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Nr 223.__

2»fertio«SpreiS r Die einspaltige Petitzeile für ganz Ober­hessen, die Kreise Wetzlar und Marburg 10 Pfg. sonst 15 Pfg.

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Redaktion u. Haupte cpedition: Gießen, Seltersweg 83.

Fer«sprecha«schlu^ Nr. 362.

Freitag, den 22. September 1905.

14. Jahrgang

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Neueste Nachrichten

(Gießener Tagevtatt) Unabhängige Hageszeitung (Gießener Zeitung)

für Oberhefsen und die Kreise Marburg und Wetzlar; Lokalanzeiger für Gießen und Umgebung.

Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen, des Großh. Polizeiamtes Gießen und anderer Behörden von Oberteilen.

Da also alle Voraussetzungen für die Angriffe auf bas ^olonialamt unrichtig seien, werden diese von der amtlicher» Stelle als vollständig hinfällig bezeichnet.

Angriffe auf das Kolonialamt.

Ein großes rheinisches Blatt hatte in mehreren Artikeln angedeutet, im Neichs-Kolonialamt seien unzulässige Tinge vvrgekommen. Namentlich sollten von amtlicher Stelle in der Budgetkommission des Reichstags bei Beratung des Etats für Kamerun unrichtige Angaben gemacht wor­den sein.

.Kolonialdirektor Stübel forderte das Blatt auf, Be­lege für seine Behauptungen beizubringen. Darauf erklärte die Zeitung, jenen unrichtiger» Angaben in der Budget­kommission hätten sich auf ein Buch des Konsuls NenH über die Kamerun-Eisenbahn nach dem Tschadsee und die Kon­zession des Kamerun-Elsenbahnsyndikats. In der Kom­missionssitzung habe der Kolonialdirektor erklärt, dieses Buch sei eine rein private Arbeit, während tatsächlich zur Drucklegung dieses Buches Reichsgelder gegeben worden seien, ohne daß der Reichstag hiervon Kenntnis bekommen habe. Weiter habe man unter Verschweigung der tatsäch­lichen Lage Eisenbahnkonzessionen verliehen und unrichtige Angaben darüber gemacht. Dadurch sei die Stellungnahme .der Parteien im Reichstag beeinflußt worden. Von a m t = Aicher Stelle werden nun folgende Aufklärungen ge­geben:

Die Behauptung, daß für das Buch von Carl Renä Reichsgelder gegeben worden sein, ist gänzlich aus der Luft gegriffen. Die Angabe der Kolonialverwaltung, daß mit tem ersten Kamerun-Eisenbahn-Syndikat über die Ver- Ileihung^von Bergrechten verhandelt worden sei, sollte falsch fein. Im Laufe der Bestrebungen zur Finanzierung der Bahn sind verschiedentlich Mitglieder des Syndikats an die Kolonialverwaltung wegen einer Erweiterung der Konzes­sion, insbesondere auch wegen der Verleihung von Berg­rechten, herangetreten. Die Kolonialverwaltung hat sich stets zur Erwägung jeden Vorschlags bereit gefunden erklärt. Die Richtigkeit der Mitteilung der Kolonialver­waltung, daß das erste Syndikat schon im Dezember 1904 M ohne Reichsgarantie als außerstand zur Finanzierung ter Bahi» erklärt habe, wurde bestritten. Am 6. Dezember 1904 in einer Sitzung des Syndikats, der zwei Vertreter der Kolonialabteilung beiwohnten, bestand darüber Einver­ständnis, daß die Finanzierung der Bahn ohne Reichsgaran- kie für den größeren Teil des Gesellschastskapitals unmög­lich sei. Das Syndikat bezeichnete in derselben Sitzung Ver­treter, die auf der Grundlage einer partiellen Reichsgarantie mit der Regierung verhandeln sollten. Aus diesen Verhand­lungen ist der dem Reichstag als Anlage zum Gesetzentwurf über die Kamerun-Bahn mitgeteilte Konzessionsentwurf hervorgegangen."

Lebendiges Millen.

