Ur. 95.
Zweites Blatt
Samstag, den 22. April 1905.
14. Jahrgang
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We«eke Nachrichten
(Oiekener Uagevkrtt)
Unabhängige Tageszeitung
(Hießener Zeitung)
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für Oberhessen und die Kreise Marburg und Wetzlar; Lokalanzeiger für Gießen und Umgebung.
Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Grotzh. Bürgermeisterei Gießen, des Großh. Polizeiamtes Gießen und anderer Behörden von Oberhessen.
« « fröhliche Ostern allen unseren Lesern. « «
Bestgruss
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ben zur Verfâ^
Körperformej; lisches Knhit |old Meto, Pa g 1901, M 15: ien bü A ktâ,ö t MM. Ai reellem Sete ire/h Preis ^q ' v 2 Mk. kâ eiiZ Porto.
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eher die stille Ewalde
Jubeln die LercKen empor;
Blumenglöchchen im Malcie
'^tW Dicken im holden yior.
Ob ein König den Ginjug hält?
Mie ein webendes Gbrenjelt,
Wil den grünenden Zweigen, Mölbt sich der Birken Cor!
Mir ein bebres „MUKornmen!"
Fjallt der Glocken Geläut.
I)at dein kZerz es vernommen? ^rühling, er wandelt beut!
Über die Berge stieg er zu Cal
Wil dem siegenden I)immelsstrabl,
Der uns verjüngt die 6rde,
Der die Debet verstreut!
Unser Osterstranh.
Hand' Geniel ;MANlj
Wenn die Osterglocken die Botschaft von der Auferstehung Les .Heilandes hinaustragen über Stadt und Land, dann halt auch die Natur ihre Auferstehungsfeier. Gesprengt ist Ler Niegel von Eis und Frost, der die Gruft der Erde ein- Sesch lösten hielt. Der warme Hauch der Sonne flößt dem geirrten Leibe neues Leben ein, daß er sich regt und dehnt. Zn den Lüften erschallt das Jubellied der Böglern, welche ans südlichen Breiten in die alte Heimat zurückgekehrt sind, md aus den tauenden Ackerschollen sprießen grüne Halme Md bunte Blumen und schließen sich zu einem Kranze wel. Mr das Haupt der lieben Mutter Erde umschlingt. Oster- Llnmen nennt das Volk die zwar an Zahl schon ziemlich reichen, an Art indes noch sehr beschränkten Blumengebilde, bie es am frohen Auferstehungsfest im Wald und auf der Heide sammelt. Da sind die niedlichen Hainaneinonen (Anemone nemorosa), alle weiß mit goldenen Krönchen, als trügen sie ein Auferstehungskleib). Ihre weißen sechs- ■ bis achtzackigen Blütensterne sind zu tausenden im knospenden. Birkenhain, im schwellenden Vucheirwalld über das .braune, dürre Laub des Bodens zerstreut. Sind sie vom .Himmelszelt auf die Erde gefallen, uns frohe Osterbotschaft M bringen? Und seht, was leuchtet neben ihnen, wie fum Mi des Gold, aus dem sonnigen Wald? Es ist ihre Schwester, die hahnenfußartige Anemone (Anemone lanunculoides). Ihre goldgelben Blüten breiten meist zu Meien bis dreien aus einem Blattwinkel.
Als „Osterschelle" wird von österlichen Blumensuchern eine dritte Anemonenart begrüßt, die Anemone Pulsatilla. 2er Name „Schelle" kommt von der Glockenform der Blume. Mü tenglocken von der Länge eines halben Fingers schauen in prächtig violetter Färbung hervor; cm3 ihrem dunkelpurpurnen Grunde heben sich goldleuchtende Büschel male- aisch ab. Die dreifach gefiederten Laubblätter sind noch in Ler Knospenlage und schauen erst dicht von weißglänzenden Seidenhaaren bedeckt, wie zusammengezogene kleine Hande zwischen den abgestorbenen Blattstielen des vorigen Sommers hervor. Wenn von allen Türmen die Osterglocken Ctlingen, fern und nahe, lveit und weiter bis zum Ver- ! klingen, dann stimmen auch diese kleinen Blumenglocken mit / leisem Geläute in die allgemeine Feier ein. Zu dem Violett der Osterschelle stimmt im Osterstrauß ganz vortrefflich !i Las Orangegelb der Wiesendotterblume (Caltha palustris). H Förmliche Goldströme zieht sie durch das grüne Wiesengelände, vor allem aber umsäinnt sie das Ufer des blinken- den Bächleins mit wahren Goldborten. Doch ist sie, menn Ostern gar zu früh fällt, manchmal noch nicht auf dem Plan. Dann aber sorgt für eine ähnliche Farbeuwirkung gegenüber dem Violett der Osterschelle sicher die schwefelgelbe Schlüsselblume (Primula elatior). Drei bis acht der zarten hellgelben Blüten, die in der Vertiefung, ihrer Blüten
röhre ein gesättigteres Gelb enthüllen, sitzen schwesterlich vereint an der Spitze eines schlanken, aufrechten Stengels, der aus der Mitte einer blaßgrünen, am Boden ruhenden, gerunzelten Blätterrosette emporsteigt. Wie es einem zarten Frühlingsgewächse so wohl ansteht, neigt sich die Blumendolde schüchtern abwärts. Obwohl sedermann den Namen „Schlüsselblume" kennt, wird die Blume doch bielerorten zärtlich „Osterblume" geheißen, in dein unbestimmten Gefühle, daß diese Beziehung zum Osterfeste einen verklärenden Schimmer auf die liebe Blume ausgieße. Als Schlüsselblume schließt sie den Frühling auf, erschließt sie alle Wiesen zu neuem Blumenflor, — als Osterblume schmückt sie das Grab des auferstandenen Heilands mit ihren zarten Blumendolden.
