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Nr. 248
Zweites Blatt
__14. Jahrgang
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3*<erttoeweit, Die einspaltige Pelttzelle sur ganz Ober- H^en, die Kreise Wetzlar und Marburg 10 Ps«. sonst 1b Pfg. Reklamen die Petitzelle 30 resp. 40 Pfg.
Äcbatnon u. Haupterpedition: Gießen, SelterSweg 83.
Jerufprech««schl»st Rr. SSL.
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Samstaa, den 21. Oftober 1905
Ado««eme«tSpreiS: abgehsN monatlich 50 Pfq.. in'S HauS gebracht 60 Pfg., durch die Post bezogen vierteljährl. Mk. 1.50.
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(Gießener GageSratI)
Unabhängige Hageszeitung
(Hießener Zeitung)
für Oberhefsm und die Kreise Marburg und Wetzlar; Lokalanzeiger für Gießen und Umgebung.
Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen, des Großh. Polizeiamtes Gießen und anderer Behörden von Oberliessen.
Irrwege
^Politische Wochenscha uZ
Nicht jeder Weg, auf dem man nicht zum Ziele sammt, ist deswegen schon ein Irrweg. Die Ursachen, die aus
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es unMoMi^? ^' halber Bahn scheitern lassen, können auch auf richtigem pn 7 >Es i Wege liegen. Der preußische Eisenbahnminister Herr von J R bis Budde soll, wie es scheint, jetzt diese Erfahrung machen. Er hat die Herstellung einer Betriebsmittelgemeinschaft für alle Bahnen Deutschlands gewünscht. Es kann keinem Zweifel unterliegen, daß solche Betriebsmittelgemein- fchast allen Beteiligten ohne Ausnahme Vorteil bringen würde. Es ist barer Gewinn, wenn Eisenbahnwagen nicht leer zu fahren brauchen, wenn Lokomotiven nicht als Beförderungsobjekte, sondern als Beförderungsmittel dienen, tuenn innerhalb einer großen Gemeinschaft der ganze Eisenbahnpark zu gegenseitiger Nutzung bereit ist, soweit der Sonderbedarf des einzelnen Partners das gestattet. Es ist
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daher unbedingt rid)tig, was Herr von Budde gewünscht hat. Ob es auch richtig ist, w i e er es gewünscht hat, das ist eine andere Frage. Er ist der Meinung gewesen, daß es ihm zieme, mit soldatischer Offenheit vorzugehen und einfach die verschiedenen deutschen Eisenbahnverwaltungen, die Staatseisenbahn-Verwaltungen sind, zu gemeinsamer Verabredung einzuladen. Er hat dabei nicht beachtet, daß die Einzelstaaten mit einer gewissen mißtrauischen Eifersucht über die Selbständigkeit ihrer Eisenbahnhoheit wachen und niemals ganz von der Besorgnis frei sind, sie möchten bei einem Zusammengehen mit der großen preußischen Eisenbahnübermacht ihre volle Bewegungsfreiheit verlieren und überdies in eine Art Abhängigkeitsverhältnis geraten. Diese mißtrauische Eifersucht ist eine Tatsache, die man dadurch nicht aus der Welt schafft, daß man sie für unbegründet erklärt. Man muß mit ihr rechnen und daran denken, daß man unter Umständen das vorhandene Mißtrauen nährt und stärkt, gerade indem man sich bemüht, den Mangel an einer Rechtfertigung nachzuweisen. Es gibt Gefühle, deren man nur durch geduldiges Abwarten und beharrliches Schweigen, nicht durch Drängen und noch so aufrichtige Versicherungen Herr werden kann. Für eine deutsche Eisenbahn-Betriebsmittelgemeinschaft ist die Zeit vielleicht erst gekommen, wenn der Vorschlag dazu von Bayern ausgeht. Das sann freilich noch lange dauern; doch die Frist wird dadurch nicht abgekürzt, daß man Bayern zur Ablehnung eines preußischen Vorschlages Gelegenheit gibt. Herr von Budde ist nicht auf einem Irrweg gewesen mit dem, was er gewollt hat; aber die Art, wie er eine gute Absicht verwirklichen wollte, hat ihn auf einen Irrweg geführt.
ist nicht wahrscheinlich, daß er jetzt zu dem Ziele kommt, das er sich gesteckt hat.
