zu schlichter Lebensführung entziehen dürfe. Das ist unzweifelhaft richtig — nur trifft es auf den vorliegenden Fall nicht zu. Prinzessin Maud war nicht gehalten, die Pflichten einer Königin zu erfüllen, denn nicht einen König ober Thronanwärter hatte sie geheiratet, sondern einen einfachen Prinzen, der keine anderen Thronaussichten besaß, als die sich aus dem Umstand herleiteten, daß er ein Enkel der „Schwiegermutter von Europa" ist.
Noch einen anderen, weit ernsthafteren, weil uninter- ffsierteren Thronpathen hat König Hakon IX. gehabt: den Kaiser Wilhelm von Deutschland. Kaiser Wilhelm ist es vornehmlich gewesen, der nach der Ablehnung der norwegi- ssien Königskrone durch König Oskar für irgend einen Prinzen des Hauses Bernadotte der Kandidatur des Prinzen Karl von Dänemark die Wege ebnete.
• g Hakon IX. wird bald in Christiania seinen Ein-
1 stten. Allzu große Macht räumt ihm die norwegische Uerfassung nicht ein, allzu große Mittel auch nicht. Aber JJton seinem Schwiegervater kann er lernen, wie man auf Grund ungeschriebener Gesetze und mit vergleichsweise spar, sanien Mitteln und doch ohne Sparsamkeit fast unbegrenzten ^stuß Qt^ben mag. t ,
Montag, den 23. Oktober 1905.
S«se^i.«spre1S» Die einspaltige PetitzeUe für ganz Oder- ^m, die Kreise Wetzlar und Marburg 10 Pfß. sonst 15 Pfg. Reklamen die Petitzeile 30 resp. 40 Pfg.
ßiedatlion u. Hauptecpedition: Gießen, Seltersweg 83. ^emfpred)«*f*l«6 Nr. 862.
politische Rundschau.
Deutsches Reich*
* Der AufstanZ in Deutsch-Ostafrika breitet sich noch immer aus. JetzßD auch unter dem Stamm der Wanyam- wesi eine aufständische Bewegung ausgebrochen, die zunächst von Jnkungu gemeldet wird, aber besondere Gefahren in sich schließt, da dieser Stamm weit verbreitet ist und auch an der Usambara-Bahn angesiedelt sitzt. Die demnächst in Dar-es-Salam eintreffenden Sudanesen aus Massauah sollen daher schleunigst nach dem neuen Ausstandsherd in Marsch gesetzt werden. Major Johannes ist das Detachement Schlichting zur Verfügung gestellt; es soll die Etappen besetzen für den Marsch nach Songea. Oberleutnant zur See Sommerfeldt vom „Seeadler" hat ein Scharmützel mit Aufständischen gehabt, bei dem der Verlust des Feindes 22 Tote betrug, während unsere Truppen ohne irgend welchen Verlust blieben. *
♦ Die ohne Aussicht auf eine Besserung anhaltende Fleischteuerung hat den Vorstand des deutschen Städtetages veranlaßt, sein an den Reichskanzler gerichtetes Gesuch um Gewährung einer Audienz in der Fleischfrage aufrecht zu erhalten.
