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Nr. 19.

Montag, den 23. Januar 1905.

14 Jahrgang

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LxsertiosSprelS , Die einspaltige Petit-elle für ganz Ober- ^effen, die Kreise Wetzlar w* Marburg 10 Pfg. sonst 15 Pfg. Reklamen He Petit-eile 30 resp. 40 Pfg.

Redaktion u. HauptexpMctonr Gießen, Geltersweg 88.

Kernsprechmtschlnh Nr. SSL.

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ULvnnementSpreiO: abgeholt monatlich öO Psa., i'?^ HauS gebracht 80 Pfg., durch die Poft bezogen viertel jährl.Mk. 1.50.

GE»ttSbeil«ge«: Oberhesstsche Familienzeitung (täglich) und die GietzeNer Seifenblasen (wöchentlich).

Das Blatt erscheint an allen Werktagen nachmittags.

Deuelle Dachrichte«

c (Kießeaee GageSsatt) Nnaöyängige Tageszeitung (Hießener Zeitung)

für Overhefsen und die Kreise Marburg und Wetzlar; Lokalanzeiger für Gießen und Umgebung. EnthM alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen und anderer Behörden von Oberhessen.

Die entschädigung für die Ansiedler.

Die Budgetkommission des deritschen Reichstags, die in jüngster Zeit durch ihren Verfassungskonflikt mit dem Reichs­kanzler die Aufmerksamkeit auf sich gelenkt hat, faßte in ihrer letzten Sitzung den Beschluß, die Entschädigungssumme für die Ansiedler von fünf Millionen Mark auf drei Millio­nen herunter zu setzen. Sie stellte sich bei ihrem Votum aus den Standpunkt, daß die Kolonisten auf eigene Rechnung und Gefahr in fremden Gebietsteilen ihrem Erwerb nach­gehen und daß sie keinen rechtlichen und kaum einen mora­lischen Anspruch auf eine Entschädigung habend

Demgegenüber ist, wie unser Berliner^ ^.-Mitarbeiter auf Grund einer Nachfrage an amtlicher Stelle erfährt, die Kolonialverwaltung der Ansicht, daß die Ansiedler einen ganz zweifellosen Rechtsanspruch auf einen Ersatz für die niedergetretenen und verwüsteten Kulturanlagen haben. Für ihre Sicherheit und die Sicherheit ihres Eigentums ist das Reich entschieden haftbar. Die Anschauung der Kommission hat nur ihre Geltung für rein händlerische Verluste. Dem bat ja auch die Regierung entsprochen. Sie hat in den Ent- schädigungsansprüchen der Farmer daher rundweg alle Posten für sogenannteHereroschulden" gestrichen und diese waren teilweise nicht unbedeutend. Einzelne Firmen hatten etwa 30 000 Mark buchmäßige Außenstände in Ansatz ge­bracht. Hier« kann indes nur die zivilrechtliche Staats­hilfe in Betracht kommen. Das Reich kann auf dem Wege der Rechtsprechung dein Gläubiger einen Rechtsanspruch an das Vermögen der Schuldner zuerkennen, wobei aber stets der Grundsatz in Kraft bleibt:Wo nichts ist, da hat der Kaiser sein Reicht verloren". Für die durch die Latten ge­gangenen Schuldner braucht das Reich naturgemäß nicht auf­zukommen.

Anders aber liegt es bei den verwüsteten Farmen und Häusern. Der Aufstand hätte sich vielleicht nicht entwickelt und keinesfalls die so elementare Wucht entfalten können, wenn der Gouverneur genügend Struppen zur Hand gehabt hätte. Oberst Leutwein hat unmittelbar nach dem Betreten des deutschen BodenK darüber geklagt, daß er für eine Politik der gepanzerten Faust nicht die nötige Macht zur Verfügung gehabt habe. Also nicht allein sein Optimismus habe die glac^lederne Politik bedingt, sondern die unzureichenden Machtverhältnisse. Wer und was also auch immer für diesen Zustand verantwortlich zu machen ist, das Reich hat dafür aufzukommen, daß es den Ansiedlern in ihrer schweren Stunde nicht beizuspringen und die Frevel der Schwarzen an ihrem Leben und Eigentum nicht zu verhüten vermochte.