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Die. Streitigkeiten zwischen Arbeitgebern und
..... 1 Arbeitern haben sich in bedauerlichem und beinahe be- 97 Oktober 190^ I drohlichem Maße über weite Gebiete des Reichs ausgedehnt. " ' , Streiks hier und Aussperrungen dort, und überall Not und
Beschwernis. Kaum ist in die Berliner Elektrizitätswerk-
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stätten der Friede zurückgekehrt, so haben viele Tausende berliner Wäschearbeiter den Ausstand begonnen. In Sachsen und Thüringen sind in der Textilindustrie Streik und Aussperrung einander begegnet, und unter den Bergarbeitern des Ruhrbezirks regt es sich von neuem im bösen Sinne. Es ist fast, als ob die rauhe Jahreszeit eine Streit- und Streikluft ausströmte, dem erhöhten Bedarf und der geringeren Widerstandskraft der Arbeiter zum Trotz. Auf beiden Seiten fehlt es an der wünschenswerten Ueberlegung, auf beiden Seiten an der notwendigen Verträglichkeit und versöhnlichen Gesinnung. Diese kehrt in der Regel erst ein, wenn unwiderbringlicher Schaden angerichtet ist, der schlimme Zukunftssaat birgt. Und diese Saat findet immer Gedeihen, auf jedem Boden. Hüben wie drüben verharrt man auf Irrwegen, obwohl man gar nicht umhin kann, sie als solche zu erkennen.
Unsere afrikanischen Besitzungen machen die Kolonial-Kinderkrankheiten durch, die unvermeidlich scheinen, da noch jede Kolonialmacht von ihnen heimgesucht worden ist. In Deutsch-Ostasrika dehnt sich der Aufstand noch aus, in Deutsch-Südwestafrika ist er wohl im Absterben begriffen. Dort gestatten Klima und Ortsverhältnisse energisches und rasches Zugreifen; hier zwingt der Wassermangel gl schleppendem Bandenkrieg, der keine entscheidenden Siege kennt, nur ein langsames Aufhören durch vollständige Er- mattung. Es ist vergebliches Mühen, die Ursachen der Aufstände ergründen zu wollen. Sie kommen wie eine Seuche, fordern Opfer und verschwinden. Man schafft nur neue Wirrsal, wenn man sagt, der Aufstand schreibe sich von dieser aber jener vielleicht verfehlten Maßregel der Verwaltung
Man überschätzt damit den Einfluß, den eine Verwal- 1 mg ausüben kann, zu deren Schaden, und man ist aus einem Irrweg, wenn man glaubt, man könne durch irgend ein System, es sei das der größeren Milde oder das der größeren Strenge, Aufstände verhüten. Die milde Verwal- Lung und die strenge, beide haben Aufstände gesehen, die in unzivilisierten Landen eine Art von Naturereignissen sind.
