Nr. 144.
Donnerstag, den 22. Juni 1905.
14. Jahrgang.
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Neueste Nachrichlen
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Unabhängige Tageszeitung
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für Oberhch'en und die Kreise Marburg und Wetzlar; Lokalanzeiger für Gießen und Umgebung.
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Unsere englischen Vettern.
Ein englisches Komitee, das sich das Studium fremder Mumzipaleinrichtungen zur Aufgabe gemacht hat, ist nach Deutschland gekommen. Seine Mitglieder sind vornehme und kundige Männer, die ihrem Ziel mit Eifer und Ver ständnis nachstreben. Selbstverständlich haben sie aud Berlin als die größte Stadt Deutschlands ausgesucht, und ebenso selbstverständlich ist es, daß sie überall freundlichste Aufnahme, gefälligstes Entgegenkommen gefunden haben. Auch hat es ihnen nach allem, was man aus der englischen Presse entnehmen kann, in Deutschland recht wohl gefallen, hat die ihnen entgegengebrachte herzliche Höflichkeit sie wohltuend berührt. Ob ihnen die Einrichtungen, zu deren Studium sie über den Kanal gekommen sind, alle oder teilweise zugesagt und vorbildlichen Eindruck gemacht haben, darf dahingestellt bleiben, es fommi jedenfalls erst in zweiter Reihe in Betracht. Es barj ja wohl für sicher gelten, daß sie manches gesunder haben, was ihnen in Anlage und Ausführung zweckmäßiger erschien, als die entsprechende heinusche Veranstaltung Denn es gibt keine Stadt, die sich mit Recht rühmen dürfte m leber Beziehung alle anderen zu übertreffen. Auch ist das, was an der einen Stelle sich ausgezeichnet bewährt hat, darum noch nicht geeignet, ohne weiteres auf einen andern Platz übertragen zu werden. Gewohnheiten, Gebräuche herkömmliche Anschauungen sind mächtige Faktoren die'aufmerksam beachtet sein wollen, weil sie sich nicht durch eine bloße Verordnung umgestalten lassen. Verschiedenheiten von Land zu Land und selbst von Stadt zu Stadt sind darum eine innere Nottvendigkeit, leiten sich nicht aus der Neigung zur Willkür oder aus der Lust am Absonder lichen» her.
Bürgermeistern verwaltet wird, welche Einrichtungen bori getroffen sind, der weitgehenden Dezentralisation ein Gegen gewicht zu halten. Auch die Stadt Berlin selbst hat' zr wiederholten Malen Beamte nach Wien, Pest, Paris, Londor und nach Anierika geschickt, um dort bestimmte städtische Veranstaltungen prüfend zu besichtigen, um daraus Lehren für die entsprechenden heimischen Veranstaltungen zu gewinnen. Ebenso oft sind Sendboten aus den genannten Städten und Ländern mit bem gleichen Auftrage nach Berlin, München, Dresden usw. gekommen.
Die Besuche und Gegenbesuche haben zumeist wohl dem ausgesprochenen Zweck gut gedient. Aber noch besseren Dienst haben sie einem unausgesprochenen und meist nicht einmal mit bewußter Absicht verfolgten Zweck geleistet: den sehr politischen Zweck der Stärkung friedlicher und freundschaftlicher Gesinnung unter den Völkern. Es ist nur natürlich, daß man dankbar wohlwollende Gesinnung dem widmet, von dem man gelernt hat, und hier wird die Gesinnung gegenseitig, da auch das Lernen und Lehren gegenseitig gewesen. Sogar der Teil der Presse, der aus Freude am Sensationellen ober aus sonstigen, noch weniger erquicklichen Rücksichten, einer gewissen Neigung zur Massenverhetzung zu huldigen pflegt und zwischen Volk und Volk die Saat der Zwietracht auszustreuen liebt, kann sich der wohltätigen und beruhigenden Einwirkung solcher internationalen Bürgermissionen nicht entziehen, gerade weil diese Bürgermissionen kein amtliches Gewand und keinen amtlichen Auftrag haben. Es geht nicht gut an, von dem Schönen und Nachahmenswerten, das die eigenen Landsleute bei einem anderen Volke gesehen, von bem herzlichen Empfang zu berichten, den sie gefunden, und gleichzeitig dieses gast- liche Volk, von dem man sich Beispiel und Muster holt, zu schmähen und herabzusetzen. So wird der Ton der Presse milder, das Urteil sanfter, gefälliger, und Verträglichkeit ist die weitere Folge.
Man kann die ersten Früchte des jüngsten englischen Be. suches schon jetzt sehen. Manches englische Blatt hat seine unfreundliche Haltung uns gegenüber aufgegeben und die Erinnerung an die deutsche Wissenschaft hervorgeholt. Das ist überaus erfreulich, und wird ganz besonders erfreulich sein, wenn die neue Wendung dauert. Wir sind gern bereit die freundliche Gesinnung der englischen Vettern von Herzer zu erwidern. 0
reicht und verläßt täglich je ein Zug tum und nach Peters- bürg, auch wird täglich ein Zug nach Wladiwostok befördert.
