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Samstag, den 22. Juli 1905.
________14. Jahrgang
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Redaktion u. Hauptexpeditio»: Gießen, GeNersweg 88.
UerMsprechmeschl»^ Nr.
für Obsrhesien und die Kreise Marburg und Wetzlar; LokÄlamâZer für Mesim und Umgebung.
Enthält alle amtlichen Bekanntmachunc,en der Gronb. Bürgermeisterei Gieszeu und anderer Vehvrven von Lberlwsicn.
JVIutterschaftd-Versicberung.
Eine Mutterschafts-Versicherung wird verlangt, sogar eine staatliche Mutterschafts-Versicherung. Das ist eine seltsame und keine sehr glückliche Wortbildung, denn man versteht sie nicht, wenn nicht eine Erklärung voraufgegangen ist. Geben wir also zunächst die Erklärung: Die staatliche Mutterschafts-Versicherung, von der wir sprechen, will durch Ausbau und Vereinheitlichung der sozialen Versicherungs- gesetze den gewerblich (auch hausgewerblich) arbeitenden Müttern acht Wachen lang, nämlich zwei Wochen vor und sechs Wochen nach der Entbindung, während welcher Zeit ihnen die gewerbliche Arbeit, die Heimarbeit sowie die Arbeit als kaufmännische Angestellte, als Dienstbote und als Landarbeiterin untersagt sein soll, den hieraus entstehenden Lohnausfall decken, ihnen Geburtshilfe, freie ärztliche Behandlung und Heilmittel für Wöchnerin und Säugling gewähren.
Der Verband fortschrittlicher Frauenvereine ist mit diesem Vorschlag an das Reichsamt des Innern herangetreten. Daß er außerdem die Zulässigkeit freiwilliger Versicherung für weibliche Personen mit einem Einkommen bis zu 3000 Mark jährlich verlangt hat, sei nebenbei erwähnt. Auf diesen Teil der Frauenvereinswünsche wollen wir gegenwärtig nicht näher eingehen. Dagegen halten wir es für angezeigt, den oben mitgeteilten Vorschlag etwas genauer zu erwägen.
Jener Vorschlag enthält drei Forderungen. Die Reichs- gewerbeordnung gesteht im § 137 den gewerblichen Arbeiterinnen eine sechswöchige Kindbettruhe zu. Diese Ruhe soll auf acht Wochen ausgedehnt werden. Das ist die erste Forderung. Die Heimarbeiterinnen, die kaufmännischen Angestellten, die häuslichen Dienstboten, die im Tagelohn stehenden Landarbeiterinnen genießen bis zur Stunde die Wohltat des § 137 der Reichsgewerbeordnung nicht. Die Aus- debnung dieser Wohltat auf sie ist die zweite Forderung. Die dritte Forderung betrifft die Einrichtung der staatlichen Dkutterschafts-, richtiger Kindbett-Versicherung, die den notgedrungen feiernden Frauen die unvermeidlichen Pflege- unb ärztlichen Kosten und den Lohnausfall vergütet.
Die Vorschläge haben eins gemeinsam: sie sind gut gemeint und von Herzensmilde eingegeben. Ob sie die harten Notwendigkeiten des realen Lebens berücksichtigen und in den Grenzen des unbedingt Erforderlichen sich in den Einzelheiten halten, ist eine besondere Frage, zu deren Beantwortung wir uns nicht für zuständig halten. Wir wissen nicht, ob acht Mocken Kindbettruhe als Regel erforderlich ist. Das müssen die Aerzte sagen —- aber nicht etwa solche Aerzte, die der Meinung sind, eine Frau dürfe zwischen Geburt und Geburt nichts tun, als sich pflegen. Das wären für die Frauenvereine schlechte Verbündete, denn diese würden ihnen mit dem Recht auf freiwillige Arbeitsbetätigmlg am letzten Ende jedes Recht absprechen. Die Frau bedarf in der Kindbettzeit der Schonung, das ist außer Zweifel. Wie weit diese Schonung zu geben hat, ohne daß man in unberechtigte Zimperlichkeit verfällt, muß sachverständig geprüft werden, wobei, wie bereits angedeutet, die wirtschafl- lichen Notwendigkeit mit berücksichtigt werden müssen, schon weil sonst die angehende Mutter noch viel früher, als gesundheitlich erforderlich wäre, die Arbeitsstelle verliert. Da- bu ist gleichmäßig auf die Gesundheit der Mutter wie auf bie Gesundheit deS Kindes zu achten. Ein gewisses Schematisieren wird sich, wie bei allen derartigen Einrichtungen, die die Beachtung der besonderen Bedingungen des Einzel- falle^ ausschließen, nicht vermeiden lassen. Man wird sich begrünen müssen, einen guten Durchschnitt als Grundlage anzunehmen.
