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Nr. 248

Erstes Blatt

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Redaktion u. Hauptexpedition : Gießen, Seltersweg 83. Fer«sprecha«fchl»ß Nr. 8658.

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(Gießener Gagevratt)

für Oberhessen und die Kreise Marburg und Wetzlar; Lokalanzeiger für Gießen und Umgebung. Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen, des Großh. Polizeiamtes Gießen und anderer Behörden von Oberheiien.

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PolitiTcbe Rundschau*

Deuts*-''- P-J*.

* r ich dem Zusammentritt des Reichstages werden diesem wahrscheinlich sofort mehrere Interpellationen über die Fleischtcuerung zugehen. Bei der Besprechung soll die Frage zur Erörterung gelangen, ob es möglich sei, die Tarifsätze für den Versand lebender Schlachttiere per Bahn zeitweise einer anderen Behandlung zu unterwerfen als bisher,

*

Mit der Frage der Eisenbahngemeinschaft beschäftigte sich die Stuttgarter Handelskammer. Sie nahm folgende Resolution an:Wir sprechen die Erwartung aus, daß die württembergische Regierung an den Grundzügen ihrer Vor­schläge sesthält und an der Verwirklichung derselben unent­wegt auf dem zuerst eingeschlagenen Wege im Verein mit Preußen und der badischen Regierung weiter arbeitet."

* Der Gesetzentwurf über die Anerkennung der Bernfs- Vereine soll nach der Behauptung eine# berliner Blattes längst fertig sein. Die Verzögerung der Einbringung an den Bundesrat wäre mit der Haltung des preußischen Land­tags beim Ruhrkohlenstreik im Zusammenhang zu erklären.

* Der baldige Rücktritt des preußischen Justizministers Schönstedt gilt als sicher. Schönstedt hat auf den 1. Ja­nuar 1906 in Kassel, wo er acht Jahre lang als Land­gerichtspräsident tätig war, die fürstlich Wittgensteinsche Villa in der Kaiserstraße gemietet

* I

* Zum erstenmale fanden die badischen Landtogswahlen auf Grund des direkten Wahlsystems statt. Gewählt sind Zentrum 28, liberaler Block 17, Konservative und Bund der Landwirte 1, Sozialdemokraten 5; es -sind 32 Stichwahlen erforderlich, an denen die Parteien wie folgt beteiligt sind: Nationalliberale 22, Zentrum 19, Sozialdemokraten 16, Konservative und Bund der Landwirte 7.

* Die Stadtverordneten in Dresden nahmen eine neue L Gewcrbestenerordnnng an. Nach dieser werden die Groß- p geschäfte im Detailhandel nach Umsatz und Zweiggeschäften L 11 b ebenso die Warenhäuser zu einer progressiven Sonder- I steuer herangezogen.

Oesterreich-Ungarn

p ** Der langgesuchte Alexander Banet, der die Uc'er- L setzung der Zeysigbroschüre in die deutsche Sprache und die £ Veröffentlichung in Deutschland veranlaßt hat, ist it3 K Zürich in Budapest eingetroffen und hat sich freiwillig der I Polizei gestellt. Nach der Vernehmung durch den Unler- k suchungsrichter wurde er auf freiem Fuße belassen

B-M^

I _ England»

** Wegen der an die Enthüllungen Telcass^s anknüpfen- den Diskussionen soll die Stellung des britischen Staats­sekretärs des Aeutzeren, Lord Lansdowne, erschüttert sein. Die Liberalen mit Rosebery an der Spitze verlangen seine Entfernung, um ein freundschaftlicheres Verhältnis Deutschland anbahnen zu können.

Zu

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Norwegen.

Prinz Karl von Dänemark wird den Namen Hakon führen, sobald er zum König von Norwegen gewählt ; Die Wahl des Prinzen gilt in eingeweihten Krcn.en i Christianias bereits als vollzogene Tatsache.