Mit dem Verluste Charbins wäre die Mandschurei tat- sächlich in den Händen der Japaner und der Fall Wladiwo- stoks nur noch eine Frage der Zeit.
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Aus diesen Gründen wäre es ebenso falsch, mit eigensinniger Vorliebe am Ueberlieferten zu saften, einzig weil es heimischen Ursprungs ist oder scheint' gegen Verbesserungen sich zu sperren, deren Anregung von außen kommt, wie es falsch wäre, wahllos jedes fremde Beispiel nachzuahmen, das irgendwo sich guten Erfolaes rühmen darf. Das richtige Verfahren besteht darin, daß man für alles Gute, wo immer es sich zeigen mag, offenes Auge hat, und daß man gleichzeitig prüfend erwägt, ob das,
W niederwärts als gut erwiesen, auch daheim am Platze ist und nid)t etwa durch Störung berechtigter Eigen- tümlichkeiteie mehr störend als fördernd wirkt. Es gibt keine Stadtverwaltung, die nicht noch lernen könnte, und säum eine, von dem man nicht noch etwas lernen könnte Wir dürfen uns nicht einbilden, daß der englische Besuch, den nur mit schuldiger Gastfreundschaft begrüßt und empfangen haben, eine Huldigung darstellte, anerkannter deutscher Ueber tegenheit auf dem Gebiet der Städteverwaltung dargebracht Diese Anerkennung müßte erst verdient und gewonnen werben Einstweilen ist der englische Besuch nur ein Gegenbesuch Etwa ein Jahr ist es her, daß der inzwischen verstorbene preußische Minister des Innern Freiherr v. Hammerstein,
London gegangen war, um an Ort und Stelle davon ^ntms, zu nehmen- wie die Riesenstadt London mit ihren '2 Millionen Einwohnern von 36 einander nebengeordneten
Der Krieg in OItalien.
Das Schicksal der unter General Linewitsch in der Mandschurei den Japanern gegenüberstehenden russisckM Armee ist vorläufig noch nicht entschieden, obwohl alle ein- laufenden Meldungen ziemlich pessimistisch lauten. Eine Ueberflügelung oder Einschließung scheint fast sicher zu sein. Wenn es Linewitsch nicht gelingt, sich rechtzeitig der Umklammerung zu entziehen, dürfte eine Katastrophe unmittel- bar bevorsteherl.
Eine große Schlacht
hat sich anscheinend aus den einleitenden Gefechten der letzten Tage entwickelt. Der japanische Armeekommandeur Hasegawa leitete die Offensive ein und suchte den Ueberqano über den Tumenfluß zu erzwingen. Nogi kämpft fort, die Straße nach Bodune bedrohend. Kuroki und Kamamuro operieren gegen Ninguta. Sie stellen eine Vereiniaung mii Hasegawa her. Von Oku und Nodzu fehlen einstweilen Nachrichten, es läßt sich aber füglich annehmen, daß sie sick der allgemeinen Vorwärtsbewegung entsprechend angeschloß sen haben. General Hasegawa hält die Richtung auf Kong- chen und Numsan. Sein Korps ist 100 000 Mann stark.
beabsichtigt offenbar, den Tjumen zu überschreiten, an dem die Russen Befestigungen angelegt haben. Trotzdem erscheint es ziemlich fraglich, daß Linewitsch den andrängenden Japanern widerstehen kann. Wenn man den neuesten Nachrichten glauben darf, ist
der eiserne Ring nm Linewitsch geschloffen.
Die Japaner rücken beständig siegreich vor. Die russischc Armee ist auf beiden Flanken vollständig umgangen Die Japaner haben beträchtlich mehr als eine halbe Million Mann im Felde stehen. Die einleitenden Operationen nah men bereits am 20. Mai ihren Anfang.
Nach den Aussagen Gefangener nimmt man bei den Nüssen an, daß Japans Absichten auf Charbin gerichtet sind um die Verbindung mit Wladiwostok abziischneiden ^ic russische Hauptmacht steht daher bei Tschangtschrni wo sich auch Linewitschs Hauptquartier befindet. Kirin ist nickst besonders geschützt.
Die Befestigung von Charbin.
Die russischen Werke im Süden, Osten imb Westen Cba^ bms sind von 54 000 Mann und 300 Geschützen besetzt, von diesen 12 000 mit 120 Geschützen am Sungari und 16 000 mit 180 Geschützen an der Eisenbahnstation Bis auf 70% Mân vor Charbin liegen Forts und zahlreiche Minen Sie Russen furchten eine Attacke vom Süden, doch sind alle ihre Versuche aus den Bewegungen der Japaner die definitive Angrlffsseite zu ermitteln, fruchtlos geblieben. Charbin er-
Dès Politik.
cs Der französische Ministerrat soll im Prinzip her Ma. rokkokonferenz zugestimmt haben. Dem deutschen Vorschläge gemäß würden die Anerkennung der Unabhängigkeit und der Souveränität Marokkos, ferner die offene Tür/sowie als neuer Punkt die Einführung einer internationalen Finanzkontrolle Gegenstand der Konferenz sein, während Frankreich freie Hand für alle aus seiner geographischen Situation erwachsenden Maßnahmen und Reformen erhalten mürde. Dem Vernehmen nach wollen die Vereinigten Staaten von Nordamerika die Einladung zur Konferenz anneh. men, wenn die anderen Signatarmächte es ebenfalls tun.