Daß es eben unter allen Umständen eine Anstandspflicht des Reiches ist auch über die wirtschaftliche Existenz unserer Kulturpioniere die schützende Hand zu halten, ist ohne Zwei­fel. Wie sollen sich neue Fann er finden, die ihr Vermögen und ihr Leben aufs Spiel setzen, wenn das Reich sie den Folgen unvorhergesehener und unverschuldeter Ereignisse schonungslos preisgibt? Gerade jetzt, wo sich die Bedingun­gen für eine Besiedelung dieser Kolonie verbessern, wäre eine noble Auffassung am Platze. Denn es ist, wie in Ueberein­stimmung mit einer Aeußerung eines Regierungskommis­sars unserem ^.-Mitarbeiter eröffnet wurde, beabsichtigt, das ganze Hererogebiet als Krongut einzuziehen; das Reich betrachtet sich nach dem siegreichen Feldzuge als Rechtsnach­folger der Häuptlingschaften und belegt in dieser Eigenschaft

s Land mit Beschlag. Ein Teil wird davon abgegrenzt und den Eingeborenen überwiesen, die hierdurch seßhaft ge­macht werden. Der übrige Teil, der im Norden der Kolonie ^âsend Farmer mit ihren Familien zu er- m.S2V °" die Ansiedler übergeben. Aller- n^SS" sehr verschieden. Ein Siebentel ist völlig ^^1°^'^ seben nur in der Regenzeit nirnWfiPn nm/^ Siebentel sind in einem außerordent- nmürliXn ^nifp^^ ®*e haben guten Boden und einen ÄS S^' f° dab hier mit der Aussicht P8 M*1^^ betrieben werden kann. «ÄSÄÄT SW s

w« 1.1t Ä8ÄSS ^.-Mitarbeiter meint geradezu unflnn A

die noble Erfüllung einer Pflicht abzulehnen ^P^Sm.f Rechtsansprüche stützt. Hoffentlich übernimmt Jr ÂiAa tag nicht den Beschluß seines Ausschusses, ^ ^è

Der Krieg in ÖItalien.

Seit dem Falle von Part Arthur und seitdem der tapfere Kosakenritt in die Flanke des Gegners mit der glück, nchen Rückkehr der Reiter beendet ist ist Ruhe an der Front «^getreten. Es passiert dort so wenig von Belang, daß große Blätter die ständige Rubrik, in der sie die Nach, ncyten vom Kriege zusammenstellten, haben eingehen lassen, l^er Mangel an eigentlichen Kriegsmeldungen wird auch

dadurch gekennzeichnet, daß man sich des Längeren mit der Frage nach

Stössels Schuld

an der Kapitulation der Festung zu beschäftigen beginnt.

Die Vorwürfe gegen den tapferen Verteidiger von Port Arthur haben eher sich verstärkt, als daß sie sich verringerten. Man rechnete ihm vor, wie lange er sich noch habe halten können, und benutzte dazu als Unterlage die von den Ja­panern in der Festung nach der Uebergabe gefundenen Ge­schütze, Geschosse und Vorräte, sowie die Zahl der Besatzung.

Diesen Anschuldigungen gegenüber ist nunmehr eine

Verteidigung Stössels

erfolgt durch eine Erklärung, die er selber auf der Rückreise bei seinem Aufenthalt in Schanghai gegeben hat. Dort er­klärte der General, daß Port Arthur bei der Kapitulation höchstens noch fünf Tage verteidigungsfähig gewesen sei. Die Russen hätten keine genügenden Geschütze gehabt, um die Angriffe abzuweisen; auch seien ihnen nur fünf Granaten für jedes große Geschütz geblieben. Die von den Japanern Vorgefundenen Granaten seien meist für Mne§ Kaliber gewesen. Bei der Zurückweisung der einzelnen japanischen Angriffe seien oft mehr als eine Million Patronen ver­schossen worden. Die Pferde hätten kaum 311m Transport der Geschütze genügt.

Von militärischer Seite wird in dem Streit für oder gegen Stössel zu dessen Gunsten auch noch geltend gemacht, daß die russischen Geschütze im Laufe der Kämpfe verbraucht gewesen sein müssen.

In der von General Nogi gegebenen Aufstellung der Siegesbeute von Port Arthur fehlen die Fahnen. Wie ver­lautet, sollen diese mit den letzten Torpedobooten, denen es gelang, aus der belagerten Festung zu entkommen, nach Tschifu gebracht fein.

Die Politik.

Ueber die Ergebnisse der Eisenbahn-Konferenz in Berlin wird berichtet, daß die Aussichten für das Zustandekommen der Personentarifreform günstige sind und daß eine Ver­ständigung der beteiligten Bundesstaaten in allen Haupt­punkten erzielt werden dürfte. Die künftige Gestaltung deâ Gepäcktarifes unterliegt noch kommissarischen Beratungen.