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^ RuFoland. <

J^Monberer Aufmerksamkeit wird Graf Wil es Dangkelt für die Reformen verfolgt. Er soll den Führern E Liberalen erklärt haben, es sei des Zaren sehnlicher ^un,ch, ein konstitutioneller Herrscher zu werden. Sein e^deal und Vorbild sei König Eduard, ein Herrscher, der MN über anhängliche treue Untertanen herrsche, ohne die schreck- enoW' I liche Bürde der Verantwortlichkeit, welche die autokratische

. Negierungsform auferlege. Er zögere nur deshalb mit der

AQ OüB Verleihung einer Verfassung, weil er noch nicht fest über- * - - : Zeugt sei, daß sie vom Volke gewünscht werde. Graf Witte

deutete an, es werde Sache der Duma sein, in dieser Rich­t' tung dem Willen des Volkes Ausdruck zu geben. Er mahnte indessen dringend zur Mäßigung, um nicht den den Thron umdrängenden Rückschrittsmännern Waffen in die Hände zu spielen. Die Führer der Reformpartei sollen indessen allen Verheißungen mit starken Zweifeln gegenüberstehen. -7 Durch kaiserlichen Erlaß wird der Gebrauch des Pol­nischen und Lithauischen als Unterrichtssprache in den Pri-

Wi#/.,. 1 ^ vatschulen des Zartums Polen für vorläufig HssiH

8 ' ; klart, nur für den Unterricht in Geschichte und Geographie

E^ tsvlei ' lst das Russische obligatorisch. |

É^ , ÄjM? ** Anläßlich der Unterzeichnung des Friedensschlusses ist #A WÄötaWjt ^u Friedensmanifest des Zaren erschienen. Darin 00^ ^aogt- Ä ^! ^d unter Dank an das russische Volk für die von ihm ce« ^ ^"^rB^ ' ^ellt^ brachten Opfer hervorgehoben, daß der Osten sich nun im kling ^ai^' L^ den und in guter Nachbarschaft mit dem nunmehr zum y rUr oetuorbenen japanischen Reiche von neuem erb ^"^--^ ^ ^° " werde.

g»- ,r flifSllC^ " B-i der Beerdigung von Opfern von Unruhen kam es «jilM Htlv SU blutigen Zusammenstößen in Jckaterinvdar im Kaukasus. ttiaW**1 ^n den Kundgebungen waren besonders Reservisten und

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Samstag, den 21. Oktober 1905

Flrmöyängige Tageszeitung

Schüler beteiligt. Die Menge warf mit Steinen auf die Kosaken und das Militär und plünderte die Niederlage eines Waffenhändlers. Auf beiden Seiten gab es Ver­wundete.

* Die japanische Regierung wird die während des Krie­ges beschlagnahmten See-Fahrzeuge fremder Nationalitäten verstelgern lassen, soweit sie als gute Prisen erklärt worden sind. Der Gesamtwert der Fahrzeuge, einschließlich ihrer Ladungen, ist auf etwa vierzig Millionen Mark veranschlagt. Da über die Ladungen der meisten beschlagnahmten Fahr- ^ugc aus Kohlen bestanden haben, welch? die japanische F-otte selbst verwenden konnte, handelt e^ sich jetzt Haupt-» sächlich um die Fahrzeuge selber. Immerhin dürfte deren Gesamtwert noch über vierzehn Millionen betragen. Ve-' schlagnahmt wurden von Oesterreich-Ungarn: die Dampfer Burma" undSiam", von Deutschland:Parvo",So- Verus",Romulus", von Holland:Wilhelmine", von Eng­land:Noseley",Lethington",Oakley",Bawtry", » lar",Wyefield",Scotsman",Apollo",Sylvian^.", Powderham",Easby Abbey",Venus",AphreW.: ", 1Tacoma",Harbarton",Mars". Die meisten dieser Aal 7~ae huben ein Deplazement von über 3000 Tonnen.

'Türkei.

** Die Truppen des Sultans haben sv-^tTifhe Fort­schritte im Kampfe gegen die Anfstuuociu-eu m c^ch ge­macht. Nach einer drei Tage und drei Nächte dauernden Belagerung wurde die für uneinnehmbar gehaltene Festung Zafer in Jemen gestürmt. Ein Drittel der 700 Mann 1 starken aufständischen Garnison wurde getötet odier ver­wundet, der Rest flüchtete. Der Führer Nassir Meimun-el- Ahmer und zwei andere Führer wurden nertounbet. Da das ganze Wilajet von Truppen besetzt ist, kehrte der kom­mandierende General Feizi Pascha nach Sanaa zurück, um den Marsch aegen Djebeli, Schehbare und Saadeh vorzu- bereit^n. Vor bem Strafgericht in Konstantinopel sand die ölhentliche Verhandlung gegen die wegen Ermordung des reichen Armeniers Apik Undjian angeklagten armeni­schen Komitatschis statt. Vartanian, angeblich ein amerika­nischer Staatsbürger, gestand, von dem Komitee den Befehl erhalten zu haben, Unbjian zu ermorden. Der Gerichts­hof verurteilte Vartanian zum Tode, den Angeklagten Afa- rian zu fünfzehnjähriger Zwangsarbeit, den Anhänger des Komitees Kommissionär Stepan zu lebenslänglicher Festungshaft,

f)of und Gesell scbas'.