Der in Berlin versammelte Vorstand einigte sich auf folgende Erklärung:
„Der Vorstand des Deutschen Städtetages hat beschlossen: Der Beschluß, beim Reichskanzler für sieben Vertreter des Vorstandes des Deutschen Städtetages eine Audienz nachzusuchen, wird aufrecht erhalten. Ein Deutscher Städtetag soll im November dieses Jahres mit folgender Tagesordnung jiattsinden: Konstituierung des Deutschen Städtetages auf Grund des vom Vorstande borgelegten Entwurfes der Satzungen; die Fleischversorgung der Städte und die Schädigung ihrer Bevölkerung durch die gegenwärtige Fleischteuerung. —
Die Handelskammer für das Herzogtum Anhalt hat in ihrer letzten Sitzung beschlossen, an das herzoglicl-e Staatsministerium die Bitte zu richten, der anhaltische Vertreter im Bundesrat möchte seine Stimme für Aufhebung der Grenzsperre abgeben, soweit gesundes Schlachtvieh in Frage kommt. — Zu der Frage wird der „Deutschen Reform-Korrespondenz" noch geschrieben: Nachdem die Choleragefahr, die von Russisch-Polen aus drohte, als beseitigt anzusehen ist, auch die Rinderpest dort keine weiteren Fortschritte gemacht zu haben, vielmehr zurückgegangen zu sein scheint, hält Herr Landwirtschaftsminister v. Podbielski den Zeitpunkt für gekommen, bei beni Staatsministerium zu beantragen, daß das Kontingent der über die oberschlesische Grenze zur Einfuhr zuzulassenden Schweine bis zu dem in dem neuen Handelsvertrag vorgesehenen Maximum — 2500 statt 1300 Schweine wöchentlich — zu erhöhen. Eine Einwirkung auf die Fleischpreise ist von dieser Maßregel bedauerlicherweise nicht mit Bestimmtheit zu erwarten. Denn die tatsächliche Einfuhr ist bisher schon hinter dem Kontingent zurückgeblieben, weil die Schweinepreise jenseits der russischen Grenze noch höher m^ als bei uns. Auf dem Markt iN-Sosnowice stellte sich in vergangener Woche das Pfund Schweinefleisch auf 48 polnische Groschen, d. i. 80 Pfennig. Es ist daher zu befürchten. daß mit der so lebhaft befürworteten Maßregel nicht geholfen sein wird. *
* Die Finanzminister der Einzelstaaten sind zu der zweiten bunbesrätlidjen Lesung der Reichsreform-Borlage und der Steuerentwürfe in Berlin eingetroffen. In der ersten Lesung soll, entgegen den Entwürfen des Reichsschatzamtes, bei der Reichserbschaftssteuer auch die Besteuerung der Deszendenten, also der Kinder, von den Bundesratsausschüssen beschlossen worden sein.
* Im bayerischen Landtag kam die Frage der Perfonen- larifrcform und der Betriebsmittelgemeinschaft zur Sprache. Derkehrsminister von Frauendorfer gab einen kurzen Ueber» blick über die bisherigen Bestrebungen zur Reform des Personentarifs, wobei über verschiedene Punkte eine Einigung erzielt worden sei. Bayern tverde jedoch der Einführung der 4. Wagenklasse nicht zustimmen, da sie das Publikum nicht wolle und da die Neueinführung dieser Wagenklasse auch äußerst unökonomisch sei. Der Minister sagte: „Mit dieser Stellungnahme Bayerns ist das Einigungswerk im Reiche nicht g e st ö r t. Bei der Einigung braucht doch nicht alles uniformiert zu sein. Wir Hoffen, daß die weiteren Verhandlungen über unsere Vorschläge mit derselben Ruhe und Sachlichkeit wie bisher geführt werden, und wurden Modifikationen gern zustimmen." Nachdrücklich betonte der Minister sodann, daß die bayerische Negierung niemals einen Druck auf die Entschließungen der fübbeutfd)^ Staaten m dieser Frage ausüben wollte und ausgezubt habe Der Bor- Wurf, daß Bayern Verrat an der einheitlichen Sache geübt, sei absolut haltlos. — In Friedrichshafen am Bodensee finden gegenwärtig unter dem Vorük des Wirklichen Ge-
_________14. Jahrgang
Abo«»eme«tSpreiS: abgedslt monatlich 50 Pfc,- in'S HauS gebracht 60 Pfg., durch die Post bezogen viertel jährl. Mk 1.50.
Gratisbeilage» : Oberheffische ^omilie«zeit»«q (täglich) und die Gießener Ecifknblaie« lwöcbeniliL)
Das Blatt erscheint an alle» Werktagen nachmittags.
heimen Oberbaurates v. Misani vom Reichseisenbalmamt Beratungen über die Vereinheitlichung der Fahrdienstvor- schriften für sämtliche deutschen Staatseisenbalmen statt.
*
* Wie von angeblich unterrichteter Seite behauptet wird, soll die preußische Regierung ein Gesetz gegen den Verkauf deutscher Güter in Ostmarken an Polen planen. Die Regierung soll die Oberpräsidenten von Schlesien, Posen und Westpreußen zur schleunigen Erstattung von Vorschlägen veranlaßt haben. — Die Herrschaft Ossen an der schlesisch- polnischen Grenze, die kürzlich aus deutschen Händen an den polnisch gesinnten Bankier Biedermann verkauft wurde, ist von diesem an den Landwirtschaftsrat von Mankowski
weiter veräußert worden. Die erfolgt.