Die versichcrungstecbnischen Schwierigkeiten halten wir nicht für allzuaroß. Allerdings haben die fortschrittlichen Frauenvereine sich die Sache ziemlich bequem gemacht, indem sie darauf verzichteten, irgend eine rechnerische Unterlage zu bieten, irgend eine statistische Angabe beizubringen, nach der man sich ein Bild von dem Umfang der heranzuschaffenden Mittel machen konnte. Das haben sie großmütig Vem Reichsamt des Innern überlassen. Vielleicht war der Verband der Frauenvereine auch der Meinung, daß man ihrer Statistik doch nicht trauen und sie nachprüfen würde — was ganz zutreffend ist — und da wäre es schließlich Arbeilsersparnis, gar nicht erst eine Aufstellung zu versuchen, die unter keinen Umständen als maßgeblich anerkannt werden würde. Gleichwohl wäre es wünschenswert gewesen, wenn der Verband es hätte darauf ankommen lassen, in dieser Beziehung etmaS vergebliche Arbeit zu leisten. Sie blieb jedenfalls insofern nicht ganz vergeblich, als der Verband der Frauenvereine selbst daraus lernen tonnte, welchen Aufwand der ganze in Rede stehende Ver- ! sicherungsvorschlag erfordert. Annähernde statistische Unterlagen zu erlangen, wäre nicht außerhalb der Möglichkeit gewesen. Die Zahl der Niederkünfte kennt man ganz ge- noüu, mit ungefährer Genauigkeit die Zahl der in Betracht kommenden Arbeiterinnen; ebenso ist die Verhältniszahl her außerehelichen Geburten kein Geheimnis. Aus diesen j traten läßt sich ohne allzu großen Irrtum abnehmen, wie 1 bi ele Versicherungsfälle in Frage kommen. Der Versiche- n 'ngstechniker wird auch die Zahl der Todesfälle bei Ge
burten in die Wahrsä-einlichkeitsre chnung einstellen. Jedenfalls muß diese 31 edrumq gemacht werden, ehe man dem Vorschlag nähertreten, seine Ausführung erwägen kann.
Der Krieg in Ostasien.
Minister Witte ist jetzt schon auf französischem Boden angelangt, um sich nach Amerika einzuschiffen. Me japa- nifd>en Unterhändler sind ebenfalls unterwegs, so daß der
Beginn der Friedenskonferenz alsbald erwartet werden darf. Ob sie allerdings in der kurzen Zeit von drei Wochen, wie in einzelnen diplomatischen Kreisen vorausgesetzt wird, zu Ende geführt wird, erscheint fraglich. Es müßte denn seine Richtigkeit mit den Meldungen haben, daß in Rußland die Geneigtheit zum Friedensschluß sich bedeutend verstärkt hätte. So verlautet aus Petersburg, die russische Regierung wäre bereit, in den Verlust der Insel Sachalin und in die Bezahlung einer Kriegsentschädigung einzuwilligen. Eine Politik der Verzögerung würde wahrscheinlich zwecklos sein, denn die Japaner würden in biefem Falle die Verhandlungen abbrechen, wie man sagt. Man spricht von einer Kriegsentschädigung von 3 Milliarden Rubel.
Die Belagerung von Wladiwostok
nimmt greifbare Gestalt an. Der Uferstreifen an der Olgabucht ist von den Einwohnern geräumt und das Vieh m das Gebirge gerettet worden. Die telegraphische Verbindung mit Nikolajewsk soll vorübergehend unterbrochen gewesen sein. Eine Landung an der Amurmündung scheint möglich. Japanische Kanonenboote wurden mehrfach an der Küste be* obachtet. Die Operationen der Feldarmeen ruhen infolge der eingetretenen Negenperiode fast vollständig. Auf der Insel Sachalin haben sich an verschiedenen Plätzen 461 Russen ergeben, darunter ein Oberst und 14 andere Offiziere.
politische Rundschau.