Welche Verfassung die verschiedene»» Könige Roms ihrem Lande gegeben und wie sie dadurch ben Grund zu dem künftiger» Weltreich gelegt haben, das wissen unsere kleinen Gymnasiastei» am Schnürchen herzuzählen. Ob und welche Vorzüge Spartas monarchisch-aristokratischer Verfassung vor ben demokratischen Staatseinrichtungen Athens inne- wohnen, darüber wissen sie genau und klug mit den Worten ihrer Lehrer zu reden. Sie zähle»» ohne Irrtum auf, welche Völker dieBundesgenossenschast" der Römer gewannen und welche staatsrechtlichen Vorteile mit dieser Bundes- zenossenschaft verknüpft waren. Ueber die rechtliche Stel­lung der konsularischen und prätorifchen Provinzen, über )ic Befugnisse der Konsul»» und Prokonsuln, der Prätore»» -md 'Proprätoren, über die Amtsaufgaben der Debilen und Quästoren können sie aus dein Stegreif kleine Vorträge galten. Die Stufenleiter der Dekurionen und Centurionen mb Legionäre ist ihnen vertraut, als zählten sie unter An- icrwandten und Hausgenossen Inhaber solcher Stellen, und Don dem magister equitum sprechen sie mit einer Ge­läufigkeit, als wäre ihr leibhaftiger Onkel zu dieser Würde mrgerüctt.

Das ist ganz reizend anzuhören. Mar» freut sich, daß )ie lieben Jungen das alles gelernt und sich so gut eim geprägt haben; man freut sich sogar, daß man es selbst eim mal gewußt, und ärgert sich durchaus nicht, daß man es ü£ auf schmale Reste wieder vergessen hat. Ma»» glaubt Den Jungen aufs Wort, wen»» sie einmal etwas Unwahr- icheinliches vorbringen; und man tut recht daran, denn ihr Wisches Gedächtnis täuscht sich nicht.

Nun frage man aber die Junge»» es bürfen auch schon reifere Knaben sein nach der Verfassung des Reichs ober des engeren Vaterlandes, nach der Vebeutung und rechtlichen Stellung der Nelchslande, wie Reich und Staat sich inein­ander fügen, nach den Aufgabe»» des Reichstags und des Reichskanzlers, nach der Bedeutung von Minister»» und Oberpräsidenten, nach dem Unterschied zwischen Staatsver­waltung und kommunaler Selbstverwaltung; man frage sie, um bei ganz einfachen Verhältnisse»» zu bleiben, was ein Landrat und was ein Bürgerrneister ist und man wird sein blaues Wunder hören. Oder vielmehr: man wird es nicht hören, man wird gar nichts hören; denn die Junge»» werden überhaupt nicht antworten. Was - ein Aedil ist, wisse»» sie ganz genau, aber einen Polizeipräsidenten kennen sie nicht. Das Zehntafelgesetz behandeln sie mit derselben Familiarität wie Coopers Jndianergeschichten, aber, das

^urgerl»che Gesetzbuch ist ihnen ein Begriff von »»»»durch- Dringlicher Dunkelheit, und von bem Strafgesetzbuch haben U? ungefähr die Vorstellung, kw; es sie nichts angehen könne, da »hrer Wohlanständigteil ein Verstoß dagegen doch un­bedingt fernliege.

Besser ist'^ aber: man fragt nicht die Jungen, sondern man fragt zunächst sich selbst. Tas wird ein hübsches Stau­nen geben, wenn man bemerkt, wie herzlich wenig man von den alltäglichen Dingen weiß, deren Kenntnis man doch bitter nötig hat und bereu Unkenntnis man unter Umstän­den mit schwerem Schade»» büßen muß. Denn der Staat hat eine beschämend gute Meinung von uns, die wir gar nicht verdienen und nach der mir auch gar nicht geizen, weil sie uns in der Regel nur im Verein mit einer schwere»» Buß- rechnung präsentiert wird. Der Staat setzt voraus, daß »vir alle seine Verordnungei» und Gesetze kennen, und behandelt demgemäß unsere Verstöße als wissentliche und darum straf, bare Verstöße. Wie er aber zu seiner Voraussetzung gekom­men ist, das ist im Dunkeln. Er selbst hat nichts dazu ge- ton, uns zu unterrichten, und wir können doch nicht alle Juristen von Beruf sein, können auch nicht alle im Nebenfach Jura studieren.