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^ Die wirtschaftlichen Kämpfe zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern konzentrieren sich immer mehr auf das Be­streben der letzteren, zu Tarif-Verträge« zu gelangen. Auch in der Schuhindustrie ist diese Bewegung zutage getreten. In Weißenfels a. S. beschloß eine von etwa tausend Per­sonen besuchte Schuhmacherversammlung die Ueberreichung eines einheitlichen Lohntanifs an die Schuhfabriken.

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^ In gewohnter Weise findet die Gencralversammlnny des Bundes der Landwirte am 13. Februar mittags 12^ Uhr im Zirkus Busch zu Berlin statt. Neben t>em Geschäfts­bericht, den Abgeordneter Dr. Diederich Hahn erstattet, und Ansprachen der Vorsitzenden Freiherrn v. Wangenheim und Dr. Rösicke sollen die Handelsbeziehungen Deutschlands zum Auslande, die Reform des Börsengesetzes und die preußische Kanalvorlage zur Erörterung kommen.

fratihrekb»

# Die Lösung der Ministerkrisis ist dürch die Berufung Rouviers zum Kabinettschef erfolgt. Ein Kabinett Rouvier bedeutet eine Wendung zur Mitte. Es wird versucht wer­den, die Dissidenten, die den Sturz Combes' herbeiführten, heranzuziehen. Damit wird man sich aber die Gegnerschaft der Radikalen zuziehen. Auf Rouviers Programm steht das Verlangen, daß der Beschluß des Nates der Ehrenlegion auf Streichung des pensionierten Hauptmanns B^gnicourt, des Urhebers zahlreicher Auskunftszettel, von der Negierung ratifiziert werde.

Englands

f In einem Londoner Blatte wird das Verhältnis der englischen Flotte zur deutschen Seemacht von fachkundiger Seite erörtert. Hervorragende englische Admirale, die Bei­träge zu dem Artikel geliefert haben, sprachen 'ch für ein gutes Verhältnis zwischen England und Deutschland aus. So sagt Admiral Hopkins, er sei der Ansicht, daß Deutschland seine große Flotte nicht lediglich gegen England baue, daß vielmehr die Stärke und Schlagfertigkeit beider Länder die gegenseitige Würde und Duldung steigern werde. Das harmonische Verhältnis und die gute kameradschaftliche Stimmung, die zwischen den Marineoffizieren Englands und Deutschlands beständen, könnten vorbildlich werden für das beiderseitige nationale Verhältnis im Interesse des Welt- sriedens.

Russland«

0 Kaum ist die russische Anleihe in Deutschland perfekt geworden, so denkt man im Zarenreich auf die Erschließung neuer Geldmittel. Diesmal will man die Anleihe dem französischen Alliierten gönnen. Die nächste russische Anleihe soll in Frankreich ausgenommen luerden, und man rechnet darauf, daß ihre Höhe den Betrag der bisherigen noch über­

steigen dürfte M^n tu rht off ..1 . >ceu^ Geld, oenn die Emission soll schon im März erfolgen.

Amerika.

f Die Beziehungen zwischen Venezuela nnd Nordamerika sind wieder sehr gespannte geworI^n. Prüsident Castro gibt sich wieder sehr trotzig, er hat die Verhandlungen ab­gebrochen und, wie er es in kritischen Zeiten zu tun pflegt die Hauptstadt Caracas verlassen und sich in das unwegsame Innere zurückgezogen. Wollen die Amerikaner ihren Willen durchsetzen, so kerbten sie wohl zu Zwangsmaßregeln greifen müssen.

Ein britischer Cag im Streikgebiet.

Essen, 21. Januar.

Für den Bergmann ist der 20. im Monat das, was für die meisten Angestellten in anderen Berufen der letzte.^ Am 20. erhält der Bergarbeiter den Lohn. Aus zwei Gründen waren diesmal alle Augen auf diesen Tag gerietet Allge­mein beherrschte die Frage das Gespräch, ob Lohnkürzungen erfolgen würden. In diesem Falle hätte der Ausstand sehr leicht eine schlimme Wendung nehmen können. Die Zechen­verwaltungen haben indessen von einer solchen Maßregel Abstand genommen, und so hat sich überall die Lohnzahlung glatt abgewickelt.