Deutsches Reich»
• Ueber die Befugnisse der Handwerkskammern ist eine neuere Entscheidung ergangen, nad) der bi? Kammern nicht berechtigt sind, die ihnen zustehende Kontrolle der Lehrlingsverhältnisse im Handwerksbetriebe auch auf die Überwachung der Lehrlingsverhältnisse in Fabriken auszudehnen. Anderseits wurde von der Zentralstelle Veranlassung genommen, darauf hinzuweisen, daß die Bestimmungen der Ge- werbeordnnng auch auf die in Fabriken beschäftigten Lehrlinge Anwendung finden und daher auch mit diesen Lehrlingen schriftliche Lehrverträge, abzuschließen sind.
* Den Mitgliedern des Deutschen Flottenvereins ist gestattet worden, ein Abzeichen an der Mütze zu tragen. Das Vereinsemblem zeigt auf dunkelblauem Tuch das schon früher vom Kaiser genehmigte Abzeichen des Deutschen Flottenver- Vereins, den Anker in Goldstickerei, die Boje in roter Stickerei bezw. Emaille und den Adler in schwarz-roter Stickerei auf gelbem Grunde. Umgeben ist das Abzeichen von einem Taukranz.
• Der Zusammentritt der Marokkokonferenz ist aller Wahrscheinlichkeit nicht vor Oktober zu erwarten. Es verlautet, daß die russische Regierung ihren Beitritt angekündigt habe unter der Bedingung, daß ihr das Programm, der Ort und der Zeitpunkt der Konferenz vorher bekannt gegeben werden.
* Der Kaiser hat den früheren Reichskommissar Dr. Karl Peters begnadigt, indem die Rechtsfolgen des Disziplinarurteils mit bezug auf den Verlust des Titels aufgehoben wurden. Dagegen wurde der weitere Antrag auf Gewährung einer Pension abgelehnt.
* Weiterer Ausbau der sozialpolitischen Gesetzgebung ist für die nächste Reichstagssession geplant. Außer der Vorlage wegen Vereinfachung des Krankenkassenwesens soll noch eine Novelle zur Gewerbeordnung in Aussicht stehen, welche unter anderem die Bestimmungen über die Sonntagsruhe besser zusammenfaßt. Außerdem werden dem Reichstag die Erhebungen zugänglich gemacht werden, die wegen der Wir- Tun gen der Handwerkergesetzgebung veranlaßt worden sind. Schließlich wird dem Reichstage der Gesetzentwurf über die Rechtsfähigkeit der Berufsve'reine vorgelegt werden.
* Im Wahlkreise Erlangen-Fürth wurde bei der Reichs- tagscrsatzwahl der bisherige Abgeordnete Barbeck von der freisinnigen Volkspartei mit rund 15 000 Stimmen gegen rund 14 500 sozialdemokratischen Stimmen gewählt.
* Die preußischen Minister des Kultus, des Innern und des Handels haben einen gemeinsamen Erlaß über die Fürsorge für die schulentlassene männliche Jugend veröffentlicht, in dem betont wird, daß bei dem Wunsche der Behörden, alle solche Fürsorgebestrebungen zu unterstützen, es nicht in deren Absicht liege, die vorhandenen konfessionellen Vereine durch konfessionslose Veranstaltungen zu ersetzen.
* Zur Stellungnahme in dem neu auflebmden Hochschulstreit ist eine Konferenz aller Ausschüsse der preußischen Hoch- schulen nach Berlin einberufen, um eine gemeinsame Besprechung des Erlasses des Kultusministers wegen der konfessionellen Verbindungen herbeizuführen.
Oesterreich-Ungarn her innere Kampf fortgesetzt. Der der Budapester Ge- me ndebehorde .kassiert, der den städtischen Beamten verbietet, auch freiwillig gezahlte Steuern an die Staatskasse abzuliefern. Der Beschluß, der die Eintreibung vom Reichstag nicht bewilligter Steuern verbietet, bleibt in Kraft,
Balkan-Staaten»
” Die serbischen Behörden verhafteten zwei Arnauten, die den serbischen Pfarrer Lazarevic ermordet hatten Sie sagten aus, sie waren zur Tat vom bulgarischen Metropo. Ilten Kozma gedungen worden, der ihnen ja 30 Stück türkische Lira gab.