I»» der Schule erfahre»» wir von den zehn Geboten, wen»» es gut geht, auch etwas vom Zehntafelgesetz. Aber voi» dem Unterschieb zwischen Zivilrechts- und Strafrechtspflege lernen wir nichts, und man muß schon ein halber Jurist sein, um zu begreifen, daß beispielsweise die Schuldfrage von der Straffrage zu trennen ist. Und trotzdem werden mir als Schöffen und als Geschworene zur Mitwirkung bei der Recht­sprechung berufen. Mit bem Amt muß uns dann der Ver­stand kommen. Er kommt ja auch in der Regel. Wir sam­meln im praktischen Leben eine ganze Menge Kenntnisse, deren angemessene Nutzbarrnachung und Verwendung uns nicht allzuschwer fällt. Es würde uns aber sicher nichts scha­den, wenn wir in der Schule schon eine Anleitung erhielten, wenn wir dort etwas weniger von den Verhältnissen der Griechen und Römer und dafür etwas mehr von den Ver­hältnissen des gegenwärtigen Lebens lernten. Wir mürben dann mit besserer Vorbereitung ins praktische Leben treten. Wir denken dabei gar nicht an eine direkte Schulung für das Schöffen- und Geschworenenamt, obwohl wir zugestehen, daß es kein Fehler wäre, wenn wir dort der berufsmäßigen dialektischen Gewandtheit von Staats- und Rechtsanwälten eine größere Festigkeit entgegenbrächten. Wir haben in erster Reihe den eigenen Lebensbedarf im Auge, unsere Schulung zur Beurteilung der eigenen Rechtsverhältnisse, die uns erst zu wirklichen Tätern unserer Daten macht, unS, nicht zu bloßen Opfern unserer Tatei» werden läßt. Die^ Schulen alle, von der Volksschule aufwärts, könnten und sollten hierin weit mehr leisten, als sie tun. Und die Schüler würde»» solchem Unterricht gewiß mit Aufmerksamkeit folgm/

Ter Eselsmüller und die Falschmünzer.

Von Gustav Rohleder, Grünberg i. H.

Alle Rechte vorbehalten.

26) (Nachdruck verboten.)

Bei einem knorrigen Kiefernstamme angekommen, blieb der Mnller stehen, bückte sich zur Erde und ent­fernte eine Schicht Moos. Dann ein starker Druck und eine Eisenplatte, inwendig mit Stroh gefüttert, sprang empor. Eine Höhlung wurde sichtbar und aus der­selben holte der Müller verschiedene Säckchen. Alle enthielten Goldstücke in französischer und englischer Prägung.

Sieh', Junge", so sprach der Eselsmüller zu dem wie betäubt dastehenden Weishaupt,jedes Säckchen hat einerlei Wert. Eines davon ist Dein, nimm es hin, es klebt kein Unrecht daran, alle sind nummeriert".

Weishaupt war entsetzt.Vetter, Eselsmüller", so sprach er,das ist zu viel, ich darf es nicht annehmen".

Still, Junge", erwiderte fast drohend der Esels­müller,nimm's hin, ich habe nur noch wenig Zeit. So, dieses hier gibst Du im Zollhause zu Frankenburg an den alten Stuhlmann ab, als letztes Lebewohl vom Eselsmüller. Dieses sollen mein stummer Peter und die taube Annelies haben. Du sollst es aber behalten und beide bis an ihr Ende gut verpflegen. Dieses dritte (außer Deinem) gibst Du gelegentlich noch zu beiden Teilen dem armen Balser in Sass^burg und dem Förster von H . . . hausen, dec uns vorhin begegnete. Zwei sind noch zu vergeben, eines gibst Du der Mätzel-Lina von Rennkicchen und sagst ihr, sie möge für den Esels­müller beten Sie hatte ihn lieb, Junge, die Lina. Dec Eselsmüller aber wac selbst ein Esel. Doch wir haben keine Zeit zum Plaudern. Dieses letzte Beutel­ten gibst Du Mätzel - Linas Sohn, wenn ec aus dem Zuchthause kommt. Ich selbst habe ihn auf die Bahn dec Falschmünzerei gewiesen, nun ist ec ein- gesperct. Als Lump wird er gebcandmarkt werden,

dieses ist meine Schuld Gibst Du ihm aber dieses Beutelchen, so hat er übergenug. Geld wäscht auch die Schande des Zuchthauses ab", so sprach ec mit bitterer Ironie. Dann nahm er noch einige Säckchen und klappte die Höhlung zu.