Die andere Frage, die dem gestrigen Tage seine Bedeu­tung verlieh, ist die, ob von dem Lohn, den die Arbeiter er­hielten, genug übrig geblieben, um die Zeit der Arbeitslosig^ keit durchzuhalten.

Zum Verständnis der Sachlage ist eine Darlegung der Lohnzahlungsverhältnisse im Bergrevier erforderlich. Sie find von allgemeinem Interesse und für den rechten Einblick in die gegenwärtige Bewegung unentbehrlich, so daß eine zusammenhängende Schilderung nicht nur für den Laien, sondern auch für die mit den Verhältnissen im Bergrevier vertrauten Kreise von Interesse sein dürfte.

Die Lohnzahlung der Bergleute und ihre ganz eigentüm­liche und verwickelte Art ist eine unmittelbare Folge der in den Gruben herrschenden Arbeitsweise. Die Arbeiten unter Tage, wie der Bergmannsausdruck lautet, ist so besclzaffen, daß kein Mann als einzelner sie ausführen kann. Dort gilt, wie kaum irgendwo anders, das Wort, daß jeder wie ein Mühlrad flink ineinander greife auf Wort und Wink. Des­halb vereinigen sich die Bergleute zu Kameradschaften, und mit einer solchen Gemeinsckzaft wird ein bestimmter Be­triebspunkt belegt. Es gibt Kameradschaften zu bestimmten Zwecken, für die Kohlenförderung, für Reparaturen, für die Sicherung zum Abbau. In allen Fällen wird eine bestimmte Arbeitsleistung akkordiert. Das nennt man das Gedinge. Wäre ber Anteil an dem Gedinge für jedes Mitglied der Kameradschaft der gleiche, so läge die Sache sehr einfach. Allein die Teilung richtet sich nach der von dem einzelnen ge­leisteten Arbeit und den von ihm gefahrenen Schichten.

Diese werden auf einem Schichtzettel vermerkt, den der Steiger führt. Das ist ein Beamter, dem mehrere Kamerad­schaften unterstehen. Am Anfang des Monats überträgt der Steiger die Schichtzettel für den abgelaufenen Monat in das Arbeitsjournal. Auf Grund der Journal-Angaben verrechnet die Zeckzenve'/.valtung die Arbeitsleistung jedes einzelnen Mannes der Kameradschaft in Geld. Die so ge­fundene Summe kommt in die Lohnliste. Diese enthält den Verdienst des einzelnen und die Abzüge, die von dem Verdienst abgeh^n, nämlich für Sprengstoffe, Geleuchte. Beiträge zur Knalwschaftskasse, Miete für die in den Zechen­häusern wohnenden Knappen, Strafen. So wird in langer und bei den Tausenden von Arbeitern mühevoller 9M)mmg der monatliche Neinverdienst des einzelnen Bergarbeiters ge­funden.

Damit nun aber der Knappe nicht auf den Lohn allzu lange zu warten braucht, erhält er zu Anfang des Monats eine Abschlagszahlung. Diese erfolgt gewöhnlich am sechsten Tage. Die größere Restsumme, den eigentlichen Lohn, erhält er gegen Ende des Monats, gewöhnlich am 20. Tage.

Uebertragen wir diese Verhältnisse auf die gegenwärtige Streikbewegung, so könnte man daraus folgern, daß die Ausständischen für die nächsten Wochen aus eigenen Mitteln versorgt seien. Wenn sie gestern, am 20. Januar, den größten Teil ihres Lohnes für Dezember ausgezahlt er­halten haben, so scheint die Annahme berechtigt, daß sie für' drei bis vier Wochen mit den zum Lebens­unterhalt nötigen Mitteln versehen sein müßten. Da­zu käme dann noch am 6. Februar die Abschlags­zahlung für Januar, d. h. für die Schichten, die noch zu An­fang Januar, also vor dem Ausbruch des Streiks, gefahren sind. Indessen so einfach liegt die Sache nicht.

Zunächst liefert für die übergroße Mehrzahl der Arbeiter­familien die Hailptlohnzahlung am 20. Tage des Monats kein Geld zur künftigen Lebenshaltung, sondern sie bildet das Mittel, um die bei Bäckern, Händlenr und sonstigen Lieferanten kontrahierten Schulden zu begleichen. Nirgends hat die Borgwirtschaft einen solchen Höhestand), wie im Kohlenrevier. Auf die Abschlagszahlung am 6. Februar ist aber auch dort, wo sie überhaupt fällig wäre, nicht mit Sicher­heit zu rechnen, da nach der gegebenen DaiPellnug der Lohn.