Türkei.
* * In den verschiedenen unruhigen Gebieten kam es wie- der zu lebhaften Kämpfen. Bei Nesova, 70 Kilometer von Tikves im Wilajet Saloniki, entstand ein Gefecht zwischeii einer bulgarischen Bande, unter Führung Zaharibas, und Truppen, wobei mehrere Bandenmitglieder getötet und neun gefangen wurden. Auf Seiten der Truppen wurden ein Offizier und zwei Mann getötet, ein Mann verwundet. Der Dorfgeislliche wurde von Komitatschis erschossen. 18 Häuser wurden in Brand gesteckt. Der Aufstand in Kreta dehnt sich immer weiter aus. Die Insurgenten von Therisso haben beschlossen, drei Abgesandte nach Athen zu schicken. — Ueber die Lage im Demen berichtet Sck)akir Pascha aus Me- nacha, daß Marschall Feizi Pascha mit einigen Bataillonen die Ortschaften Eladjesbi, Eluban und Djellabras genommen habe. Ueber 200 Aufständische seien getötet, auf türkischer Seite fei nur ein Soldat gefallen. Am selben Tage hißten die Einwohner von über 80 Ortschaften die weiße Flagge und ergaben sich. Die Gerüchte über die schwere Erkrankung des Sultans werden dementiert.
England,
** Das Kabinett Balfour ist äußerst gefährdet. Das Mft nisterium blieb bei einer Unterhausabsttmmung über irisch; Verwaltungsfragen mit drei Stimmen in der Minderheit; Premierminister Balfour behielt sich die Entscheidung über das Verbleiben des Kabinetts vor.
Russland»
*♦ Eine höchst überraschende Meldung kommt aus russischer Quelle: Eine Begegnung des Zaren mit Kaiser Wilhelm soll in kürze bevorstehen. Der Zar habe den dringen- den Wunsch, den Kaiser zu sprechen und wolle ihn während der Anwesenheit in den schwedischen Gewässern dort aufsuchen. Der Zar werde in Peterhof an Bord der russischen Kaiserjacht „Polarstern" gehen und vier Tage von Rußland abwesend sein. Sollte dieser Plan des Zaren verwirklicht werden, so würde er von großer Bedeutung sein.
** Der in Moskau tagende Semstwokongreß hat sich durch den Widerspruch der Polizei in seinen Arbeiten nicht stören lassen. Mit 220 gegen 7 «tunmen haben die Vertreter der Semstwos und der Städte einen vom Bureau des Kongrepc- ausgearbeiteten Entwurf einer Verfassung angenommen und zugleich seinem tiefen Unwillen über die m letzter Zeit. vor- gekommenen Verletzungen der Rechte und drei en tuffwt Staatsbürger durch Verwaltungsbeamte Ausdruck gegeben. Die Behörden fahren inzwischen fort in ihren Versuchen, d e Bestrebungen zur Erreichung einer Konstttution ^u unter, drücken So hat die Landpolizei im Gouvernement N o m qorod den Bauern das Lesen liberaler Zeitungen unter Androhung von Gefängnisstrafen verboten ^m Hawn von L i b a u sind 137 Matroien wegen der jüngsten Unruhen verhaftet. Alle Maßregeln hindern aber nicht daß di l- Gäbrung sich immer weiter ausbrcitet. So wird ausltr st om a der Ausbruch eines allgemelnenArbeiterausstand-- gem7ldet Die Meldungen über das auf den Oberproku- rator des Heiligen Snuods P ob j ed onoszew vec- übte Attentat werden jetzt in Abrede gestellt.
Bof und Gesellschaft.
*. Der Aufenthalt der Kaiserin mit ihren Kindern in* Cadinen wird, neuerer Bestimmung zufolge, bis zum 8. August ausgedehnt werden. Von Cadinen gedenkt dre Kaiserin mit den Prinzen und der Prinzessin nach Wu- belmsböbe bei Kassel überun'iedeln, wohin auch der Kaiser nach Beendigung seiner Ostseefahrt kommen nnrb.
Beer und flotte.