Bei seinen Eseln angelangt, tat er diese Säckchen in die Satteltasche. Dann ging es schweigsam zur Mühle. Die taube Annelies trug das Abendessen herbei. Auch dieses wurde schweigsam verzehrt. Dann stand plötzlich der Müller auf und winkte dem Weishaupt. Ec hieß ihn voc dem Stalle stehen bleiben. Aus dem­selben holte er die beiden jungen Esel, den ältesten davon gesattelt.Hier lege Deine Säckchen hinein", sprach er und öffnete die Satteltaschen. Nachdem es geschehen, sprach ec weiter:Diese beiden Esel schenke ich Dir, behalte sie bis sie sterben, es sind treue Tiere. Morgen früh findest Du hier bei der Mühle mein altes Grauchen, nimm es auch zu Dir und gib ihm das Gnadenbrot. Ec hat mtc treu gedient, hat mich weite Strecken auf seinem grauen Rücken getragen. Wer mich antasten wollte, erhielt von ihm Fußtritte. Heiner und Neumeyer, die beiden Grenzjägec können ein Ltedlein von Eselsmüllers Grautier fingen. Doch genug jetzt. Leb' wohl mein Junge".

Vetter Eselsmüller", so rief mit starrem Gesicht Weishaupt, .,was soll das alles bedeuten? Was wollt ihr tun? Wollt ihr ein Unglück begehen? Vetter, tut es nicht, ich bitte Euch um Gottes Willen. Bleibt in der Eselsmühle, ihr könnt ja leben, ich gebe euch alles Geld zurück, begeht nur nichts Böses".

Still Junge, Deine Liebe tut mir wohl, ich be­gehe keine Schandtat, sei nur zufrieden. Folge genau meiner Anordnung, später hörst Du von mir. ^etzt aber mach' daß Du fortkommst". So erwiderte der Eselsmüllec auf die Angstfragen des jungen ehrlichen Weishaupt Derselbe mußte jetzt gehorchen. Ec nahm die beiden Esel, nachdem er dem Müller ^^ herzliche , Gute Nacht" gewünscht, und ritt seiner Kohlyutte zu.

Etwa eine Stunde mochte verflossen sein, als Weishaupt einen Feuerschein am Himmel, der Esels­mühle zu, bemerkte. Bange Ahnung ergriff ihn, nach Osten war der Schein, dort lag die Eselsmühle. Herr­gott, sollte ein Unglück geschehen sein? Ec eilte aus dem Walde auf das freie Feld. Dort angekommen, sah er wirklich die Eselsmühle in Flammen stehen. Von weitem bemerkte er die Annelies und den Peter händeringend auf der Wiese herumlaufen. Wie ein Rasender sprang er hinab zur Mühle. Alles war ver­loren, er sah es. Zu retten war auch gar nichts mehr. Schaurig kreischte noch das große Wasserrad im Feuec und laut klingelte der Mahlkasten bis das Feuer sie zum Einsturz brachte. Die Annelies und der Mahl- knappe waren schier in Verzweiflung. Weishaupt erfaßte beide an den Händen und deutete ihnen an, das nichts mehr zu retten sei. Dann blieben alle drei bei der brennenden Mühle stehen, bis die letzten Wände zischend in den Mühlbach fielen.

Darauf nahm Weishaupt diese zwei Insassen dec Mühle am Acme und führte sie zu seiner Köhlerhütte. Willenlos ließen sich beide hinführen. Weishaupt hielt sein Wort, er hat sie gepflegt bis an ihr Ende. Beide haben nicht zu lange gelebt. Der Schrecken des Brandes hatte ihre Kräfte zerrüttet.

Ebenso gewissenhaft besorgte Weishaupt alles »hm weiter übertragene und anvertraute Geld an die be­stimmten Personen.

Jetzt erst fand man, daß dec Eselsmuller doch e»n barmherzigeres Herz hätte als viele, welche ihn als Dieb, Gcizhalz oder Falschmünzer verachtet Hattem Biele Tränen hatte er doch im Geheimen aetrocknet, viele ihm bekannte Not gelindert. Ja, die ängstlichen Gemüter traten offen hervor und erzählten, wie Die sie m den teuren Jahren vom Eselsmuller heimlich erhalten hatten.

(Fortsetzung folgt.)