An Hecken und Rainen blüht an sonnenwarmen Oster- tagen die rankende Osterluzei (Aristolochin clematitis) mit blaßgelblichen Blüten und nierenförmigen Blättern. Auch das Gänseblümchen (Marienblümchen, Maßliebchen), das sein weißes Strahlenrund mit gelber Mittelscheibe aus dem grünen Anger leuchten läßt, wird, obzwar es das ganze Jahr blüht, doch zu Ostern ebenfalls zum „Osterblüruchen". Vor allem aber darf im Osterstrauß das duftreiche blaue Veilck)en (Viola odorata) nicht fehlen. Als „Osterveilchen" streut es seinen Weihrauch in die Lüfte, den Auferstandenen zu begrüben. Die österlichen Blumensucher lassen sich keine Mühe verdrießen, das geliebte Blümchen, „das holde Pfand der neuverjüngten Erde", unter der krausen Schlehdorn- hecke zwischen vergilbten Grashalmen und grünem Moose zu suchen. Da steht es bescheiden versteckt, senkt sein Köpfchen verschämt zu Boden und äugelt den Beschauer von unten mit seinen himmlisch blauen Augen an:
„Die blauen Frühling«augen
Sckmu'n aus hem Gras hervor: Das sind die lieben Veilchen, Die ich zum Strauß eiter!"
Deutsche Osterfreuden.
Hinaus ins Freie. — Osterspiele. — Die Winterpuppe. — Lampe als Eierspcnder. — Das Passahlamm.^ — Oster- wasser. — Schmackostern. — Osterbalt und Osterreigen.
Ostern, dieses christliche Fest, das seinen Namen der alb heidnisch-germanischen Frühlingsgöttin Ostara verdankt, ist so recht ein Fest der Mysterien, der großen Geheimnisse allüberall. Nicht nur die Auferstehung Christi feiert man, die Menschen steten alljährlich zu Ostern, jener seltsamgeheimnisvollen Auferstehung der Natur gegenüber, wo gewaltige und unbekannte Mächte ringen und streiten, um den strengen Herrscher Winter zu vertreiben und neues Leben, neues Licht und neue Lust herrlich und strahlend unter der harten Decke von Eis und Schnee jauchzend und triumphie- renb hervorzuholen. Nicht zum mindesten sind es die Menschen selbst, die da Auferstehung feiern.
„Aus nichtiger Häuser dumpfen Gemächern,
Aus Handwerks- und Gewerbebanden, Aus dem Drucke von Giebeln und Dächern, AuS der Straßen quetschender Enge, Aus der Kirchen ehrwürdiger Nacht!"
Da kann es denn wohl nicht Wunder nehmen, daß das Osterfest und die Osterzeit mit ihren Mysterien und Geheimnissen die Menschen seit Alters her dazu verlockt hat, eigenartige Ostersitten und -Gebräuche auszubilden, die die Stimmung des Menschen wiederspiegeln, welcher sich in dieser Jahreszeit einer Welt von Wundern gegenüber sieht und sie m erklären versucht auf seine Art und Weise, aus seinen schwachen Kräften heraus. „ . . .
Auf den großen Bauernhöfen und Dörfern in Westfalen und Hannover erzählte man sich und erzählt sich heute poch Ostermärchen, über denen es wie ein Schauer des ^Geheimnisvollen und ein Schimmer einer nahe bevorstehenden frohen und sonnigen Zukunft liegt. Aus den Ostermärchen, aus der mündlichen Ueberlieferung wurde schriftlich Frxrer- tes, entstanden die Osterspiele, Volksfeste mit Gesang und Tanz wie sie heute noch in vielen Kantonen der Schweiz im Gange sind. Der Hauptinhalt dieser Osterspiele konzentriert sich um die biblische Geschichte von dem Leiden, Sterben und der Auferstehung Christi. Tie Oberammergauer Pas- sionsfestspiele, die schon seit langen Jahren bekanntlich tnehr einen mondainen, denn einen religiösen Charakter tragen, sind die letzten Ausläufer der alten Osterspiele.
