Nr. 224.
Zweites Blatt
Samstag, den 23. September 1905.
14. Jahrgang
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Alollen und Vollbringen.
t Politische Wochenschau. 1
Wenn die politisch stillen Tage gekommen sind, in denen Die Weltgeschichte stillzustehen scheint, die Haupt- und Staatsaktionen aussetzen und die Parlamente feiern, dann Riefen sich die Parteien und Verbände zur rednerischen Heerschau an, um sich selbst zu mustern, ihre Anhänger anzu. cuern, fünftige Taten vorzubereiten. Ob die Taten wirklich zur Reife gelangen, bleibt freilich in Frage. Doch schon Die Rede hat einen Wert. Sie hat anregende Kraft, sie firhrt zur Ueberlegung, sie schärft das Urteil, läutert die Ansichten, hebt Einseitigkeit auf und bekämpft die Vorein- genommenbeit. Es ist am Ende ganz gut, daß nicht jeder Wille zur Tat wird, daß zwischen Vorsatz und Vollbringen sich die abwägende Erörterung stellt, die besserer Einsicht dein Weg bahnt. Die Kongresse, deren Mitglieder gar nicht berufen find, positive Tätigkeit zu entfalten, weder Machthaber noch die Wortführer von Machthabern sind, arbeiten keineswegs vergeblich, auch wenn sie in ihren Zusammen- fünften sich darauf beschränken, ihre gemeinschaftlichen Anstauungen, die durchaus nicht neu formuliert, neu begrün-
l zu sein brauchen, festzustellen und vor der Öffentlichkeit darzulegen. Sie schaffen damit eine öffentliche Meinung, die zuletzt doch unwiderstehlich ist, und weisen sie in feste Lahnen. Der Arbeiterversicherungskongreh i.n Wien hat nichts anzuordnen und nichts zu befehlen, und seine Reden sind gleichwohl nicht in den Wind gespro-
dien, werden für den Ausbau und nötigenfalls für die Kor- reftur der Sozialgesetzgebung in mehr als einem Lande flilchtbar sein, werden für eine internationale Arbeiterschutz. Gesetzgebung, wie sie Kaiser Wilhelm schon vor fünfzehn Jahren geplant hat, den Grund legen. Was damals der deutsche Kaiser ersonnen und in großen Umrissen gezeichnet hat, das ist nach und nach Gemeingut aller derer geworden, die sozial zu denken verstehen. Kongresse wie der eben erwähnte sind es, die den sozialen Gedanken erstarken und greifbare Form annehmen, zu bestimmten gesetzgeberischen Vorschlägen sich verdichten lassen. Es gibt keine Instanz, dle verschiedenen Staaten gleiche Einrichtungen und Gesetze borfd)reiben und für ihre Vorschriften sich Gehorsam erzwingen konnte. Der Wille, der freie Wille aller Staa- trn muB Zusammenkommen, und diesen Willen bereiten die Kongresse vor. Auch die Parteitage stehen im Dienste fünf» Vollbringens. Ihre ansklärende Arbeit darf der den Parteien fernstehende ebenso wie der Zugehörige anerken- Sw und fruchtbar, selbst wo sie die Ueberzeugung ^K,. ^ffen und nicht bestärken, die sie zu schaffen und zu erstarken beabsichtigen. Der sozialdemokratische ^s^!,00vg 'n ^ena zeigt in seinem ruhigen Verlauf, daß die ärgerlichen Larmizencn des vorletzten Dresdner ^vges nicht ohne erzieherische Wirkling geblieben sind. Das '^ar persönliche Gezänk ist in die Heimlichkeit der verschwiegenen
AÄ ^mimwonssitzungen verwiesen, wo es still zum Austraa
v-m «- fr^ '°>rd. Das ist nm so bemerkenswerter als es an M TrB» ' äiifretjiingen zum Gegenteil nicht gefehlt hat. Nicht min- Sf; der bemerkenswert ist, daß der diesmalige sozialdemokra. L. 6*®*« I ! H,p„^sJ ■•'l"9 d'° sonst bei ihm so beliebten „Wissenschaft- SvEâ t S Erörterungen unterlassen hat. Bisher hat gerade iÄMâ-Ach ^d'ese Vaâ noch jebe große Ziisammenkunft für die qc- S« i* I mpib'to Gelegenheit gehalten, das ganze Gebäiide ih?cr
Nationalliberalen mit aller Wahrscheinlichkeit wieder als Sieger hervorgehen wird. Die Sozialdemokraten dürfen zum erstenmal seit den allgemeinen Wahlen einen Stimmern zuwachs verzeichnen, den sie aber in der Hauptsache der Nach- Wirkung- des jüngsten Bergarbeiterstreiks zuzuschreiben haben, nicht ihrer eigenen propagandistischen Tätigkeit. Dic Christlich-Sozialen fallen für die Hauptwahl aus.