Auflassung ist bereits
* Der in Posen versammelte dustrieller faßte einstimmig den
Verband ostdeutscher In- Beschluß, an den Fürsten
Bülow eine Depesche zu richten, worin er ersucht wird, die ostdeutsche Industrie durch die Schaffung eines Musterbergwerkes in der Provinz Posen zu fördern. Tie reichen Braunkohlenlager der Provinz Posen wären für dieses Unter« nehmen außerordentlich geeignet, unb würde dadurch der gesamten ostdeutschen Industrie ein großer Nutzen erwachsen.
* Die Meldung von dein bevorstehenden Rücktritt aes Frciherrn Speck von Sternburg von seinem Botschafter- posten bei den Vereinigten Staaten von Nordamerika wird in halbamtlicher Form als unrichtig erklärt,
Oesterreich-Ungarn
♦ * Dem böhmischen Landtage ist gestern eine Regierungsvorlage unterbreitet worden, welche wichtige Aenoeriu^en der Wahl- sowie der Landesordnung in Vorschlag bringt Danach soll das Wahlrecht durch Schaffung einer fünften, der allgemeinen Wählerschaft zugänglichen Kurie ertoeiterl werden, ähnlich wie es vor einigen Jahren mit dem Wahl* recht zum österreichischen Reichsrat geschah. In U n a r N haben die Abgeordneten rumänischer Nationalität an Gemeindevorsteher ihrer Bezirke einen Aufruf erlassen, die Pression der Magyaren gegen die Negierung durch Steuer- und Nekrutenverweigerung nicht zu unterstützen, fordern freiwillige Steuern zu zahlen und ihre Söhne zum Militärdienst zu stellen, um mm auf diese Weise mTer Pflicht gegenüber der Krone gerecht zu werden.
JSorwegem
* * Wie man annimmt, soll die Königswahl Dienstag stattfinden Im Storthing wurde ein vom Justizministerium ausgearbeiteter Vorschlag zur Abänderung des Verwstuiigs- gesetzes vorgelegt. Die Vorlage wurde vom Storthliig nach kurzer Debatte an den Verfassungsausschuß uberwieien. Nach dem Vorschläge werden an einer Anzahl Paragraphen Aenderungen vorgenommen. Paragraph 1 loü lauten. Das Königreich Norwegen ist ein neues selbständiges unteilbares und unabhängiges Reich; die ^egierungvforni desselben ist die beschränkte und erbliche Monarchie. Vermutlich werden nur 20 Mitglieder gegen die Erhebung des Prinzen Karl von Dänemark zum Kö^ dimmen.
Russland»
♦* Das Neueste in der Streik-B<wegu»cg ist tin Ausstand der Angestellten der Moskau-KasawBahn. Der Zugverkehr ist unterbrochen. Die Ausständigen stürzen eme zur Abfahrt bereit stehenda Lokomotive um und erzwangen die Leerung der Dampfkessel aller Lokomotiven. Auch wurden eine Anzahl Telegraphenpfähle der nach Moskau führenden Linien umgeworfen und dadurch die Verbindung unterbrochen. Auf der Linie Jaroslaw— Archangel haben bie Kassierer infolge Einschüchterung durch die Ausständigen keine Fahrkarten verkauft, doch geht der Zugverkehr weiter. Die Reisenden fahren ohne Fahrkarten mit von den Zugführern ausgestellten Fahrscheinen. — In War i ch a u fordert eine Proklamation der sozialdemokratischen Partei zum allgemeinen Ausstand für den 24. Oktober auch al Sympathiekundgebung für die bei den Unruhen in Moskau und Petersburg Gefallenen. In dem Fabrikarte Wlochy bei Warschau wurde ein Meister von Arbeitern durch Revolverschüsse getötet. — In O d e s s a ist für den befürchteten ^asl des Ausbruchs neuer Unruhen der Polizei vom ^tadt- bauptmann Befehl erteilt, auf das erste Kommando, ohne Rücksicht auf die Zahl der Opfer, sofort aus die Demonstranten zu schießen und nicht erst Schreckschüsse abiugeben. Cürheu - < ,
•* Die europäischen Mächte sind nicht geneigt, den Widerstand der Pforte in der mazedonischen Finanzfrage gelten zu lassen. Alle Botschaften haben bei ihren Regierungen Instruktionen für weitere Schritte eingeholt. Das Vorgehen dürfte in diesen Tagen eingeleitet werden. Die letzte Antwort der Pforte, welche hervorhebt, was bisher geschehen ist, und vorwurfsvoll ausführt, daß dies nicht anerkannt wird, dürfte bereits als eine Vorbereitung zur Nachgiebigkeit in, der nächsten Zeit gegenüber einem stärkeren Mucke zu betrachten sein.