König Eduard von England hat Ursache, mit Bedauern der Freundschaft zu gedenken, durch die er den früheren französischen Minister Delcass^ ausgezeichnet hat. Der abgedankte Minister hat aus seinem königlichen Gönner eine Schutzwehr für sich machen wollen, dazu bestimmt, die Pfeile aufzufangen, die gegen Delcass^s eigene diplomatische Ungeschicklichkeit und staatsmännische Unzulänglichkeit gerichtet wurden. König Eduard ist in der Wahl seines Freundes nicht sehr glücklich gewesen, auch nicht in bem Versuch, den unverantwortlichen Ratgeber eines fvemolän- dischen Ministers zu machen. Er war unter allen Umständen auf einem Irrweg, selbst wenn man der Wahrscheinlichkeit gemäß annimmt, daß Delcasss in seinen Enthüllungen die eigenen Unterstellungen für Anerbietungen des Königs ausgegeben hat. Es scheint, daß die schiefe Stellung, in die König Eduard geraten ist, auch aus seine Regierung und > eren Haltung zurückgewirkt hat. Sie ist mit Marokko, ruf da' sie doch zu Frankreichs fünften verzichtet hatte, und gleich mit Amerika wegen einiger Fischereigerechtsamen
k eiej^runb S^ «»aten. Der Konflikt ist im- Wtot^n« £ir^Lba^ finden. Die enqlische
6 König Eduard auf seinem Irrwege
Prinz Karl von Dänemark rüstet sich, den Thron von No r w e g e n âu besteigen. Seine Königswahl steht unmib . ®°m$ ^knr von Schweden hat nicht qe- daß ein Pnnz seines Hauses sein Nachfolger in ^^' Es ist begreiflich, daß König Oskar das ^n^ve^ unb doch war er dabei vielleicht auf einem Burn biertenmal hat Baron Fejervary die Ernen- nung zum ungarischen Ministerpräsidenten erhalten Ob - Jr™ gucken wird, aus ben Jrrgängen der unaa- Achen Pollük einen Ausweg zu finden, steht dahin. Das sonstige Mißlingen darf nicht ihm angerechnet werden, denn wder energische Schritt war ihm verboten. Er ist nur da° für verantwortlich, daß er das Verbot annahm und gleichwohl das Amt behielt, das ihm den Schein der Macht verlieh. 7
(Eig. Bericht.)
Iugenâ von heute.
Braunschweig, 19. Oktober.
Da
Es hat stets Zeiten gegeben in der menschlichen Gut Wickelung, in denen das menschliche Leben geringer bewertet wurde. Wir brauchen dabei gar nicht an Zeitläufte zu denken, die durch schwere Katastrophen, wie gewaltige Kriege, verheerende Pestilenz oder schlimme Elementar. Ereignisse gekennzeichnet sind. Als die Pest durch die Mensch heit ihren traurigen Zug hielt, als 30 Jahre hindurch bas mittlere Europa unter der lähmenden Kriegsfurie seufzte, fragte man naturgemäß wenig nach dem Leben, dem eigenen wie dem fremden, das heute schon verloren sein konnte, ehe man es gedacht.
Je nervöser die verfeinerte, aber auch immer hastiger sich gebende Zeit sich gestaltete, desto näher liegt eine krankhafte Sucht, mit dem Tode zu spielen. Sie hat gegenwärtig vor allem die Jugend ergriffen. Aus dem Spiel wird oft grimmer Ernst. Ein typisches Beispiel für diese neueste Zeitkrankheit bietet der in seinen Einzelheiten psychologisch noch nicht ganz aufgeklärte blutige Vorfall, der sich in beni Hause eines angesehenen Braunschweiger Kaufmanns abgespielt hat und dessen Akteure zwei blühende Mädchen unk ein ganz grüner Junge bilden.
Die beiden Töchter des Kaufmanns Haars, Alma unk Martha, im Alter von 22 und 20 Jahren, zwei hübsche, stattliche Mädchen, suchen einen Klavierlehrer. Die Wah! fällt auf den achtzehnjährigen Kaufmannslehrling Karl Brunke. Schon das gibt zu einer Frage Anlaß. Einem solchen Knaben, der doch kein Fachmann ist übertragen dir Eltern den Unterricht bei ihren Töchtern. Freilich er selber hält sich für einen berufenen Jünger der Kunst. Er hat schon mehrere Theaterstücke verfaßt, und trenn auch das Lessing- tbcater und das Deutßbe Theater in Berlin sie dankend ab-
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