Die K o n f e r e n z i n K a r l st a d, die scheinbar unter schlimmen Auspizien begann, scheint zu gutem Ende" zu kommen, zur friedlichen Auseinandersetzung zwischen Schwe- den und Norwegen zu führen. Es waren im Grunde wohl mchr die Mienen gewesen, die auf beiden Seiten eine Erbitterung zur Schau trugen, für die es an einem gerechten Anlaß fehlte und die man aufstecken zu müssen glaubte, weil inan sonst leicht dazu gelangt wäre, die Notwendigkeit einer Trennung der Union überhaupt zu bezweifeln. Man Hel in Norwegen die Trennung gewollt, und der Wille muß^c statt des Grundes gelten. Man hat schließlich den Willen durchgesetzt, und nun bleibt abzuwarten, ob das vollbrachte Werk den Täter lobt.
Die ungarische Opposition ist vom Kaiser Franz ^osef, der seine Leute kennt, wieder auf Wartegeld gefegt worden. Das Abgeordnetenhaus ist bis zum 10 Oktober vertagt. Bis dahin wird die Opposition sich darein gefunden haben, den Grasen Julius Andrassy mit der Leitung des Ministeriums betraut zu sehen. Sie muß sich den Grafen Julius Andrassy gefallen lassen, denn dieser gehört zur Mehrheit. In Wirklichkeit freilich ist es nur ein ver- argerter Liberaler. Ein komisches Zwischenspiel mag erwähnt fein: Ein in der Schweiz lebender Professor Stein, der sich plötzlich auf sein Ungartum besann, machte den nawen Vorschlag, Kaiser Franz Josef solle mit der Oppo- -tion das Abkommen treffen, daß die obwaltenden Streit- rac?n bis nach seinem Tode vertagt werden. Der Pro- sefsoc mutte mit seiner gloriosen „Idee" vor den Toren der Hofburg kehrt machen. Ter brave Mann ist ganz stolz ^âuf, daß er etwas gewollt hat. Zum Vollbringen Hat's
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te^N ^ÄT^ e'ver Revi„on zu unterziehen, hier zu be-
Ai k- ^v"g, b/r berühmten „Gelchrtcnqrobheit 82? $ PS /^- -D°r christlich.soziale P L^sn iAM w'r' r’V4 i?Mlcu luni^ren isepTiogenheiten treu aebliobon ?âgen ist die Probe darauf gemacht wo?den d^ ^WelfM^, ^ Festlgkel emer Ueberzeugung nicht einzig in der Derb- |. Lein, ^ü Helt ihres Ausdruckes den gerechten Maßstab findet. Für beide Tage war auch der Ausfall der Reichstagsersatzwahl en ^Ä?-^ âur Selbsternkehr. Es kommt, wie im Jahrc 1^.03, zur Stichwahl zwifchen dem sozialdemokratischen und dem Zeiltriimskandidaten, aus der dieser mit Hilfe bei
x z vvwi| um zu Uitre^zieyen, yter ZU ve-
saL' ^^L.^rwerf°n, wobei es an ausgiebigster Ent-
» P b ' E M"e£Ä treu geblieben.
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Jagdpatronen
Der Friedenskongreß in
Freunde aus aller Welt vereinigt hat, erfreut sich allgemeiner Sympathien. Man weiß, daß fei de Teilnehmer ehrlich wollen, was sie als das Ziel ihres Strebens ausgeben: den allgemeinen Frieden, die Verhütung des Krieges und seiner Schrecken. Die zweite Friedenskonferenz im Haag, die Präsident Roosevelt und Zar Nikolaus wetteifernd planen, darf auf gleiche Anerkennung nicht rechnen. Weder dem weiland Reiterobersten in dem Kriege Amerikas gegen Spanien noch dem Urheber des Krieges in Ostasien glaubt man die Friedseligkeit. Wer selbst den Frieden gebrochen hat, ist zum Friedenspropheten wenig tauglich. Was das Wort verheißen und was die Tat vollbracht hat, steht hier in allzu schroffem Widerspruch miteinander.
Eine amerikanische Reserve-Hrmee,
— Die Vermehrung des Militärs in den Unionstaaten. —
Me Vereinigten Staaten von Nordamerika wollen zu ihrem wirtschaftlichen und Politischen Aufschwung auch eine Vermehrung des waffenfähigen Nationalheeres fügen. Unter dem Regiment des tatenfreudigen Präsidenten Roosevelt, bei dem der imperialistische Gedanke üppig in die Blüte geschossen ist, kann das nicht weiter Wunder nehmen. Eine andere Frage ist es, ob die Volksvertretung für die weitgehenden Pläne zu haben ist.