* % Dc_ Kaiser nahm an einer Parforce-Jagd in Däberitz teil.

Bei dem Besuch, den der Kaiser am 25. Oktober dem Könige Friedrich Augiist von Sachsen in Dresden ab» stattet, wird die Stadt festlich dekoriert sein. Während der Fahrt des Kaisers durch die Straßen werden die Schul­kinder der oberen Klassen Spalier bilden.

*** Wie aus Koburg bekannt gegeben wird, ist die Ver­mählung der geschiedenen Großherzogin Viktoria Me­litta von Hessen, einer geborenen Prinzessin von Sachsen- Koburg und Gotha, mit dem Großfürsten Kyrill von Rußland nicht von dem Hofmarsch llamt des regierenden Herzogs von Koburg, sondern von b-m Hofamte der Her­zogin-Witwe Marie, der Mutter der Prinzessin Vi toria, erfolgt.

In Madrid wurde die Verlobung des Prinzen Fer- ) dinand Maria von Bayern mit der Infantin Maria Theresia feierlich proklamiert. Die Vermäh­lung wird Ende Januar stattfinden.

F)eer und flotte.

Die neue Flottenvorlage. Mehrfach wurde gemeldet die Entscheidung über die Flottenvorlage sei schon gefallen. Der Marine-Etat für 1906 würde die Grenzen des geltenden Flottengesetzes nicht unerheblich überschreiten, da für die neuen Linienschiffe ein größerer Typ vorgesehen sei. Von unterrichteter Seite wird aber behauptet, der Bundesrat habe sich noch nicht schlüssig gemacht. Der Bundesrat habe sich zwar mit der Vorlage beschäftigt, aber über den defini- tiven Nahmen der Novelle noch nicht sein letztes Wort ge­sprochen

Soziales Leben:

y? Der Streik in der Wäscheindustrie Berlins geht feinem Ende entgegen. Beide Parteien haben das Einigungsamt formell angerufen. Die Verhandlungen sollen mit größter Beschleunigung stattfinden, damit es noch möglich ist, zu Beginn der nächsten Woche den Betrieb in den Fabriken wieder aufzunehmen. Man glaubt, daß bis Sonntag die Arbeiten des Einigungsamts beendigt sind, und daß dann in den Versammlungen der Arbeitgeber und Arbeitnehmer die Beschlüsse der beiderseitigen Kommissionen angenommen werden.

14. Jahrgang

(Gießener Weitung)

6s war einmal . . .

Zum hundertsten Todestage Nelsons.

Am 21. Oktober 1805, also heute vor hundert Jahren, vernichtete Admiral Nelson die vereinigte sranzösisch spa- nische Flotte an der spanischen Küste beim Kap Trafalgar. Er erfocht damit einen der gewaltigsten Seesiege aller Zei­ten, verlor selbst das Leben, häufte aber unsterblichen Ruhm auf seinen Namen. Tie französische Seemacht war auf lange Zeiten lahmgelegt, die Suprematie Englands zur See für das ganze kaum begonnene Jahrhundert errungen. Der große Korse an der Spitze Frankreichs nn,ßte erkennen, wie rauh dasRule Vritannia" auch in feine junge Kaiser­herrlichkeit hineinschallte. Er ahnte wohl noch nicht, wie dereinst die gehaßten Briten ihm Kerkermeister und Toten­gräber zugleich sein sollten. Der 21. Oktober ist ein Ruh­mestag für die englische Flotte und für das englische Volk, der NameTrafalgar" läßt heute noch die britischen Herzen höher schlagen. Wie sah es aber damals an Bord der sie­genden Schiffe Nelsons aus? Bei einem Vergleich mit heute springen die Veränderungen, die trotz des viel behaup­teten eiligen Schrittes der Zeit ein Jahrhundert bringt, recht kraß in die Augen. . |

Zur Bemannung der Kriegsfregatten nahm man die guten Dienste der Werber und ihrer Banden in Anspruch. Frei von Gewissensbissen wandten diese unehrlichen Basler die perfidesten Mittel an, um ihre Opfer auzulockan. Da das Gesetz auf ihrer Seite war, hatten sie nichts zu fürchten. Jeder Mann mit gesunden Gliedern, der bei Nacht nach der Polizeistunde in einer Hafenkrreipe angetroffen wurde, war nach Recht und Gesetz die Beute der Werber. . Darum hi eg es:Nette sich, wer kann," wenn sich an der Tür eines Lokals eine Werberbande zeigte.