Andre Länder, andre Sitten! In ganz Nordwestdeutschland bis hinauf nach Dänemark wird noch heute eine andere, originelle Ostersitte geübt. Man fühlt sich gleichsam veranlaßt, die Auferstehung der Natur bildlich in derber, volkstümlicher Weise zum Ausdruck zu bringen. Eine überlebensgroße Puppe, gekleidet wie eine Vogelscheuche, stellt den Winter dar, und unter den freudigen Rufen einer großen Menschenmenge wird diese Puppe in ein nahes Wasser geworfen, in Thüringen und Hessen gesteinigt und in Däne
mark verbrannt. Daneben besteht ausschließlich in Thüringen und Hessen noch ein anderer Osterbrauch. Man ergreift ein nusgestopftes Eichhörnchen, oder einen Pferdekopf und verbrennt ihn unter Absingur:g lustiger Lieder. . Warum man gerade auf das Eichhörnchen und ben Pferdekopf verfallen ist, das bleibt Geheimnis, wie ja so manches in Volks- sitten und im Volksleben. _
Ebenso, wie Ostern seinen Namen den heidnischen Germanen verdankt, so auch den Osterhasen, der der Göttin Freyja heilig war. Und wenn wir den Osterhasen Ostereier legen lassen, so soll damit die Fruchtbarkeit der zu neuem Leben erwachenden Natur zum Ausdruck gebracht werden. Erwähnt man die Ostereier, so ist man damit eigentlich schon in das Gebiet der nicht zu verachtenden kulinarischen Ostersitten geraten, und daher sei gleich an dieser Stelle auf den in Nord- und Acitteldeustchland sehr weit verbreiteten Gebrauch hingewiesen, am ersten Osterfeiertage ein Osterlamm zu verspeisen, dessen Verwandtschaft, wenn man so sagen darf, mit bem jüdischen Passah lamm so naheliegt, daß es sich gewiß erübrigt, näher darauf einzugehen. Für die Bewohner katholischer Länder und Gegenden hat das Osterfest als Ende der langen Fastenzeit seine besondere kulinarische Bedeutung. Am Tage vor Ostern geht der Geistliche von Haus zu Ha:is und segnet die Speisen ein, die die rührige Hausfrau für das Fest zubereitet hat.
Ferner wird bei der volkstüinlichen Osterfeier auch bem Wasser eine große Bedeutung verliehen. Das Osterwasser macht im Volksaberglauben schön, verleiht Gesundheit und langes Leben. Freilich ist noch ein Aber bei der Geschiwu- Dieses Osterwasser muß beim Aufgange der Ostersonne alls tiner gegen Morgen fließenden Quelle stillschweigend ge< schöpft werden. So leicht versäumt es keine Dorfschöne in Ostpveußen namentlich und in Posen, auf diese Art und Weise sich Osterwasser zu besorgen. Hier sei einer mit dem Osterwasser zusammenhängenden Sitte Erwähnung getan. Wer in den Osterfeiertagen arglos durch die Straßen der polnischen Städte wandert, wird aus den Fenstern der Wohnungen zu seinem oft nicht geringen Schrecken ganz gehörig begossen. Doch ist man in den meisten Fällen so galant, nicht mit Wasser, sondern mit Parfüm zu begießen. — Ebenso, wie das Wasser, so soll auch die Rute das Symbol des Lebens repräsentieren, und aus dieser Anschauung heraus erklärt sich das Schlagen mit der Lebensrute am Osterfeste, ein Gebrauch, an dem in vielen, vielen Familien strikt und eifrig festgehalten wird. Den Namen Schmack- ober auch Schmeckostern hat dieser Brauch batjer erhalten, weil es früher üblich war, der Dienerschaft, die sich mit der Nute der Herrschaft oder den Kindern der Herrschaft näherte, Gesck)ente, bestehend in Geld ober in Leckereien zu geben.
Das Osterfest und die Natrir in ihreiy neuen, frischen Schmuck lockt die Menschen Hinaus ins Freie und Grüne, und in Westfalen werden draußen große Osterballspiele veran- I staltet. Aber auch in diesem Spiel liegt ein symbolischer Kern. Der Ball, der, von den Spielenden geworfen, hin und her fliegt, ist ein Symbol der aufsteigenden Sonne, die, einer alten, tiefsinnigen Mythe zufolge, beim Aufgange am Ostermorgen vor Reuben dreimal hoch hüpft. In den slavischen Ländern ist das Osterspiel im Freien noch bei weitem mehr ausgebildet. Man führt Reigentänze auf, und die Jugend beiderlei Geschlechts ergötzt sich am sogenannten Hasenschlagspiel. In Rußland endlich spielt sich die ganze Osterfeier draußen in der Natur ab im Zeicheir eines lärmenden Volks- und Jahrmarkttreibens.
H| ©ster * Maschen ^
Kiebes gäschen, willst du morgen Uns für Ostereier sorgen?
Liebes gäschen, bringe bald Bunte Gier aus dem Malâ.
Reiches (Doos und grüne Hstchen polten wir für dich jum Destchen, Und daneben legten wir Gras und Klee zur Speise dir.
Und der FJund muss an die Kette, Und wir Kinder gehn zu Bette, Dass dir niemand bange macht, Menn du leise kommst jurDacht!