Vor turpem ist ein Generalstab als neue Einrichtung ins Leben gerufen worden. Seine eigentliche Ausgabe besteht vorläufig darin, Pläne für die Ausbringung einer großen Reservemacht auszuarbeiten. Die Armee der Vereinigten Staaten ist jetzt so organisiert, daß der gegenwärtige Bestand im Notsalle sofort vergrößert werden könnte, bis er die Kriegsstärke von 100 000 Mann erreicht. Sollte aber die Armee aus ihre volle Kriegsstarke gebracht werden, dann bestände die Hauptschwieriakeit darin, die nötigen 40 000
Jiann überhaupt erst aufzutreiben und sie in kurzer Zeit ja ernzue^erzreren, daß sie den Gefechtswert der Gesamtarmee nicht beeinträchtigen würden. Um diese Schwierig- teil zu heben, joll der Bundeskongreß ersucht werden, die regulären Reserve zu verfügen, ivelche ^ âus 40000 Mann zusammensetzen soll, die einen ehren- vollen Abschied aus der Bundesarmee erhalten haben. und diesen ReservMen. die sich für eine Mobilmachung in Bereit- ^0^,^ holten hatten, soll eine Summe monatlich akis- ^ohlt werden, um sie in beständiger Berührung mit der M ilitarbehorde zu halten. Ein solches Projekt, hofft man werde kaum eine ernsthafte Kritik herausfordern und sicher- lieg Nicht die Furcht vor dem Militarismus rechtfertigen Nicht so sicher fühlt sich die Regierung in bezug auf die weiteren Pläne des Generalstabes. Außer der regulären Bundesarmee von GO 000 Mann und der regulären Reserve hon 40 000 geschulten Soldaten beabsichtigt man, eine lediglich dem Rufe des Kongresses unterstehende Nationalrejerve von 100 000 Mann zu organisieren, die aus Bürgern besteht, die nicht Soldaten waren, wo^)l aber den Militärdienst bis zu einem gewissen Grade als Freiwillige in der Miliz oder in sogenannten militärischen Akademien kennen gelernt haben. Wenn dann diese organisierte Miliz der auf diese Weise dem Bundespräsidenten und dem Kongresse unterstellten Streitmacht hinzugefügt würde, stände den Vereinigten Staaten Nordamerikas eine dienstfähige Macht von wenigstens 250 000 Mann zur Verfügung. Man ist überzeugt, daß ein solches System in ganz bedeutendem Maße zur Leistungsfähigkeit des militärischen Apparats der Vereinigten Staaten zu verhältnismäßig geringen Kosten für das Land beitragen würde.
Es wird sich darum handeln, was der Kongreß zu allen diesen Plänen sagen wird. Bei der angeblichen Stimmung im Lande ist möglicherweise nur geringer Widerstand zu erwarten. Für die europäischen Mächte, denen die Mon- roedoktrin schon Kopsschmerzen genug gemacht hat, ist die Absicht der Heeresvermehrung nur eine weitere Bekräftigung des Bestrebens der Vereinigten Staaten, die Omnipo-tenz für den ganzen amerikanischen Weltteil zu eringen.
Vermischtes.
= Erst Schauspieler, dann Droschkenkntscher. Der Schauspieler Abelard in Paris, der an 20 000 Mark jährlich verdiente, hat seinen einträglichen Beruf aufgegeben und ist Droschkenkutscher geworden. Das tat er, um seine von ihm geschiedene Frau zu ärgern, die überall, wo er auch war, seine Gage pfändete. Die einzige Bfckwftigung, in der seine Frau machtlos gegen ihn ist, ist die eines Droschkenkutschers, da er kein Gehalt bezieht und für die Droschke bezahlen must. Der ehemalige Schauspieler erklärt, daß er sich ganz glücklich fühle und sein gutes Auskommen habe.
— Ein Coupletsänger als Parlamentsabgeordneter. In Irland ist vor kurzem Robert Jasper Martin gestorben. Er mar gleich bekannt als Politiker, wie als Eoupleidichter und Sänger und erfreute sich im englischen Unterhause seines guten Humors toegen allgemeiner Beliebtheit. Martin war der Verfasser des „Ballyhooly" genannten Couplets, das in der gesamten englisch sprechenden Welt zu einer gleichen Popularität gelangte, wie das berühmte Schunkellied in Deutschland.
— Fvanen-Emanzipatian in China. Auch in das Land der Zopfträger greift das Bestreben der Frauen nach eigener Betätigung über. Während früher der Chinese seine Frau sorgsam behütete und vor jedem Verkehr mit anderen Männern bewahrte, konnte man vor einiger Zeit in Schanghai sogar Chinesinnen in einer öffentlichen Volksversammlung erblicken. Die chinesischen Frauen fangen an englisch und japanisch zu sprechen, Klavier zu spielen, europäische Theater zu besuchen. Es regt sich in China in allen Schichten. Man will etwas neues sehen, lernen und genießen.
— Zweimal jährlich ein erlaubter Rausch! Ein merkwür- diges Gesetz besteht im amerikanischen Staate Massachusetts.
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