Es befand sich also an Bord der englischen Kriegsschüte Pine sehr gemischte Gesellschaft. Sehr gemischt und sehr bunt durcheinandergewürfelt! Auf acht Matrosen englischer Herkunft kam durchschnittlich ein Ausländer. Ein starkes Offizierkorps widmete sich seiner Aufgabe mit größerem oder geringerem Erfolg. Hoch oben auf der Rangleiter stand der Kapitän, der auf seinem Schiffe unumschränkter Herr und Richter war und Recht über Leben und Tod seiner Unter­gebenen hatte. Jeder Kapitän kleidete seine Leute nach seinem Geschmack: was dabei herauskam, kann man sich denken. Die englische Marine zählte eine Zeitlang ein Schiff, dessen Matrosen mit ihren bunten Hosen und Nöcken wie Zirkusclowns aussahen und in allen Hasenorten das Entzücken der Straßenjungend bildeten.

Es gab an Bord der Schiffe des Königs bret bis acht Leutnants. Die anderen Offiziere waren dieMasters" und dieMidshipmen", die gewöhnlich aus den anderen Ständen hervorgegangen waren und ihre Macht nicht 'selten mißbrauchten. Die neueingestellten Matrosen wurden Don ihnen mit wahrer Lust tyrannisiert. Neben harmlosen Späßen gab es oft Scherze, die ein böses Ende nahmen.

Wer von den Matrosen widerspenstig war, bekam auf Kovf und Rücken Schläge mit der neunschwänzigen Katze. Ein einziger Schlag mit diesem furchtbaren Marterinstru- mcnt genügte, um das Blut hervorschießen zu lassen; nach fünf Minuten sah, nach dem Urteil eines Augenzeugen, der Rücken des Geschlagenen aus wierohes Kalbfleisch". Der Schifssarzt mußte sich sein Brot im Schweiße seines Ange­sichts verdienen, denn die sanitären Zustände auf den Schiffen waren herzlich schlecht. Es gab fast immer epide­mische Krankheiten, wie Tpphus und Skorbut, und die Zahl der Unfälle war auch nicht gering.

Wenn ein Arm ober ein Bein amputiert werden sollte, legte man Sägen und Messer zuerst in warnws Wasser, nicht etwa um die Instrumente zu sterilisieren, sondern um dem Patienten tnc Berührung mit dem kalten Eisen zu er­sparen. Man flößte dem auf dem Operationstisch liegen­den Opfer eine kolossale Menge Rum ein und verstopfte ihm dann den Mund mit einem Lederlappen. Eine wichtige Persönlichkeit auf den Schiffen war auch der Rechnungs­beamte, der die Verteilung der Lebensniittel vorzunehnwn hatte; sein Gehilfe war der Koch, der diesen Ehrennamen aber nur auS Gewohnheit führte, denn von der Kochkunst brauchte ein Koch auf den Schiffen des Königs von England nicht viel zu verstehen. Das Essen war schlecht, und man konnte nicht behaupten, daß irgend ein Matrose im Dienste der britischen Majestät fett geworden Da das Essen nicht zu genießen war, widmete man sich mit um so größerer Ausdauer dem Trinken, und es tarn nicht selten vor, daß mindestens ein Drittel der Schiffsmannschaft schwer be­trunken war und keinen Dienst tun konnte. Wenn Nelson trotzdem mit einem solchen Material seine großen Erfolge erringen konnte, so zeugt das ebenso sehr von der vor nickts ;urückschreckenden Energie wie von der geniales Veran­lagung des Helden für den Seekrieg.

Pfab und fern.

I Der Kaiser im Automobil gefährdet. Als der Kaiici sich vom Dom zu Berlin mit seinem Automobil in das Schloß begeben wollte, kam eine Automobil-Droschke in schneller Fahrt auf das kaiserliche Gefährt zu. Im letzten Momente konnten beide Chauffeure, die Automobile stoppen