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4= eine Bundesverordnung für das Deutsche Reich über den Automobil-, Fahrrad- und Wagenverkehr soll in kurzem veröffentlicht werden. Die Verordnung gibt dem Ver- nehmen nach den Einzelstaaten allgemeine Direktiven und laßt ihnen in den wesentlichsten Punkten Bewegungsfrei. L ^ozuglich der Frage der Haftiing der Automobil, bescher für durch ihre Fahrzeuge angerichtete Schäden steht die Regelung durch einen Gesetzentwurf noch in weitem Hauptsächlich wird erwogen, eine Haftpflichtge- nossenschaft der Automobilbesitzer zwangsweise zu errichten.
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~ Die Kommission des Herrenhauses beendete die Be- ratung über die Brrggesetznovelle, nahm die Abschnitte über die Arbeitcrausichusse und den Artikel I unverändert nach den Beschlüssen des Abgeordnetenhauses an. Mit dieser Ab- stimmung dürfte das Zustandekommen les Gesetzes in der vom Abgeordnetenhaus genehmigten Form gesichert sein.
Oesterreicb-Ungarn
,* ^ "eue «nüarischc Kabinett hat sich am Mittwoch dem Abgeordnetenhaus vorgestellt, ein Mißtrauensvotum ent. gegengenommen und das Parlament bis zum 15. September Ä Selbstverständlich ging es dabei nicht ganz nihig ^i^^âm es nicht zu eigentlichen Lärmszenen. Baron 8>n^-n^ tour^e mit seinen Kollegen mit gemäßigten Miß. n°i°ii?^^ungen empfangen, an denen sich alle Parteien ^t°-l-gterl. Er überreichte dem Präsidenten das königlich« EiNN ^^"tf^ ferne Ernennung enthält, und verla- &££ k^ °li^' E der er es als seine Hauptaufgabe rium^Mo«- ^."lE bald einem parlamentarischen Ministe- „X1.1 M ^chen. .Außerdem legte er mehrere Gesetz. SS «B« Jndemnitatsbewilligung, Rekrutierung uni
ÄÄ einer Deputation zur Feststellung des unga- S;^ ^sâ'ls an den Reichsausgaben vor. Als Baron MSbfim,^ die Erlaubnis erbat, ein zweites fönig. Hdeë Hanb^ zu verlesen, entstand lebhafte Unruhe brina^h-316«0^^^ l'chtig vermuteten, das Handschreiben dw N°,i°s, Vertagung des Hauses. Präsident Justh lehnte te Serlefung ah, wahrend Graf Tisza, der seitherige Kabi- nettschef, in dieser Ablehnung eine Verletzung der Ehrfurcht hot dem König erblickte. Graf Andrassy, der verunglückt« ^hnh^ah1^ wollte dem Baron Fejer-
S™ §âwld an der Ehrsurchtsverletzung zuschieben. Die beicklöb ^gr « suspendiert Nach ihrer Wiedereröffnung ^' ^ ,b Haus, zunächst dem Ministeriiim — das sich wegen Verletzung des Herkommens entfernte — ein Mißtrauensvotum gemäß einem Anträge Kossuths zu erteilen Namens der Liberalen hatte Graf Tisza ein besonders Mibtrauensvotrim eingebracht, das aber hinter dem Kossuth. wen zui-uckstehen mußte. Als dies erledigt mar, konnte das hin^a0^^ Qnb ^^ Zur Verlesung kommen. Aller- oings infolge großen Lärms und mit Unterbrechungen Den Munstern wurden einige Liebenswürdigkeiten zügeruten, auch dem früheren Ministerpräsidenten Grafen Tisza.
Spanien.
* Unvermutet ist eine Mimstcrkrisis ausgebrochen Das Kabinett Dillavcrde das seit Anfang dieses Jahres die Ge- ^asw leitee, hat seine Entlassung eingereickt. Der Grund zur Demission gab die Derweiaernng eines Vertrauens. le°gu7g d7s BudE Nid-rium bei der Vor-
Skandinavien»
©* Mit der Lostrennung Norwegens von der Union mit «chwcdcn beschäftigte sich die gestern einberufene außeror- deutliche Tagung des Reichs, ils. In seiner Eröffnn, ins- rcwe iigte der König, der dem Reichstag unterbreitete Gesetz, entwurf sehe es nicht darauf ab, burd) Znnngsmaßregeln Lew von Norwegen begangene Unrecht zu erwidern Von wenig Wert würde für Schweden eine Vereinigung fein, zu
- < auf solche Weise Norwegen gezwungen werden wurde. Das schwedische Volk möge sich vom Geiste der Ruhe und Emftcht leiten lassen. Gott möge ihm Kraft und Einigkeit geben, damit es innerhalb seiner eigenen Greinen wie-